Karol G – No Me Arrepiento de Sentir Tanto

Label: Bichota Records/Interscope

Genre: Reggaeton, Cumbia, Latin-Pop

Immer wenn Karol G unter Herzschmerz leidet, findet sie zu ihren größten musikalischen Stärken. Was schon bei „Mañana Será Bonito“ funktionierte, gelingt dem kolumbianischen Superstar in weiten Teilen ihres neuen Albums „No Me Arrepiento de Sentir Tanto“ ebenso. 

Herzschmerz als Stärke

Als Karol G im vergangenen Jahr „Tropicoqueta“ veröffentlichte, war sie noch in einer glücklichen Beziehung mit Feid, quasi das kolumbianische männliche Pendant zu Karol G. Damals wollte sie die unterschiedlichen musikalischen Einflüsse ihrer Heimat auf einem Album präsentieren, was ihr – vor allem aufgrund des wenige Monate zuvor erschienenen Bad Bunny-Albums „Debi Tirar Mas Fotos“ – den Vorwurf einbrachte, das Erfolgsrezept des Puerto-Ricaners zu kopieren. „Tropicoqueta“ ließ die Tiefe vermissen, kratzte hauptsächlich nur an der Oberfläche und war eigentlich eher ein Rück- als ein Fortschritt. Abgesehen von „Latina Forever“, einem brutalen Reggaeton-Track.

Mit dem Reggaeton ist es so eine Sache: Die antreibenden Beats und der meistens dazugehörende Perreo verlangen es, dass man sich schon auf der Tanzfläche näherkommt, als es manch konservativen Vertretern lieb ist. Sex, Zweisamkeit, explizite Sprache sind gewünscht und Lebenseinstellung. Karol G hat in der Vergangenheit einige Reggaeton-Banger geschrieben und auch keinen Hehl daraus gemacht, dass sie das von Männern dominierte Genre auch für selbstbewusste Frauen öffnen möchte – wie es vor ihr etwa Ivy Queen schon tat. Mit ihrem Album „Mañana Será Bonito“ avancierte Karol G zum Weltstar und zeigte, dass man im Reggaeton auch sehr viele persönliche Themen verarbeiten kann. Nicht nur die Glücksgefühle, sondern auch der Herzschmerz kann dort vertont werden. Auf ihrer neuen Platte „No Me Arrepiento de Sentir Tanto“ wird das deutlicher denn je. 

© Vito Fernicola

Dieses Album ist eindeutig der gescheiterten Beziehung zu Feid gewidmet. Tatsächlich war die Trennung des Superstar-Paars Mitte Januar 2026 eine ordentliche Überraschung, nach drei gemeinsamen Jahren verkündeten die beiden ihr Beziehungsaus. Der Albumtitel „Ich bereue es nicht, so viel gefühlt zu haben“ verrät die Richtung, allerdings verzichtete Karol auf eine Opferperspektive und versucht stattdessen, ihren Fokus mehr auf Selbstermächtigung und Akzeptanz zu legen. Sie bereut die Liebe nicht, auch wenn sie jetzt darunter zu leiden hat. „No Me Arrepiento de Sentir Tanto“ ist eigentlich kein Album, das sich der Nostalgie verschreibt und auch nicht wirklich traurig ausfällt – es ist viel mehr eine Ansammlung von Songs, die einer gemeinsamen Zukunft nachtrauern. 

Karol G zog sich für dieses Werk bewusst zurück, schrieb Texte und Gedichte in Notizbüchern und hörte dabei vor allem Cigarettes After Sex, Oklou, The Marías und Latin Mafia. Sie beschreibt, dass sie sich wie eine andere Person fühlte – kalt und sie wollte mit niemandem reden. Dementsprechend verwundert es nicht, dass mit Greg Gonzalez ausgerechnet der Gitarrist von Cigarettes After Sex auf einem Feature vertreten ist und Oklou auch einen Track produzierte. Ansonsten ist von Produktionsseite sehr viel beim Alten geblieben: Ovy On The Drums und Tainy sind bei einem Großteil der Songs involviert, Karol G selbst bei allen beteiligt. Für Aufsehen sorgen natürlich auch die Gastbeiträge von Drake und Bruno Mars wie auch die der spanischen Künstler:innen Judeline und Rusowsky. Es ist kein Album geworden, auf dem Karol G noch einmal beweisen möchte, dass sie richtige Abriss-Songs schreiben kann, sondern hauptsächlich eines, das ihr selbst zur Aufarbeitung dienen soll. 

