Denzel Curry & Kenneth Blume – ii
Label: PH/Loma Vista

Genre: Rap
Sechs Jahre sind vergangen, seitdem Denzel Curry und Kenny Beats mit ihrer „Unlocked“-EP eines der spannendsten Projekte veröffentlichten. Damals nahmen die beiden die acht Tracks binnen drei Tagen im Rahmen von Denzels YouTube-Show „The Cave“ auf. Seitdem hat Denzel nicht nur zwei Soloalben, sondern jüngst erst ein Kollaborationsalbum mit seiner neuen Gruppe The Scythe gedroppt und womöglich auch noch einen endgültigen Abflug in Richtung Metalcore unternommen, als er als Featuregast bei Knocked Loose und deren Single „Hive Mind“ zu hören war. Denzel hat damit seine außergewöhnliche Vielseitigkeit einmal mehr unter Beweis gestellt und ist auch noch mit den Deftones auf Tour gegangen. Hardcore war ihm immer schon ein Anliegen, langsam aber sicher scheint er die Genregrenzen dahingehend vollkommen verschwinden lassen zu wollen.
Kenny Beats kannte man vor sechs Jahren noch unter diesem Namen – heute hört er auf seinen bürgerlichen Namen Kenneth Blume (nicht verwandt oder verschwägert mit Felix Blume) und ist weiterhin einer der gefragtesten Produzenten der Szene, wenngleich auch er mehr und mehr in Richtung Rock tendierte und zuletzt mit den Idles, Geese oder Rico Nasty zusammenarbeitete. Dennoch haben sich Denzel und Kenneth wieder zusammengerauft und mit „ii“ einen Nachfolger von „Unlocked“ erarbeitet – diesmal in Albumform und mit deutlich größeren Hindernissen als noch 2020.

Wie sie in der Promophase verrieten, gab es durchaus einige kreative Auseinandersetzungen zwischen den beiden, jeder Künstler startete an seinem eigenen Standpunkt, ehe man sich irgendwann auf einen Kompromiss in der Mitte einigen konnte. Laut Blume waren auch die ersten Aufnahmen nicht einfach, aber dafür sehr lohnend – wo man ihm nur zustimmen kann. „Unlocked“ hatte eine einzigartige Anziehung, die man auch auf „ii“ immer wieder spüren kann. Nur, dass man dieses Mal auf eine noch rohere Produktion wechselte und mit billigen Mikrofonen und einer SP-404-Beat-Maschine aufnahm.
Dadurch sind neun brutale Bretter entstanden: Kenneth schenkt Denzel die unterschiedlichsten Spielwiesen, legt seinen Sound im Southern Hip-Hop, Boom-Bap, Jazz-Rap oder auch ordentlich hart und verzerrt an. Denzel wiederum geht in diesem Umfeld wie kaum ein anderer Rapper auf und kann seinen Flow ausspielen und seine Lyrics makellos zum Ausdruck bringen. „ii“ ist eine Platte, die vor allem dazu dienen soll, alle Hörer:innen daran zu erinnern, dass hier zwei absolute Meister am Werk sind. Der eine hinter dem Mikrofon, der andere hinter dem Produzentenpult. Denzel flext und punsht und hat sich dafür auch prominente Unterstützung eingeladen.
Zunächst startet der nicht einmal halbstündige Ritt aber mit dem Solotrack „Gone Fishing“, auf dem Denzel auch sofort eröffnet, dass seine Lyrics noch nie für die Massen gemacht waren, er sich mit Ernest Hemingway vergleicht und auf seine Langlebigkeit im Business verweist: „Bitch, I’m the zeitgeist since I was like, mm, what, sixteen?“. In der zweiten Strophe teilt er dann klassisch gegen Wack-MCs und Hater aus und bezeichnet sich als „Gorilla in the Mist“. Aber eigentlich wird ihm dieser Stress mit anderen, ohnehin nicht auf seinem Niveau agierenden Personen zu blöd, weshalb er beschließt, einfach angeln zu gehen. Kommt ja auch gut. Zwei Minuten des Spittens – vollkommen kompromisslos wird hier die Messlatte schon sehr hoch angesetzt. Gleichermaßen unmissverständlich schlägt er in „Cold Night In Hell“ auf: Höllenfeuer friert eher ein, als dass man ihn scheitern sieht („It’s a cold night in hell / The day that you motherfuckers ever see me fail“) und er nimmt kein Blatt vor den Mund, reflektiert bitter, wie aus einstigen Freunden eifersüchtige Gegner wurden („The table had a seat for you, I broke bread to eat with you / This is just a warning shot in case I gotta ether you“). Dazu gibt’s noch Wu-Tang- und Nas-Referenzen mit „It’s Yours“ und „This is just a warning shot in case I gotta ether you (Know what I’m sayin’?)“ – also lieber mal nicht zu nahe kommen.
