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Skofi – Halt Mich Fest

Label: Skofs Records

Genre: Rap, Cloud-Pop

Drei Jahre nach ihrem Debütalbum „Lass mich los“ schlägt Skofi das nächste große Kapitel ihrer Karriere auf. „Halt mich fest“ wird zum umfangreichsten und persönlichsten Werk der Wiener Künstlerin, die sich in so ziemlich jedem Genre sehr wohlfühlt. 20 Tracks mit über einer Stunde Spielzeit umfasst die neue LP, die uns musikalisch in Richtung Rap, Cloud-Pop, UK Garage, House und andere Beat-Variationen führen. Ein solches XL-Projekt ist ein verdammt ambitionierter Schritt und der Versuch, das endgültige Fundament für Skofis Status in der Szene zu zementieren. Eine echte Mammutaufgabe, die die Erwartungen an ihr künstlerisches und narratives Wachstum extrem hochschraubt.

Inhaltlich spannt Skofi ein enges Netz aus wiederkehrenden Motiven und persönlichen Schauplätzen. Das dominierende emotionale Zentrum bildet dabei das klassische Beziehungsdrama: Die Texte sezieren die Trümmer und Nachwehen toxischer Dynamiken, getrieben von Misstrauen, emotionaler Kälte und einer gewissen Paranoia vor dem nächsten großen Knall. Hand in Hand damit einher, geht ein schonungsloses Overthinking, das die darauffolgende mentale Erschöpfung und das Gefühl, komplett auszubrennen, greifbar macht. Als rahmende Kulisse und dringend benötigter Zufluchtsort dient dabei immer wieder die vertraute Wiener Bubble: Fahrten mit der U3, Runden um den Ring, Kaffee und Tschick – die Stadt fungiert als melancholische, aber auch schützende Konstante.

Hier trifft sie auch auf ihre „Fam“, also das engste Team und die Familie, die als einzig wirklich konstante Struktur gegen die permanente emotionale Instabilität der Außenwelt steht. Aber der Blick geht nicht nur nach innen: Mit einer ordentlichen Portion Unmut arbeitet sich Skofi an der Musikindustrie, diversen Knebelverträgen und dem alltäglichen Struggle als Independent-FLINTA-Artist* ab, bevor sie in Songs wie „Stoßluft“ oder „Lauf los“ immer wieder zu einem oft trotzigen, erzwungenen Befreiungsschlag ansetzt, um die Geister der Vergangenheit endgültig hinter sich zu lassen.

© Lea Horsten

All diese Themen sind spannend – und vor allem auch eindrucksvoll umgesetzt. Die Langzeit-Kollaborateure Skyfarmer und wink182 sind wieder dabei, mit Philipp Mülleder, David Raddish, Christoh und mnphb neue Weggefährten dazugekommen. Und das funktioniert durch die Bank. Skofi, selbst auch erfahrene Produzentin, kann auf jedem Beat und jedem Instrumental brillieren und hat sogar selbst viele der zu hörenden Instrumente eingespielt. Der Albumstart mit „Ich mag’s“ ist jedenfalls schon richtig triumphal – da gibts einen antreibenden Beat, ein paar Bläser-Synthis und auch eine Bestandsaufnahme, die den thematischen Fokus sofort auf die eigene Psyche lenkt: „Ich mag’s mit mir selbst Geheimnisse zu haben und ich mag’s, dass ich mich manchmal auch heimlich hinterfrage.“ Das Stück etabliert Skofis typischen Kontrast aus einer nonchalanten, fast beiläufigen Performance und der harten Realität des eigenen Overthinkings. Sie deutet hier inhaltlich bereits das Muster an, das das restliche Album prägen wird: Die Schleife aus dem Versuch, bei sich zu bleiben, und dem gleichzeitigen Verharren in den Geistern der Vergangenheit.

Auf den Banger-Opener folgt mit „Wind“ direkt der nächste Track, in den man sich hineinlegen möchte. Fantastisch produziert von David Raddish, will man sich im Beat verlieren und Skofis Fähigkeit, trotz schwerer Themen eine spürbare Leichtigkeit zu erzeugen, lauschen. Der Track bringt genau den frischen Wind, den der Titel verspricht. Hätte durchaus das Zeug gehabt, auch als Vorabsingle ausgekoppelt zu werden, weil man hier sehr viel Euphorie bekommt und unweigerlich mit ihr mitgehen muss. Das darauffolgende „Solo“ schiftet den Fokus deutlicher auf die textliche Ebene: „Steh’ ab jetzt Solo hinter mir“ feiert wie der Opener die wiedergewonnene Unabhängigkeit und ein gewisses Freischwimmen aus vergangenen Abhängigkeiten.

In darauffolgenden Tracks wie „Gegen die Wand“, „Vertigo“ oder „Wohin?“ kommt es zur ersten emotionale Belastungsprobe. Skofi entfaltet die ganze Bandbreite ihres Beziehungsdramas. Musikalisch bleibt das absolut packend – die Produktionen von Skyfarmer und wink182 bringen melancholische Synth-Flächen oder treibende Club-Beats. Textlich gibt es ein ständiges Kreisen um verletzte Egos, unausgesprochene Vorwürfe und die Angst vor dem nächsten großen Knall.

