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Olivia Rodrigo – you seem pretty sad for a girl so in love

Label: Geffen Records

Genre: Pop-Rock/Singer-Songwriter

Olivia Rodrigos drittes Album „you seem pretty sad for a girl so in love“ wird nicht nur zu einer echten Gefühlsachterbahn, sondern stellt gleichzeitig ihr bisher bestes Werk dar. Es ist ein markanter, deutlicher Schritt nach vorne, der ihr ohnehin schon starkes Songwriting zementiert und sie weit oben in der Riege der aktuell besten Pop-Schreiber:innen etabliert. Liv zeigt sich hier reifer denn je – eine Entwicklung, die sich nicht nur in ihren schonungslos ehrlichen Texten, sondern auch im radikalen Bruch mit ihren gewohnten Klangwelten widerspiegelt.

Schon ihre ersten beiden Alben „Sour“ und „Guts“ zeigten das Talent, das Olivia Rodrigo mitbringt. Sie hat schon in ihren späten Teenager-Jahren geschafft, woran viele in einer vergleichbaren Situation ein Leben lang scheitern: Sich vom Image eines Disney-Sternchens zu trennen und eine völlig neue, authentische Eigenmarke zu etablieren, die kaum mehr an ihre Tage als Kinderstar erinnert. Olivia hat sich als eigenständige Künstlerin positioniert, die zu keiner Zeit glattgebügelten Pop machen wollte, sondern lieber selbst die E-Gitarre in die Hand nimmt und leicht zynisch über ihre Ex-Beziehungen herzieht oder selbstironisch zugibt, dass ein kleiner Rückfall mit einer verflossenen Liebe zwar nicht die beste Idee darstellt, aber sich im Moment halt doch zu verlockend gut angefühlt hat.

Die Liebe war immer schon das Hauptthema in ihrer Musik, das ändert sich auch auf ihrem dritten Album „you seem pretty sad for a girl so in love“ nicht. Aber der Titel verrät vermutlich schon, dass sich die Platte um keine einfache Liebesbeziehung drehen wird, sondern eine echte, vielleicht sogar die erste, ernste Partnerschaft von Olivia behandelt. Und das macht sie eindrucksvoll: Chronologisch beschreibt sie ihre Gefühle, ihre Gedanken, Hoffnungen und Zweifel, Unsicherheiten und Eingeständnisse, dass manche Dinge – auch wenn sie noch so gut beginnen – einfach nicht klappen wollen. Das Album ist in zwei Teile gegliedert: Die ersten sieben Songs stehen unter dem Titel „Girl So in Love“, die hintere Hälfte unter „You Seem Pretty Sad“. Kein einziges der 13 Lieder dauert kürzer als drei Minuten, insgesamt dauert diese emotionale Reise fast eine Stunde.

Verliebt bis über beide Ohren

Um diese Geschichte zu beginnen, hat sich Olivia zunächst verlieben müssen, und das beschreibt sie im Opener und der Leadsingle „Drop Dead“ eindrucksvoll und bildhaft. Aus einem unschuldigen ersten Date samt Karaokeabend wird relativ rasch etwas Ernstes, ein Gefühlsschwall, den man nicht beschreiben kann und der so mächtig ausfallen kann, dass man droht, tot umzufallen. Es ist ein Track, der sie von ihren beiden charakteristischen Steckenpferden Pop-Punk oder Gefühlsballade wegführt und sich dafür dem verträumten Synthpop im 80er-Gewand hingibt. Ein perfekter Pop-Song entsteht, ein verlegener Beginn gleich mit einer Referenz zu „Just Like Heaven“ von The Cure und einer Dynamik, die eine brutale Wucht entfacht, weil das Lied und der Synthesizer immer größer und größer wird. Perfekte Bridge, perfekte, volle Vocals, ein herausragender Beginn.

„Stupid Song“ führt das Narrativ von „Drop Dead“ fort – Olivia ist jetzt so dermaßen verliebt, dass sie sich nicht mehr ausdrücken kann. Die Euphorie, die Sehnsucht, alle Gefühle, die die Liebe so mit sich bringt, überrennen sie und jede Faser ihres Körpers. Ein treibender Klaviersong, der sicherlich von den Drums lebt, die schön anschieben, gleichzeitig aber auch im richtigen Moment wissen, wann man sich zurückziehen muss. Schon diese ersten beiden Songs zeigen, dass Olivia und ihr Produzent Dan Nigro weiter am Sound getüftelt haben und sich nicht davor scheuen, auch neue Pfade zu gehen. Großartige Euphorie, die den Wert der Lyrics untermalt.

