Label: Heiße Luft Records

Genre: Rap
Hedonismus bringt einfach sehr wenig, wenn man in ein so dermaßen großes Loch fällt, dass selbst der ausschweifendste Lebensstil es nicht mehr füllen kann. Jōshy verarbeitet auf seinem neuen Kollaborationsalbum „Sim(p) Diaries“ gemeinsam mit Christoh die Zeit nach einer gescheiterten Beziehung und schickt sich auf eine Identitätssuche quer über den Globus. Von Vietnam über Singapur und Mexiko bis zurück nach Wien – aber egal, wohin die Reise führt, am Ende bleibt immer derselbe emotionale Totalschaden.
Musikalisch könnte dieses Album dafür kaum besser klingen. Christoh liefert hier eine herausragende Produktion ab und erschafft einen warmen, detailverliebten Boom-Bap-Sound, in den man sich zu jeder Sekunde einfach hineinlegen möchte. Die Instrumentals sind nie überladen, sondern lassen enorm viel Raum für Jōshys Stimme und tragen dazu bei, dass sich eine enorm smoothe und intime Atmosphäre über das gesamte Album spannt.

Jōshy nutzt den zur Verfügung gestellten Platz hervorragend. Er rappt auffallend flexibel, verschiebt immer wieder sein Metrum, dehnt Silben, verändert seinen Flow innerhalb weniger Takte und gleitet geschmeidig durch die Beats. Hier gibt’s keine übertriebenen Double- oder Triple-Time-Strukturen, die die Technik um der Technik willen demonstrieren sollen, sondern vielmehr nutzt Jōshy seine Vielfalt, um seinen emotionalen Zustand in den jeweiligen Songs widerzuspiegeln. Rap und Produktion gehen hier wirklich makellos einher.
Inhaltlich könnte man „Sim(p) Diaries“ zunächst als klassisches Trennungsalbum framen – ein Label, das man dem Album aber spätestens nach dem ersten Hördurchgang wieder entziehen muss. Auch wenn es sich hauptsächlich um eine gescheiterte Beziehung dreht, ist weniger die verflossene Liebe Thema als alles, was danach passiert. Jōshy zeichnet chronologisch sein letztes Jahr nach und zeigt uns seinen Versuch, die entstandene Leere mit unterschiedlichen Coping-Mechanismen zu füllen. In seinem Fall bedeutet das in erster Linie, sich die Welt anzusehen und in Bewegung zu sein. Er reist um die halbe Welt, verliert sich in Partys, Alkohol, wechselnden Bekanntschaften und kurzen Glücksmomenten. Aber egal ob er sich in Vietnam, Singapur oder Mexiko aufhält – er kommt nicht wirklich vom Fleck und muss einsehen, dass er sich selbst eben überall mit hinnimmt.
Besonders deutlich wird das auf „Simpin on Ya Pimpin“. Statt sich hinter Coolness oder klassischer Rap-Männlichkeit zu verstecken, bezeichnet er sich im Refrain sogar selbst als „hoffnungslosen Simp“ und dreht das sonst oft abwertend verwendete Internetwort bewusst ins Positive. Das ist gleichzeitig selbstironisch und erstaunlich verletzlich. Überhaupt fällt auf, dass Jōshy die Schuld nie ausschließlich bei seinem Gegenüber sucht. Er reflektiert eigene Fehler, bereut verpasste Momente und zeichnet das Bild eines Menschen, der zwar ständig versucht davonzulaufen, sich selbst aber an jedem neuen Ort wieder begegnet.
Daher liegt die größte Stärke des Albums in seiner brutalen Kontrastierung. Jōshy beherrscht den klassischen Rap-Flex aus dem Effeff, entlarvt den dazugehörigen Lifestyle im selben Atemzug jedoch als reine Überlebensstrategie. Er gibt Therapie, Selbstreflexion und mentale Gesundheit großen Raum, schon der Opener „Neuer Therapieplatz“ setzt diesen Ton. Therapie ist Teil des Prozesses, er hinterfragt sich ständig, gibt Rückfälle und Selbsttäuschung zu („vielleicht belüg ich mich selbst“), spricht über Suchtverlagerung von THC zu rezeptfreiem Valium aus Südostasien und auch über Depression, ohne großartig pathetisch zu werden.
Am besten wird das im herausragenden „Kumquat Longdrink y Camel Blue“ deutlich. Einerseits bekommt man hier den eine Cartier-Tank-Uhr am Handgelenk („Wertanlage für schwere Tage“) tragenden Jōshy, andererseits zerlegt er diesen Luxus und die Mode immer wieder. Der selbstbewusste Rapper trifft auf den Typ, der nachts nicht schlafen kann. Das wird mit einem klugen Beatwechsel im Instrumental noch mal unterstrichen. Jōshy gibt sich in der zweiten Hälfte sowohl angriffslustig als auch nahbar – eine menschliche Seele ist selten eindimensional, und anstatt eine Kunstfigur aufzubauen, setzt er auf die berühmte Realness.
So kann er unverblümt zugeben, dass er seine Ex-Freundin vermisst und ordentlichen Scheiß gebaut hat, was wohl zu dieser Trennung führte. „Regenwald ASMR“ hat den atmosphärischsten Beat parat und fängt diese hilflose Sehnsucht perfekt ein, wenn er mitten auf Koh Tao auf Senden klickt, obwohl er genau weiß, dass niemals eine Antwort kommen wird. Jōshy jammert hier nicht distanziert herum, sondern seziert sein eigenes Fehlverhalten so konkret, dass es einem selbst fast wehtut. Aber vielleicht denkt er jetzt mal drüber nach, den Code der eigenen Kreditkarte zu ändern und nicht mehr das Geburtsdatum der Ex zu nutzen.
Zwischendurch kehrt er wieder nach Wien zurück und hat mit „WEEN Pt. 2“ dem modernen Klassiker von Kamp eine würdige Fortsetzung verpasst. Kamp ist hier auch dabei und zusammen arbeiten sie sich durch Ottakring, Meidling und den Wilhelminenberg. Dieser Track ist von vorne bis hinten ein einziger Banger, hat absolut keine Längen oder verschwendete Sequenzen, ist schlichtweg ein Genuss für die Ohren und gleichzeitig auch noch eine weitere Vertiefung von Jōshys Erzählung. Quasi seine eigene Version der „Memory Lane“ von Nas, wo Jōshy sogar noch in Schilling umrechnet.
Labelkollege Dyin Ernst aka JerMc schaut bei „Wetter gut, Stimmung wechselhaft“ vorbei und gliedert sich perfekt ein. Beide vermeiden hier irgendwelche abstrakten Beziehungsmetaphern und rekonstruieren ihre Stimmungslage über die Banalität des Alltags. Man schlendert über den Landwehrkanal und der Trennungsschmerz wird anhand von Bestellungen bei unterschiedlichen Fast-Food-Restaurants („Italian bmt und honey mustard / Chipotle southwest keine garlic butter“) nachgezeichnet. Funktioniert insgesamt prächtig.
Hintenraus wird das Album noch einmal düsterer und behandelt Depressionen. „Ich lach mich tot“ kann als Schlüsseltrack gesehen werden und markiert den absoluten emotionalen Tiefpunkt des Albums. Jōshy lässt jegliche Romantik wegbrechen und findet sich in einer bedrückenden Isolation wieder. Er sitzt allein beim Korean BBQ in Busan, weint unkontrolliert am Grill und versucht, das Loch in sich mit Unmengen an Alkohol und den im Windbreaker versteckten vietnamesischen Medikamenten zu stopfen. Suizidgedanken sind hier allgegenwärtig. Besonders die Zeile, in der er nachts stundenlang mit einer KI schreibt („Rede stundenlang mit chatty weil ich niemanden stören will“), fängt seine Einsamkeit und Verzweiflung sehr gut ein. Und das Fieseste an diesem Track bleibt die eingängige Hook, die Euphorie versprüht, obwohl der Text das genaue Gegenteil davon behandelt.
„Danke auf Türkisch“ beeindruckt ebenfalls, weil Jōshy seine eigenen toxischen Muster penibel aufarbeitet – vom lautstarken Schreien bis hin zum emotionalen Druck, den er ausgeübt hat. Da merkt man schon, dass die Therapiestunden Wirkung gezeigt haben. Dieses Lied ist das klassisch-emotionalste, was nicht zuletzt an den Streichern im Beat liegt.
Auch mit dem Closer „Frische atemluft“ kann Jōshy noch einmal eindrucksvoll unter Beweis stellen, dass er kein Interesse an irgendeinem Gschichtl hat und sich nicht verstellen will. Deshalb wird der Schritt zur Therapie und die medikamentöse Einstellung mit Seroxat nicht verschwiegen, sondern sogar als Befreiungsschlag zelebriert. Nach dem asiatischen Fiebertraum, dem emotionalen Winter und dem rastlosen Herumirren durch die Welt blickt Jōshy nach vorn: „2026 wird mein bestes Jahr.“

