Phoebe Bridgers – Lost Weekend

Label: Dead Ocean

Genre: Indie-Folk, Singer-Songwriter, Americana

„I was too happy to feel at home“. Alben von Phoebe Bridgers gleichen einer Naturgewalt oder einem überwältigenden Gefühlschaos.

Ihre lyrischen Fähigkeiten zählen zu den gewaltigsten in der gesamten zeitgenössischen Musikszene, ihr unmittelbarer Zugang zu ihren Emotionen und Gedanken zieht Hörer:innen schnell in einen Bann. Phoebe behandelt dunkle Themen scheinbar im Vorbeigehen, sie singt fast unbekümmert über die herzzerreißendsten Themen – sei es Liebeskummer, Tod oder Trauer. Spätestens mit ihrem herausragenden zweiten Album „Punisher“ zementierte sie sich im Sommer 2020 zum Poster-Girl der Indie-Szene und zu einer der gefragtesten Künstlerinnen überhaupt. Nahezu jede und jeder wollte mit Phoebe zusammenarbeiten oder irgendwie mit ihr in Verbindung treten – sei es als Featuregast oder als Tourbegleitung unter anderem für Taylor Swift. Zusammen mit Julien Baker und Lucy Dacus gewann sie als Boygenius mehrere Grammys, gleichzeitig interessierten sich immer mehr Menschen für ihr Privatleben, was neue Herausforderungen brachte.

Dieses Spannungsfeld zwischen Öffentlichkeit, Privatleben, Nähe und Verlust zieht sich auch durch „Lost Weekend“. Phoebe schreibt noch immer über Tod, Trauer, Beziehungen und die eigene Unfähigkeit, mit all dem vernünftig umzugehen – aber sie klingt dabei nicht mehr ganz wie die Phoebe, die wir aus „Punisher“ kennen. „Lost Weekend“ ist ein Album zwischen großer Trauerbewältigung, aber auch jeder Menge Hoffnung und einer Prise Zufriedenheit. Wie immer bei Phoebe gilt: Wenn man sich in den Texten wiederfindet und sich darin ganz ausbreitet, ist es vermutlich kein Fehler, weiterhin in Therapie zu gehen oder sich zumindest mit dem Gedanken an professionelle Hilfe zu beschäftigen. Phoebe hat die außergewöhnliche Gabe, Situationen so lebensnah zu beschreiben, dass man sie sehr leicht nachvollziehen kann und womöglich von der ein oder anderen Erinnerung getriggert wird – oder eben eine gewisse Erleichterung verspürt, weil man sich nicht mehr allein fühlt.

„Lost Weekend“ ist ihrem 2022 verstorbenen Vater Tony Bridgers gewidmet, mit dem sie zeitlebens ein schwieriges Verhältnis hatte, was sie unter anderem auf „Kyoto“, einer der größten Singles von „Punisher“, sehr prominent thematisierte. Auch deshalb lagen zwischen ihrem zweiten und dritten Album über sechs Jahre – Phoebe hatte sowohl den plötzlichen Ruhm als auch den Tod ihres Vaters sowie weitere private Rückschläge, wie die Trennung von ihrem Ex-Verlobten Paul Mescal, zu verarbeiten. Halt fand sie unter anderem in ihrer neuen Beziehung zu Bo Burnham, der auf „Lost Weekend“ ebenfalls eine wichtige Rolle spielt und bei einigen Liedern mitgewirkt hat.

© OLOF GRIND

Diese drei Männer ziehen sich durch „Lost Weekend“ und geben dem Album seine emotionale Architektur: der verstorbene Vater, der Ex-Verlobte und der neue Freund, Bobby. Die ersten beiden stehen für Verlust und einige ungelöste Rechnungen, Bobby hingegen für die neue Konstante, die sich erst zaghaft, dann immer intensiver durch die Tracklist schiebt. Bobby ist aber nicht nur eine neue Liebe, sondern der Gegenpol zu allem, was Phoebe verloren hat – ein Faden, der sich durch das ganze Album zieht, ohne dabei die Trauer um die anderen beiden Männer zu verdrängen.

Um diese drei Stränge herum entfaltet sich „Lost Weekend“ wie ein loses Konzeptalbum – nicht chronologisch im klassischen Sinn, aber mit klaren wiederkehrenden Motiven: Flucht und Bewegung, Sterblichkeit, Kontrollverlust und der Versuch, sich selbst wieder zusammenzustöpseln.