„Honeybee“ ist die zärtlichste Ballade des Albums, ein wunderschöner, intimer Moment getragen von feinen Klavierläufen, Streichern und fantastischen Backing-Vocals, die das Kunststück schaffen, sowohl voll als auch wahnsinnig sanft aufzutreten. Thematisch bleibt Olivia den ersten Liedern treu, allerdings macht sich hier schon ein bisschen die Sorge breit, dass diese Liebe nicht für immer hält („And I hope I never see what your face looks like going/ A face I swear that I could spend my whole life knowing/Herе’s to hoping„). Verlustangst ist zu keiner Zeit eine feine Angelegenheit, bei Olivia scheint das ein Thema zu sein, mit dem sie zu ringen hat und das sich auch schon in einem vermutlich frühen Stadium der Beziehung bemerkbar macht. Es ist der erste kleine thematische Shift weg von der Perspektive aus der rosaroten Brille und dem bedingungslosen Verschossensein hin zu einem dezenten Aufwachen aus dem Glücksrausch, das sich in dieser – vielleicht auch unterbewusst aufkommenden – minimalen Unsicherheit ausdrückt.

Es scheint die Liebe ihres Lebens zu sein, die Olivia hier besingt. Denn je tiefer und inniger diese Beziehung wird, desto mehr kann sie sich ein Leben ohne diesen Partner nicht mehr vorstellen. In „Maggots for Brains“, ausgerechnet von Miranda Hobbes und Steve Brady aus „Sex and the City“ inspiriert, beschreibt sie, wie die gegenseitige Abhängigkeit und nur ein paar Tage ohne den Partner sie nicht mehr richtig funktionieren lassen. Sie vergleicht diesen Zustand mit einem verfaulenden Gehirn – Abhängigkeitsverhältnisse sind eigentlich nicht zu befürworten, Olivia beschreibt das aber so hinterhältig charmant, dass man ihr diese sicherlich nicht gesunde Beziehungsform fast schon durchgehen lässt. Die zuvor angedeutete Unsicherheit tritt hier vorübergehend in den Hintergrund. Dementsprechend bekommt man hier auch eine kleine Synth-Party sowie verzerrte Gitarren geboten und einen Refrain, der stark an Taylor Swift erinnert. Lieblich, eventuell ein wenig zu brav im Hauptteil, dafür umso besser in der Bridge und den Strophen mit sehr satten Sequenzen in Gesang und Instrumental.

© Universal Music Group

Man könnte den folgenden Song „u + me = <3″ als Wiederkehr der Unsicherheit lesen, wobei man Liv da vermutlich Unrecht täte – in erster Linie ist sie nämlich einfach nur glücklich und überschwänglich, wie sich diese Beziehung für sie anfühlt. Klar, sie hofft, dass das immer so bleibt, sie weiß auch, dass Liebesbeziehungen immer ein gewisses Risiko bergen, aber sie ist sich sicher, dass sie jetzt jemanden gefunden hat, wo es sich lohnt, in die Vollen zu gehen. Hier wird sie wieder rockiger, ein feiner Pop-Rock-Song, der einen umarmt, logischerweise auch ein bisschen kitschig aufschlägt, was man Olivia aber gern verzeiht, weil sie einen eben treffend mit ihren Melodien um den Finger wickelt.

Dass sie auch anders kann und die Krallen ausfährt, wenn jemand ihrem Freund zu nahe kommt, macht sie in „My Way“ klipp und klar – sie zieht hier klare Linien: bis hier und nicht weiter („Here’s a map of the lines I drew / And the girl steps over / And the girl is you“), und sollten diese Grenzen doch überschritten werden, gibt’s einen kleinen Reminder, dass Olivia schon gewonnen und das Herz des begehrten Mannes erobert hat. Klanglich wird’s wieder härter, die Gitarren nehmen mehr Raum ein, die Vocals sind abwechslungsreich, teilweise absichtlich nach oben ausgelegt, nur um im Refrain dann schön voll durchzuziehen. So nah war Olivia Rodrigo Paramore und Hayley Williams jedenfalls noch nie.

