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Madonna – Confessions II

Label: Boy Toy / Warner Records

Genre: House, Dance-Pop

Madonnas 15. Album „Confessions II“ dürfte für die größte Pop-Überraschung des Jahres sorgen. Nicht, weil sich die Queen of Pop neu erfindet, sondern weil sie erstmals bewusst den Blick zurückrichtet und ausgerechnet darin ihre größte Stärke findet.

Zugegeben, ab den 2010er-Jahren war es nicht immer einfach, die Karriere von Madonna noch mit einer Prise Ernsthaftigkeit zu verfolgen. Sämtliche neue Musik von ihr schien sich zunehmend in Beliebigkeit zu verlieren und ihre Auftritte ließen sie vermehrt als Königin der Berufsjugendlichkeit denn als Pop-Majestätin erscheinen. Es wurde viel und häufig über ihr Äußeres gesprochen, über diesen und jenen Eingriff und die Veränderung ihres Erscheinungsbildes, als über ihre Kunst. Was natürlich auch zu einem großen Teil an ihr selbst lag – ohne ein Gefühl für Inszenierung wäre sie nie dort hingekommen, wo sie noch heute ist. 

Madonnas Karriere war bis 2005 eine stetige Entwicklung, kein Album durfte dem anderen gleichen, immer musste eine Progression hör- und spürbar sein. Das war ihr eigener Anspruch, den sie auch noch bis zu ihrem letzten Album „Madame X“ von 2019 erfüllen wollte. Sie war quasi die erste, die für jeden neuen Albumzirkel auch gleich eine neue Ära einleitete – ein im Pop mittlerweile übliches Schema. Wer in den 80ern, 90ern und 00ern eine ganze Branche prägt und nie stillsteht, hat sich den Ruf als Queen redlich verdient. 

Nur kann die mittlerweile 67-Jährige trotz all der Versuche ihrerseits kaum verleugnen, dass auch sie älter wird und das Mit-der-Zeit-Gehen gar nicht mehr so einfach ist. Dabei war genau das immer eine der Stärken Madonnas, sie ist Künstler:innen von neuen Generationen gerne auf Augenhöhe begegnet und hat mit ihnen kollaboriert – auch um selbst vom Elan der Jugend angesteckt zu werden und einen neuen Blickwinkel auf Pop zu bekommen. Vor 21 Jahren erschien mit „Confessions on a Dancefloor“ ihr letztes herausragendes Werk, von dem man bis vor kurzem auch annehmen durfte, dass es den finalen musikalischen Höhepunkt ihrer Karriere darstellte.

Diese These muss man ab sofort wieder überdenken, vielleicht sogar überwerfen. Denn der Nachfolger „Confessions II“ reiht sich in ihrer üppigen Diskografie ganz vorne ein. Das hat sich nicht unbedingt abgezeichnet: Zum einen ist die Fallhöhe eines Nachfolgers für ein einhellig als großartig bezeichnetes Album enorm hoch. Zum anderen haben die Vorabsingles nur bedingt auf einen künstlerisch interessanten Ansatz hingedeutet. Ihre Kollaboration mit Sabrina Carpenter zum Song „Bring Your Love“ war schwer in Ordnung, hat aber nicht das große Feuerwerk, das man sich ob solch einer Zusammenarbeit hätte wünschen dürfen, gezündet. Solider Dance-Pop, der allerdings weder Sabrina noch Madonna groß glänzen ließ. 

Ein Liebesbrief an den Dancefloor

Jetzt, im Albumkontext, muss man diese Einschätzung ändern: das Lied passt perfekt zu den 15 weiteren Tracks. „Confessions II“ ist nämlich viel weniger die x-te Neuerfindung von Madonna, sondern vielmehr eine Hommage an ihre eigene Karriere und in erster Linie natürlich auch noch an die Dancefloors New Yorks und der restlichen Welt. Sie singt übers Tanzen, die Bewegung und natürlich auch eine Menge Sex. Man begegnet in etwas mehr als einer Stunde immer wieder unterschiedlichen Perioden ihrer Karriere: Zwar ist das primäre Soundbild klar im House verortet, dennoch werden an einigen Stellen auch andere Rhythmen eingestreut, die sowohl Klang als auch Struktur des Albums auflockern.

Stuart Price, der mit Madonna schon „Confessions on a Dancefloor“ produzierte, hat auch jetzt wieder ganze Arbeit geleistet. Was bei einem einzelnen Song, wie eben „Bring Your Love“, noch relativ uninspiriert erschien, entfaltet seine volle Wucht über die Albumdistanz. Er hat ein echtes DJ-Set gezaubert mit nahtlosen Übergängen zwischen den Tracks, was nahezu alle Grenzen verschwimmen lässt und die Orientierung fast nebensächlich macht. Blickt man nicht aktiv auf die Tracklist, wird man nicht immer gleich wissen, wo man sich gerade befindet.

Das könnte den Schluss nahelegen, dass „Confessions II“ dahinplätschert und sich optimal als Hintergrundmusik eignet – in Wahrheit ist das Gegenteil der Fall. Schon ab den ersten Takten von „I Feel So Free“ besticht die Platte durch hohen Bewegungsdrang. Das ist auch das eindeutige Ziel von Madonna – hier wird nicht mehr experimentiert, sondern in den Club eingeladen. Charli wollte Dance-Pop jüngst noch begraben – Madonna holt ihn wieder ins Leben zurück. 

