Label: Source Music/HYBE

Genre: K-Pop
Von wegen Fearless: Le Sserafim nehmen auf ihrem neuen Album „Pureflow Pt.1“ einen inhaltlichen Richtungswechsel vor und verschieben den Fokus eines möglichst angstfreien Lebens in Richtung Furchtakzeptanz. Daraus sollen neue Kräfte gewonnen werden.
Mit der Angst ist es so eine Sache: Zu viel Angst lähmt, zu wenig davon lässt uns Situationen falsch einschätzen. Le Sserafims bisheriges Konzept war deshalb relativ simpel – durch Selbstbewusstsein sollten etwaige Zweifel zur Seite geschoben werden und der Welt gezeigt werden, dass man angstfrei durchs Leben gehen kann. Das geht sogar so weit, dass man den Gruppennamen aus einem Anagramm von „I’m Fearless“ bildete.
Doch die bisherige Karriere dieser Gruppe verlief alles andere als geradlinig. Gleich zu Beginn verlor man nach einer – wie sich später herausstellen sollte – relativ haltlosen Mobbing-Debatte mit Kim Garam ein Mitglied. Nach stimmlich wackeligen Encore-Auftritten entwickelte sich ein Online-Mob, der ab diesem Zeitpunkt den Hatetrain unnachgiebig nach vorne preschen ließ und schließlich nach ihrer Performance beim Coachella-Festival seinen Höhepunkt fand. Die fünf Member waren sichtlich angeschlagen, der permanente Hass ließ sich nicht mehr ignorieren, Kommentare wurden abgeschaltet und insbesondere Yunjin als auch Sakura äußerten ihre Ängste, Zweifel und Überforderung offenherzig. Durch den spürbaren Zusammenhalt zwischen den Mitgliedern konnte man sich aus dem Loch ziehen und mit jedem Comeback wieder mehr Freude verbreiten. Und man sah vor allem, dass bei Le Sserafim Sisterhood keine Floskel, sondern ein echtes Lebensgefühl, eine Grundlage darstellt.
Von „I’m Fearless“ zu „We are not fearless“
Im Vorfeld zu „Pureflow Pt.1“ wurde ein fünfminütiger Trailer veröffentlicht, der die Geschichte einer Chosen Family erzählt. Hauptprotagonistin Kazuha sieht darin ein Monster, das für die anderen unsichtbar bleibt. Doch anstatt ihre Wahrnehmung infrage zu stellen, kämpfen die übrigen vier Member gemeinsam mit ihr gegen diese Bedrohung. Das vermittelt die Botschaft des Albums: Allein mag man stark sein – gemeinsam wird man stärker. Angst verschwindet nicht, aber sie wird gemeinsam getragen. Die letzten zwölf Sekunden verbinden diese Geschichte schließlich mit der Realität. Originalaufnahmen aus den vergangenen Jahren – von Trainingssessions über die Verzweiflung nach dem massiven Shitstorm bis hin zu jüngsten glücklichen Momenten – fassen die bisherige Karriere der Gruppe zusammen. Besser hätte man den Wandel von Le Sserafim kaum erzählen können. Aus „I’m fearless“ wird „We are not fearless, and therefore powerful.“ Nicht das Verdrängen von Angst wird zur Stärke, sondern ihr gemeinsames Akzeptieren. Und aus dem Powerful wird jetzt „PUREFLOW“, der Albumname.
Allein hierin liegt schon enormes Potenzial. Eine verletzliche Seite zu zeigen, ist für eine Gruppe, die bisher vor allem durch ihre kraftvolle Ästhetik aufgefallen ist, ein mutiger Schritt. Der Spoken-Word-Opener „Pureflow“ unterstreicht diese Neuausrichtung. Alle Member sprechen in ihrer jeweiligen Muttersprache über ihre Ängste und Zweifel und kommen zum Schluss, dass sie ihre Gefühle nicht verstecken müssen, sondern gerade im gemeinsamen Teilen neue Kraft finden. Das wirkt glaubhaft und authentisch.
Die falschen Vorboten
Gerade deshalb ist es so unverständlich, dass Source Music ausgerechnet mit „Celebration“ und „Boompala“ zwei Songs als Aushängeschilder ausgewählt hat, die diesen Gedanken nur bedingt transportieren können. Denn beide Singles vermitteln ein völlig anderes Bild des Albums, als es die eigentlichen B-Seiten später zeichnen.
