Juju – 44 Me

Label: Chapter One

Genre: Deutschrap

Als Juju im Juni 2019 ihr Debütalbum „Bling Bling“ veröffentlichte, hätte wohl niemand damit gerechnet, über sieben Jahre auf einen Nachfolger warten zu müssen. Sie selbst vermutlich am wenigsten. Aber wie so oft in ihrem Leben waren die Umstände für die 33-jährige Rapperin auch in diesem Zeitraum nicht leicht. Kurz nach dem Release hätte eigentlich die Tour losgehen sollen – bis Corona 2020 dazwischenkam. Die Zwangspause kam Juju allerdings nicht ungelegen: Sie fühlte sich zu diesem Zeitpunkt bereits ausgebrannt und überarbeitet, wie sie dem Spiegel in einem ausführlichen Interview verriet.

Vom Burnout in die Isolation

In dieser Zeit wurde auch eine persönliche Krise sichtbar, die offenbar schon jahrelang in ihr geschlummert hatte. Juju zog sich deshalb zurück, verließ Berlin und saß allein in einem Hotelzimmer in Spanien. Sie gab an, dort an neuer Musik zu arbeiten, nur um sich schließlich mit ihren Traumata aus der Kindheit konfrontiert zu sehen. Sie merkte, dass sie sich trotz ihres Erfolgs – den Goldplatten, dem MTV Europe Music Award, den Millionen Streams – noch nie wirklich um sich selbst gekümmert hatte. Jahrelange Erschöpfung, schwierige Vertragsverhältnisse mit ihrem ehemaligen Management und unverarbeitete Kindheitserlebnisse kamen an die Oberfläche. Sie begab sich schlussendlich in Therapie und bekam eine Diagnose: ADHS und Autismus. Plötzlich fühlte Juju Erleichterung – und plötzlich ergaben viele Dinge aus ihrer Vergangenheit endlich Sinn. Mit diesem Wissen im Gepäck kehrt sie jetzt endlich mit einem neuen Album zurück.

Dass Juju seit ihren Karriereanfängen mit SXTN zu den besten deutschsprachigen Rappern (bewusst nicht gegendert) gehört, ist unstrittig; dass sie Vorreiterin für eine gesamte Generation von neuen Rapperinnen wurde, ebenso. Wenn sie ins Spitten kommt, ist nichts mehr vor ihr sicher, was sie unter anderem mit einem herausragenden Track wie ihrem „Intro“ zum ersten Album unter Beweis stellte. Juju kann vielseitig rappen, reiht aber nicht wahllos sich reimende Silben aneinander, sondern transportiert auch noch Botschaften – autobiografische oder gesellschaftskritische.

Die Rückkehr der Pionierin

Auch jetzt, sieben Jahre später, startet sie mit dem Opener zu ihrem zweiten Album „44 Me“ in ihre neue Ära. „Crashout Freestyle“ ist eine 135 Sekunden lange Zusammenfassung ihrer Gedanken, die sich in den vergangenen Jahren angestaut haben: Mit Wut im Bauch rappt sie darüber, wie sie „verarscht und verkauft“ wurde, wie sie alle möglichen Therapieformen probierte, um wieder klarzukommen, wie sie wieder musikalischen Hunger entwickelte und endlich wieder an sich selbst glaubte. „Wenn du in einem bestimmten Umfeld aufgewachsen bist, wo keiner an sich glaubt und keiner auch an dich glaubt, dann glaubst du halt auch nicht an dich. Vor allem nicht, wenn du jung bist und noch nichts gesehen hast“, erzählte sie im Spiegel-Interview. Dieses wiedergefundene Selbstbewusstsein ist eine der Triebfedern für Jujus Auftritt auf „44 Me“.

Ganz weg war Juju ja ohnehin nicht. Immer wieder war sie gern gesehene Feature-Partnerin oder forderte mal lauter, mal leiser ein, dass man ihr für ihre Pionierarbeit für Frauenrap mehr Credit geben solle – vor allem von Kolleginnen. Das thematisiert sie auch in „Crashout Freestyle“: „Warum rappen Bitches auf einmal so scheiße? / Ach stimmt, eure Writer, sie konnten mich lange nicht biten / Das war’n bestimmt sehr harte Zeiten / Ich kann euch versteh’n, doch ihr müsst nicht mehr leiden…Ja, ich hab’s cool gemacht, dass ihr euch Fotze nennt / Ja, ich hab’s cool gemacht, dass Frauen rappen in Deutschland / Doch krieg‘ keine Props, ja, ihr habt mich enttäuscht“. In diesen zwei Minuten und fünfzehn Sekunden wird sofort klar: Juju ist wieder da, Juju hat richtig Bock und es wird nichts zurückgehalten.

