Katseye – Wild

Label: HYBE x Geffen

Genre: ???

In der Musikwelt gibt es aktuell keine frustrierendere Band, Künstler:in oder Gruppe als Katseye. Es sei verziehen, dass diese Review zur dritten EP „Wild“ mit einem grundsätzlichen kleinen Rant beginnt und inhaltlich etwas ausgeholt wird. Zwei Jahre sind seit dem Debüt vergangen und die Gruppe hat absolut kein musikalisches Konzept. Eigentlich auch sonst kein richtiges: Global Girlgroup mag zwar in fetten Lettern über Katseye stehen, aber woran merkt man das? Vier der sechs Member sind US-Staatsbürgerinnen, und klar, sie haben alle einen individuellen Hintergrund, aber abgesehen von einer einzigen spanischsprachigen Bridge in „Gabriela“ hat man noch nichts davon hören dürfen. Jedes Mitglied spricht noch mindestens eine andere Sprache, die Spielwiese wäre also ordentlich groß, um einen spannenden Popansatz zu verfolgen.

Klar, es ist nicht notwendig, dieses Herkunftsthema wie eine Zitrone auszupressen und überall drüberzustülpen – aber das Team hinter Katseye macht das abgesehen von der Musik ziemlich gerne. Die Member betonen ihren Stolz auf ihre familiären Wurzeln, wollen unterschiedliche Kulturen repräsentieren. Das allein wäre schon ein aufgelegter Elfmeter für ein Konzept oder zumindest mal eine Idee für eine EP – an ein Album denkt offenbar noch niemand. Stattdessen bekommt man seit zwei Jahren einen Genre-Mischmasch zwischen absolutem Standard-Pop, Standard R&B und Brainrot-Musik. 

„Gnarly“ hat den Wandel eingeleitet – vorbei war die Zeit der cuten Anfangsphase mit Songs wie „Touch“, ab sofort zeigten sich Katseye edgy oder campy. „Gnarly“ war zwar vollkommen übertrieben, aber trotzdem noch ein sehr guter Pop-Song, der dank einer aufwendigen Choreografie auch zur Gruppe passte. Das ist so ziemlich das einzige, was man mit Sicherheit sagen kann: Katseye sind Performerinnen, sie kommen über Live-Auftritte. Ihr Talent ist zweifellos gegeben, alle Member können singen und tanzen, die kreativen Verantwortlichen halten auch nicht zurück und schlagen in der Regel immer mit sehr charakteristischen Choreos auf, die in kürzester Zeit viral gehen. Weil „Gnarly“ schon so gut geklappt hat, setzte man mit „Internet Girl“ einen drauf. Noch übertriebener, aber bei weitem nicht mit ähnlicher Durchschlagskraft ausgestattet, und unterm Strich einfach nicht gut. 

„Pinky Up“ als erste Single dieser neuen EP war auch nur einen Deut besser. Beide Tracks stammen ursprünglich aus der Feder von Justin Tranter, der schon mit dem Who’s who der Popwelt zusammenarbeitete (Lady Gaga, Dua Lipa, Miley Cyrus, Ariana Grande, Chappell Roan, Raye, Cardi B uvm.). Nonsense-Pop – oder wie er eben mittlerweile genannt wird – Brainrot-Musik ist kein neues Phänomen. Vom „Las Ketchup Song“ über „Dragostea Din Tei“ hat die Popmusik schon einige sehr erfolgreiche Autounfälle überstanden und sich auch wieder davon erholt. Katseye hat zwar noch nicht den größten Erfolg mit ihren Singles in den Charts, gehört auf Spotify aber längst zu den erfolgreichsten Girlgroups der Welt und kommt aktuell auf über 37 Millionen monatliche Hörer:innen. Es ist also eine Untertreibung, wenn man davon spricht, dass es für die Gruppe gut läuft.

Und ja, Katseye hat auch wirklich gute Nummern. „Gabriela“ allen voran, „Gameboy“, „M.I.A“ – das funktioniert aus unterschiedlichen Gründen, zieht aber alles in völlig andere Richtungen: Latin Pop und Contemporary R&B trifft auf Dance-Pop und Jersey-Club-Einflüsse. Alle genannten Songs konnte man auf ihrer letzten EP „Beautiful Chaos“ hören, die eben, nach der Auftakt-EP „SIS (Soft is Strong)“ die Vielseitigkeit unter Beweis stellen und womöglich auch das Profil schärfen sollte. Nur – es ist nichts davon geschehen. Im Gegenteil, mit „Wild“ wiederholen sie jetzt einfach ihre Formel aus dem letzten Jahr fast punktgenau.

Man nehme einen Brainrot-Song als Pre-Single („Gnarly“ vs. „Pinky Up“), lege einen Latin-Pop-inspirierten Track hinterher („Gabriela“ vs. „Animal“) und schließe das Ganze dann mit dem Release eines Dance-Pop-Tracks ab („Gameboy“ vs „Hootie Frutti“). Der einzige echte Unterschied zwischen den EPs besteht in der Anzahl der Member – Manon ist aufgrund ihres Hiatus’ auf „Wild“ bekanntlich nicht dabei. „Wild“ wurde schon im April 2026 für Mitte August angekündigt – und ist in ganzer Linie eine Enttäuschung. 

Fünf Songs, gerade einmal dreizehneinhalb Minuten Laufzeit und ein Sound, der maximal unter die Kategorie „Guilty Pleasure“ fällt. Wieder einmal – vielleicht ist das das Konzept von Katseye, was auch nicht für die kreativen Verantwortlichen spricht. Dass man ausgerechnet den bisher einzigen, von einem Member geschriebenen Song „Unloveu“ (von Lara) nicht auf die Standard-Version packt sondern als exklusive Version in Zusammenarbeit mit einer US-amerikanischen Einzelhandelskette verkauft, setzt dem Ganzen dann noch das i-Tüpfelchen obendrauf. 