Diese Realness wird Jōshy nur ein einziges Mal zum Verhängnis – im „Brunnenmarkt Freestyle Interlude“. Er selbst verrät darauf, dass er „Freestyles noch nie geil“ gefunden hat, und das merkt man auch – hier kommt Jōshy untypisch stockend und unsmooth daher. Narrativ geht’s hier hauptsächlich ums Essen, und die zweieinhalb Minuten leben vermehrt von Zweckreimen. Das ist insofern schade, weil hier doch einiges an Potenzial liegengelassen wurde. Gleichzeitig kann man Jōshy dafür auch nicht nicht feiern, dass er den Track trotz seines eigenen Unwillens auf dem Album gelassen hat. Wenn man schon ein Album macht, auf dem man sich emotional nackt macht, kann man auch noch einen hölzernen Freestyle draufpacken (vielleicht hilft das nächste Mal JerMc aus).
Davon abgesehen ist „SIM(P) Diaries“ ein faszinierendes und stark aufgebautes Album geworden. Kein klassisches Trennungsalbum, sondern ein Protokoll des Scheiterns an der eigenen Fluchtbewegung. Unterstützt von Christohs makellosem, warmem Soundteppich ist hier ein mutiges Werk entstanden. Hier wird der emotionale Totalschaden nicht versteckt, sondern zur Kunstform erhoben.
Schwache 9/10
Früher Sängerknabe, heute zwischen Fußball, Football und viel Musik. Im Herzen immer Punker.

