Soyeon – What a Wonderful Life

Label: Cube Entertainment

Genre: K-Pop, Hyperpop, Soyeons musikalische Kreativität

Nur wenige Monate nach dem letzten Comeback von i-dle legt Soyeon schon mit einem Solo-Album nach: „What a Wonderful Life (끝내주는 인생)“, fünf Jahre und zwei Monate nach ihrer letzten Mini-EP „Windy“. Man fragt sich langsam, wann diese Frau eigentlich mal schläft.

Denn Soyeon ist Leaderin, Hauptrapperin und die kreative Kraft hinter der fünfköpfigen Gruppe i-dle – eine der wenigen K-Pop-Idols, die nahezu die gesamte Diskografie ihrer Formation selbst schreibt, komponiert und produziert. Deshalb sticht sowohl Soyeon als auch i-dle aus dem großen Pulk an K-Pop-Girlgroups hervor: Normalerweise ist eine derart umfassende kreative Kontrolle durch ein einzelnes Mitglied im System der großen Labels nicht vorgesehen. Dass i-dle trotzdem – oder gerade deshalb – zu den erfolgreichsten und beliebtesten Gruppen außerhalb der sogenannten „Big 4″ zählen, spricht für sich.

Soyeons Sound war schon immer schwer zu fassen. Sie hat über die Jahre bewiesen, dass sie zwischen aggressivem Trap, orchestralem Bombast, Hyperpop-Chaos und eingängigem Mainstream-Pop mühelos hin- und herspringen kann, oft innerhalb eines einzigen Songs. Genre-Grenzen interessieren sie praktisch gar nicht – ihr Markenzeichen ist eher die schroffe, unberechenbare Energie, mit der sie diese unterschiedlichen Einflüsse zusammenzwingt, als ein bestimmter, wiedererkennbarer Klang.

Dementsprechend klingt auch What a Wonderful Life“ im ersten Moment chaotisch: Rock, Hyperpop, Disco, analoger Bandsound und EDM wechseln sich ab und es gibt kaum einen Moment, wo ein musikalischer Gedanke über einen Song hinausgezogen wird. Soyeon selbst beschreibt das Album als ungefiltertes Porträt ihrer Persönlichkeit, ganz ohne Rücksicht auf ein kohärentes Image oder eine durchgängige Klanglinie. Das ist Konzept und Risiko zugleich: Wer stringente Genre-Treue erwartet, wird hier enttäuscht – wer sich auf die Sprunghaftigkeit einlässt, bekommt dafür ein Album, das zu jeder Sekunde überraschen kann.

Trotzdem fällt es schwer, das gesamte Album nach einem normalen Maßstab zu messen oder zu bewerten – die acht Songs sind musikalisch kaum unter einen Hut zu bekommen. Was die Platte zusammenhält, ist in der Tat Soyeons Persönlichkeit und ihre Charakteristik: Humor trifft auf Wut, trifft auf Eskapismus und Trotz. „What a Wonderful Life“ ist eher eine Sammlung von unterschiedlichen Lebens- und Gefühlsmomenten als ein stringent konzipierter Grundgedanke. Daher fühlt es sich weniger nach einem durchkomponierten Album an, sondern eher nach einer losen Sammlung – fast wie ein Mixtape.

Als Titletrack dient der Opener „I’m gonna TOESA (feat. Kian84)“, was grob übersetzt so viel bedeutet wie „ich kündige“. Das Video dazu bringt Soyeons Humor deutlich zum Ausdruck, sie zeigt gar den Mittelfinger und stürmt freudig aus dem Großraumbüro. Sie gibt sich hier ganz dieser Kündigungsfantasie hin, dem Ausbruch aus der Erschöpfung und den gesellschaftlichen Erwartungen, die sie schon jahrelang begleiten. Dazu gibt’s eine ordentliche Portion Selbstironie über ihre eigene „Unreife“ – sie spielt hier gekonnt und bewusst mit ihrem Status. Ohne diesen Zusatz könnte man das Lied als leisen Hilfeschrei lesen, so zeichnet sie ein Szenario, das jede:r kennt: Dem bedingungslosen Drang, einfach mal alles hinschmeißen zu wollen und die Dinge tun, auf die man Lust hat. Musikalisch bekommt man einen rockigen Pop-Song, der leicht beschwingt aufschlägt und dessen Hook trotzdem einen schönen Druck vorweist – vor allem dank der Gesangsmelodie und des akzentuierten Klaviers. Kian84s Narration gibt dem Song zusätzlich einen sehr lokalen, augenzwinkernden Anstrich – ein Insider-Witz, der vor allem bei koreanischen Hörer:innen zünden dürfte.

Wenn der erste Song noch relativ zugänglich ausfiel, folgt mit „Bankroll“ die erste Eskalation des Albums. Soyeon rechnet hier ungefiltert mit einer Beziehung ab, in der sie sich im Nachhinein als reine Geldquelle degradiert fühlte – sie erfährt, dass ihr Partner sie hinter ihrem Rücken gegenüber Freunden abschätzig als seine „Bankroll“ bezeichnete, während sie selbst liebevolle Briefe schrieb und großzügig Geschenke machte. Im Refrain wird sie dafür unverblümt deftig: Sie beschimpft ihn offen und ungeschönt. Diese Wut kommt auch klanglich durch: Der Song setzt auf scharfkantigen Rock mit schön antreibenden Electrobeats und einer gewissen Erlösung zur Hook hin – ein deutlicher Kontrast zum poppigeren Opener.