Selbst wenn man nichts erwartet, wird man von „Wild“ doch noch ordentlich enttäuscht werden. Es gibt keinen inhaltlichen oder musikalischen Zusammenhang zwischen den Titeln, nicht einmal in Sachen Stimmung kann man sich auf eine Richtung einigen. „Pinky Up“ wagt sich in Richtung Euro-Trance, lässt den massiven Drop am Ende aber ungenützt und verschwendet durch die kurze Dauer einiges an Potential, dass man zumindest noch einen halbwegs brauchbaren Dance-Pop-Song hätte fabrizieren können. Diese Art von Musik lebt davon, dass man sie sich einfach schönhört, dass man die bodenlosen Ansätze einfach frisst und irgendwann für cool erklärt. Aber mit echt gutem Dance- oder Electropop hat das nichts zu tun. Und das ist eine Kunst, gerade im Jahr 2026, wo es kaum ein Genre gibt, das größere Vielfalt abbildet – Underscores oder Slayyyter zeigen als jüngste Beispiele, wie man so etwas machen kann. 

Sophia, Megan, Yoonchae, Daniela und Lara © HYBE x Geffen


„Animal“ kann und will nicht leugnen, dass es sich hier um einen Ed Sheeran-Song handelt und ist dementsprechend schon nach dem ersten Mal Hören komplett auserzählt. Aber immerhin durften die Member bei diesem Lied auch wieder mal singen und ansatzweise zeigen, was sie eigentlich könnten. Nett und fürs Radio gemacht und unterm Strich auch noch der beste Song dieser willkürlichen Compilation. 

Denn so fühlt sich „Wild“ hauptsächlich an: Eine Zusammenstellung aus allen möglichen Ideen, ohne wirklich einer Linie zu folgen. Den Titel der EP kann man also durchaus wörtlich nehmen, es ist ein wildes Konstrukt, das man den Hörer:innen hier vorwirft. „Hootie Frutti“ setzt aber absolut allem die Krone auf: Irgendjemand hatte offenbar den glorreichen Einfall, Katseye jetzt auch noch auf den brasilianischen Funk-Zug aufspringen zu lassen. Die Produktion ist dabei das allerkleinste Problem, das Instrumental kommt eigentlich recht böse und schiebt ordentlich an – aber was man den Membern hier als Lyrics gegeben hat, ist eine einzige Zumutung: Zum einen ahmen sie aus unerklärlichen Gründen einen wohl brasilianischen Akzent nach, was enorm unangenehm aufschlägt, zum anderen gibt’s Lines wie „Carry my matcha, Mount Valley water / I like my mochi drenched in chocolata“ – ausgerechnet von Yoonchae, dem jüngsten Mitglied, gesungen. Es ist wirklich zum Verzweifeln, zumal diese Hook aus repetitiven „Hootie (Yeah) frutti (Yeah)“-Wiederholungen auch absolut gar nichts hervorholt. Wie gesagt, wenn man den Track öfter hört, wird man den Chorus zwar im Ohr haben und womöglich dann auch noch das Ganze zweieinhalb Minuten-Ding feiern – aber es ist und bleibt einfach Popmusik des Grauens. 

Dazu gibt’s ja aktuell noch eine ordentliche Diskussion über die Outfits der Member im Musikvideo, weil man sich wieder mal etwas freizügiger zeigt, was interessanterweise im Jahr 2026 tatsächlich wieder für Kontroversen sorgt. Aber das ist wieder ein anderes Thema, das eigentlich keine große Rolle mehr spielen sollte. Jedenfalls kommt nach diesem wilden „Hootie Frutti“-Ritt mit „Bel Air“ der Song, den viele am sehnsüchtigsten erwartet haben, weil er von Charli XCX stammt. Charli hat schon „Gabriela“ an Katseye abgegeben und ihnen jetzt mit diesem Überbleibsel aus der „Sucker“-Ära einen weiteren Gefallen getan (und sich dafür natürlich auch entlohnen lassen). Die Sache ist – dieser Song hat ein ähnliches Problem wie „Animal“: Man hört in jeder Sekunde, wer das Lied geschrieben hat und gibt absolut keine eigene Farbe hinzu. Das Lied klingt wie eine Karaoke-Version eines Originals, das die Welt nie zu hören bekommen hat. Ist niedlich, nett, aber weit davon entfernt, irgendeine Raffinesse mitzubringen. Außerdem wird auch klar, warum es „Bel Air“ nicht auf „Sucker“ geschafft hat – insgesamt einfach zu Basic.

Der Closer „That Way“ spielt enorm sicher, ein laidback Pop-R&B-Song mit teils schnell melodiös gesprochenen Strophen, den man leider sehr schnell durchschaut. Nicht einmal Laras Falsett-Koloraturen können dieses Lied noch in eine interessante Richtung drängen. 

„Wild“ macht einfach nur deutlich, dass es keinen Konsens gibt, was die künstlerische Ausrichtung dieser eigentlich wahnsinnig talentierten Girlgroup angeht. Mainstream-Streben steht Campy-Hyper-Pop gegenüber – und langsam aber sicher steht man sich deshalb selbst im Weg.

Bis man drauf kommt, dass das aus Label-Sicht alles vollkommen in Ordnung ist. Die Platten verkaufen sich wie die warmen Semmeln und die Tour ist restlos ausverkauft. Das ist die bittere Erkenntnis, die man durch ein Projekt wie „Wild“ bestätigt bekommt: Man kommt mit dem Konzept des Konzeptlosen durch. Man wünscht den Membern viel Durchhaltevermögen.

3/10

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