Zum Inhalt springen

Naked Cameo – Phase to Phase

Label: self released

Genre: Indie-Rock

Mit ihrem dritten Album „Phase to Phase“ starten Naked Cameo mutig und auch ziemlich angepisst in ein völlig neues Kapitel: Es ist der erste Independent-Release der Band, die das Album ausschließlich über Bandcamp und als Vinyl verkauft. Ein Mittelfinger gegenüber den Streamingplattformen, die Künstler:innen immer noch nicht gerecht bezahlen. Naked Cameo ist keine kleine Band, auch wenn sie – gerade in Österreich – noch nicht die Aufmerksamkeit genießen, die sie verdienen. Ähnlich wie es Cari Cari sehr lange ging, ist das oberösterreichische Trio nämlich genau auf diesen besagten Streamingplattformen wahnsinnig beliebt, über 40 Millionen Mal wurden ihre Songs bisher abgespielt. Allein auf Spotify hören monatlich über 160.000 User:innen die Tracks – und trotzdem hat man sich dazu entschlossen, jetzt die Reißleine zu ziehen und einen radikalen Schritt in Richtung kompletter Unabhängigkeit zu vollziehen.

Das ist natürlich eine Entscheidung, die sehr viele Konsequenzen mit sich bringt: Neues Publikum kann man so vermutlich nur schwer erreichen – wobei die Band immerhin die Singles noch veröffentlichte, reinhören ist also möglich. Andererseits kann man diese ungewöhnliche Release-Form auch als konsequente Retro-Ästhetik sehen: Sie spiegelt genau das wider, was Naked Cameo auf „Phase to Phase“ auch musikalisch zelebrieren – das Trio tobt sich hier mit spürbarer Begeisterung in den analogen Vibes und Stimmungen der 60er- und 70er-Jahre aus.

© Alex Gotter

Rock in ihrem Soundbild ist nicht unbedingt neu, steht der Gruppe aber immer noch außerordentlich gut. Naked Cameo haben ja schon seit ihrem Debüt im Jahr 2018 ihr Talent gezeigt, waren zunächst noch richtige Indie-Popper, ehe sie mit dem letzten Album „Trespassing By“ dreckiger wurden und durch die Bank mehr als soliden Rock-Sound fabrizierten. Im Nachhinein betrachtet war „Trespassing By“ definitiv der Vorbote für diese neue Platte, hatte höchstens mit der kurzen Dauer und dem Vermissen eines echten, herausstechenden Höhepunkts zu kämpfen.

Durch die neu gewonnene, kompromisslose Freiheit, schlägt „Phase to Phase“ noch roher und vielseitiger auf. Erstmals werden Streicher integriert, die Gitarren dominieren aber hauptsächlich noch das Geschehen neben den wie üblich starken Vocals von Lukas Maletzky, der es wieder einmal schafft, dafür zu sorgen, dass zahlreiche der zwölf Tracks lange im Ohr bleiben.

Das beginnt schon beim kurzen Opener „Closing Time“, der sehr atmosphärisch beginnt und sich innerhalb von nur einer Minute von einem sehr reduzierten, warmen Gebilde samt Streichern zu einer kleinen Eskalation entwickelt, was hauptsächlich am Gesangsvortrag liegt – da merkt man schon, wie viel Power in diesem Album stecken soll. Wenig später zündet „Navelgazer“ erstmals den Turbo. Der treibende Indie-Rock-Song vereint Ecken und Kanten mit umarmenden Momenten. Während die Strophen galoppieren, bricht der Refrain breit und zweistimmig auf – ein absoluter Ohrwurm. Vor der Bridge gönnt die Band dem Track eine reduzierte Instrumental-Phase, ehe die Drums das Ganze wieder in eine geordnete Hektik treiben. Gegen Ende dürfen auch noch wildere Vocals Einzug halten, was zusätzliche Tiefe gibt und das kontrollierte Chaos abrundet.