© Cube Entertainment

Der völlige Ausbruch folgt in Form von „icebluerabbit“ und „Star“. Diese beiden Tracks zelebrieren den Hyper- und Dancepop. Mit „icebluerabbit“ widmet sich Soyeon dem eigenen Künstler-Ich – der Titel ist ihr Produzenten-Pseudonym. Diese zwei Minuten gehen ultrahart, Soyeon kann sich mit so einem Lied problemlos zu Slayyyter, Charli XCX oder Ninajirachi gesellen – nur, dass sie vielleicht noch ein bisschen mehr Melodie in diesem sonst sehr düsteren Grundkonstrukt transportiert. „Star“ war der Startschuss der gesamten Rollout-Kampagne – Soyeons erster Solo-Song seit fünf Jahren, und laut eigener Aussage der Track, der ihre „eigene Farbe“ am deutlichsten zeigt: verspielt, aufregend, ganz auf Unterhaltung ausgelegt. Klingt in der Tat zunächst ein bisschen nach 2NE1, dank der Produktion mit Retro-Synthesizern, Percussion und einer treibenden Synth-Basslinie. Irgendwann wird ihr dieses Gen-2-Ding aber zu langweilig und sie kippt in einen energiegeladenen EDM, nur um anschließend wieder in etwas gemütlicheres zu switchen. Allein wegen dieser zwei Songs, sollte man sich mit Soyeon näher beschäftigen. 

Umgekehrt will man seinen Ohren nicht trauen, wenn „Hate Veggie song“ beginnt. Natürlich darf man den Track nicht allzu ernst nehmen – aber die Umsetzung als getarntes Kinderlied ist einfach eine Spur zu albern. Wobei, wenn man Koreanisch kann, dürfte man das Lied schon feiern, das geht einfach in die Kategorie Meme. Kein Zufall übrigens, dass Soyeon ausgerechnet dieses Thema wählt: Ihre Gemüse-Aversion ist seit Jahren ein bekanntes, liebevoll gepflegtes Markenzeichen – sie isst seit ihrer Kindheit so gut wie kein Gemüse – schon gar kein grünes – mit wenigen Ausnahmen wie Tomaten oder eingelegtem Rettich. Das Musikvideo dazu könnte man eigentlich auch als „Happy Tree Friends“-Folge ausstrahlen: Im Flash-Animationsstyle wird wiederholt Gemüse mit einem Messer mehr oder weniger massakriert, wodurch es tatsächlich eine 19+-Alterssperre erhielt (nicht wegen Anzüglichkeit, sondern wegen der als zu brutal eingestuften Schnitt-Szenen). Auch das sind Dinge, die eigentlich nur bei Soyeon passieren. 

„Amigo“ zusammen mit Minsu bringt dann einen gelungenen Disco-Funk, der damit einmal mehr im direkten Gegensatz zu allem bisher gehörten steht. Inhaltlich geht’s um pures, unbeschwertes Nachtleben – ausgelassenes Tanzen in den frühen Morgenstunden, mit der wiederkehrenden Aufforderung, die Handykamera wegzulegen und stattdessen einfach den Moment zu genießen. Kommt angenehm und locker, dauert aber einfach zu kurz – wie so vieles auf dem Album: Man bekommt mehr Skizzen als richtig ausformulierte Songs.

Nach der ausgelassenen Nacht in „Amigo“ schlägt „Would You Love Me“ die Brücke zurück zur verletzlichen Seite des Albums. Soyeon fragt sich darin, ob ihr Partner sie noch lieben würde, wenn sie zugibt, wie erschöpft sie eigentlich ist – statt weiter so zu tun, als hätte sie alles im Griff. Die Titelfrage bringt’s auf den Punkt: Kann man sie nicht einfach so lieben, wie sie ist, ohne dass sie ständig funktionieren muss? Fühlt sich fast wie eine Fortsetzung von „Toesa“ an – nur geht’s diesmal nicht um den Job, sondern um die Beziehung selbst. Eine nette Pop-Rock-Ballade. Den Closer gibt „Goodbye, Romance“ und statt eines großen, explosiven Finales bleibt hier vor allem leises Bedauern zurück, das sich in einem feinen Indie-Pop manifestiert. Der Mond erinnert die Erzählerin an eine vergangene Liebe, schlaflose Nächte und den Wunsch, die Zeit zurückdrehen zu können, damit man die Trennung nicht erleben muss. Hört man den Song zum ersten Mal, wird man unweigerlich an Hanroro erinnert.

Wie gesagt: „What a Wonderful Life“ ist ein wilder Ritt und wird Soyeons Grenzenlosigkeit gerecht. Sie muss ja niemandem mehr etwas beweisen – aber so ein bisschen mehr Zusammenhang wäre beim nächsten Mal schon wünschenswert.

6/10

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