Vollgas Emotion

So gestalten sich die 43 Minuten vor allem atmosphärisch, kühl und melancholisch. Die Percussion wird in den Hintergrund gerückt und dient nur als Anker, nicht mehr als prominentes Zentrum, wie man es sonst von ihr kennt. Trotzdem vergisst Karol nicht darauf, auch die ein oder andere sehr tanzbare Nummer zu integrieren. Sie startet in die Platte mit „Te Llevas To“, also „Du nimmst alles mit“ und ist enorm wütend, was auch in der Produktion deutlich wird. Hier geht es chaotisch zu, keine klaren Strukturen, sondern viel mehr eine Abbildung unterschiedlicher Ansätze, die man fast in Richtung Hyperpop drängen kann. Karol schwankt zwischen Sehnsucht und Schuldzuweisungen, bevor sie die Metaphern am Ende ganz fallen lässt und ihren Ex in unterschiedlichen Varianten als „Arschloch“ (und noch mehr) bezeichnet. Sie steht hier definitiv noch am Beginn ihrer Aufarbeitungsphase. 

Direkt danach macht sie sich in „Maybe“ noch mal Hoffnung auf ein Comeback oder zumindest ein so klärendes Gespräch, dass man irgendwie noch einen Kompromiss findet – nur um sich einzugestehen, dass das nichts bringt. Auch hier setzt man auf verhältnismäßig zurückhaltende Produktion, was einen ziemlichen Standard-Track zur Folge hat. Umso besser kann sich Karol im anschließenden „Bebiendo Lágrimas“ zeigen: Ein Song, den eigentlich nur Karol G so schreiben kann, ähnlich wie „Amargura“ von „Mañana Será Bonito“, treibt ein feiner Beat an. Zum ersten Mal zeigt sie wieder ihre Charakteristik, schafft es aber zudem, ihren Sound um eine verträumte Note zu erweitern. Hier ist sie schon am Punkt, an dem sie die Liebe aufgegeben hat, weil sie einfach so erschöpft ist. Sie beschreibt, wie Schmerz einen dazu bringt, an allem zu zweifeln – an Empathie, an Güte. Mit der Kernbotschaft: „Ich hab mein Limit erreicht, ich begrab die Liebe erstmal und genieß meine Ruhe.“ Das kommt enorm gut. 

„Ahi“ hingegen wird zu einer echten Geduldsprobe, was nicht zuletzt an Drake liegt. Er singt und säuselt auf Spanisch so gut er kann und beendet den Track mit einer repetitiven „I want a Latina“-Line. Die gemeinsamen Gesangspassagen zwischen Drake und Karol kommen ein wenig gezwungen, der Rest versucht durch luftige Produktion noch einen Sommerhit zu generieren. Inhaltlich wird hier um Geduld gebeten: Karol ist noch nicht bereit für eine neue Bekanntschaft, Drake hingegen scheint auf sie warten zu wollen. Definitiv das Lowlight der Platte, sonderlich viel Harmonie gibt’s hier nicht. 

Zwischen Loslassen und Rückfall

Ohnehin spannender sind jene Tracks, wo Karol mit zarten Melodien aufschlägt: „Final Feliz“, von Oklou produziert, ist ein schwebender Song, der die Erkenntnis in sich trägt, eine Beziehung trotz anhaltender Liebe nicht mehr weiterzuführen, weil am Ende einfach nur noch mehr Schmerz und Leid übrig bleiben würde. Direkt danach kommt mit „Still“ nicht nur ein kitschiges Duett mit Bruno Mars, sondern auch Karols erster komplett englischsprachiger Song. Es ist ein Lied, das sich ein bisschen nach einem Überbleibsel aus Brunos aktuellem Album „The Romantic“ bzw. „Die With A Smile“ anfühlt. Trotzdem kann man nicht leugnen, dass die Produktion und Darbietung der Künstler:innen schon eine gewisse Anziehung versprüht – auch wenn hier der Schmalz von der Decke trieft. 

Da kommt eine Hommage an Selena Quintanilla gerade zur rechten Zeit. „Alguien que te amaba“ ist ähnlich „Mi Ex Tenía Razón“ von Karols „Bichota Season“ ein Cumbia-Tejano-Mix, an dem niemand Geringeres als Pete Astudillo, der damalige Songwriter von Selena, mitgearbeitet hat. Diesen Stil muss man mögen, Karol steht er aber immer schon recht gut zu Gesicht. Eine Abwechslung, die guttut und das Album auch auflockert. „Matadora“ ist hingegen eine klare Zäsur zum restlichen Inhalt von „No Me Arrepiento de Sentir Tanto“: Karol ist hier selbstbewusst, ein expliziter Reggaeton at its finest. Sie ist nicht romantisch gestimmt, sie will keinen Smalltalk und weiß genau, was sie will. Body Positivity und sexuelle Selbstbestimmung in einem – ähnlich wie bei „Latina Forever“. Dass der Song mitten im Album liegt, ist interessant – durch seinen Text könnte er auch als Befreiungsschlag ganz am Ende der Tracklist stehen.

