Filiah – A Deep Breath Out
Label: Ink Music

Genre: Indie-Pop, Indie-Rock
Einmal richtig durchatmen. Die Anspannung fallen lassen, womöglich auch zu vergessen und Unangenehmes hinter sich lassen. Filiahs neues Album „A Deep Breath Out“ wird seinem Titel gerecht: Es ist eine Platte geworden, die durch Erschöpfung, toxische Beziehungsmuster und beißende Selbstkritik führt, um am Ende tatsächlich bei etwas wie Ruhe anzukommen.
Es ist Filiahs zweites Album nach ihrem Debütalbum „For Someone“ aus dem Jahr 2022. Kritiker:innen mochten das Erstlingswerk, der große Durchbruch blieb ihr damit aber verwehrt. Als One-Woman-Show kümmerte sie sich in Personalunion um Konzertorganisation, Pressearbeit und alles, was sonst noch zum Leben einer Independent-Musikerin im Jahr 2026 gehört. Die Last dieser Doppel- und Dreifachrolle führte schließlich zunächst zu einer Schreibblockade, begleitet von Erschöpfungszuständen und Selbstzweifeln – Burnout, nichts ging mehr.
Den Weg zurück zur Musik fand die österreichische Sängerin über den Song „Atlas“, entstanden bei einem Songwriting-Camp von welovemelodies in Kroatien – nach zweijähriger Pause fand Filiah so zurück zu ihrem Schaffen. „Atlas“ war einer der wuchtigsten Songs des letzten Jahres, schaffte es bei mir auf Platz acht der besten Tracks 2025 und überzeugte mit schonungsloser Offenheit und einem Aufbau bzw. einer Dynamik, die nur ganz wenige Musiker:innen in dieser Form umsetzen können. Mittlerweile bei Ink Music gesigned, konnte sie sich wieder voll auf die Musik konzentrieren und hat elf neue Songs auf „A Deep Breath Out“ mitgebracht – einige sind schon mehrere Jahre alt und werden jetzt – endlich – mit der Welt geteilt. Im Gegensatz zum Sound von „For Someone“, der noch folkiger ausfiel, wird das neue Album deutlich lauter oder krachender, an anderen Stellen aber auch bewusst behutsamer und zarter.
Das passt auch zum thematischen Kern von „A Deep Breath Out“: Filiah widmet sich drei großen, miteinander verwobenen Strängen, die aus ihrer unmittelbaren Erfahrung heraus erzählt werden: Erschöpfung und Selbstentfremdung, toxische oder Abhängigkeitsmuster in Beziehungen und der mühsame, letztlich aber doch sehr befreiende Weg zur Selbstakzeptanz. Der Spiegel taucht dabei als wiederkehrendes Bild immer wieder auf – zum einen als Ort der Selbstkonfrontation, die nie ganz gelingen will, zum anderen als Projektionsfläche für die eigene Mutter oder als Symbol für ein Selbstbild, das man kaum noch erkennt oder vielleicht gar nicht mehr richtig aushält. Parallel dazu geht es im Album immer wieder um das Gefühl, lieber für andere zu funktionieren, statt für sich selbst zu sorgen – sei es in ungesunden Beziehungen, in denen man sich selbst verliert, oder im Leistungsdruck, ständig „genug“ sein zu müssen.
„A Deep Breath Out“ mag zwar kein klassisches Konzeptalbum sein, folgt aber dennoch einer stringenten Erzählstruktur und weist eine wuchtige dramaturgische Entwicklung vor: Die Songs zum Albumstart kreisen hauptsächlich um Erschöpfung, Scham und das Gefühl, im eigenen Kopf und den Gedanken gefangen zu sein. Je weiter das Album voranschreitet, desto mehr verschiebt sich der Ton hin zu einer aktiveren Selbstbehauptung – bis hin zum Titeltrack als Closer, der als einziger Song des Albums inhaltlich tatsächlich bei Ruhe und Zuneigung ankommt, statt irgendeinen Abstecher Richtung Konflikt oder Selbstzweifel zu unternehmen. Obwohl hier also mitunter doch schwere Themen behandelt werden, fühlt sich „A Deep Breath Out“ zu keiner Zeit depressiv oder zu düster an. Vielmehr steht die Befreiung im Zentrum.