Aus Violett wird Schwarz

Es läuft bis zu diesem Zeitpunkt also richtig gut – was soll da schon schiefgehen? „Purple“ wird zum Schlüsseltrack für das Album, ein zunächst sehr ruhiges Lied, wo Olivia beschreibt, wie sie mit ihrem Freund verschmilzt, sein Rot und ihr Blau ergeben ein Violett, und das klingt zunächst einfach nur cute und nach einem richtig fröhlichen Song über die Liebe. Sehr verträumte Pads, tighte Drums und eine Progression, die mehr und mehr Verzerrung bringt. Bis plötzlich das verhaltene, fast schüchterne Outro einsetzt und aus dem Violett ein Schwarz wird. Es scheinen zu viele andere Komponenten dazugekommen zu sein, die den Farbton so großartig überladen, dass nur noch Schwarz übrigbleibt. Olivia stellt sich plötzlich Fragen: Ist das alles zu viel? Ist es gesund, sich so sehr hinzugeben? Man ist schon so weit, hat so viel von sich gegeben und dennoch mit der Zeit den jeweiligen Glanz, die eigene Farbe verloren – und das macht traurig: „Melt with you ‚til it all turns black /Melt with you ‚til it just feels sad“. Ab hier dreht die Stimmung der Platte, die Euphorie weicht, und mit „the cure“ wird es herzzerreißend.

Liebe als Heilmittel – und ihre Grenzen

Olivia singt sich alles von der Seele. Sie bricht jetzt radikal mit dem klassischen Romantik-Klischee und zeigt, dass selbst die größte Liebe keine tief sitzenden Traumata heilen kann. Obwohl sich die Beziehung gut und wie eine Medizin anfühlte, drohen alle Rettungsversuche des Partners an ihren inneren Dämonen, dem zerstörerischen Drang nach ständigem Vergleich und tiefer Eifersucht („Tally up the girls that he fucked ‚til I start to cry“) zu scheitern. Am Ende kommt sie zum Schluss, dass man sich von seinen psychischen Lasten und dem Gefühl des inneren Zerfalls („I’m unraveled“) nur selbst heilen kann – eine Partnerschaft ist zwar ein schönes Pflaster, aber nicht die fundamentale Heilung. Ein Fünf-Minuten-Brett der Extraklasse – absolut untypisch im Streamingzeitalter, so einen langen Song als Vorabsingle zu wählen, und wie auf dem gesamten Album verschwendet sie keinen einzigen Moment, da wird nicht ausgeruht, sondern immer am Aufbau gearbeitet, da wird verdichtet, da bekommt man ein traumhaftes Bild davon, wie sie ein Lied strukturieren kann – inklusive einer emotionalen Zuspitzung zum Ende, die sich herzzerreißend als auch befreiend im selben Moment anfühlt. Die ersten Töne der Gitarre erinnern an Elliott Smith, diese Akkordfolge mit den Vocals könnte in der Tat von diesem grandiosen Songwriter stammen – was zeigt, auf welchem Level Olivia mittlerweile unterwegs ist. Eventuell der Song des Jahres.

Die Unsicherheit und die Sehnsucht nach Anerkennung gipfeln in „begged“, wo Olivia deutlich mehr von ihrem Partner verlangt und mehr will – aber anstatt ihm die ganze Schuld für das Dilemma zu geben, scheint sie zu reflektieren, dass sie ihn durch ihre Art eher weg- als zu sich hingedrängt hat. Allerspätestens hier sollte man den massiven Schritt im Songwriting und Storytelling merken, den Olivia gemacht hat. Hier wird nicht stumpf abgerechnet, sondern nach innen geblickt und hinterfragt, was man denn selbst zu dieser bitteren Situation beigetragen hat. Zur Hilfe kommt ihr hier die akustische Gitarre, und gerade wenn man denkt, dass das Lied nur dahinplätschert, kommen unfassbare Gesangsharmonien auf, die für Gänsehaut sorgen.

