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ROSALÍA – MOTOMAMI

© Columbia Records

Genre: Avantgarde, Pop

Die katalanische Sängerin setzt sich mit ihrem dritten Album Motomami neue Maßstäbe.

BACKGROUND

Rosalía stieg in den vergangenen Jahren zum großen Star der spanischsprachigen Popmusik auf. Die 29-jährige Katalanin eroberte die Musikwelt zunächst über ihre Wurzeln: Ihr Debütalbum Los Angeles präsentierte sie zunächst noch als Folk- und moderne Flamenco-Sängerin, ehe sie mit ihrem zweiten Album El Mar querer ihre musikalischen Ursprünge weiterentwickelte und in Richtung Latin RnB, experimentellen Pop und Flamence Pop abbog. Hier wurde die volle Pracht ihrer Vielseitigkeit hörbar, wodurch sie zum angesagtesten weiblichen Popstar im Latin-Bereich aufstieg.

Die kommenden Jahre verbrachte sie hauptsächlich damit, ihr Leben im Ruhm und Glanz neu ordnen zu können. Plötzlich war Rosalía nicht mehr das einfache spanische Mädchen von nebenan sondern ging auf Drinks mit Neo-BFF Kylie Jenner. Die Musik wurde nicht vernachlässigt, immer wieder droppte sie Singles, vor allem auch mit prominenten Feature-Partnern, die in den Charts erfolgreich waren und sehr viel Lust auf ein neues Album machten.

Dafür ließ sie sich Zeit. Auch wenn die Aufnahmen schon im Januar 2019 begannen, zog sich der Prozess über mehrere Jahre, bis in den August 2021 hinein, ehe sie Motomami im November 2021 endlich ankündigte. Das zentrale Thema dieses Albums stellt die Entwicklung ihres Lebens in den letzten Jahren dar, den Aufstieg zum Superstar. Eine Dreiviertelstunde gewährt uns Rosalía Einblick in ihr Inneres, teilt mit den Hörern intime Gedanken und setzt diese energiegeladen in ihrer Musik um. Sie verabschiedet sich fast vollständig vom Flamenco und zeigt eine aggressivere Version von sich, spielt mit den Mustern des Pop, entwickelt sie weiter und denkt größer als je zuvor.

REVIEW

Motomami hat verschiedene wiederkehrende Themen. Den Schmetterling zum Beispiel, der zu Rosalías Markenzeichen wurde und der für ihre Transformation stehen soll. Das kleine Mädchen ist dem Flamencokleid entschlüpft und hat sich zur Badass-Popkünstlerin entwickelt. Wobei, das mit dem Flamencokleid kommentiert sie auf einem ihrer Songs ohnehin noch. Yo soy muy mía, yo me transformo / Una mariposa, yo me transformo (ich bin ganz mein, ich transformiere, ein Schmetterling, ich transformiere) knallt sie in der Hook des Openers Saoko um die Ohren, einem Track, der von der ersten Sekunde die geballte Energie von Rosalía unter Beweis stellt. Sie sampelt Wisin und Daddy Yankees gleichnamigen Hit aus dem Jahr 2004 und zollt den Pionieren des Reggaeton damit Tribut. Dieser Sound, die harten Bässe, passen wie die Faust aufs Auge zu ihrem Sprechgesang. Saoko ist böse, zeigt aber auch die verschiedenen Einflüsse Rosalías – mittendrin darf ein Jazzpiano klimpern – ehe wieder das gängige Thema übernimmt. Ein Intro wie man es sich für ein Album wünscht, frisch, kraftvoll mit Scheiß-drauf-Attitüde, unbändig nach vorne gerichtet und Verweis darauf, dass hier wohl kein Stein auf dem anderen bleibt.

Die experimentelle Freude findet ihren Höhepunkt in CUUUUuuuuuute wo alles kracht und wummert, wo die Percussion dröhnt und plötzlich verstummt, damit Rosalía zum Balladen-Refrain mit großem Gesang übernehmen darf. Dann wieder dasselbe Spiel, die Drums übernehmen, jegliche herkömmliche Form der Popmusik wird dekonstruriert. Wenn man etwas an diesem Song kritisieren möchte, dann ist es die kurze Dauer von 2:30 Minuten.

Neben CUUUUuuuuuute finden sich noch zahlreiche Beispiele, die Rosalías Drang nach Veränderung und Aufbrechen der Genregrenzen darstellen: Auf Candy haucht sie verletzlich, aber kraftvoll zugleich über den Dembow-Beat und erklärt, dass ihr Ex-Lover sie so schnell nicht vergessen wird. Geht auch nicht, der Sound ist zu ansteckend, auch wenn sich Candy immer wieder zurücknimmt und in Richtung Ballade tendiert.

Das zuvor angesprochene Flamencokleid spielt die Hauptrolle in Bulerías. Rosalía betont immer zu ihren Wurzeln zu stehen, egal ob sie sich in Fendi und Versace kleidet und sich in unterschiedlichen Musikformen versucht. So bekommt der Flamenco seinen einzigen Auftritt auf Motomami, auf dem sie auch diversen Genrevertretern Tribut zollt.