„Gated Neighbourhood“ gibt sich wieder nahbarer, hat aber trotzdem eine schöne Dringlichkeit zu bieten. Kleine Pads im Hintergrund verbreitern das Klangbild, das sonst von einer akustischen Gitarre definiert und durch die Vocals so richtig zum Leben erweckt wird. „Fix me while I’m broken, there’s not much to lose“, singt Lukas, ehe er zum Schluss kommt: „Nothing was enough, please believe me, I’ve done more than I could, sent to hell and back into a gated neighbourhood.“ Und wenn er schon verlassen wird, dann sollte man zumindest den Anstand haben, es ihm ins Gesicht zu sagen: „Say It To My Face“ ist daher ein treffender Titel für den folgenden Track, der eine gewisse Schwere im Refrain mitbringt – eine Art Behäbigkeit, die sich aber nicht als mühsamer Nebeneffekt niederschlägt, sondern als Ausdruck der Botschaft dient.

© Alex Gotter


Was besonders auffällt und sich wie ein roter Faden durch die Platte zieht: Naked Cameo legen noch mehr Wert auf die Entwicklung ihrer Lieder. Durch ausgedehnte Instrumental-Sequenzen wird jeder Track zu einem dynamischen Fest. „Ain’t Safe With You“ hat gar Uh-Uh-Uh-Passagen und Claps integriert, drosselt mittendrin das Tempo, baut einen interessanten Synthi ein und schiebt dann wieder an, bis alles in einem Gitarren-Solo endet. Das sind die Momente, die an die stärksten Phasen der Black Keys erinnern.

„Ana Take Your Time“ ist der radiofreundlichste Song des Albums, dementsprechend auch der bravste – selbst der an die Beatles angelehnte Zwischenteil bringt nur einen kurzen Moment der Abwechslung. Das disqualifiziert das Lied nicht, sondern unterstreicht eher, wie stark die restlichen Songs der Platte geworden sind.

Das zunächst klagende und von Streichern durchzogene „All My Friends Are In Berlin“ ist unterm Strich ein wunderschönes Lied geworden, enorm rund und voll in der gesamten Ästhetik. Man erkennt die Handschrift von Marco Kleebauer als Produzent allgemein deutlich.

„No Sleep In Summer“ sollte eigentlich auf jeder Indie-Radiostation auf und ab laufen und am Ende des Sommers zum Hit der Jahreszeit gewählt werden. Definitiv das Highlight der Platte, hier stimmen alle Komponenten komplett zusammen: Eingängiges Riff, kein Takt wird verschwendet, es geht nur nach vorne. Die Hook holt ab und hebt ein ohnehin schon starkes Ausgangslevel noch mal eine Stufe höher.

Das Ende der Platte darf ein wenig verträumter ausfallen: „Quiet Tirade“ ist sowohl roh als auch atmosphärisch, wieder mit feinen Mehrstimmigkeiten. Der Titeltrack ist ein passendes, kurzes Interlude aus Streichern und verzerrten Gitarren, das sich nahtlos in „Lower Back Tattoo“ fortführt. Hier ist das Klavier dominanter und der Chorus noch ein kleinwenig größer ausgelegt. Der Closer „Dirty Hands“ ist der intimste Song der Platte und jener, der am wenigsten Hook-Potential mitbringt. Dafür liefert er die breitesten Streicher und die am stärksten im Kontrast dazu stehenden, verzerrten Gitarren. Dennoch dürfen die Streichinstrumente das Album allein beschließen, was wunderbar kommt.

Es wäre enorm schade, wenn „Phase to Phase“ aufgrund mangelnder Aufmerksamkeit und des Fehlens auf den großen Streamingplattformen unter dem Radar bliebe. Naked Cameo haben hier ihre bisher beste Arbeit abgeliefert – eine Platte mit ihren bisher mitreißendsten Refrains sowie den dynamischsten und abwechslungsreichsten Melodien. Die neugewonnene Freiheit und der Drang, sich keine Grenzen mehr setzen zu wollen, münden in frischer Kreativität, die fast durchgängig hörbar ist. Über die wenigen Stellen, in denen sich Naked Cameo zu brav und vorhersehbar präsentieren, kann man locker hinwegsehen. Ein starkes Album.

8/10