Allein der Opener „This Is Not Fun“ macht das sofort klar: Ein zunächst relativ ruhiges und reduziertes Instrumental entwickelt sich gegen Ende zu einer euphorischen Explosion, die von Filiahs herausragender vokalen Leistung getragen wird. Dieses Lied allein ist der perfekte Beweis dafür, mit welcher Songwriterin man es hier zu tun hat: Die Dynamik ist allgegenwärtig, der Text wird an den richtigen Stellen mit vermeintlichen instrumentalen Kleinigkeiten, wie kurzen, schrillen Gitarren-Verzerrungen, untermalt. Man nimmt Filiah ihre Erschöpfung, die sich wie Wut anfühlt, aber eigentlich eine nie zu enden scheinende Müdigkeit ist, zu jeder Sekunde ab. Hier kommt der Spiegel zum ersten Mal zum Einsatz, er wird zur Last, weil man sich nicht mehr ausstehen kann. Der Song endet mit der bitteren Erkenntnis, sich selbst über weite Strecken verloren zu haben – und das ist eben alles andere als lustig.
In „Method Acting“ öffnet sie den Themenblock toxischer Beziehungsdynamiken: Ein Song über Abhängigkeiten, in dem Filiah zwischen Vorwurf und eigener Verantwortung pendelt. Der Spiegel taucht hier erneut auf, Filiah zeichnet ein Bild von zwei Menschen, die sich gegenseitig zu Fremden werden lassen, um dem eigenen Versagen nicht ins Gesicht sehen zu müssen – bis am Ende die bittere Pointe steht: Wer ständig nur eine Rolle spielt, sollte sich vielleicht endlich eingestehen, dass es genau das ist, ein Schauspiel. Auch hier bekommt man einen großen Refrain, aber auch jede Menge detaillierte Strukturen, die sich üppiger zeigen dürfen, sich zum Ende aber auf ein Minimum beschränken.
Anschließend bleibt „Mean Something“ beim Beziehungsthema, verschiebt den Fokus aber auf ein spürbares Machtungleichgewicht: Filiah beschreibt eine Verbindung, bei der sie genau weiß, wie es enden wird, und sich trotzdem nicht davon lösen kann. Im Hintergrund schwingt schon eine dritte Person mit, die die eigentliche Zielperson manipulativ an sich binden möchte. Immer wieder stellt sich Filiah die Frage, ob dieses Festhalten an einer Beziehung mit Ablaufdatum eine Schwäche ist – eine Antwort findet sie in diesem Song zumindest nicht. Ein schöner Indie-Pop-Song samt kurzem Gitarren-Solo, verträumt und doch dringlich.
Noch eine Spur poppiger wird es in „Everybody Knows“: Das Klavier übernimmt eine prägendere Rolle in der Strophe, dafür wird es im Refrain dringlicher. Dieses Lied erinnert an einigen Stellen an die Hochphase von Lorde – sprich, der Track könnte genauso gut auf „Pure Heroine“ oder „Melodrama“ zu finden sein. Filiah legt all ihre Gefühle in ihren Gesang, was man spätestens in der Bridge spürt. Inhaltlich führt sie das Motiv des Openers weiter aus: Es geht um den Druck, ständig zu funktionieren und sich für die eigenen Bedürfnisse nicht zu beklagen. Gegen Ende wird deutlich, dass es ihr nicht mehr nur um die Angst vorm Scheitern geht, sondern vor allem auch um den leisen Wunsch, sich selbst endlich vergeben zu können.