Gleich darauf kommt im deutlich düstereren „Evil Grin“ JPEGMAFIA vorbei und es wird natürlich aggressiver. Die beiden haben ja schon öfter zusammengearbeitet und es ist immer ein Erlebnis, weil die Chemie zwischen den Rappern und der entstehende Kontrast einfach immer zünden. Denzel eröffnet im ersten Part gewohnt präzise, zieht Van-Damme-Parallelen und kündigt Peggy bereits mit Trenchcoat-Attitüde an. Sobald JPEGMAFIA übernimmt, wandelt sich der Song endgültig in ein zynisches und Peggy-typisches Manifest: Mit Zeilen über seine Apostel, Baby-Kia-Crashouts und Vergleichen mit John Cena zerlegt Peggy die Konkurrenz ohne Rücksicht auf Verluste – gepaart mit einem verstörenden, gesprochenen Chorus sorgt das für einen der rohesten Momente des Albums. Peggy, der ja auch chronisch online ist und in den vergangenen Monaten nicht unbedingt mit den besten Takes aufgefallen ist, hat jedenfalls eine ordentliche Wut angestaut, die er hier herauslässt.
Anschließend wird es mit „Candlelight“ virtuos und man fragt sich, wie dieser Song in der ursprünglichen, kompromissfreien Version geklungen hätte. Das Ergebnis, das Denzel und Kenneth präsentieren, ist nämlich unschlagbar ansteckend und voller Groove. Denzel blickt zwar auf seinen Weg zurück und reflektiert über Moral und die Gefahren von Macht und Geld, die aus Männern Mäuse machen („So many had paid the price, seen power turn men to mice“), legt aber ein atemberaubendes und trotzdem noch leicht zu verfolgendes Tempo vor, das den Track definiert. Er lässt Popkultur-Referenzen einfließen – von „Sideshow Bob“ bis „Eartha Kitt“ – und wird zum Ende ziemlich klar in seiner Aussage: Wahrer Erfolg liegt darin, sein Leben richtig zu meistern und Laster abzubauen („handle life, it’s gotta be handled right / I gotta dismantle vice“). Das Sample von „Candle Light“ von Benny Soebardja & Lizard trägt den Beat, Denzel kommt sogar ins Singen und interpoliert im Outro noch „Bounce With Me“ von Bow Wow. Knapp drei Minuten der völligen Freiheit.
In „Product“ greift Denzel Curry die klassische Hip-Hop-Weisheit „More money, more problems“ auf und blickt auf die düsteren Kehrseiten seines Erfolgs. Er inszeniert sich zwar stolz als Pionier und Wegbereiter („I’m the real blueprint and the startup“), lässt aber im selben Atemzug eine tief sitzende Paranoia durchscheinen, die man aus vergangenen Projekten schon kennt. Hier kommt seine Nerd-Seite wieder schön durch mit Dragon-Ball-Referenzen an Akira Toriyama und Verweisen auf Judge Joe Brown. Dennoch steht am Ende ein Druck, den weder Drogen noch der Therapeut lindern können. Nicht unspannend, aber auch der erste Track, der nicht mehr ganz mit den Feuerwerken der ersten drei Songs mithalten kann – auch wenn die Hook ansteckend ist. „UPS“ dreht die Stimmung und wird gediegener, kommt aber nicht immer vom Fleck, auch wenn die Wortspiele und Metaphern von Denzel sitzen: Er geht in die Rolle des kompromisslosen Bösewichts („A present from the villain himself“), der seine Gegner metaphorisch im Louis-Vuitton-Leichensack verschickt.
In „Benjamin“ dreht sich alles um die Jagd nach dem großen Geld (100-Dollar-Noten) und die damit einhergehende Unabhängigkeit. Hier kann man sich’s wieder schön gemütlich machen und seinen blitzschnellen Wortspielen und Wortwitzen lauschen – von Hasbulla über Magneto („Titanium mic in my palm“) bis hin zu einer ganzen Salve an Käse-Metaphern („gouda, ricotta“, „rat’s tail ‚bout cheese“).
Auf „Crown“ trifft Denzel Curry auf Westside Gunn, womit er sich Verstärkung direkt aus der Griselda-Ecke holt. Der Track dreht sich vollkommen um den Kampf an die Spitze, Selbstbehauptung und den absoluten Anspruch auf die Krone – wer sie haben will, muss sie sich erst einmal erkämpfen („If you want the crown, you gotta take it from me“). Westside Gunn eröffnet die Nummer mit seinen charakteristischen Adlibs und Zeilen über Street-Credibility, Luxusmarken und East Buffalo. Denzel übernimmt danach nahtlos und blickt auf Zeiten zurück, in denen er noch belächelt wurde. Er vergleicht sein Tempo mit Sha’Carri Richardson (der Weltmeisterin im 100-Meter-Lauf) und macht den Unterschied zwischen echten Skillsets und reinem Marketing-Hype deutlich. Wie mit Peggy entsteht auch hier ein traumhafter Kontrast.
Besonders spannend wird der Closer „Difference“ durch das Wechselspiel zwischen Denzels selbstbewusstem Rap und Yebbas deutlich nachdenklicherem Refrain. Während Denzel über Erfolg, Geld und die Schattenseiten des Ruhms spricht, zeichnet Yebba das Bild eines Menschen, der sich in seinem eigenen Konflikt verliert und ständig gegen alle um sich herum kämpft. Dazu kommen zahlreiche Referenzen auf amerikanische Popkultur und Politik – von Tupac über Barack Obama bis Muhammad Ali.
Denzel Curry und Kenneth Blume sind und bleiben ein unschlagbares Duo und haben mit „ii“ einen würdigen Nachfolger von „Unlocked“ kreiert. Die Stärken beider Künstler sind durchgängig zu hören, es gibt kaum einen Moment, der wirklich abfällt, dafür aber unzählige Reimketten und Klänge, die man immer und immer wieder hören will. Ein Fest für Rapfans.
Schwache 9/10