Deshalb adressiert sie auch gleich anschließend im gleichnamigen Song ihre „Hater“. Dieser Track kommt böser, Juju wechselt die Flowarten, wie sie möchte, wodurch die Strophen schön dringlich kommen und ihre Worte bzw. Punchlines ordentlich treffen. Leider kann die relativ simpel gehaltene Hook diesen Drang nicht ganz aufrechterhalten; hier wird ein bisschen zu viel Dynamik herausgenommen. Lyrisch gibt’s zwei markante Stellen: Juju droppt in der Hook, dass sie Autistin ist, und rappt in der zweiten Strophe davon, dass sie sogar mal mit „‘nem Mean Girl in ‘ner Band“ war. Ziemlich deutliche Worte, die man fast nur in Richtung Nura lesen kann.

Healing Era, Neurodivergenz und Ansagen an die Szene

All die genannten Dinge – also Rückkehr, mentale Herausforderungen, Hater und auch ihre Stellung in der Rapwelt – werden in „Allein“ noch einmal vertieft: „Doch ich bin mein’n Ziel’n so nah, glaub mir, das ist meine Healing-Era / Brauche kein’n Hund um mich rum, der mein’n Mund verbietet / Keine Bitch um mich rum, die mich runterzieh’n will“. Es ist der erste Track, auf dem Juju melodischer aufschlägt und auch ins Singen kommt – was schon in der Vergangenheit funktionierte. Dieser Song versprüht Anziehungskraft durch die poppige Hook, holt aber auch mit den stimmlich hohen Rapstrophen ab. Dazu noch ein feiner WATERBOUTUS-Beat mit ordentlichem Drop und Streichern zum Ausklang.

Ähnlich ins Ohr beißt sich die Hook von „$horty“, obwohl Juju hier enorm dunkle Themen anspricht: Sie zeichnet das Porträt einer jungen Frau, die nach außen alles hat: Cash, Fame, einen perfekten Körper, Millionen Follower. Gleichzeitig erzählt sie aber auch von Body-Dysmorphia, Dopaminmangel, Reizüberflutung, Brainrot, Hate und dem Gefühl, ohne die eigene Online-Präsenz niemand zu sein. „Keiner kann sie lieben, weil keiner sie kennt / Shorty hat perfektes Life, sie ist eine Brand / Plottwist: Sie hat keine Friends, Shorty hat Fans / Zeigt sie wahres Ich, wird sie gecancelt / So viel Insecurities, die sie verdrängt / Ihr kleiner Kopf platzt so wie ihre DMs / Sie will weg, sie will raus aus dem Haus, und sie rennt“. Shorty bekommt alles, solange sie sich verbiegt – und will am Ende trotzdem einfach nur auf einen anderen Planeten. Juju hat sich immer schon nahbar gezeigt, aber diese Tiefe ist neu.

Relativ früh im Album fragt sich Juju außerdem in „Why“: „Warum hab‘ ich Hass / Auf diese Welt, in der ich leb’? / Warum tut es jeden Tag / Warum tut es jeden Tag so weh? / Will nur irgendwas / Will nur irgendwas zerstör’n aus Spaß / Auch wenn ich es selbst bin heut Nacht“ und zeigt in weiterer Folge ein besorgniserregendes Ausmaß an Resignation, das sie im gesamten Song nicht ablegt. Diese inneren Zwiste gehen nahe, vor allem wenn man die Berlinerin sonst als lebensfrohe und freudig feiernde Person kennt.

Banger-Hooks und Tagebuch-Skits

Ein essenzieller Bestandteil von „44 Me“ sind die Preludes. Gleich fünf davon baut Juju ein; sie dienen als Sprechskits und geben den darauffolgenden Songs zusätzlichen Kontext. Manchmal scheint sie aus einem Tagebuch zu lesen, manchmal drückt sie ihren Unwillen über den Social-Media-Content-Zwang aus, an anderer Stelle hypt sie sich selbst oder spricht sich gut zu. Es sind kurze Vertonungen ihrer inneren Monologe, in denen sie Zweifel, Sorgen und Glück reflektiert – oder einfach ihre Angriffslust auslebt.

