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Farce – The Label

Label: Farce

Genre: Electroclash, Pop, Hyperpop

Farce wehrt sich auf ihrem dritten Album „The Label“ konsequent gegen jede Form des Schubladendenkens und verknüpft ihre scharfen Gedanken mit tanzbaren und äußerst dringlichen Rhythmen. 

Wenn ein Album schon „The Label“ heißt, dann kann man davon ausgehen, dass sich irgendwo eine Provokation versteckt. Farce, bürgerlich Veronika J. König, bewegt sich in einer knappen halben Stunde ständig und unweigerlich in alle möglichen Richtungen – außer nach hinten. Diese Platte ist ein Pop-, Trance- und Electroclash-Feuerwerk, das nur darauf wartet, im Kollektiv erlebt zu werden und sich gemeinsam von den unterschiedlichen Zuschreibungen zu trennen, die man von anderen Menschen aufgebrummt bekommt – sofern man das möchte. Einige der Labels dürfen nämlich auch bleiben. 

Dafür hat sich die in Wien lebende Musikerin einen gelungenen Dance-Pop-Spielplatz gebaut, der von starken Hooks, treibenden Synthies und jeder Menge Euphorie lebt. Oder auch dahin geht, wo es weh tut und durch Verzerrung eine andere Klangfarbe bekommt. Schon der Opener „Deeply Strange People“ eröffnet mit verzerrten Gitarren und abwechslungsreichem Gesang von Farce, die die Hook zart angeht, nur um in den Strophen wieder mehr Druck aufzubauen. Und sie macht hier gleich klar, dass sie von Vorverurteilungen durch ihre Herkunft nichts hält: „I’m just a sweet, sweet kid of / Some really strange people / I’m not gonna believe that that / Makes me evil“ – so geht’s uns allen. Zum Ende wird ein Pfeifmotiv über die Gitarren gelegt, eine interessante Atmosphäre entsteht und man lauscht gespannt, wie sich die Platte entfalten wird. 

Sehnsucht und körperliche Überforderung

Durch „Cherry Angioma“ geht es geradlinig weiter. Dieser Track ist der erste von vielen Ohrwürmern von „The Label“ und entwickelt sich nach einem abermals gitarrenlastigen Intro nach einer Minute zu einem richtig schönen elektronischen Pop-Song mit ordentlich BPM und Glücksgefühlen. Es ist auch der erste Track, der die Sehnsucht prominenter behandelt: Farce nutzt dafür medizinisch-körperliche Bilder: „Yet I wanna be the floor / A blackhead in a pore“. Sie will der anderen Person so nah sein, dass sie sogar gern zu einem Makel auf deren Haut werden möchte. Diese groteske Form von Nähe kommt im Zusammenspiel mit dem euphorischen Sound überraschend romantisch.

Farce hat mit diesem Song die elektronische Richtung eingeleitet, die das Album hauptsächlich definiert. „Migraine Sex“ kommt tranciger daher, wird durch die Abwechslung aus spoken-word-Teilen und einigen Falsett-Harmonien zu einem sehr dynamischen Lied über Verlangen und Hingabe – auch getragen von einem Synthesizer, der keine Kompromisse kennt und einfach alles abreißt, was sich ihm in den Weg stellt. Farce lässt Schmerz und Verlangen ineinandergehen und macht die körperliche Überforderung, die der Songtitel impliziert, spürbar. Es ist ein Track über die radikale Selbstaufgabe in einer toxischen Obsession – getrieben von der Angst, ohne das Gegenüber überhaupt nichts mehr zu sein („And I can’t be anything […] But what you make of me“).

Dekonstruktion der großen Romantik

„Jesus in Iowa“ ist einer der nachdenklichsten Songs des Albums und setzt bewusst auf ein etwas behäbigeres Tempo. Farce stellt Liebe, Glauben und Zwischenmenschlichkeit einander gegenüber. „Jesus in Iowa“ steht als Sinnbild für die Suche nach etwas Größerem und weniger für einen konkreten Ort – den sie ja selbst noch gar nie betreten hat („We found love / We saw Jesus in Iowa / Or was it OH – IO / How the hell would I know / I never made it to America“). Dieses Lied ist nicht der große Clubbanger, dafür aber ein äußerst schönes und gelungenes Stück, dessen Stärke in der Progression liegt. 

