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Donna Savage & Brenk Sinatra – Gusch

Label: Wave Planet Records

Genre: Deutsch-Rap

Das Debütalbum der Wiener Rapperin ist eine Ansage an die Deutschrapszene und weit mehr als eine Talentprobe. Zusammen mit Brenk Sinatra teilt sie großspurig aus und bringt genügend Schmäh mit, um der Szene genau das zu sagen, was schon längst überfällig war: Einfach mal die Goschn halten.

„Gusch“ ist ein schönes Wort. Gerade in Zeiten, in denen der österreichische Dialekt und insbesondere das Wiener Raunzen mehr und mehr dem gestochenen Hochdeutsch weichen, sind solche Ausdrücke sowohl erfrischend als auch notwendig. Das Synonym zu „Halt die Fresse“ hat fast etwas Niedliches an sich. Dass Donna Savage ihr Debütalbum „Gusch“ nennt, kommt nicht von ungefähr. Auf fast allen der 14 Tracks teilt sie ordentlich aus, zeigt sich wütend, dann auch wieder selbstbewusst. Die Skills für dieses Auftreten hat sie.

Das liegt vor allem auch an den Beats, die Brenk Sinatra hier gekocht hat. Schön abwechslungsreich zwischen Southern Rap, Westcoast oder auch reduzierteren Instrumentals, liefert er Donna den perfekten Klangteppich. Für sich genommen sind die Beats schon Bretter, in Verbindung mit Donnas Flow und ihrer Technik entstehen einige der größten Rap-Banger des Jahres.

Allein der titelgebende Song und Opener „Gusch“ ist das Paradebeispiel dafür: Ein richtig böses Instrumental, das die Richtung für das gesamte Album vorgibt. Hier geht’s einfach nur straight zu, das ist Rap ohne Umschweife und großes Brimborium. Donna zeigt unterschiedliche Flowarten und packt auch schon die ersten Punches aus, von denen es auf „Gusch“ nur so wimmelt. Flex trifft auf Punch trifft auf Wien-Liebe: Von Austropop bis zu den Wänden der Hauptstadt, die sie schon alle besprayed hat. Donna als auch Brenk verstehen es, mit Intensitäten zu spielen und in den richtigen Momenten mehr raus- und dann wieder reinzugeben. Dadurch entsteht ein Song, den man einzig und allein als Kopfnicker beschreiben darf.

Und diese Intensität zieht sich durch die Platte. Die Tracks, die Donna solo bestreitet, sind gespickt mit großartigen Hooks und Reimschemen. „Frida Kahlo“ kommt mit mehr Tempo daher, und es stimmt, wenn Donna rappt, dass sie „aus der Masse raussticht, wie Frida Kahlo in nem Frack“. Eine Sache kann man aber jetzt schon ausschließen: Dass Donna eine Austropop-Karriere anstreben muss, weil es mit dem Rap nicht klappt. Durch dieses Album hat sie sich, was Technik und Gespür für Rap angeht, ganz nach oben gespült. Es gilt jetzt, dass die Welt dieses Talent auch anerkennt.

Denn „Gusch“ folgt zwar einer klaren Attitüde, schafft es aber trotzdem, dass man Donna noch ein bisschen besser kennenlernen kann. „Stell dir vor“ wird zu einem kleinen Rückblick auf die bisherige Karriere und das Leben von Donna – Tic Tac Toe als erste Begegnung mit Rap, später dann Schwesta Ewa und Kitty Kat als noch größere Einflüsse. Sie spricht darüber in einem teilweise sehr atmosphärischen Umfeld, was genug Luft zum Atmen lässt. Der Spagat aus Flex und persönlicher Historie gelingt, durch den Beat ist man sowieso sofort gefangen.

Wenn man es aber lieber härter hat, wird man sich in „Zahltag“ sehr schnell verlieben. Donna startet mit einer Interpretation von Kitty Kats Zeilen aus „Strip für mich“ und bringt einen richtig bösen zweieinhalbminütigen Track mit, der von Flow und Rapart an SSIO erinnert. Generell könnte dieser Track auch aus der Hochblüte der Aggro-Berlin-Tage stammen.

© Daniel Shaked

Was Donna allein schon herausragend macht, klappt mit den zahlreichen Gästen des Albums ebenso gut. OG Lu bringt auf „Bengalo“ ihren charakteristischen Stil mit und sorgt dafür, dass man sich sicherlich nicht mit ihr und Donna anlegen möchte. Die beiden könnten stimmlich nicht weiter voneinander entfernt sein, was einen starken Kontrast ergibt, der den Track definiert. So eine Attitüde und einen Hunger hat man schon lange nicht mehr gehört – keine männliche Rap-Combo der letzten Jahre hat so etwas Böses und Geradliniges zustande gebracht.

„Uppercut“ ist eines von zwei Features mit Lou Asril und zeigte schon als Vorabsingle, dass sich Donna auf „Gusch“ nicht versteckt. Die Hereinnahme von Lou ist jedenfalls ein äußerst kluger Schachzug, weil sich sowohl auf dem antreibenden „Uppercut“ als auch auf dem fast verträumten „Clown Emoji“ eine gelungene Ergänzung ergibt. Lou bringt die Gefühle in der Hook, Donna ihre Punchlines. „Clown Emoji“ bricht musikalisch aber fast zu sehr mit dem sonst vorherrschenden Klangbild – das macht den Track nicht schlecht, das Gesamtbild des Albums aber ein wenig unrunder.