Produziert wurde das Album neben Phoebe selbst von ihren Langzeitkollaborateuren Ethan Gruska und Tony Berg sowie Jack Antonoff und Alex G. Allein die Hereinnahme der Letztgenannten bringt eine enorme Spannung mit sich, da sowohl Antonoff als auch Alex G bekanntlich äußerst charakteristische Stile haben. Sie drängen sich aber nie in den Vordergrund, sondern lassen Phoebe machen und walten. Das Album klingt unverkennbar nach Phoebe Bridgers, vermeidet es aber, eine durchschaubare Fortsetzung von „Punisher“ zu werden.

Die Grundzutaten sind zudem vertraut: akustische Gitarren und Saiteninstrumente, Mehrstimmigkeiten, zurückhaltende Drums, Streicher, viel Raum und diese besondere Mischung aus Intimität und Dynamik. Trotzdem ist die Atmosphäre eine andere. Auf „Punisher“ konnte man praktisch live dabei sein, wie Phoebe ihre Gedanken in Echtzeit beobachtete und sich immer weiter in etwas Dunkleres hineinsteigerte. „Lost Weekend“ gibt sich dagegen kontrollierter – nicht unbedingt gesünder und schon gar nicht frei von Schmerz, aber bewusster. Phoebe kennt ihre Abgründe inzwischen ziemlich gut und muss nicht mehr jedes Mal in ihnen ertrinken, um darüber schreiben zu können.

Die neue Konstante

Mit all diesem Hintergrundwissen ergibt es mittlerweile sehr viel Sinn, dass sie „Lost Boys“ als Leadsingle für das Album wählte. Der Track stellt dank seiner fast schon barocken Produktion einen der zugänglichsten Phoebe-Songs dar und verknüpft die drei Hauptstränge des Albums in den Lyrics. Wie sie selbst in einem Radio-Interview verriet, ist die erste Strophe ihrem Vater gewidmet, die zweite vermutlich Paul Mescal und die dritte Bo Burnham. Wie schon bei „Kyoto“ oder „Not Strong Enough“ von Boygenius gilt auch hier: Wer mit der radiotauglichen Version von Phoebe nicht wirklich was anfangen kann, wird den Song nur bedingt genießen. Durch seinen sehr einnehmenden Refrain, die Bläser im Hintergrund und die permanente Dynamik sollte man sich aber trotzdem sehr gut zurechtfinden können. Nach den vielen Jahren des Phoebe-Droughts stellt das Lied definitiv ein wahnsinniges Befreiungsgefühl dar.

Phoebe war immer schon eine Meisterin der Katharsis (nicht zuletzt wegen „I Know The End“, dem Closer von „Punisher“), scheint aber auf „Lost Weekend“ immer wieder gerne den großen Leidensdruck durch eine neugefundene Glückseligkeit zu ersetzen. Auch wenn es ein bisschen Zeit braucht, bis sie das auch akzeptieren kann. „Kill Me“ ist deshalb ein essenzieller Track dafür: Im Refrain heißt es „This is gonna kill me“, gefolgt von einem kurzen „Wait“ – eine Pause, die eine drohende Katastrophe plötzlich in eine Verheißung verwandelt. Phoebe beschreibt den Moment zwischen der zerbrechenden Beziehung zu Paul und der zarten Hoffnung auf Bobby: „This is gonna kill me“ wird zur Vorahnung dessen, was mit der Trennung unweigerlich kommen wird, während das anschließende „Wait“ bereits andeutet, dass Bobby vielleicht das Glück sein könnte, das diesen Zusammenbruch am Ende abfängt. Der Track lebt von seiner enorm dringlichen Atmosphäre und einem instrumentalen Zwischenstück, das Phoebes großes Vorbild Elliott Smith nicht besser hätte komponieren können. Man merkt auch auf „Lost Weekend“, dass ihre Liebe zum berühmten Singer-Songwriter weiterhin ungebrochen ist.

Aber Bobby findet Phoebe schon auch ziemlich cool, was sie im gleichnamigen Track auch betont: „Bobby, this could be the end of wanting“ – ein echter Liebessong für ihren neuen Freund, der auch gleich mit ein paar Backing-Vocals mitmacht. „Bobby“ ist ein für Phoebe untypischer Liebestrack, weil er vollkommen ohne Ironie auskommt – sie beschreibt einfach, wie es ihr mit ihm geht und wie er ihre Welt auf den Kopf gestellt hat. „I saw you slow dancing alone in your room / I wanted to buy you a new pair of shoes / Now you’re walkin‘ around with my heart on your sleeve / And I am right here, bleeding“. Die Produktion spiegelt diesen Zustand gekonnt wider: Große Dynamik mit vielen Facetten, angefangen von aufwendigen Gitarren- und Percussionarrangements bis hin zu einem völlig konträren, luftigen Synthesizer am Ende. Ein enorm voller Track, der gar mit so etwas wie einem Heiratsantrag endet: „Now I don’t know if I can make it tonight / But what are you doing the rest of my life?“.

