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Rolling Stones – Foreign Tongues

Label: Polydor Records

Genre: Blues-Rock

Nur zweieinhalb Jahre nach ihrem letzten Album „Hackney Diamonds“ bringen die Rolling Stones mit „Foreign Tongues“ schon wieder neues Material. Das 25. Album der legendären Rockband zeigt sich dabei etwas ausgeglichener als der direkte Vorgänger, hat aber immer noch mit denselben Problemen zu kämpfen.

Blasphemiker würden gleich eingangs die Gretchenfrage stellen: Wer braucht noch ein neues Rolling Stones-Album? Und wie immer würden zahlreiche Anhänger:innen der Band mit den Augen rollen und darauf verweisen, dass die britischen Rockstars doch bitte einfach Musik machen und veröffentlichen dürfen, wenn sie das denn auch wollen. Gleichzeitig dürften Musik-Kritiker:innen vermutlich schon seit den späten 80er-Jahren nach einer Antwort auf die Ausgangsfrage suchen. Es ist ein Teufelskreis, der immer noch polarisiert. 

Mick Jagger, Keith Richards und Ronnie Wood wollen es noch einmal wissen © UMG/Kevin Mazur

Vorweg kann aber schon gesagt werden, dass diese Platte vor allem in der ersten Hälfte ziemlich viel Freude macht – auch jenen, die den Stones nicht so gut gesonnen sind. Jagger, Richards und Wood erfinden sich nicht neu – was wirklich absolut niemand auf diesem Planeten verlangen würde – und bringen eine gelungene Mischung ihrer typischen Stilrichtungen mit: Rock, Blues, Funk, Country, ein wenig Disco. Hier sollte für jede:n was dabei sein. 

Für die 14 neuen Songs haben sich Mick Jagger, Keith Richards und Ronnie Wood teilweise enorm prominente Kollegen ins Studio eingeladen: Steve Winwood bereichert mit der Orgel, Paul McCartney spielt auf einem Track Bass, Robert Smith Gitarre, Red Hot Chili Peppers-Drummer Chad Smith hilft auf der großen Trommel aus und Bruno Mars darf die Kuhglocke schlagen. Steven Jordan sitzt hinter dem Schlagzeug, wobei man Charlie Watts noch auf zwei Tracks hören kann. Da ist also ordentlich was los. 

Das scheint auch das Leitmotiv für den von „Hackney Diamonds“ zurückkehrenden Produzenten Andrew Watt zu sein. Lautstärke um jeden Preis: Wie schon bei seiner ersten Stones-Produktion gibt er auch auf „Foreign Tongues“ absolut alles und verpasst es, auch nur den Hauch eines dynamischen Hörens zu schaffen. Man fühlt sich – zumindest bei der digitalen Version dieser Platte – wieder an den klassischen Loudness War erinnert: Kompressoren wohin man nur hören kann, alles wird nahezu auf den gleichen Pegel gesetzt. Doch dieses Mal ist es die Band selbst, die dank einiger wirklich starker Tracks das Album noch in die Rubrik „solide“ manövrieren. 

Hauptsächlich dafür verantwortlich ist der erwähnte Albumstart. „Rough And Twisted“ kommt – sofern es Watt eben zulässt – roh und schmutzig daher, ein sehr feiner Blues-Song mit Mundharmonika, ein paar Backing-Chören, hüpfendem Klavier, ordentlichen Verzerrungen und schönen Drums. Dieser Opener gehört zu den stärksten Stones-Openern der letzten Jahrzehnte, da wird sofort ein Standard gesetzt und nicht sanft ins Album gebeten. 

Die Turbulenzen des Eröffnungssongs werden mit dem wahnsinnig eingängigen „In The Stars“ zur Seite geschoben, dafür bekommt man ein klassisches Stones-Riff und feine Melodien, die in einem warmen, umarmenden Refrain gipfeln. Bei aller Kritik an Jaggers stimmlichen Grenzen – die man mit Anfang 80 haben darf – und der damit einhergehenden kleinen Unterstützung, die er von Produktionsseite erhält, kommen seine Vocals hier wirklich sehr gut durch. In „Jealous Lover“ triggert er sein Falsett so gut es noch geht, was zunächst befremdlich wirkt (auch wenn man es natürlich schon von Werken aus der Vergangenheit kennt), sich aber vor allem im Kontrast zum relativ kraftvollen Hauptteil als gelungener Kniff entpuppt. Die ersten drei Songs zeigen die Stones jedenfalls in starker Form. 

Leider blitzt dieser Hunger und diese ausbalancierte Spielfreude nur mehr selten durch. „Divine Intervention“ ist sicherlich zu nennen: Ein Rock-Song wie ihn die Stones schon zig-fach geschrieben haben und der trotzdem noch seinen Charme sowie eine Verdichtung versprühen kann. Dazu kommt noch ein Saxophon von James King und eine Struktur im Schlussteil, die stark an die Eskalation von Springsteens „Born to Run“ erinnert. Offenbar ist das auch der Track, an dem Robert Smith an der Gitarre mitspielt.