Und diesen Wunsch will sie nicht in ihrer Gedankenwelt ausleben, sondern wirklich erleben. Deshalb markiert „Adapt“ den ersten echten Wendepunkt des Albums: Die Zeiten des Klagens sollen hinter sich gelassen werden, ab sofort soll Filiah an erster Stelle stehen. Sie beschreibt in einem treibenden, nie stillstehenden Umfeld, wie sehr sie sich über die Jahre bereits verändert hat, ohne es immer zu bemerken. Gleichzeitig erklärt sie auch, wie schwer es ihr fällt, auch mal innezuhalten und nicht ständig weiterzuhetzen. All das geschieht in einer der mitreißendsten Kompositionen des Albums, jeder Takt dieses Lieds ist ein Genuss, jedes Instrument, von der Bassline über die akzentuierte Gitarre oder das Klavier bis hin zu den Mehrstimmigkeiten, die Tiefe bringen. Es wird immer weiter nach vorne gezogen, was dieses „Weiterhetzen“ noch einmal verstärkt – nur um im letzten Songteil doch in völliger Ruhe anzukommen. Eines der größten Highlights des Albums – sowohl inhaltlich, als auch musikalisch.

Wie großartig sie unterschiedliche Gefühlswelten vertont, zeigt der direkte Vergleich zu „It’s Always Winter (Until It Is Not)“: Wo „Adapt“ nach vorne drängt und hetzt, zieht sich dieser Song komplett zurück. Über fünf Minuten entfaltet sich eine sanfte, mystisch anmutende Ballade, die stellenweise an „Punisher“-Phoebe-Bridgers-Anklänge erinnert, dabei aber vollkommen eigenständig bleibt. Inhaltlich prallt hier äußerer Erwartungsdruck – die Frage, wann man endlich erwachsen wird, wann man einen „richtigen“ Job findet – auf eine tiefe Selbstentfremdung, das Gefühl, sich selbst kaum noch zu kennen. Den Höhepunkt bildet die Passage über die Unsicherheit zwischen Wahrheit und Lüge sowie die Angst, gesehen zu werden („I don’t know the rules/ when a truth isn’t true…I’m scared to be seen / but I still have this dream / and I wish that I knew when to stop“) – hier trägt Filiahs Stimme allein die komplette Dynamik des Songs, ohne dass es dafür große instrumentale Eingriffe bräuchte. Danach bleiben zwei Minuten verträumte, wortlose „Uhs“ übrig, die eine überraschend kräftige Durchschlagkraft ausstrahlen.
Es erfordert jedenfalls einiges an Mut, an dieser Albumstelle eine so lange, zarte Passage zu setzen, die die Gefahr birgt, Hörer:innen vollständig abdriften zu lassen. Doch die Umsetzung ist so klar und strukturiert, dass man die Dauer nicht bemerkt und stattdessen eher ergriffen als abgeschreckt wird.
„Scratch“ schlägt wieder eine freundlichere Stimmung auf, obwohl es sich auch um einen der verletzlichsten Momente von „A Deep Breath Out“ handelt: Filiah beschreibt, wie sehr sie sich in einer Beziehung komplett aufgegeben hat, bis nichts mehr von ihr selbst übrig blieb – der Spiegel erscheint hier in seiner bisher intimsten Form, wenn sie darin die eigene Mutter und deren altvertrauten Schmerz wiedererkennt. Der Song spannt einen weiten biografischen Bogen, von der Kindheit bis zur Gegenwart, garniert mit dem Bild eines kleinen Kratzers, der nie ganz verheilt. Trotzdem schließt sie mit einem Gedanken der Versöhnung: Die selbst gewählte Familie, die einen so liebt, wie man tatsächlich ist. Lyrisch eine Wucht, musikalisch zum ersten Mal hingegen der Moment, wo sie vielleicht eine Spur zu sicher spielt – immer noch sehr umarmend und einnehmend, daher auch leicht zugänglich, aber nicht mit der größten Raffinesse ausgestattet.

