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Jugo Ürdens – Für Mich

Label: Modern Angst

Genre: Indie-Pop/Rap

Rap wird für Rapper zunehmend uncool. Nachdem sich jüngst LGoony schon seinen Rap-Wurzeln entledigte, wählt Jugo Ürdens auf seinem neuen Album „Für Mich“ einen ähnlichen Weg: Der Wiener Musiker vollzieht seine bei den letzten Projekten schon angedeutete Wandlung zum Indie-Pop-Künstler vollständig. Natürlich verzichtete er nicht auf schnelle Strophen und viel Text – aber der Etablierung einer poppigen Hook wird viel mehr Raum gegeben. Bleibt die große Frage: Warum wechselt man freiwillig in ein Genre wie den deutschsprachigen Indie-Pop, der in den vergangenen Jahren immer häufiger mit Beliebigkeit und Einfallslosigkeit zu kämpfen hatte?

Die Antwort darauf fällt relativ einfach aus: Jugo wollte einfach nicht mehr auf biegen und brechen cool sein und einfach das machen, was ihm zusagt. Ehrlichen Sound machen, ehrliche Themen behandeln. Letzteres ist geblieben, der Klang hat sich verändert. Oberflächlich betrachtet gibt es absolut keinen Grund, warum „Für Mich“ funktionieren sollte. Rapper, die sich als Sänger versuchen, scheitern in der Regel an den einfachsten Melodien und verfügen offenbar zu selten über ein echtes Support-System, das schlechte Ideen auch als solche bezeichnet. Aber bei Jugo ist das anders – weil er sich nicht übernimmt und auch schon auf seinem letzten Album „Hund“ bewiesen hat, dass er in den poppigeren Strukturen ordentlich positive Unruhe stiften kann. 

Da er jetzt angekommen zu sein scheint, ist es auch nur logisch, die Platte „Für Mich“ zu taufen. Die Gitarren kommen statt der 808s, die Beats fallen deshalb nicht ab, sondern eben anders aus und Jugo rappsingt über sein Leben, reflektiert und zeigt sich nah. Mal ernster, mal typisch witzig und mit einer gut dosierten Portion Selbsthumor. Dadurch festigt sich sehr rasch der Eindruck, dass man Jugo auf den elf Tracks und in der knappen halben Stunde wirklich besser kennenlernt. 

© Onur Arslan

Gleich der Opener „Dumm“ listet allerlei Dinge auf, die die Gesellschaft von einem verlangt: Abnehmen, gesund sein, brav Steuern zahlen, Überstunden machen. Bloß nicht zu viel nachdenken und die Zweifel einfach abstellen: „Ich hab’ neulich nachgedacht, ich bin drauf gekommen / Ich hab’ zu viel nachgedacht, alle Brücken abgebrannt / Jetzt geh’ ich dumm, denn wer dumm ist, ist auch glücklich“. Musikalisch hebt sich der Song mit seinem elektronischen Klangteppich deutlich vom Rest der Platte ab.

Ganz anders sieht es beim titelgebenden Track aus: Hier regiert die Selbstoptimierung in Reinkultur. Jugo Ürdens rattert im ersten Part eine humorlose To-Do-Liste des vermeintlich perfekten Lebens ab – vom Rauchaufstopp über gesunde Ernährung und Sport bis hin zu Kultur und einer neuen, teuren Uhr für die Pünktlichkeit. Doch der erhoffte Seelenfrieden bleibt aus. Stattdessen kippt das Ganze im zweiten Teil in eine toxische Interpretation von „Selfcare“, bei der Rücksichtslosigkeit, Spielsucht und exzessiver Konsum als vermeintliche Selbstfürsorge getarnt werden. Trotz aller Anstrengungen und der perfekten Fassade bleibt am Ende nur die schlaflose Frage, warum dieser Optimierungswahn eigentlich überhaupt nicht glücklich macht.

Auf „Aus Prinzip“ behandelt Jugo sein Leben mit Migrationshintergrund und das ständige Gefühl des Dazwischenstehens. Einerseits beschreibt er die fortschreitende Entfremdung von den eigenen Wurzeln („Ich verlerne meine Sprache / Versteh‘ kaum meinen Vater“), andererseits bleibt der bürokratische Spießrutenlauf eine wiederkehrende Realität („Aufenthalt verlängern, alle fünf Jahre beim Magistrat“). Anstatt sich zu verstecken oder die Wurzeln vollständig aufzugeben, geht Jugo in der Hook in die Gegenoffensive: Die Silberketten, gefälschte Markenware, ein weißes Tanktop und lautes Auftreten in der Öffentlichkeit werden zum Stolz „aus Prinzip“ erhoben und er setzt eine bewusste Abgrenzung („Ich bin nicht wie ihr, Gott sei Dank“) auf seine erlebte Ausgrenzung. Für die einen ist er zu deutsch, für die anderen eben nie von hier. Textlich ein sehr gelungener Track, musikalisch hingegen ein wenig auf der sicheren Seite. 

