Label: AMF Records

Genre: Art-Rock, Indie-Folk
Mary in the Junkyard treten mit „Role Model Hermit“ in die Fußstapfen jener britischen Indie-Bands, die Melancholie und Wucht gleichermaßen beherrschen. An Wolf Alice und English Teacher denkt man dabei zwar immer wieder – trotzdem findet das Trio erstaunlich schnell zu einer eigenen Identität.
Es vergeht kaum ein Jahr, in dem Großbritannien nicht mehrere sehr gute neue Indie-Bands hervorbringt. Mary in the Junkyard sind die neueste Band, die die britische Indie-Szene begeistert. Clari Freeman-Taylor, Saya Barbaglia und David Addison machen seit 2022 zusammen Musik und haben 2024 mit ihrer EP „This Old House“ erstmals auf sich aufmerksam gemacht. 2025 ging die Band schon mit Wet Leg auf Tour, jetzt ist mit „Role Model Hermit“ ihr erstes Album erschienen. Sie setzen auf experimentellen Rock und Indie Folk, beherrschen also sowohl knarzend-laute als auch intim-sanfte Dynamiken. Diese Gegensätze spiegeln sich auch in den Texten wider, in denen Nähe und Distanz, Geborgenheit und Unsicherheit oder Hoffnung und Angst immer wieder aufeinanderprallen.
In den verträumten Regionen beginnt auch die Platte mit „Mantra III“, wo die Zeile „It is yours, babe / You deserve it“ zum wiederholten Motiv wird. Es ist ein äußerst verhaltener Start, der neben den Spoken-Word-Einlagen von Clari Freeman-Taylor vor allem von verzerrten Streichern und einem leicht chaotischen Rhythmus geprägt ist. Hier tritt der äußerst seltene Fall ein, dass der Album-Opener auch gleichzeitig den schwächsten Track darstellt. Auch wenn man durch die ständige Wiederholung ein Mantra simulieren und auch völlig abschalten kann, verliert sich der Song etwas zu sehr in seinem eigenen Kosmos.
Das ändert sich rasant mit dem zweiten Song „Blood“: Angetrieben von einer sehr groovigen Gitarre, einem schönen Bass und antreibenden Drums, entsteht ein turbulenter Liebessong, der das dynamische Spiel perfekt versteht. Die Produktion steckt voller kleiner Details, gleichzeitig scheut man nicht vor einigen schrillen Passagen, die sich in breiten Teppichen auflösen dürfen. Auch „Seek And Destroy“ entpuppt sich als roher und gleichzeitig erstaunlich verletzlicher Song, getragen von einem markanten Gitarrenriff und Lines wie „I don’t have the body or the mind to go out tonight“, die Clari zunächst flüstert und wenig später wieder mit voller Stimme singt.
„New Muscles“ wird zu einer interessanten Hymne, weil Mary in the Junkyard hier konsequent mit Erwartungen brechen. Wieder definiert der Spagat aus leisen, hohen Strophen und ein kräftiger, lauterer Refrain das Geschehen. Die Streicher bringen zusätzliche Tiefe. Die erste Hälfte der Platte ist im Allgemeinen ein Genuss für Fans von sich entwickelnder Rock- und Indie-Folk-Musik. Auch wenn „Myrtle“ nie den letzten Schritt Richtung Dringlichkeit geht, ist es faszinierend zu hören, wie sich der Song immer weiter entfaltet. „Peter The Dog“ kommt im Anschluss dafür ein wenig zu brav daher, hier gibt es zwar eingängige Melodien, trotzdem vermisst man den letzten Punch.
Der kommt dafür im großen Highlight der Platte „Crash Landing“. Ein Harmonium bildet das Klangfundament, das von Sayas Bratsche zusätzlich bespielt wird. Allein diese Instrumentierung macht das Lied besonders, durch die wechselnden Atmosphären wird etwas großartiges daraus. Der Track verbindet hypnotische Momente mit überraschenden Wendungen, fühlt sich warm und vertraut als auch dringlich an. Je öfter man das Lied hört, desto besser wird es. Das gilt generell für das Album: Lässt man es nebenherlaufen, verpasst man die besten Sachen.
Nach dieser fast strapazierenden Albumphase kann man sich in den Songs „Welcome Break“ und „Candelabra“ dank filigranem Fingerpicking auf der Gitarre und einer guten Portion Melancholie ein bisschen ausruhen. In „Thou Shalt Sprout“ wird es noch einmal düsterer und Mary in the Junkyard zeigen ihre gesamte Klasse: Das Zusammenspiel aus Cello, stoischen Drums und Bratsche mit den mehrstimmigen Gesangsharmonien bei ständigem Strukturwechsel ist umwerfend. Der Closer „Mouse“ kann ebenfalls überzeugen, ist zwar deutlich üppiger als vieles auf der Platte, kreiert dadurch aber auch einen Final-Moment – den man gekonnt ausschleichen lässt.
„Role Model Hermit“ ist ein beeindruckendes Debüt, das zwar hörbar in der Tradition großer britischer Indie-Bands steht, daraus aber einen eigenen Sound entwickelt. Mary in the Junkyard beherrschen die Kunst, Gegensätze miteinander zu verbinden: Laut und leise, Schönheit und Dissonanz, Intimität und Wucht gehen problemlos ineinander über. Nicht jeder Song zündet sofort und gerade der Opener verliert sich etwas zu sehr in seiner Idee. Wer sich jedoch auf dieses Album einlässt und ihm Zeit gibt, entdeckt eine der spannendsten neuen Gitarrenbands Großbritanniens.
8/10
Früher Sängerknabe, heute zwischen Fußball, Football und viel Musik. Im Herzen immer Punker.