Man erlebt jedenfalls ein Auf und Ab auf dieser Platte: „People Just Change“ beginnt wieder als echte Klavierballade, ehe im Laufe noch eine Gitarre hinzukommt. Menschen entwickeln sich weiter, manchmal auch auseinander. Statt Anklage steht hier die Erkenntnis im Vordergrund, dass daran niemand wirklich schuld ist – das passiert einfach, das gehört zum Leben dazu. Filiah beschreibt außerdem, wie die Involvierten lieber allein mit ihren Dämonen kämpfen, statt um Hilfe zu bitten – und erkennt darin ähnliche Muster bei sich selbst wie beim Gegenüber. Diese Gedanken singt sie in breiten Phrasierungen, die sich jedoch auch ein wenig ziehen können.
Umgekehrt will man jeden Klavier- und Vokalton von „Playground Vision“ aufsaugen. Ein zerbrechliches Lied, das den bisherigen erzählerischen Boden verlässt und abstrakter, traumhafter aufschlägt. Sie widmet sich dem Gefühl, vollständig gesehen zu werden, ohne dass es dafür große Worte bräuchte – kindlich unbeschwert, wie ein gemeinsames Spiel im Hof oder im Kindergarten. Dazwischen kommt ihr aber immer wieder der Gedanke: Man weiß nie, wann man etwas zum letzten Mal erlebt. Erinnerungen bleiben bestehen und lassen Menschen weiterleben – diese Melancholie ist hier zwar allgegenwärtig, aber trotzdem nicht erdrückend.
Einige Songs des Albums durfte man schon letzten Oktober auf der EP „Sad Girl With A Punchline“ hören. Der gleichnamige Track bringt jetzt im Albumkontext die titelgebende Strategie auf den Punkt: Humor als Schutzschild gegen die eigene Verletzlichkeit. Filiah inszeniert sich selbst zwischen zwei Polen: Entweder gute Unterhaltung oder eben das traurige Mädchen mit der Pointe, immer mit dem Wissen, dass beides letztlich Fassade ist. Der Song bleibt bewusst in der Schwebe zwischen Selbstschutz und Selbstsabotage, ohne sich für eine Seite zu entscheiden. Das transportiert sie auch musikalisch, mit treibenden Drums, die im Gegensatz zu den sehr breiten Synthis stehen. Filiah erledigt mit ihrem versierten Vokalvortrag den Rest.
Der Titeltrack „A Deep Breath Out“ bildet schließlich den perfekten Schlusspunkt eines eindrucksvollen Albums. Zum ersten Mal geht es nicht um Kampf oder Erschöpfung, sondern um eine Beziehung, die sich einfach nur richtig anfühlt, ohne dass es dafür Erklärung oder Drama bräuchte. Ankommen, Gewissheit haben und bei einem Menschen sein, bei dem man sich selbst nicht verstellen muss. Filiah schließt mit einer weiteren atmosphärischen Ballade und dem Bild, gemeinsam über die eigene Unvollkommenheit lachen zu können. Nach zehn Songs voller Erschöpfung, Beziehungschaos und Selbstzweifel ist das der verdiente, warme Ausklang – das titelgebende Ausatmen, das sich das ganze Album über angekündigt hat und nun endlich vollzogen werden kann und darf.
„A Deep Breath Out“ fühlt sich wie dessen Titel an: Ein wundervoll geschriebenes, ehrliches und vielseitiges Album, das beweist, dass Filiah eine der talentiertesten Songschreiberinnen und Musikerinnen des Landes ist. Es sind nur Nuancen, die man kritisieren kann, Kleinigkeiten, die keinesfalls das emotionale, 42-minütige Erlebnis trüben. Sowohl die Erzählstruktur als auch die musikalische Idee sind stringent und ergänzend, emotional mitreißend und erlösend – kurz: beeindruckend.
9/10