Noch mehr Einblick in die Beziehung bekommt man auf „Liberty Tree“, der nach der Liberty Tree Mall in Danvers, Massachusetts, benannt ist und sich in der Nähe von Bos Heimatort befindet. „Don’t die, Bobby, before I die / It feels so good to have you in my life“ – klingt zwar auch sehr dramatisch, weil Phoebe sich der Fragilität ihres Glücks bewusst ist, kommt aber in diesem von unterschiedlichen Saiteninstrumenten getragenen, wunderbaren Song sehr warm und angenehm daher. Auch hier gilt: Die Entwicklung ist fantastisch. Besonders schön ist, wie sie die bedrohlichen Gitarren der ersten zwanzig Sekunden in etwas Helles auflöst und dann noch einen ansteckenden Rhythmus einwebt. Die Gitarren- und Streicher-Sequenzen zwischen Chorus und zweiter Strophe verstärken diese angenehme Atmosphäre zusätzlich. Im Outro gibt es dann zum ersten – aber nicht letzten Mal – noch eine melodiöse Referenz auf ihr eigenes Lied „Graceland Too“ von „Punisher“.

Der Vater

Auf der Kehrseite dieser zarten Glücksmomente steht die unausweichliche Konfrontation mit der Vergangenheit. „Still Standing“ ist hier sicherlich der emotionalste und niederschmetterndste Moment von „Lost Weekend“: Ihrem Vater gewidmet, seziert sie noch einmal die komplizierte Beziehung zu ihm und verknüpft Trauma mit tiefer Trauer. Vor allem letztgenannter Punkt stellt eine ordentliche Überraschung dar, nachdem sie in anderen Liedern nicht immer die beste Meinung von ihm geteilt hatte. Phoebe hält hier in beiden Richtungen nicht zurück, zeichnet den Missbrauch ihres Vaters nach, schließt das Lied aber auch mit einer unheimlichen Dankbarkeit: „And now there is nothing / You’re back to the ocean, burning red / I can’t imagine you dead / But you are every day / Thank you for everything“. Das Instrumental ist hier bewusst breit gewählt, hält sich aber gleichermaßen zurück, um den Worten den notwendigen Raum zur Entfaltung zu geben. Geschlossen wird mit einem pastoralen A-cappella-Chor, der sowohl die Unendlichkeit des Meeres als auch das Ende des Lebens symbolisieren könnte. Hier kann man als Hörer:in schon an den Rand einer emotionalen Extremsituation kommen und verinnerlichen, warum Phoebe Bridgers eine der besten Songschreiberinnen überhaupt ist.

Im Closer „Lost Weekend (Reprise)“ setzt sie einen erlösenden Schlusspunkt, obwohl sie ziemlich nüchtern feststellt: „He’s not coming back as a bird / He’s not coming back“. Statt in ihrer Trauer unterzugehen, will sie Lehren aus der Vergangenheit ziehen – allen voran die Kunst, zu vergeben, selbst wenn das Gegenüber niemals um Verzeihung bitten wird („How to forgive when they’re not sorry“).

Was verloren ging

Ihre gescheiterte Beziehung zu Paul Mescal wird unter anderem im aufgeweckten „The Governor’s Waltz“ behandelt. Sie beschreibt die schmerzhafte Entfremdung, vergleicht ihre Situation mit Shelley Duvall, die sich im Horrorfilm „The Shining“ vor ihrem Angreifer versteckte, und schließt das Lied schließlich auch noch mit einer Anspielung auf Gracie Abrams, die neue Frau an der Seite ihres Ex-Verlobten: „Now, let’s see how far I can run without stopping / And she can pretend to be me / Since she took my place in my bed on that stage / I have not lost any sleep“.

© OLOF GRIND

Der titelgebende Track „Lost Weekend“ könnte ebenfalls von Mescal handeln. Phoebe macht darin zumindest explizit klar, dass sie eine geplante Hochzeit abgesagt hat: „I’m supposed to be married, but I called it off / I’ve been known to throw a tantrum / When things are not the way I imagine them“. Viel mehr beschreibt sie in reduziertem Klangbild aber den Verlust einer geliebten Person, die einen am besten gekannt hat und nun nicht mehr Teil des eigenen Lebens ist. Obwohl das Lied nur aus einer Strophe besteht, könnte man nahezu jede Zeile ausgiebig interpretieren. Feststeht jedenfalls: Niemand außer Phoebe Bridgers beginnt ein Lied mit „Back when no one could tell us apart / And I’d turn down the music to parallel park“ – das würde auch bei jedem anderen Singer-Songwriter etwas albern klingen. Durch die Lines „I loved you and you couldn’t forgive me for that“ und „You know me, and I’ll never forgive you for that“ bekommt man eine ungefähre Vorstellung, welche Dynamik in dieser Beziehung herrschte. Ähnliches kann man über das sehr spärliche, aber nicht weniger kräftige „Other Plans“ sagen: „Our love, our love had other plans for us“.