„Rich Bitch“ ist einer der härtesten Tracks des Albums, ein schöner Flex-Track, der trotzdem gekonnt den Spagat aus autobiografischem Storytelling und Angriff gegenüber der Szene schafft: „Mein Dad war ein Ticker, meine Mom Krankenschwester (Ja) / Guck ma‘, ich fick‘ diese ganze Musikszene ohne Bildung / Klassengesellschaft, doch ich bin um Klassen besser … Ein Album von mir hat mehr Impact als von dir drei… Woll’n mein Album hassen, jeder Song zu cool, um zu skippen“. Banger-Track. Das kann man außerdem noch über „Dumm“ sagen, wo sich Juju zwischen hoher Stimmlage in der Hook und zwischenzeitlichem Mumble-Rap in der Strophe bewegt. Selbstbewusste Partytracks waren immer schon eines der größten Erfolgsmittel Jujus. „Girls Night“ bläst ins selbe Horn, kann durch die repetitive Hook aber nicht die Euphorie der Strophe oder von „Dumm“ versprühen.

„Millies“ zeigt wiederum eine ganz andere Juju: Hier geht es nicht um Abrechnung oder Selbstoptimierung, sondern um Ablenkung. „Fucked up, keine Kraft mehr für Masking“, rappt sie und beschreibt hier einen Menschen, bei dem sie ihre Attitüde ablegen und einfach sie selbst sein kann. Gemeinsam durch die Nacht cruisen, sich küssen, den Kopf ausschalten. Sie ist „ein Freak, nur für ihn“, will nichts analysieren und für ein paar Stunden einfach vergessen, was außerhalb dieses Autos passiert. Feature-Partnerin Ledbyher setzt dem mit ihrem deutlich kühleren Part einen schönen Kontrast entgegen.

Neben der britischen Rapperin hört man auf „44 Me“ außerdem noch Tom Hengst und RAF Camora. In „German Dream“ flext Juju mit Tom um die Wette – es wird zwar nicht viel Neues gesagt, aber die beiden harmonieren gut und bringen eine gelungene Gegensätzlichkeit zutage. Warum sie sich ausgerechnet RAF Camora für ihre Interpretation des Freundeskreis-Klassikers „Mit Dir“ ausgesucht hat, bleibt ein wohl nie aufzulösendes Rätsel, aber trotz aller Abgedroschenheit des Songs an sich fangen einen die beiden schon ordentlich ein. Natürlich nicht mit dem Original zu vergleichen – niemand kann den Emotionen und dem Vortrag von Joy und Max auch nur ansatzweise das Wasser reichen –, aber auf irgendeine Art trotzdem ein einnehmender Auftritt von Juju und RAF.

Der eigentliche Closer „Premium-Chaya“ wird schlussendlich zur endgültigen Wiedergeburt von Juju. Sie scheint sich mit ihren Zweifeln und Sorgen arrangiert zu haben und stellt ihr klares Selbstbewusstsein wieder ins Zentrum. Im Outro betont sie „Keiner kann mich ficken / Ich bin’s einfach“ und lässt das Album ausfaden.

Fazit

Schön, dass Juju wieder da ist. Schön, dass es ihr offenbar wieder besser geht. Und vor allem schön, dass sie in all den Jahren nichts verlernt hat und auf „44 Me“ wieder eindrucksvoll zeigt, was sie eigentlich kann. Weniger schön ist, dass sie sich thematisch manchmal etwas zu oft wiederholt – Hater, Selbstzweifel, Heilung, ihre Stellung in der Szene. Aber auch das sei ihr verziehen, sind es doch ziemlich offensichtlich genau die Dinge, die Juju in den vergangenen Jahren beschäftigt haben. Vielleicht musste sie diese Gedanken einfach erst einmal loswerden, bevor wieder Platz für etwas Neues ist. Wenn das hier also ihre Healing Era ist, dann ist Juju definitiv auf einem guten Weg.

Starke 7/10

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