Da liegt die Frage„what’s wrong with me“ sehr nahe. Olivia hat sich Robert Smith an die Seite geholt, und man geht auf Spurensuche. Ein medizinisches Problem kann für das Unbehagen ausgeschlossen werden, die Therapieform des exzessiven Weintrinkens scheint auch nicht zu helfen – es ist eine echte Depression, die hier besungen wird, wo man nicht mehr aus dem Bett kommt und kaum essen und schlafen kann. Schlussendlich kommen sie zur Erkenntnis, dass der Partner und die Beziehung die Ursache für die Symptome sind. Der Track klingt in der Tat nach The Cure, sehr atmosphärisch in den Gitarren und Synthesizern, und versprüht ein Gefühl, das sich am besten als „distanzierte Wärme“ beschreiben lässt: Man fühlt sich sehr wohl, weiß aber auch, dass man nur bis zu einem gewissen Grad von den Künstler:innen gebracht wird. Alles über eine bestimmte Grenze hinaus, muss man selbst mit sich ausmachen.

Das paradoxe Ende

Das Ende ist damit unausweichlich und wird von Liv in „less“, der zweiten Ballade, besiegelt. Aber sie macht es nicht aus einem Affekt heraus oder aus Trotz, sondern scheint wirklich jedes Szenario durchgespielt zu haben, das die Beziehung noch retten hätte können. Sie scheint aber keine Unterstützung von ihrem Partner zu erfahren, er ist nicht bereit, sich zu ändern oder richtig zu kämpfen. Die große Intensität der Gefühle, die von Beginn an diese Partnerschaft definierte, wird schließlich zu ihrem Fallbeil. Ein bisschen weniger wäre mehr gewesen und hätte das unausweichliche Ende womöglich verhindert. So wird die Liebe selbst zum Verursacher der Trennung – ein paradoxes und trotzdem nachvollziehbares Phänomen. Textlich essentiell, musikalisch schön, wenn auch nicht der spannendste Track.

Also ist jetzt Aufarbeitungszeit angesagt, und Olivia hat definitiv gelernt, dass sie sich nicht mehr mit dem Erstbesten begnügen will, sondern schon ein Mindestmaß an Anforderungen stellen kann – auch aus Selbstachtung vor sich selbst. Das mittlerweile gern verwendete „Bare Minimum“ hält in ihrem Leben Einzug, und der Track „expectations“ wird zu einem euphorischen Befreiungsschlag. Hier wird’s richtig verspielt, ein klarer Bruch im Klangbild, richtig viel Buzz, Stimmverzerrer, mehr Percussion – ein echter Bringer, der definitiv zum Hit werden wird, ob als Single ausgekoppelt oder nicht.

Mit „cigarette smoke“ endet nicht nur das Album, sondern auch die schönen Erinnerungen an ihre ehemalige Beziehung. Sie bereut, dass sie sich jemals auf ihn eingelassen hat, und beklagt auch, dass er relativ schnell das Weite gesucht hat, als es schwieriger wurde. Auch wenn sie sich manchmal einsam fühlt, ist es so definitiv besser („But it’s better than begging for you to stand up for me, honeybee“) – ein musikalisch herzzerreißendes Finale mit Streichern, sehr großen Gesangsmelodien und einer Schwere, die gleichzeitig zur Euphorie wird.

Fazit

„you seem pretty sad for a girl so in love“ ist ein herausragendes Album geworden, das Olivia Rodrigos wahnsinnig starken Albumrun problemlos fortsetzen kann. Ihre sukzessive Weiterentwicklung im Songwriting ist beeindruckend – das gilt auch für ihre Gabe, Dinge messerscharf zu beschreiben und Gefühle in unterschiedlichste Klänge zu übersetzen. Eine stringente Geschichte, hochemotional, euphorisch und herzzerreißend. Es gibt nur wenige Momente, wo sie ihren sonst permanent spürbaren Mut verlässt und doch lieber auf Nummer sicher geht – wie der Refrain in „Maggots for Brains“ oder der allgemeine Aufbau von „begged“, der hauptsächlich von den Schlussharmonien doch noch zu einem starken Song gerettet wird. Davon abgesehen, muss man diese Platte trotzdem als einen der Frontrunner für das Album des Jahres ansehen. Ein weiteres Zeitdokument aus Olivias Leben, das mit Herzschmerz während der bestandenen Führerscheinprüfung als Teenager begann und jetzt seinen vorläufigen Höhepunkt am Ende der ersten großen Liebe findet.

Starke 9/10

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