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Antonia XM – Watch the world end

Label: upstairs

Genre: Electronic Pop

Das Debütalbum der Wiener Künstlerin und DJane Antonia XM ist ein düster-euphorischer Abriss der Gefühlswelt einer ganzen Generation: Unsicherheit trifft auf Überforderung, Weltschmerz und eine allgegenwärtige Schwere. Hört man dieses Album, wird man jedoch von der kontrastreichen Struktur aus schweren Themen und mitunter wahnsinnig soften, angenehmen Melodien überrascht.

Die Welt ist halt einfach kein geiler Ort mehr – zu dieser Erkenntnis dürfte jede Generation irgendwann einmal kommen. „Watch the world end“ ist das perfekte Dokument für diesen kollektiven Zustand. Geschrieben und produziert in intimen Bedroom-Sessions zwischen Wien und Berlin, verwebt die Musikerin raues Songwriting mit der kompromisslosen Härte von Club-Music, Avant-Pop und Post-Punk. Antonia XM hat keinerlei Interesse daran, in irgendeinem Moment wirklich durchschaubar zu sein. Verzerrungen und Glitches stehen hier ganz selbstverständlich neben computerbasierten Club-Beats, die ausschließlich nach vorne ziehen. Dadurch fällt das Album sehr aufregend und kurzweilig aus, die halbe Stunde vergeht schnell und von der Gefahr möglicher Längen ist man hier definitiv meilenweit entfernt. Hyperpop, melancholischer Kammerpop, echte Club-Banger – alles, was das Pop-Herz begehrt, bekommt man hier.

© Elfi Günddüz

Die Texte auf „Watch the world end“ fühlen sich hingegen an wie ein Blick auf das hell erleuchtete Smartphone-Display mitten in der Nacht, wenn man nicht schlafen kann und sich auch nicht dazu zwingen will. Im Opener „Shiny Apocalypse“ bringt Antonia XM diesen Zustand schnell zur Sprache: „I’m overstimulated / I guess I’m slightly faded“. Dieser Track macht sehr vieles richtig, bringt eine feine Grundstimmung mit, vor allem in den Strophen ist eine gewisse unbeschwerte Komponente zu spüren, die mit den Vocals der Hook leicht gebrochen wird. Es wird schwerer, auch wenn die Gitarre und die Drums immer noch gut anschieben. Die letzte Strophe wird ein wenig schriller im Gesang, baut aber leider auch nicht mehr den gewünschten Ausbruch auf, den dieses Lied verdient hätte. Eine klangliche Zurschaustellung der Überforderung in Form einer echten Eskalation hätte hier gutgetan.

Dafür wird „Nochmal“ zusammen mit Kenji Araki zu einem echten Banger. Dieser Track schafft es, in einer gelungenen Reduktion dennoch den Charakter eines dringlichen und insgesamt warmen Tracks zu etablieren. Es ist ein hypnotisches Stück, das das Feststecken in mentalen Loops durch mechanisch heruntergebetete Zahlenreihen widerspiegelt, die in einem erschöpften Befreiungsschlag münden: „please just let me rest“. Wunderbares Arrangement, sehr detailreich und gelungen.

Generell ist die erste Albumhälfte sehr gelungen und ein Genuss für Menschen, die elektronische Pop-Musik zu schätzen wissen: „Breakfree“ zusammen mit Kenji Araki, Danzinger99 und Amandus99 holt schnell ab, hat eine sehr feine Line und besingt mehr oder weniger sehnsuchtsvolle Schattenwelten, die von Danzinger99 mit filmischen Bildern einer abgesperrten Straße und einer vorbeifahrenden Ambulanz aufgebrochen werden. Auch wenn es nicht immer einfach ist, den Vortragenden zu folgen, weil die Vocals im Sound so dermaßen stark integriert sind und man nicht sofort weiß, welche Sprache gesungen wird, macht dieses Entschlüsseln trotzdem eine gewisse Freude, weil man dann so richtig die Wucht mitbekommt.

Es gibt aber auch die ruhigeren Momente und Lieder. „Sleep“ an vorderster Stelle, ein Track, der an Stellen durchaus an den düsteren Kammerpop Sophia Blendas erinnert, selbst aber immer wieder mit kleineren verschiedenen Brüchen und Glitches aufschlägt und das zermürbende Gefühl von nächtlichem Overthinking perfekt einfängt. Sie pendelt manisch zwischen „I just wanna sleep“ und „I don’t wanna sleep“ – eine Vertonung einer schlaflosen Flucht vor der Realität: Man bleibt lieber in der vertrauten Dunkelheit, weil man Angst vor dem grellen Licht des nächsten Tages hat („Wanna stay in the dark I’m afraid of the light“).