© Rafael Pavarotti

Im Gegensatz zu 2005 widmet sich „Confessions II“ House-Klängen der 90er-Jahre. Chicago- und Detroit-House dienen als Leitfaden, viel klassische Disco ist also nicht zu hören. Trotzdem schaffen es Madonna und Price, dass man Hooks baut, die im Ohr bleiben. Man darf zwar davon ausgehen, dass keiner dieser Songs ähnliche AirPlay- und Chartzahlen wie „Hung Up“ auflegen wird – aber das ist auch nicht tragisch, weil man diese Platte ohnehin am besten in einem Stück hört. 

Spätestens mit dem zweiten und dritten Song „Good for the Soul“ bzw. „One Step Away“ brennt die Tanzfläche – mit dem vorläufigen Gipfel durch „Danceteria“, einem klaren Verweis auf ihre New Yorker Nachtclub-Phase mit textlichen Erwähnungen von vielen berühmten Personen und deutlich poppiger, an „Vogue“ angelehnt. Das kommt gerade zur richtigen Zeit, weil so Abwechslung reinkommt, die man zwar nicht unbedingt braucht, die man aber doch dankend nimmt. Selbiges gilt für „Read My Lips“, das stark von Latin-Rhythmen definiert wird und ebenfalls Parallelen zu älteren Madonna-Songs wie „La Isla Bonita“ erkennen lässt – nur, dass jetzt noch Feid an ihrer Seite steht und seinen Stil mitbringt. Auch wenn man einige Fragmente wiedererkennt, verhindert Madonna es, eine stumpfe Kopie ihrer selbst zu liefern. 

Eskapismus und Intimität

„Everything“ entwickelt sich nach einem weiteren „Vogue“-Tribut zu einem treibenden Track, bevor „Love Sensation“ doch noch eine kleine Disco-Periode einläutet, die in „Love Without Words“ fortgesetzt und auch aufgelöst wird. „Bizarre“ zusammen mit Martin Garrix zieht wahnsinnig nach vorne und hat eine sehr eingängige Hook und eine kleine Abrechnungs-Passage mit ihrem Ex-Mann Sean Penn dabei. Dass ein Madonna-Martin Garrix-Song 2026 so gut funktionieren würde, dürften wohl nur die wenigsten geglaubt haben. 

Das Album hat definitiv auch Phasen, wo nicht allzu viel geschieht oder man einfach einen Moment benötigt, um nach den Eskapaden wieder ordentlich durchzuschnaufen: „School“ ist dafür ein gutes Beispiel, das ist eine der wenigen Passagen, wo man sich lieber berieseln lässt, als aktiv mitzugehen. Dafür wird „Fragile“ im Anschluss intimer: Hier verarbeitet sie den Tod ihres Bruders, der 2024 starb. Nachdem sich die beiden zu Lebzeiten erst kurz vor seinem Tod versöhnten, nützt Madonna die Gelegenheit und kommt hier wieder richtig ins Singen – eine schöne Versöhnung und Vergebung mit einem poppigen Refrain.

© Rafael Pavarotti

Interessant ist zudem „My Sins Are My Savior“, weil Stromae Madonna auf Französisch begleitet und einen etwas düsteren Ton anschlägt. „Betrayal“ bekommt dank einer Trompete eine jazzige Note und handelt von Madonnas schwierigem Verhältnis zu ihrer Stiefmutter, die ebenfalls 2024 verstarb. Hier ist sie im Gegensatz zu „Fragile“ nicht mehr so versöhnlich – und auch das Klangbild hat sich zunehmend von der House-Eskapade verabschiedet. 

Mit „The Test“ kommt es zum zweiten Mutter-Tochter-Duett: Lola Leon – Lourdes – singt mit Madonna in einem Trip-Hop-artigen Gebilde über gegenseitigen Respekt. Gesanglich bringt Lola viel Wärme mit, ansonsten ist das Lied das mit Abstand bravste des gesamten Albums. Der Closer „L.E.S. Girl“ ist schließlich gar noch eine Gitarrenballade, die aus dem Nichts kommt und Madonna in Erinnerungen an ihre Anfangszeit in New York schwelgen lässt. Damit hat der Schluss von „Confessions II“ doch noch eine krasse Abkehr des sonst gängigen Musters hingelegt.

Fazit

Trotzdem dürfte diese Platte selbst den größten Kritiker:innen von Madonna eine Menge Respekt abringen. „Confessions II“ ist über weite Strecken ein enorm unterhaltsames Album, auf dem Madonna gerade durch die Rückbesinnung auf ihre Karriere neue Stärke findet. Vermutlich hätte man das Album um zehn Minuten kürzen können, ohne dass es wesentlich verloren hätte – gerade Tracks wie „School“, „Love Sensation“ oder auch „The Test“ vermisst man kaum. So bleibt das beste Madonna-Album seit 21 Jahren, das womöglich auch eine jüngere Generation wieder zu ihren Klassikern führt.

8/10