Lovehead – Sommerwind-EP

Label: Vertigo/Universal

Genre: Pop-Punk, Indie-Rock

Lovehead nehmen mit ihrer zweiten EP „Sommerwind“ einen wichtigen Entwicklungsschritt, obwohl sie immer noch herausfinden wollen, wie das mit dem Erwachsensein eigentlich funktioniert.

Seit einem Jahr mischt das burgenländische Trio die deutschsprachige Indie-Szene auf und mutierte in Windeseile zu Everybody’s Darling der österreichischen Musikbranche – allen voran des öffentlich-rechtlichen Jugendradiosenders FM4, wo sich die Debütsingle „denkst du an mich“ auch gleich auf Platz 1 der Charts katapultierte. Mara, Leni und Anna sind aber auch drei wirklich coole Socken, sie zu mögen, ist alles andere als schwer. 

© Nikolas Rode

Es ist die ungefilterte Unbekümmertheit, das permanente Draufscheißen auf das, was irgendjemand von einem denkt, das sich in ihren Auftritten, Interviews und Texten manifestiert. Nicht gezwungen cool und lässig, sondern einfach aufrichtig ehrlich, bewegen sich Lovehead durchs Leben. Das kommt gut an, begeistert auf Instagram und TikTok zusammen fast 100.000 Follower:innen und sorgt für Aufmerksamkeit, die ihnen nicht nur zu einem Plattendeal bei Vertigo/Universal verhalf, sondern auch gleich schon Auftritte am Wiener Popfest, dem Reeperbahnfestival in Hamburg und nicht zuletzt auch den Toursupport für Kraftklub einbrachte. Loveheads Sound ist nicht unbedingt raffiniert, eher sehr straight und ungeschnörkelt, dafür erzählen die Musikerinnen direkt aus dem Leben und eine Menge junger Menschen können sich mit den Geschichten und Erfahrungen identifizieren. 

Coming-of-Age steht auch bei der zweiten EP an erster Stelle, es geht um Beziehungen, Schwärmereien, das ein oder andere Pantscherl, um Veränderungen, darum, den Platz im Leben zu finden und natürlich auch Freundschaften. Inhaltlich hat sich also im Vergleich zur Debüt-EP „Fanta Lustig“ gar nicht viel getan. Musikalisch hingegen wird’s dynamischer und vielschichtiger. Bis zu diesen fünf neuen Tracks hat man Lovehead schon noch den kleinen Vorwurf machen können, dass sie sich zu sehr auf ein von ihnen etabliertes Klangmuster ausgeruht haben: Recht seichte, dafür eingängige Melodien, die nicht den geringsten Anspruch auf eine virtuose Note erheben – ist ja auch nicht notwendig, weil Popmusik in erster Linie den Eingängigkeitszweck erfüllen soll. Jetzt aber, hat sich die Band weiterentwickelt.

„marie“ als Opener zeigt das schon sehr schnell. Eine kleine Gitarrenmelodie beginnt alleine, ehe die Band mit Bass und Drums einsetzt. Die Vocals bleiben in einer sehr lockeren Stimmung, können nach und nach aber doch Druck etablieren. Lovehead erfinden ihr Game nicht neu – sie vertiefen es nur gekonnt und trauen sich mehr dynamisches Spiel zu. Inhaltlich geht’s um das bittere Dasein in der Friendzone: Man gibt sich verständnisvoll, während das Gegenüber vom Date erzählt, kämpft aber eigentlich mit heimlicher Verliebtheit, Eifersucht und dem vergeblichen Wunsch nach Klarheit. So ein bisschen Gewissheit wäre eben doch eine feine Sache.