Und das ist das Problem von „Halt mich fest“ – einzelne Songs für sich genommen funktionieren als atmosphärische Momentaufnahmen hervorragend. Im zusammenhängenden Albumnarrativ merkt man, dass sich bestimmte Gedanken wiederholen und die Platte strukturell im selben emotionalen Zustand festhält. Toxische Dynamiken werden in wechselnde Sound-Gewänder übersetzt, ohne dass sich daraus eine inhaltliche oder emotionale Entwicklung ergibt und die Reise nicht über den Ausgangszustand hinauskommt.

Der zweite große Block des Albums widmet sich dem Overthinking und der daraus resultierenden mentalen Erschöpfung. „Windschutz“ hat eine ordentliche Programmierung dabei, die den Grundstein für einen sehr feinen Cloud-Pop-Song gibt. Skofi gelingt es hier meisterhaft, die Orientierungslosigkeit einer ganzen Generation in dichte, atmosphärische Gebilde zu gießen – „Ich seh kein Ende, horizontal, wie vom Boden verschluckt“ ist eines der stärksten Bilder des gesamten Albums. Aber auch hier greift die Repetition auf lange Sicht: Die Erschöpfung wird über mehrere Tracks hinweg dokumentiert, anstatt dass sich daraus ein Ausbruch oder eine spürbare narrative Verschiebung ergibt.

Dazwischen gibt es aber Momente, die trotzdem herausstechen. „DNA“ ist einer davon – ein Song über das Gefühl, jemanden nicht loswerden zu können, egal wie sehr man es versucht. Musikalisch einer der dichtesten Tracks mit einer eingängigen Hook (von denen es sehr viele auf der Platte gibt) und der richtigen Balance aus Drang und Entspannung. „Glas“ wiederum ist Skofis direkteste Auseinandersetzung mit dem eigenen künstlerischen Weg und wieder ein völlig anderer ansatz im Klangbild: Die Gitarre kommt zunächst in den Vordergrund, Skofi setzt mehr auf Gesang und zeigt sich sehr ehrlich, verletzlich und mit viel Selbstreflexion. Ein antreibender Pop-Rap-Hybrid, sehr gelungen.

„Vereinbart“ schließt den Beziehungsblock mit einem der reifsten Texte des Albums ab, hier gibt es keinen Vorwurf oder Bitterkeit, nur die Erkenntnis, dass manche Dinge einfach nicht funktionieren wollen. Den emotionalen Höhepunkt setzt schließlich noch „Frühling kommt“. Dieser Track sticht heraus, weil er offensichtlich nicht von einer Liebesbeziehung handelt, sondern von einem echten Verlust. Die Trauer ist hier eine andere, es fühlt sich schwerer an. Der Song ist sehr atmosphärisch – und dass die Stones dabei eine Rolle spielen, macht den Track noch persönlicher. Und auch der Closer „20er“ kann sich noch hervorheben, Skofi „bleibt dankbar für die Liebe“, was einen sehr versöhnlichen Albumabschluss darstellt. Sie schafft es, die Grübeleien für einen Moment zur Seite zu schieben.

„Halt mich fest“ ist ein Album, das vor allem durch seinen Umfang auffällt und bei einem durchgängigen Hördurchgang doch ein paar Längen vorweist. Nicht wegen des Sounds, sondern vor allem wegen des Inhalts. Ich hätte mir letztlich eine von zwei Möglichkeiten gewünscht: entweder eine konsequentere Straffung oder denselben Umfang, dafür aber mit mehr erzählerischer Entwicklung und einem spürbaren Fortschritt im Storytelling. Denn schlecht ist dieses Album keineswegs – im Gegenteil. Handwerklich ist es sehr stark, lebt von seiner abwechslungsreichen Soundpalette und bringt eine ganze Reihe an Songs mit, die für sich genommen problemlos auf Banger-Niveau funktionieren.

Nur bleibt Skofi zu oft auf einzelnen Gedanken stehen und gibt ihnen Raum, der eigentlich längst gefüllt ist. Eine Stunde Spielzeit und zwanzig Tracks sind für keine:n Künstler:in ein leichtes Unterfangen – und ein Album über diesen Zeitraum hinweg spannend und abwechslungsreich zu gestalten noch weniger. Dass Skofi sich an diese Aufgabe überhaupt heranwagt, verdient Respekt, und über weite Strecken gelingt ihr das auch. Einzelne Songs funktionieren hervorragend, doch auf Albumlänge fehlt irgendwann der Ausbruch, die neue Perspektive oder die nächste Stufe. Statt einer Reise mit klarer Entwicklung bekommt man häufig Variationen derselben Emotionen und Gedanken. Deshalb bleibt am Ende das Gefühl, dass es sich bei „Halt mich fest“ um ein Album handelt, das mit etwas mehr Verdichtung oder narrativer Bewegung ein wirklich großartiges hätte sein können. Skofis handwerkliches und lyrisches Talent ist nämlich ohne Zweifel in jedem Track hörbar.

Starke 7/10