Die härtesten Momente

„Si Lo Ven“ holt eine ähnliche Gitarre wie in „Final Feliz“ hervor und ist der emotionalste Moment der Platte: Karol singt mit großen Emotionen und bittet ihre Freunde, ihrem Ex zu sagen, dass es ihr gut geht und sie ihn überwunden hat. Gleichzeitig gesteht sie aber, dass das alles gelogen ist. „Si lo ven, díganle que estoy bien / Miéntanle, por favor“ – „Wenn ihr ihn seht, sagt ihm, dass es mir gut geht / Belügt ihn bitte.“ Sie postet Stories, als würde sie ihr bestes Leben leben, aber innerlich stirbt sie: „Por fuera sonriendo, por dentro muriendo“ – Eine klassische Herzschmerz-Scham – man will nicht zugeben, dass man noch nicht drüber weg ist. „Él ya hizo su vida y yo aquí sigo quieta“ – er hat sein Leben weitergemacht und sie steht noch still. 

Sie will sich aber nicht zu sehr im Schmerz baden und holt sich deshalb für „BbY WOW“ mit Judeline und rusowsky zwei absolute Tanzflächen-Größen an ihre Seite. Hier wird’s wirklich mal locker und beschwingt, man kann ausgelassen tanzen und sich bewegen, auch wenn Karol sich eingesteht, dass sie immer noch viel zu häufig an ihn denkt: „Yo sé que no debo, que te pienso demasia’o“. Die Disco ist voll, aber sie fühlt sich leer, weil er nicht da ist. Vielleicht hat sie einfach zu viel gefeiert, jedenfalls riskiert sie wenig später fast schon einen Rückfall: „Vamo‘ a darnos otro chance, puede que haya suerte“ – lass uns eine weitere Chance geben, vielleicht haben wir Glück.

Von den Reggaeton-Balladen gibt’s noch einige: „For U My Lova“ ist ein absolut feiner, aber wenig interessanter Track, den Karol in der Form schon ein paar Mal geschrieben hat. „¿Con quién andará?“ verarbeitet Eifersucht und sampelt Jeanettes „Porque Te Vas“, einen Klassiker aus den 70ern über Abschied und Verlust. Die beiden letzten Songs „Eclipse“ und „Después de Ti“ gehören zusammen: Karol fragt den Mond, warum Liebe so weh tut und warum es manchmal noch Momente der Nähe gibt, wenn man eigentlich getrennt ist. In „Después de Ti“ gibt es dann die vernichtende Antwort: „Esto no es estar triste, son ganas de morirse“ („Das ist keine Traurigkeit, das ist der Wunsch, zu sterben“) ist die härteste Zeile des Albums. Mit „fabrico fantasías de que estás aquí (Ich male mir Fantasien aus, dass du hier bist)“ zeigt sie, wie tief diese Verweigerung der Realität geht. Ein wundervoller, wenn auch sehr schmerzhafter Song und Closer, bei dem Greg Gonzalez‘ Gitarre von Cigarettes After Sex die richtige Melancholie beisteuert. 

Fazit

Wer gerade in einer ähnlichen Situation wie Karol G ist, wird mit „No Me Arrepiento de Sentir Tanto“ vermutlich sehr viel anfangen können. Auch wenn man die Sprache nicht beherrscht, transportiert Karol durch ihre Musik und ihren Vortrag ihre Gefühle auf universelle Art und Weise. Trotzdem bleibt am Ende ein Album, das musikalisch nicht durchgehend überzeugen kann. Die atmosphärische, melancholische Ausrichtung steht ihr gut und einige Songs gehören definitiv zu ihren stärkeren – gleichzeitig gibt es aber auch immer wieder Stücke, die eher nach solidem Karol-G-Standard klingen und dadurch etwas austauschbar wirken. Die ganz großen Highlights vergangener Tage werden hier nicht erreicht. „No Me Arrepiento de Sentir Tanto“ ist ein gutes und vor allem sehr persönliches Album, aber auch eines, das manchmal ein bisschen zu sicher spielt. 

Schwache 7/10

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