Ähnlich verhält es sich auf dem titelgebenden Song: sehr schöner musikalischer Aufbau mit einem Refrain, der wieder vollkommen ins Ohr ballert. Das Gitarrenthema kommt sehr gut, das Wechselspiel aus reduziertem und anziehendem Tempo, die Bridge, die Zuspitzung – da passt sehr viel zusammen. So soll Pop-Punk klingen. Auch wenn der Heimweg kalt ist und das Uber 48 Euro kostet – so ein Track sorgt schon für Wärme ums Herz. Diese Wärme fehlt den beiden Protagonisten allerdings inhaltlich. Sie wissen nicht mehr so richtig, ob das mit ihnen noch weitergeht, und suchen nach einem Weg zurück zu jener Nähe, die offenbar einmal da war. Hinter all der Leichtigkeit steckt deshalb auch eine schöne Portion Melancholie.

© Nikolas Rode

Auf „mr. rush“ spielen sie mit der schmalen Grenze zwischen romantischer Fantasie und leichtem Unbehagen: Da ist jemand, der die Protagonistin offenbar schon lange beobachtet und alles über sie weiß – von der Lieblingsfarbe über Essgewohnheiten bis hin zu den Tanzeinlagen beim Wäschewaschen. Stranger-Danger-Alarm! Sie selbst weiß aber kaum etwas über ihn. Statt jedoch mit Furcht zu reagieren, begegnet sie diesen grenzenlosen Beobachtungen mit durchaus provokanter Faszination. Lieber in die Offensive gehen und tanzen, flirten, ja, auch berühren. Wird schon nicht so schlimm sein: „Was soll schon passier’n?“. Wenig später gibt man sich mit „Du willst mich entführ’n“ eine Antwort auf die eigene Frage. Hier merkt man schon, dass sich Lovehead auch schwereren Themen widmen. Ein schnellerer, gitarrenlastiger Song.

Noch deutlich dunkler wird es auf „heimweg“, der einen nächtlichen Nachhauseweg als Frau eindrucksvoll und bedrückend nachzeichnet: Ein Schatten an der Straßenecke, ein Fremder in der fast leeren U-Bahn, der sich trotz zwanzig freier Plätze verdächtig nah setzt und anschließend nur ekelhaft lächelt. Im Zentrum steht der Kontrast zwischen der realen Angst und der Täter-Opfer-Umkehr, die der Refrain auf den Punkt bringt: „Schatz, was hast du angehabt? / War es schon wieder viel zu knapp / Was hast du zu ihm gesagt / Dass er zu dir nach Hause mag?“. Beklemmendes Thema, gleichermaßen düster intoniert.

Die nostalgische Seite wird vor allem auf „sterne“ behandelt. Hier erzählt man mit typisch-banalen Alltagsbeobachtungen vom Erwachsenwerden und dem Gefühl, dass einem die eigene Jugend langsam entgleitet. Um 20:15 Uhr durfte man noch wach bleiben, mit 15 nachts im Freibad baden, während Mama die Jacke einpackte – heute kommt man um halb drei nach Hause, macht ein „Uppsala“ und vergisst die Jacke, fragt sich, wann man eigentlich das letzte Mal den Fernseher angemacht hat. Der Gegensatz zwischen dem „blauen“ Himmel von früher und dem „grauen“ Himmel von heute findet sein schönes Bild im Refrain: In der Stadt gibt es keine Sterne mehr, nur Laternen. Einmal noch die Unbekümmertheit von damals spüren – das wär’s. 

Lovehead geben sich auf dieser EP deutlich mehr Spielraum, lassen Passagen wirken, bauen Spannungen auf und entwickeln ihre Songs zu mehrgliedrigen Stücken. Gleichzeitig bleiben sie inhaltlich genau dort, wo sie hingehören: mitten im Chaos des Erwachsenwerdens, zwischen Verliebtheit, Unsicherheit, Angst und der Sehnsucht nach einer Unbekümmertheit, die langsam verloren geht. Sie müssen noch lange nicht wissen, wie das mit dem Erwachsensein funktioniert, haben aber offenbar ziemlich gut verstanden, wie man darüber gute Songs schreibt.

Starke 7/10

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