© Daniel Shaked

Dennoch muss man die Kuratierung von „Gusch“ loben. Man hat sich hier gelungen Gedanken gemacht, wo man welchen Track hinsetzt und wen man auf das Album einlädt. Alyzah gibt sich auf „Baddies&Mommies“ ein traumhaftes Wechselspiel mit Donna auf einem Beat, der sämtliche Stärken der beiden Musikerinnen hervorheben kann. Diese Mischung aus Wiener und Frankfurter Schnauze kommt enorm gut. Selbiges gilt für Wa22ermanns Part auf „Fast Alle Rapper“, dem Track mit dem vielleicht düstersten Beat des Albums. Hier gibt’s keinen Blick zurück, die beiden teilen links und rechts aus und Wa22ermann bringt in nur einer Line ein treffendes Fazit für das Album: „Jeder Track, Wallah krank“.

Ab dem letzten Drittel wird das Album dann spürbar persönlicher. „I vs Me“ handelt von Selbstzweifeln und Antriebslosigkeit, wo sich oberflächlich betrachtet Donna quasi mit Lugatti darum battelt, wer gerade weniger Bock auf Arbeit und diverse Verpflichtungen hat. Hinter dieser Fassade bekommt man aber einiges zu den jeweiligen Gedanken und Lebenssituationen mit, was eine zusätzliche Ebene öffnet. Das Outro gipfelt im herrlichsten Wiener Grant: „der Tag is eh auch schon im Oasch“.

© Laura Eibel

Einen Full-Circle-Moment hat „Gusch“ in Form von „Temu Sunnies (Nanana)“ zu bieten: Verifiziert ist auf diesem unglaublich ansteckenden Song zu hören. Donna und Veri sind seit Jugendtagen befreundet und haben jetzt die Gelegenheit genutzt, gemeinsame Sache zu machen. Dieser Song kann die Stärken beider Künstlerinnen in den Vordergrund stellen, Veris Cloud-Pop gliedert sich wunderbar in Donnas Rap ein. Definitiv ein Anwärter für einen Sommerhit.

Hinten raus gibt es mit „Blutorange“ das letzte Feature des Albums zusammen mit Sluq. Diesen Beat könnte man easy auf einem Radiosender von GTA V hören – ein ultrasmoothes Gebilde. „Hab nur die Creme de la Creme auf mein Album gepackt“, meint Donna, und man muss ihr zustimmen. Auch hier ist die Gegensätzlichkeit Trumpf.

Gibt es bei so viel Lob auch irgendetwas, das man an „Gusch“ trotzdem aussetzen kann? Leider ja, wenn auch nur in sehr geringen Dosen. Donna hat auf dem Album gezeigt, dass sie sich lieber jemanden zur Seite holt, wenn sie eine gesungene Hook haben möchte. Das ist ein vernünftiger Gedanke, weil – wenn eben so gut umgesetzt wie bisher – eine spannende Dynamik entstehen kann. Warum sie dennoch mit diesem Credo bricht und auf „One In A Million“ doch noch selbst singen möchte, bleibt deshalb ein Rätsel. Nicht falsch verstehen, das ist weit weg von einem Totalausfall, doch fühlt sich diese Hook nicht ganz stimmig an. Es ist ein Liebes-Beziehungs-Verliebtheitssong, also dürfte es Donna ein Bedürfnis gewesen sein, da selbst vorm Mikrofon zu stehen. Trotzdem fühlt sich der Song im Albumkontext nicht ganz richtig an.

Und das gilt auch für den für Donna vermutlich wichtigsten Song der Platte, den Closer „Tochter meiner Mutter“. Dieser Track ist eindeutig der persönlichste und behandelt Donnas abwesenden Vater sowie das Aufwachsen mit ihrer alleinerziehenden Mutter. So viel Intimes mit der Welt zu teilen erfordert einiges an Mut – nur leider passt der Track thematisch nicht ganz zum Rest des Albums. Ohne jeden Zweifel hat Donna hier auch abgeliefert – doch das Lied fühlt sich auch aufgrund der kurzen Dauer von nicht einmal zwei Minuten eher skizzenhaft an. Vermutlich hätte sich dieser Track als Prolog oder Interlude zu einem weiteren Song mit dieser Thematik besser geeignet.

Ansonsten ist „Gusch“ ein beeindruckendes Debütalbum geworden. Donnas Attitüde ist nicht zu übertreffen, jeder Punch trifft, jede Silbe sitzt und im Zusammenspiel mit Brenk Sinatra hat sie bewiesen, dass sie zu den besten Rapper:innen der gesamten Szene gehört. „Gusch“ ist ein Genuss für alle Rapfans, vielseitig und bis auf wenige Ausnahmen am Ende enorm stringent. Wer Donna Savage bis jetzt nicht auf dem Schirm hatte, sollte die Boxen ganz laut aufdrehen.

9/10