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JID – God Does Like Ugly

Label: Dreamville

Genre: Rap

Ein Deep Dive in das vierte Studioalbum des Ausnahmerappers aus Atlanta.

JID gehört ohne Frage zu den technisch besten und sprachlich versiertesten Rappern der Gegenwart. Spätestens mit The Forever Story (2022) hat er bewiesen, dass er Flow, Silben und Bilder so komplex verwebt wie kaum ein Zweiter – ein Album, das für mich zu den besten Rap-Platten der Dekade zählt. Entsprechend hoch war die Erwartung an sein neues Werk.

Mit God Does Like Ugly liefert JID nun sein viertes Studioalbum, inspiriert von einem Satz seiner Großmutter, der nach ihrem Tod 2019 neue Bedeutung für ihn bekam. Entstanden ist eine Platte, die sich zwischen Spiritualität, Street-Realität und persönlicher Reflexion bewegt.

Der Klang von Atlanta: Gäste & Produzenten

Produziert von einer Vielzahl an Weggefährten – Christo, Childish Major, Lex Luger, Thundercat, Boi-1da, Buddy Ross – und mit einer Featureliste von Westside Gunn bis Clipse, Ciara, Vince Staples oder Ty Dolla Sign, ist das Album üppig besetzt. J. Cole, JIDs Mentor bei Dreamville, ist diesmal nicht dabei.

Trotz der Vielfalt klingt das Album wie eine Reise durch Atlanta – von persönlichen Erinnerungen bis zu den sozialen Brennpunkten der Stadt.

„YouUgly“ – ein düsterer Auftakt

Der Opener „YouUgly“ überrascht mit einem düsteren, verhallten Beat. Westside Gunn agiert als MC, kommentiert, trashtalkt, kündigt an – eine markante Stimme, die perfekt mit JIDs wuchtigen Themen harmoniert.

JID verknüpft hier Spiritualität mit Karrierefragen und gesellschaftlicher Kritik: Er rappt über Fans, die nur auf Streamingzahlen schauen, über seinen Bruder, der ohne Kaution im Gefängnis sitzt, und über strukturelle Ungerechtigkeit in den USA. Gleichzeitig baut er Pop- und Sportreferenzen ein, von Mario Kart bis Mozart – ein Markenzeichen seiner Kunst.

Der anschließende Gospel-Break setzt ein mutmachendes Gegengewicht, bevor ein harter Beatswitch den Song eskalieren lässt. Schon der Einstieg zeigt, dass God Does Like Ugly Banger und Tiefgang vereinen will.

„Glory“ und „WRK“ – Glaube, Bruder, Arbeit

„Glory“ ist einer der emotionalen Höhepunkte: ein Song über Glauben, Werte und die Geschichte seines Bruders, der zwischen Freiheit und Rückfall im Gefängnis gefangen bleibt. JID schildert die Zerrissenheit zwischen eigener Karriere und familiären Tragödien – eingerahmt von biblischen Bildern.

„WRK“ dagegen ist pure Energie. Ein Mantra-Track, der JIDs eigene Krise nach The Forever Story thematisiert: fehlende Anerkennung, Motivationsloch – und nun der Kampf zurück. Mit brutaler Geschwindigkeit und Mantra-Hook („Work, work, work…“) wird der Song zu einem der heftigsten Banger des Albums.

„Community“ – ein Kurzfilm in Songform

Einer der stärksten Tracks ist „Community“ mit Clipse. JID schildert in detailreichen Bildern das Leben in den „’partments“ von Atlanta – Gewalt, Partys, Basketball, Verluste.

Pusha T und Malice erweitern den Blick nach Virginia: Pusha spricht über Gentrifizierung, Militarisierung und Polizeigewalt, Malice bringt poetische Bilder über Trauma, fehlende Väter und das Nebeneinander von Basketballträumen und Straßenrealität. Der Track wirkt wie ein cineastisches Panorama – eine Milieustudie auf höchstem Niveau.

Zweites Drittel: Pop, R&B und Experimente

Nach der erzählerischen Wucht folgt ein Teil mit poppigeren Tracks: „Sk8“ (mit Ciara und Earthgang) ist eine funky Hommage an Atlantas Skate-Kultur. „What We On“ mit Don Toliver dagegen fällt ab – zu blass, zu wenig Chemie.

„Wholeheartedly“ mit Ty Dolla Sign und 6LACK überzeugt wieder stärker – eine Hymne auf Loyalität und Beziehungen. „No Boo“ mit Jessie Reyez versucht ein Kendrick/SZA-Dynamikstück, bleibt aber zu gestellt.

Härte und Erlösung: Das letzte Drittel

„On McAfee“ bringt kompromisslose Street-Energie, bevor das Album im letzten Abschnitt auf spirituelle Tiefe zusteuert.

„Of Blue“ ist der Schlüsseltrack: ein dreiteiliger Song mit Gospel-Hooks, Selbstzweifeln und Beichten, der Glauben, Zweifel und Erlösung in einem epischen Spannungsbogen vereint. Vergleichbar mit Kendrick Lamars besten Momenten.

„K-Word“ (Karma) beschäftigt sich mit Schuld und Vergeltung, getragen von Pastor Troys eindringlicher Hook. JID zeichnet Karma als zerstörerische, aber auch heilende Kraft.

Der Closer „For Keeps“ rundet das Album mit einer Liebeserklärung an die Musik ab – und endet intim mit einem Dialog mit seinem Kind („Daddy got best bars in the world?“ – „Yes.“).

Persönlich, komplex, stark

God Does Like Ugly ist ein beeindruckendes Album: JIDs technische Brillanz, seine lyrische Vielschichtigkeit und sein Mut, persönliche und gesellschaftliche Themen zu verweben, machen es zu einem der stärksten Rap-Releases des Jahres.

Nicht alles sitzt – der Mittelteil schwächelt –, aber die Highlights sind so stark, dass sie das Gesamtwerk tragen. JID bleibt einer der wichtigsten Rapper seiner Generation, vergleichbar nur mit Kendrick Lamar.

8/10