Tuide – Tune & Play
Label: ABD

Genre: K-Pop, Dance-Pop
Hybe schickt mit Tuide die nächste Girlgroup ins Rennen und setzt dabei auf eine altbekannte Formel.
Offenbar hat das größte K-Pop-Label der Welt noch nicht genug. Nachdem man aktuell mit Le Sserafim, Katseye, Illit und NewJeans vier der größten Girlgroups der Branche unter Vertrag hat, legt man mit Tuide jetzt noch einmal nach. Die siebenköpfige Gruppe debütierte am 24. August mit der EP „Tune & Play“ und der Lead-Single „Sun Kiss“ unter dem neugegründeten Sublabel ABD, das sowohl zu Pledis Entertainment als auch zur Hybe Corporation gehört und sich künftig ausschließlich auf die Produktion von Girlgroups konzentrieren soll. Es werden also auch zukünftig noch einige Gruppen auf uns zukommen.
Der Name Tuide setzt sich aus „Tune the tide“ zusammen und wird mehr oder weniger wie „Tweed“ ausgesprochen. Man darf gespannt sein, was man da in Zukunft noch vorhat – fürs Erste schaut das Konzept relativ klassisch nach fünfter Generation aus, sprich: Cute, aber ein bisschen anders als ihre Kolleginnen. Ein anderes Konzept wäre auch gar nicht möglich, weil Hybe wieder einmal sehr, sehr junge Mädchen ins Rampenlicht wirft: Die Member sind zwischen 15 und 19 Jahre alt und bringen enorm unterschiedliche Trainee-Zeiten mit – manche wurden gerade einmal acht Monate ausgebildet, andere über viereinhalb Jahre. Das finale Line-up bilden Seohee, Seoyeon, Elena, Jia, Saki, Seah und Yi Hani. Für Schlagzeilen sorgte vor allem Seoyeon, die als jüngere Schwester von Twice-Leaderin Jihyo schnell zum Gesprächsthema wurde.

Geleitet wird ABD von Jiwon No, ehemals Head of Artist Planning bei Pledis Entertainment (bekannt für Seventeen und TWS), während die Gesamtproduktion – Musik, visuelles Konzept, Performances – bei Pledis-Chef Han Sung-soo liegt. Die enge personelle Verzahnung mit Pledis zeigt sich damit nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der tatsächlichen Führungsriege. Musikalisch positioniert sich Tuide mit einem eigenen Genre-Label: „Soultronic“ soll soulvollen R&B-Gesang mit elektronischer Musik verbinden und der Gruppe von Anfang an einen klar erkennbaren Sound geben. Klingt in dieser Beschreibung recht spannend, entpuppt sich aber schnell als Marketingsprech – Tuides Sound setzt auf House, Drum & Bass sowie UK Garage, also genau auf die Trends, die NewJeans vor ein paar Jahren gesetzt und die K-Pop-Landschaft damit nachhaltig geprägt haben.
„Tune & Play“ bringt uns fünf Tracks mit einer Spielzeit von zwölf Minuten und sicherlich einige sehr interessante Beats. Der Titletrack „Sun Kiss“ übt sich in Zurückhaltung, versprüht aber trotzdem eine gewisse Anziehung und setzt auf eine verträumte Produktion. Leider können die Gesangsmelodien nicht voll mit dem ansteckenden Bossa-Nova-Rhythmus mitgehen – gerade die Hook fällt deutlich ab und spielt auf nicht nachvollziebare Sicherheit. Dadurch hört sich das Lied zwar angenehm leicht an – man verpasst aber auch nichts, wenn man den Track nicht gehört hat.
Der Opener „ABD“ mutet im meilenweit entfernten K-Pop-Kontext im ersten Moment befremdlich an – welche Girlgroup eröffnet ihre Karriere schon mit einem Song, der nach dem eigenen Label benannt ist? Tuide wandeln hier aber nicht auf den Spuren eines Aggro-Berlin-Samplers, sondern nutzen ein Wortspiel aus Alphabet und ihrer eigenen Abkürzung für „Already been done“: „A-B and skip the C / Go straight right next to D“. Ein durchschnittlicher Pop-Song im 90er-R&B-Vibe mit ein paar Synthis, der nicht richtig aus seiner Haut kommt. Kein Element drängt sich nach vorne, obwohl man sagen muss, dass dieser „A-B-D“-Teil schon im Ohr bleiben kann.
„Echo“ ist das Highlight der kurzen EP – ein House-Track, bei dem sehr viel zusammenpasst: Die Dynamik sticht ins Ohr, es wird nach vorne geprescht und trotzdem nicht die Leichtigkeit vergessen. Der Refrain ist ansteckend, die Beats sind aber sicherlich der eigentliche Star. Perfekt für den Sommer.
„Flip-Flop Girl“ dreht die Stimmung dann doch ziemlich deutlich in Richtung Y2K-R&B und führt das lyrische Thema von „ABD“ fort: Man soll seinen eigenen Weg gehen, seinen Instinkten folgen und einen eigenen Rhythmus finden. Ein niedlicher Track, aber leider wieder ohne richtiges Highlight.
Der Closer „Grls“ erinnert mit seiner „Girls, Girls, Girls“-Struktur tatsächlich an Flo Ridas „Low“ und sonst an den nächsten, ziemlich stumpfen UK-Garage-mäßigen Track, den man schon zigfach gehört hat. Nur wenn die Idols ein paar kleine Harmonien zeigen dürfen, bekommt man eine ungefähre Vorstellung davon, was diese Gruppe eigentlich können würde.
Tuides erstes Aufschlagen in der Musikbranche ist also ein ziemlich durchwachsenes Unterfangen. „Tune & Play“ lebt vor allem von der Produktion, hat gesanglich aber kaum Momente, die man wirklich in Erinnerung behält. Nach diesen zwölf Minuten weiß man über Tuides musikalische Identität nicht viel mehr als davor – was bei einem Debüt noch nicht das allergrößte Problem darstellt. Aber man wird auch nicht das Gefühl los, dass Hybe oder eines ihrer Sublabels sich auch wirklich mal was Neues traut. Zu deutlich orientiert sich Tuide an der Formel, die NewJeans vor einigen Jahren groß gemacht haben – House, UK Garage, Y2K-R&B, dazu eine bewusst unaufgeregte Ästhetik. Immerhin hat man ihnen keinen Brainrot-Sound gegeben. Das ist auch schon was.
5/10