Sie adressiert auch Heimweh nach Spanien, wie in G3 N15 hörbar wird. Rosalía schreibt ihrem Neffen einen Brief, bittet um Verzeihung, dass sie ihn schon lange Zeit nicht mehr sehen hat können und beton, dass Los Angeles kein schöner, echter Ort ist. Estoy en un sitio que no te llevaría / Aquí nadie está en paz entre estrellas y jeringuillas – Hier, zwischen Sternchen und Spritzen, ist niemand in Frieden. Dabei wählt sie einen reduzierten und verträumten Ansatz, eine elektrische Orgel unterstützt ihren sakralen Vortrag, der sich zum Ende zu einer starken, vielleicht ein bisschen pathetisch aufgeladenen Nummer, entwickelt. Das Outro des Songs übernimmt ihre Großmutter, die Rosalía eine Sprachnachricht zukommen ließ, in der sie Gott huldigt und erklärt, dass sie zwar keinerlei Ahnung vom Leben im Ruhm habe, aber hoffe, dass es ihrer Enkelin gut gehe und sie Rosalía immer unterstützen würde.

Der Glaube wird auch immer wieder erwähnt. Gott zuerst, die Familie direkt danach. Diablo widmet sich auf gewiefte Art und Weise ihrem Glauben, hauptsächlich aber auch ihrer Reise zum Weltstar. Mittlerweile muss sie sich auch Vorwürfe gefallen lassen, dass sie nicht mehr dieselbe, wie noch vor ihren ruhmreichen Tagen sei. James Blake macht auf dem Track mit, der vor allem durch hochgepitchte Stimmen und Latin-Beats auffällt.

Auch ein Cover findet den Weg auf Motomami: Delirio de Grandeza stammt aus dem Jahr 1968 und wurde vom kubanischen Sänger Justo Betancourt gesungen. Rosalía hebt das Lied auf eine höhere Ebene, sampelt Soulja Boys Delirious und stellt damit einen krassen Kontrast zwischen Salsa und Crunk-Rap her. Die Welten kollidieren bei Rosalía sekündlich.

Selbst der klassische Herzschmerz klingt bei ihr noch spannend. Como Un G beginnt zwar langsam, schüttelt seine Trägheit aber durch die Hereinnahme diverser Synthis ab, bis sie wieder verschwinden und Rosalía reduziert die Engel anfleht, dass sie sie aus diesem Kummer retten sollen. Für uns bleibt Sound, der größer als ihr Schmerz ist.

Richtig explizit geht es in Hentai zu, was ob des Titels auch wenig verwundert. Versteckt in einer wunderschönen Klavierballade erklärt Rosalía, dass sie ihren Partner wie ein Rad reiten möchte und dass Sex mit ihm direkt nach Gott die beste Sache der Welt ist. Das plötzliche Auftauchen diverser Percussion-Synthis, die wie ein Maschinengewehr im Hintergrund Chaos auslösen, dürfte an den sexuellen Höhepunkt angelehnt sein.

Um die japanischen Themenblöcke abzuschließen, bleibt uns noch der Closer Sakura, was übersetzt Kirschbaumblüte heißt. Ein Symbol der kurzen, aber vergänglichen Schönheit und des Akzeptierens der Lebenszyklen. Rosalía, zart und trotzdem kräftig, betont die eigene Vergänglichkeit, setzt auf Hall-Effekte, baut ein Publikum ein. Während der Start noch knallte und uns allen möglichen Sound um die Ohren klatschte, bleibt sie hier zurückhaltend und beendet das Lied plötzlich – was eben auch das plötzliche Ablaufdatum des Lebens darstellt.

Schlechte Momente gibt es auf Motomami nicht. Dürftige lassen sich aber ein paar wenige finden. Die Leadsingle La Fama bringt Hüften zum Kreisen, ob es aber unbedingt notwendig war The Weeknd als Partner zu wählen, darf zumindest hinterfragt werden. Klar, er ist der größte männliche Popstar unserer Tage und ein Feature bringt die Kasse zum Klingeln. Eine Kollabo mit einem spanischen oder karibischen Sänger hätte noch mehr Authentizität vermittelt. Dass sie Künstler zum spanischsprachigen Gesang bringt, ist auch nicht neu, schon Travis Scott wagte sich 2020 in TKN in fremde Gefilde. La Fama an sich ist aber durchaus stark.

Was machen wir mit Chicken Teriyaki? Auf der einen Seite extrem cool, auf der anderen Seite doch ein wenig generisch. Je öfter man den Track hört, desto mehr kann man sich damit anfreunden – so ging es mir zumindest. Das gilt für das spoken Skit Abcdefg nicht, was sowohl an meinen wenig bis dürftig vorhandenen Spanischkenntnissen als auch an der gewöhnungsbedürftigen Anordnung auf der Tracklist liegt. Mit La Combi Versace flext sie zusammen mit Tokischa über Versace und Co, was man ihnen auch zugestehen darf.

Und der titelgebende Track? Der dauert eine Minute und hinterlässt gemischte Gefühle. Bass stark, Piano ganz fein, die ständigen ok motomami-Wiederholungen aber eher meh.

FAZIT

Motomami ist in vielerlei Hinsicht ein wichtiges Album. Zum einen für Rosalía, die damit ihre letzten Jahre verarbeiten konnte, zum anderen für die Popwelt, die einmal mehr aus den Ankern gerissen wird. Die Verschmelzung und Metamorphose vom klassischen Flamenco zum experimentellen Avantgarde-Pop, ist ihr eindrucksvoll gelungen, das Symbol des Schmetterlings deshalb auch klug gewählt. Motomami dient außerdem als nächstes Beispiel für Musik, dessen Text man nicht unbedingt verstehen muss, um berührt zu sein, um Gefühle zu entwickeln oder einfach vollkommen abzugehen. Es ist ein Album, das Grenzen sprengt und bis auf wenige Ausnahmen der Versuchung der Wiederholung widersteht. Musik für die Welt, die Rosalía zu einem noch größeren Star und einer noch angeseheneren Künstlerin machen wird.

9,2/10

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