Der Schlüsseltrack ist aber sicherlich der titelgebende Song. Dieses Lied hat den interessantesten Aufbau, trotz verzerrter Gitarre zunächst eine ruhige Atmosphäre und immer wieder ganz bewusst gesetzte Störfaktoren. Antonia XM besingt hier, wie sie in einer Krise alleingelassen wurde und alles um sie herum wegbricht: „And it’s all falling apart / Around us / This place is too much“. Besonders stark gelingt ihr dabei der Brückenschlag zwischen digitaler Überforderung und gleichzeitiger realer Einsamkeit: „Is the algorithm gonna fix me? Through my tears the screen keeps glitching“. Hier kollidieren zwischenmenschlicher Herzschmerz und globale Endzeitstimmung ungebremst. Der Track hat einen eigenen Vibe, ist düster und betrübt und doch auch wieder versöhnlich. Ein toller Kontrast, den man vielleicht noch eine Spur mehr herauskitzeln und an die Grenzen jagen hätte können.

Musikalisches Highlight ist „Another Life“ mit seinem treibenden Beat, den breiten Synths und einer Gesangsmelodie, die sich ins Hirn brennt. Zudem baut er ein herrliches instrumentales Zwischenstück ein, in dem zum ersten Mal der sonst omnipräsente Nebel durchdrungen werden kann und man tatsächlich Helligkeit spürt. Antonia grübelt zwar hier auch wieder ordentlich, erlebt aber gleichzeitig ihren Moment des Erwachens – ein Song über das schmerzhafte, aber notwendige Loslösen von fremden Vorstellungen, um endlich das eigene Ich wiederzufinden („I don’t live to please“).

In „Obsolescence“ zelebriert Antonia XM die absolute digitale und emotionale Vergänglichkeit: Kaputte SSDs und Smartphone-Displays treffen auf abgesetzte Lieblingsserien und die blanke Überforderung mit dem eigenen Leben („when they ask about your life you don’t know what to say“). Diese lähmende Konsum- und Alltagsmüdigkeit zieht sich nahtlos weiter in „Decay“, das das Ersticken im Trott einfängt („Body craves routine / Mind says it’s slowly killing me“). Das Stück bringt musikalisch sehr gute Ansätze mit und weist eine interessante Progression vor, biegt durch den überbordenden Beat gegen Ende dann aber leider doch in eine Richtung ab, die dem Song eher schadet als hilft. Die Atmosphäre wäre gut, so nimmt man sich fast selbst nicht ernst.

© Elfi Günddüz

„It was awkward“ gibt sich dafür dann wirklich eskalierend, was zeigt, dass Antonia diese Musikform mit Leichtigkeit beherrschen würde, wenn sie es denn wollen würde. Ein sehr energiereicher Song, der nicht verbirgt, dass er nur zum Ausrasten gemacht wurde. Sie selbst singt davon, wie sie einer Person die Welt zu Füßen legen will, vor der man als Einzige keine Angst hat. Das Outro „Fire“ haut auch noch sehr viel raus und dient als Erinnerung, dass alles irgendwann okay sein wird.

Zuvor wird Antonia in „So so soft“ noch einmal sehr emotional: „this world is so rough / I wanna be so so soft“. Das Album verweigert sich damit trotz aller omnipräsenten Düsternis der totalen Resignation. Es endet als ein zutiefst fragiler, aber unheimlich widerständiger Versuch, trotz allem weich zu bleiben und das Heilen wieder zu lernen („learning how to be ok again“). Wie im Titeltrack hat sie auch hier wieder sehr spannende Ideen parat. Die Glitches sind ein noch wesentlicherer Teil ihrer musikalischen Idee, aber insgesamt fühlt sich das Lied über weite Strecken skizzenhaft an und endet zu abrupt.

Dennoch ist „Watch the world end“ ein äußerst interessantes Album geworden, das eine junge Musikerin zeigt, die es sich nicht einfach macht und lieber eine unerwartete Wendung zu viel als zu wenig einbaut. Dadurch steht sie sich selbst manchmal noch ein bisschen im Weg, hat aber auch schon eine wunderbare Ausgangslage für alles, was noch kommt, geschaffen. Hoffentlich ist der Weltschmerz dann ein bisschen weniger präsent.

7/10

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