„Boompala“ erinnert auch Monate nach seiner Veröffentlichung noch stark an Slop. Zwar retten die Choreografie, das ikonische Intro und die sichtbare Freude der fünf Member einiges, musikalisch bleibt der Song aber hinter den Erwartungen zurück. Das „Macarena“-Sample dominiert das Geschehen zu sehr und lässt Le Sserafims eigene Identität nur selten durchscheinen. Gemessen an Songs wie „Antifragile“, „Crazy“, „Eve, Psyche & The Bluebeard’s Wife“ oder „Hot“ fällt der Titeltrack deshalb eher blass aus. Zumal sich der Song thematisch auch an den alten Ären orientiert und den Spaß ins Zentrum stellt – man soll sich nicht von den Gefühlen lenken lassen. Das beißt sich ein wenig mit dem ausgeschriebenen Vorhaben.
„Celebration“ kommt hingegen härter daher und wird seinem Titel damit auch gerecht. Eine echte Eskalation im Klangbild, ein Hardstyle-Techno, der aber leider die Drops zu wenig in Szene setzt und die letzte Härte vermissen lässt. Nach zweieinhalb Minuten ist die Sache durch und auch wenn der Spagat aus gefühlvollen Strophen und kraftvoller Hook funktioniert, bleibt das Lied skizzenhaft. Und wenn man das restliche Album hört, wird deutlich, dass sich einige B-Seiten deutlich besser als Promo-Material geeignet hätten.
Die Stärke liegt in der Verletzlichkeit
Allen voran „iffy iffy“, ein gelungener R&B-House-Hybrid, der musikalisch wie textlich perfekt zur neuen Ausrichtung passt. Kein Verstecken der Gefühle mehr, sondern das bewusste Akzeptieren von Unsicherheiten und Unvollkommenheiten. Eigentlich ein No-Brainer als Titletrack – und nach allem, was man seit dem Release beobachten konnte, offenbar auch ein klarer Fanfavorit. Umso bedauerlicher, dass dieser Song nun Gefahr läuft, von einem breiteren Publikum kaum wahrgenommen zu werden.
Auch „Need Your Company“ und „Sonder“ führen diese Idee konsequent weiter. Während Yunjins mitgeschriebener Song den gemeinsamen Umgang mit Schmerz und Freundschaft in den Mittelpunkt stellt, widmet sich „Sonder“ Empathie und dem Loslassen von Ego und Eifersucht. Gerade in diesen ruhigeren Momenten zeigt sich, wie glaubwürdig Le Sserafim die neue Richtung inzwischen verkörpern.
Zwischen Euphorie und Selbstbefreiung
Deutlich energiegeladener präsentieren sich „Irony“ und „Creatures“. Ersterer verbindet Baile Funk mit der Befreiung von falschen Erwartungen, letzterer entwickelt sich zu einem mitreißenden Rock-Track über Selbstbestimmung und Rebellion gegen äußere Erwartungen. Trotz ihrer unterschiedlichen Klangsprache verlieren beide Songs das Albumthema nie aus den Augen.

„Trust Exercise“ definiert sich durch eine klare Interpolation von Olivia Newton-Johns „Physical“ und behandelt die Herausforderung unterschiedlicher Zugänge und Geschwindigkeiten in einer Beziehung – „Schritt für Schritt“ wird zum Credo. Auf „Saki“ widmet sich die Gruppe gemeinsam mit Aliyah’s Interlude noch einmal den Hatern. Ähnlich wie später auf „Iconic By Mistake“ mit Illit und Katseye geht es darum, sich von Gerüchten und Anfeindungen nicht aus der Fassung bringen zu lassen, auch wenn der Song deutlich subtiler vorgeht.
Der Closer „Liminal Space“ schließt schließlich den Kreis zum Opener „Pureflow“. Lange Zeit hört man nur einem Gespräch zwischen den Membern zu, ehe ein sanftes Instrumental einsetzt. Gemeinsam reflektiert die Gruppe ihre persönliche Weiterentwicklung der vergangenen Jahre und beendet das Album damit auf eine überraschend authentische und intime Weise.
Fazit
„Pureflow Pt.1“ zeigt Le Sserafim von einer Seite, die man ihnen lange Zeit nicht zugetraut hätte. Anstatt Angst zu verdrängen, akzeptieren sie sie als Teil ihrer Identität – und verleihen ihrer bisherigen Botschaft dadurch eine neue Tiefe. Umso bedauerlicher ist es, dass Source Music ausgerechnet mit „Boompala“ und „Celebration“ jene Songs ins Zentrum gestellt hat, die diese Neuausrichtung am wenigsten widerspiegeln. Hinter einer unglücklichen Promotion steckt ein Album mit einigen der stärksten B-Seiten der bisherigen Diskografie, das durch seine kurze Laufzeit, einige skizzenhafte Songs und die verfehlte Singleauswahl dennoch hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt.
6/10
Früher Sängerknabe, heute zwischen Fußball, Football und viel Musik. Im Herzen immer Punker.