Die Leadsingle zum Album „Big Swiss“ ist hingegen das größte Highlight von „The Label“: Dieser Track dauert zwar nur etwas mehr als zwei Minuten, verschwendet aber keine Sekunde davon. So schließt man den Song sofort ins Herz, vor allem wegen der abwechslungsreichen Vocals, die eine feine Wärme versprühen. Natürlich hätte dem Lied noch eine Strophe nicht geschadet, aber selbst diese kurze Dauer verhindert es nicht, dass man von einem makellosen Pop-Song sprechen kann. Inhaltlich geht es um den Spagat zwischen gesundem Begehren und klassischer Obsession: „I wanna know / I wanna know / I wanna know her…My god / I’m a mess / My god / I’m obsessed“.

Club-Banger und die Abrechnung mit der Szene

Auf „Skin On Skin“ eskaliert Farce ein wenig im Soundbild, da kommt man langsam aber sicher doch noch im Hyperpop an. Der Stimmungswechsel zur Mitte des Songs wird zwar sehr organisch vollzogen, nimmt dem Song aber schlussendlich zu viel Drive – trotz klarer Verdichtung in Richtung Club-Banger. Damit steht das Soundbild im direkten Gegensatz zum Text, der sehr intim aufschlägt und von einer Beziehung mit gegenseitigem Vertrauen und emotionaler Sicherheit handelt. Man verspricht sich, füreinander da zu sein, sich nicht zu verstecken oder verstellen und auch in schwierigen Zeiten an diese Partnerschaft zu glauben.

Das anschließende „1st Millennial Saint“ übt sich lange Zeit in Reduktion, ehe doch noch die hellen Harmonien anschieben und zieht eine Parallele zwischen religiöser Verehrung und moderner Fankultur („Now I know what / Fandom really means / You are our first / Millennial saint“) – parasoziale Beziehungen zu Musiker:innen sind ungesund und trotzdem manchmal der einzige Halt, wenn alles um einen herum stirbt, weil man zumindest noch die Songs hat (Your songs are all I manage to keep in my head / When all is dying or already dead / Your songs are all I’m playing in my head).

In „Culture Vulture“ wird dem Electroclash gehuldigt, während Farce zugleich einen sarkastischen Mittelfinger in Richtung Szene-Opportunismus und kultureller Trittbrettfahrer ausstreckt: „Culture vulture / Scene succubus / Wannabe one of us“. Mit solchen Zeilen richtet sich der Song gegen Menschen, die sich einer Szene nur anschließen, solange sie davon profitieren können – nicht aus echter Leidenschaft für die Musik oder die Kultur. Musikalisch gehört „Culture Vulture“ gleichzeitig zu den kompromisslosesten Tracks des Albums.

Zum Ende wird Farce noch einmal schonungslos: In „Going To The People Museum“ rechnet sie mit der eigenen Objektivierung ab. Sie reflektiert, wie sie von außen kategorisiert wird („First a sick superstition / Then a saint, then a burden / I’m just a word to them / Personal mythology“). Sie weigert sich, wie ein Ausstellungsstück im Museum analysiert zu werden und hat zum wiederholten Mal einen treibenden Beat geschaffen, der von breiten Vocals besungen wird. 

Der Closer „Tar“ sorgt für einen selbstbewussten Abschluss von „The Label“. Farce setzt sich mit Menschen auseinander, die sie unterschätzen oder von oben herab behandeln – sinnbildlich verkörpert durch einen Taxifahrer. Sie hat es satt, sich ständig rechtfertigen zu müssen und zieht eine klare Grenze: „Why would I even bother / To explain to you“. Das Bild des „shoe in a tar pit“ beschreibt Menschen, die in ihren festgefahrenen Ansichten gefangen sind und sich selbst im Weg stehen. So bleibt die Erkenntnis: Man muss nicht jeden von sich überzeugen – manchmal ist es stärker und besser, einfach weiterzugehen.

Fazit

„The Label“ ist eines jener Alben, die beweisen, dass man auch in Hyper-Pop- oder Club-Strukturen sehr Persönliches verarbeiten und teilen kann. Farce präsentiert sich auf „The Label“ sehr vielseitig, kreiert sowohl Klang- als auch Textbilder, die man im Gedächtnis behält. Einzig die Dauer von 27 Minuten stört ein wenig, weil man gerne noch länger in ihrem Kosmos geblieben wäre. 

8/10