Das Motiv der gesellschaftlichen Verweigerung spitzt sich auf „Dagegen“ (feat. Carlo5) noch weiter zu – diesmal im Kontext von politischem Scheinaktivismus. Der Track ist eine herrlich zynische Abrechnung mit performativem Politikinteresse und der Bequemlichkeit der eigenen Bubble. Jugo seziert schonungslos das risikofreie „Haltung zeigen“ für billige Klicks („Ich schrei‘: ‚Fick die AfD‘, in meiner WG / Hab‘ ich was bewegt, bin ich wichtig?“), während Krisen einfach mit dem Daumen weggewischt werden. Carlo5 führt diesen Gedanken im zweiten Part nahtlos fort, indem er die eigene Rolle als privilegierter, „dummer weißer Mann“ hinterfragt, der von Beruf Künstler und als Hobby Sozialist ist, sich aber beim ersten Anzeichen von echten Problemen ins warme Sonnenlicht absetzt. Mit den Schlüsselzeilen „Ich bin dagegen, um dagegen zu sein / Hab‘ bislang nur meinem Zahnarzt wirklich Zähne gezeigt“ bringen die beiden die Bequemlichkeit auf den Punkt, in der Haltung für schnellen Applaus inszeniert wird, ohne im echten Leben auch nur den Hauch eines Risikos einzugehen. Dieser Song ist einer der fiesesten des Albums, weil er musikalisch nicht konträrer zum Text stehen könnte und einen extrem hohen Ohrwurm-Faktor in der Hook vorweist.

Das wohl größte Highlight der Platte liegt in der Albummitte in Form des Tracks „Panik“. Jugo kann den Stress einer Panikattacke treffend vertonen: Eine Wellenbewegung aus zunächst entspannten Tönen entwickelt sich galoppierend zu einer immer hektischeren Klangeskalation. Man spürt richtig, wie sich etwas anstaut und schließlich auch ausbricht. Jugos Text tut sein Übriges dazu, jede seiner Zeilen über diesen fürchterlichen Zustand sitzt. „Ich wach damit auf und schlaf damit ein/ egal wo ich bin, ich bin niemals allein / ich hab Panik“.

In „Nie Wieder“ rechnet Jugo mit sich selbst ab und schwört, die Fehler der Vergangenheit nicht noch einmal zu machen. Der quirky Synthesizer wirkt zunächst überraschend, fügt sich aber gut in den eingängigen Song ein. Auch „So Wie Du“ lebt von einer starken Hook und beschreibt den Wunsch nach jener radikalen Sorgenfreiheit, die Menschen besitzen, die einfach leben, ohne ständig alles zu hinterfragen.

„Für mich“ widmet sich ausgiebig der mentalen Gesundheit. „Kopf hoch“ setzt auf große Empathie von Jugo, der sich hier einer Person widmet, deren Kopf gerade „viel zu schwer und viel zu voll“ ist. Von plumpen Motivationsfloskeln hält er dabei überhaupt nichts („Fick auf jedes Kopf hoch“), stattdessen bietet er das ehrliche Versprechen von bedingungsloser Unterstützung und echtem Trost an, wenn gerade alles schiefläuft. Klanglich kann Jugo auf dem Album mitreißen, auch wenn sein Pop-Ansatz manchmal droht, ins Seichte abzudriften. Doch genau dann kommt meistens doch noch eine unerwartete Wendung in den Vocals oder dem melodischen Aufbau, die den Song rettet.

Mit „Café Europa“ setzt Jugo Ürdens der legendären Wiener Institution in der Zollergasse eine ehrliche Hymne als ewige Endstation zwischen Wodka Soda und Schinken-Käse-Toast. Die Bar wird zum Absturzort, an dem gebrochene Herzen in schlaflosen Nächten dem Sinn des Lebens nachgehen. Auf „Kiwikopf“ versucht er dann noch mit Gaffer Tape, Schleifpapier und gutem Willen seine turbulente Beziehung glattzubügeln.

Der Closer „Alles Wird Gut“ mit MOLA gibt noch einen finalen intimen Einblick in die eigene depressive Phase und mündet in einer tiefen Liebeserklärung. Im krassen Gegensatz zum zynischen Scheinaktivismus oder dem rücksichtslosen Beziehungschaos davor regieren hier Lähmung und Selbsthass, die sich erst durch die Nähe und Geduld der anderen Person langsam auflösen. Wenn am Ende der Kaffee wieder schmeckt, die Vorhänge geöffnet werden und das Versprechen „Alles wird gut“ nicht als Floskel gesagt wird, findet die Platte einen versöhnlichen und hoffnungsvollen Ausklang.

Jugo Ürdens viertes Album „Für mich“ ist sein bisher stärkstes. Der Genre-Wechsel steht ihm und auch wenn es instrumental noch nicht die ganz großen Experimente oder Überraschungen gibt, ist die Platte in sich stringent und ein äußerst angenehmes Hörvergnügen mit großteils einbrennenden Melodien. So nah wie hier war man Jugo bisher noch nicht. Der Schritt weg vom Rap fühlt sich nicht nach einem kalkulierten Trend an, sondern wie der logische nächste Schritt in seiner künstlerischen Entwicklung.

Starke 7/10