In „Never Going Back!“ schließt sie durch die mantraartige Wiederholung dieser Phrase mit mehreren Dingen ab, was zunächst durch die sehr rohe Vortragsweise noch unerwartet kommt, sich mit der Zeit aber immer besser in das gesamte Albumbild eingliedert. Das Lied lebt aber ohnehin von einer Voicemail ihres Vaters am Ende, der sie vergeblich erreichen wollte. Dass sie ausgerechnet diese Nachricht auf das Album packt, ist aufgrund der vor „Lost Weekend“ bekannten Beziehung zwischen Vater und Tochter äußerst interessant.

Zwischen den Strängen


Nicht jeder Song auf „Lost Weekend“ lässt sich einem der drei Männer zuordnen – manche kreisen eher um die Frage, wie man im eigenen Leben überhaupt präsent bleibt. Den Auftakt des Albums macht „The Outside“, der laut Phoebe ihre eigene Fähigkeit zur Dissoziation behandelt: ein Schutzmechanismus, der ihr früher geholfen hat, sie aber mittlerweile auch davon abhalten kann, ihr eigenes Leben wirklich zu spüren. Vor allem dann, wenn sie es eigentlich am meisten bräuchte. Die Wiederholung von „I am on the outside, watching“ setzt den Grundton des ganzen Albums zwischen dem angesprochenen Kontrollverlust und dem Gefühl, nicht wirklich anwesend zu sein.

Wer auf gemütlichen Bluegrass steht, wird „Haunted“ sehr schnell ins Herz schließen. Nicht nur wegen der genretypischen Instrumente, sondern auch wegen der Reunion mit Julien Baker und Lucy Dacus, die einen Part übernehmen und Phoebe in ihrer selbstermächtigenden Überzeugung unterstützen: „I’m gonna put myself together / You can go or you can stay / I’m gonna put myself together either way“. „I Can’t Wait“ hat nicht minder berühmte Gäste im Schlepptau: Conor Oberst spielt die Mundharmonika, Cameron Winter kommt als Duettpartner an die Seite von Phoebe. Dieses Lied wandelt zwischen Sehnsucht nach Nähe („Baby, baby if you leave me / Can you take me with you“) und der Realität des Älterwerdens („Not so slowly getting older / California sober“). Zudem gibt’s noch eine „Dr. Jekyll – Mr. Hyde“-Referenz in der Zeile „You can change your mind / But you can’t change mine / Hyde Jekyll Hyde / You and I forever“, die verdeutlicht, dass auch unterschiedliche Seiten einer Person miteinander vereinbar sein können.

Der Tod wird in „Panorama“ adressiert, er klopft an Phoebes Hotelzimmer, flankiert von Ambient-Beats und vibrierenden Synthesizerklängen. „As Above“ widmet sich laut Phoebe „dem eigenartigen mentalen Zustand, den ständiges Fliegen mit sich bringt“ und die Zeitperioden aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in der Luft verschwimmen lässt. Aus ruhigen und schwebenden Passagen heraus entwickelt sich nach und nach mehr Drang, der sich zuspitzt und in kurzen klanglichen Explosionen gipfelt, kurze Zeit später aber wieder auflöst. Sturm und Drang im wahrsten Sinne des Wortes.

Fazit

Die große Stärke von „Lost Weekend“ liegt kurioserweise in seiner langen Schaffensphase: Phoebe aus dem Jahr 2020 hat mit anderen Herausforderungen zu kämpfen als Phoebe aus 2022 oder 2026. Dadurch, dass sie keine dieser Perioden wegschieben möchte, sondern aktiv die unterschiedlichen Gefühle aus Verlorenheit, Trauer und hoffnungsvoller Romantik, Liebe und Zuversicht verinnerlicht hat, ist ein Album entstanden, das einmal mehr einen rettenden Anker für Hörer:innen darstellen wird. Die musikalische Treffsicherheit ist seit jeher ein Phänomen, lyrisch ist sie auch auf „Lost Weekend“ scharf wie immer. „Lost Weekend“ ist weder Kopie noch Fortsetzung von „Punisher“, sondern überzeugt durch eine ähnliche Durchschlagskraft. Phoebe hat nicht aufgehört, traurig zu sein – aber sie hat gelernt, dass sie gleichzeitig auch glücklich sein kann.

10/10

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