Oder auch „Covered in You“, dem McCartney-Bass-Track. Dieser Song kommt vor allem in der zweiten Strophe ziemlich politisch („I wake up sick and tired of all these autocrats…“) und spielt ebendort seine Stärken aus. Der Refrain an sich ist fast ein wenig brav im Gegensatz zum artikulierten, drängenden Vortrag der Strophen. Dennoch entwickelt man in den viereinhalb Minuten irgendwann eine gewisse Zuneigung und Vertrautheit zum Hauptteil und die Räder greifen deshalb besser ineinander. 

Der Rest von „Foreign Tongues“ besteht aus durchschnittlichen bis soliden Stones-Songs. Wobei insbesondere der Refrain von „Mr. Charm“ als negatives Highlight hervorgehoben werden muss: Hier scheint man sich selbst nicht sonderlich ernst zu nehmen, diese mehrstimmigen Wortwiederholungen kommen sehr platt. Das ist schade, weil gerade der Teil danach wieder viel mehr Fülle und Elan versprüht. 

„Ringing Hollow“ ist der zu erwartbare Country-Song und hat seine schunkelnden Momente, während sich „Never Wanna Lose You“ dem Disco-Funk verschreibt. Der Bass ist hier der Star, obwohl mit Robert Smith und Bruno Mars zwei Weltstars ihre kleinen Rollen als Backing-Vocalist bzw. Cowbell-Spieler wahrnehmen (würde niemand mitbekommen, der nicht in die Credits schaut).

Andrew Watt mit Keith Richards © UMG/Kevin Mazur

Auf „Hit Me In The Head“ will man sich so hart wie möglich zeigen und auch wenn Charlie Watts seinen Drums ordentlich einschenkt, bleibt von dem Song wenig in Erinnerung – da gibt’s keine Melodie, die sich ins Hirn bohrt. Das ist bei „You Know I’m No Good“ natürlich anders, weil die Originalversion von Amy Winehouse zu ihren berühmtesten Titeln zählt. Die Stones covern den Song auf ihre Art, also mit Mundharmonika und einer Menge Geheule am Ende. Man darf die Frage stellen, ob es diese Neuinterpretation wirklich gebraucht hätte – sie ist nicht schlecht, liefert aber auch keinen Grund, sie Amys Version vorzuziehen. Und außerdem: Passt der Song lyrisch zu Jagger? Weint er jemandem am Küchenboden nach? Schwer vorstellbar. 

Lyrisch hängt sich Jagger allgemein nicht weit aus dem Fenster, auch wenn er hie und da eventuell kleine Stiche gegen oben setzt (in Mr Charm bezeichnet er Elon Musk als „mad Mogul“, was er aber nicht als Beleidigung gemeint haben will). 

Der obligatorische Richards-Song hört dieses Mal auf den Namen „Some Of Us“ und bleibt von vorne bis hinten nett. Kein Ausbruch, kein Einbruch im Instrumental – nur wenn Richards zum „Some of us are on our knees“ im Refrain ansetzt, bekommt das Lied für ganz kurze Zeit mehr Kraft. Jagger unterstützt ihn noch am Ende. 

Würde das Album nach „Covered In You“ enden, hätte man ein relativ kompaktes Album erschaffen – nur leider haben die Stones auch nach über 60 Jahren im Geschäft und ähnlichen Problemen bei sehr vielen Alben auch hier den Aufnahme-Stopp-Knopf nicht gefunden. Andererseits hätte man dann auch das emotionale „Back In Your Life“ verpasst, auf dem Jagger über Brian Wilson und Sly Stone singt. „What would it take to get back in your life? / I hate that I’m losing a friend / I tried making you laugh / I tried making you cry / Is this how our story will end?“ – das ist ein ergreifender Refrain in einem Song, der sich über seine mehr als sechs Minuten Laufzeit ein wenig zieht und leider den letzten Schritt Bedingungslosigkeit vermissen lässt. „Side Effects“ und der Closer „Beautiful Delilah“ schwimmen mit, wobei Letzterer durch seine ungefilterte und rohe Produktion noch einen ordentlichen Gegensatz zum Rest des Albums darstellt. 

Kann man also die zu Beginn gestellte Frage am Ende von „Foreign Tongues“ beantworten? Jain. Im großen Katalog der Rolling Stones reiht sich das Album irgendwo in der unteren Mitte ein. Dank einiger wirklich toller Songs wird man zu dieser Platte auch immer wieder punktuell zurückkommen. Ob man sich einen vollen Hördurchgang gönnt, hängt davon ab, wie man mit der gleichbleibenden Produktion und der Überlänge klarkommt. 

Schwache 6/10 

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