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Kobrakasino – Alarm für Kobrakasino

Label: Sirene Records

Genre: Indie-Pop, NNDW

Alltäglicher Leistungsdruck, tiefe Erschöpfung und die Sehnsucht nach echten, unberührten Momenten – Kobrakasino nehmen sich auf ihrem zweiten Album „Alarm für Kobrakasino“ keine einfachen Themen vor.  Musikalisch wird diese Melancholie allerdings gekonnt mit NDW-Nostalgie, lebendigen Hooks und verspielten Melodien abgefedert.

© Minna Rothbart

Deshalb klingt Kobrakasino in manchen Momenten wie die Reinkarnation von Echt und in anderen wie der kleine Bruder von Von Wegen Lisbeth. Der Opener „1000 jahre tief“ hat so viel Schmalz in den Vocals dabei, dass in den 90er-Jahren wirklich sämtliche Teenies im DACH-Raum dahingeschmolzen wären – und vermutlich funktioniert das auch heute noch. Im Ernst, „1000 jahre tief“ ist ein schöner Pop-Song, dessen hohe Gesangsmelodien gut zu diesem verzerrten und antreibenden Sound passen. Gleichzeitig ist das Lied auch ein Paradebeispiel für das derzeitige Niveau von Kobrakasino: Drei Viertel des Songs sind bockstark, kontrastreich zwischen Strophe und Refrain und voller Dynamik – bis die Bridge die Euphorie mit voller Wucht abbremst. Als Stilmittel verständlich, aber nicht ganz passend, da steht man sich fast ein wenig selbst im Weg.

Und genau dieses Problem wird im Laufe der Platte noch öfter auftauchen – aber der Reihe nach. Während der Opener noch stärker im Synthpop verortet war, zeigt sich „zentrale“ härter. Die Gitarren dürfen dröhnen und die Mischung aus verzerrten Saiteninstrumenten und Synthesizern funktioniert hervorragend. Hier passen auch die ruhigeren Momente deutlich besser, insgesamt eine runde Sache. Wie auch „das herz von meinem chef“, eines der größten Highlights der Platte. Sehr ansteckend, zwischen breiten Pads und einer aufgeweckten Gitarre, dazu eine feine Synth-Melodie und gekonntes Songwriting. Der Track brennt sich schnell ins Hirn und bleibt dort lange hängen.

© Minna Rothbart

Kleinere Längen nimmt man durch den allgegenwärtigen Groove gerne in Kauf, auch wenn man sowohl „das herz von meinem chef“ als auch das unmittelbar anschließende „grrrl“ an der einen oder anderen Stelle etwas straffer hätte gestalten können. Am Ende gibt’s einen kompletten Break hin zu „grrrl“, das von vorne bis hinten mit einem schönen Rhythmus anschiebt. Da wird’s teilweise auch herzzerreißend und das kann die Gruppe auch mit einigen schrillen und atmosphärischen Segmenten wunderbar transportieren.

Hingegen möchte man in jeder Sekunde von „wenn du ihn küsst jetzt“ verweilen. Der beste Song des Albums, hier passen alle Räder zusammen, stringenter Aufbau, Zuspitzung, ein eingängiger Chorus, der von Synthesizer und Gitarre sehr schön unterstützt wird, dazu ständige Bewegung über dreieinhalb Minuten. Geht nicht mehr aus dem Ohr, hat hohen Wiedererkennungswert, viel Euphorie in sich und zeigt, wie die Band ordentlich Kraft freilassen kann.

Dass ausgerechnet ihr bisher erfolgreichster Track „die schlange“ im Vergleich zu den anderen Songs bieder wirkt, ist fast schon tragisch. Definitiv ein Lied mit sehr lockerer Atmosphäre, was ihm in der ersten Hälfte zum Verhängnis wird, weil sich die immergleichen Elemente zu häufig wiederholen. Der kurze, aber sehr spannende Instrumentalteil als Unterbrechung kann die repetitive Note leider nicht kaschieren. Die Ideen sind gut, die technische Umsetzung ebenso, nur fehlt Kobrakasino manchmal noch das Gespür dafür, wie lange gewisse Verdichtungen oder Wiederholungen ausfallen sollten.

„keep it cool“ ist davon auch betroffen, was insofern interessant ist, dass das Lied keine drei Minuten dauert. Hier ist die Atmosphäre noch entspannter, wird also dem Songtitel gerecht, aber dafür bleibt man sehr lange auf demselben Energielevel und lässt einen Ausbruch nach oben oder unten vermissen. Das hätte den Track noch eckiger und spannender werden lassen. 

Mit „schwarz & weiß“ wird der letzte Albumteil eingeläutet, einer wundervollen und intimen Ballade, die stark auf eine akustische Gitarre setzt, sich aber auch sehr viel Raum für eine organische Entfaltung gibt. „Es ist nicht alles schwarz und weiß“, passt nicht nur zum Inhalt des Songs, sondern auch zu Kobrakasino im Allgemeinen – hier stimmt jedenfalls schon wieder sehr viel.

© Minna Rothbart

Im Allgemeinen ist dieser Schlussteil der Platte wirklich gelungen. „viel zu laut“ ist im Grunde genommen die gelungenere Version von „keep it cool“, dauert zwar eine Minute länger, aber das merkt man dem Track nicht an, weil auch hier die Progression stimmt: Reduzierter Beginn, kleine Steigerungen mit sehr präsenten Synthis, schöne Wellenbewegung. Das relativ kurze und verspielte „gehe in den regen“ dient als Aufwärmübung für das große Finale in Form von „dezember“, dem fünfeinhalbminütigen Closer von „Alarm für Kobrakasino“. „Ich komm nicht aus meiner Haut“ heißt es da immer wieder, aber das mag man gar nicht so recht glauben, weil der Sound hier wirklich sehr viele verschiedene Wendungen nimmt – man kann hier hören, dass Kobrakasino sich mehr trauen, weggehen vom ganz klassischen Songaufbau und sich mehr Platz zum Atmen und Agieren schaffen, den sie auch mit Bravour bespielen können. 

Und genau deshalb kann man mit großer Zuversicht in die Zukunft blicken, wenn man über Kobrakasino spricht. Diese Gruppe hat ein Gespür für Melodien, kann Hooks schreiben, die lange im Ohr bleiben und auch längere Lieder aktiv und interessant gestalten. Auch wenn sie an der ein oder anderen Stelle dazu tendieren, sich in musikalischen Themen zu verlieren und den Fokus zu vernachlässigen, soll das nicht bedeuten, dass dieses Album unterm Strich viele gelungene Momente in sich trägt. 

Starke 7/10