Sofie Royer – before/after
Label: Stones Throw Records

Genre: Art-Pop
Der Verlockung, jeden Text über Sofie Royer mit einer Aufzählung ihrer zahlreichen Talente zu beginnen, kann man auch im Hinblick auf ihr neues Album „before/after“ nicht widerstehen. Sie kann einfach zu viel. Man könnte erwähnen, dass sie klassisch ausgebildete Geigerin ist, dass sie die DJ-Plattform Boiler Room maßgeblich mitaufgebaut hat, dass sie Schauspielerin ist, sowohl Malerei an der Universität für Angewandte Kunst in Wien als auch Psychologie und Philosophie auf Lehramt studierte. Oder auf ihren österreichisch-iranisch-US-amerikanischen Hintergrund hinweisen und allein durch ihre dreifache Staatsbürgerschaft ableiten, dass sie in der Welt zu Hause ist und vermutlich auch mehr Sprachen spricht, als man Finger an der Hand hat. All das kann man als vermeintliche Nebensächlichkeiten in einer Rezension zu ihrer Musik erwähnen, nur um draufzukommen, dass ohne dieses Vorwissen eine Einschätzung ihres künstlerischen Schaffens unmöglich ist. Denn „before/after“, das vierte Studioalbum des 35-jährigen Multitalents, beschäftigt sich mit essentiellen Fragen: „Funktioniert das alles eigentlich so, wie ich mir das vorgestellt und gewünscht habe? Und wie sehr bin ich selbst mein größter Feind.“
Auf ihrem letzten Album „Young-Girl Forever“ ließ sie sich noch von einem französischen anarchistischen Autorenkollektiv inspirieren, um die Rolle des Young Girls als gesellschaftliches Symbol zu verhandeln und sich mit Anpassung, Selbstoptimierung und Konsumgesellschaft zu befassen und sich selbst auch kritisch zu hinterfragen. Die Themen lasen sich schwerer, als es der Sound widerspiegelte: „Young-Girl Forever“ war ein buntes, facettenreiches Album, bestehend aus englischsprachigen, französischen und deutschen Chansons oder brachialem Art-Pop. Daran knüpft sie jetzt an, wenn auch unter anderen Vorzeichen: Weg von kollektiven Fragen, hin zum Lösen individueller Sinnkrisen.

Sie bewegt sich vor allem zwischen zwei Polen: Auf der einen Seite steht das Künstlerinnen-Dasein auf der Bühne mit all seiner Performance, dem Erfolgsdruck und der Ablehnung, mit der man auch erst umgehen können muss. Auf der anderen Seite zeigt sie sich eskapistisch und romantisch und legt die ständige Selbstreflexion ab, um sich in purer Stimmung und Sehnsucht auch mal fallen zu lassen. „before/after“ hält diese beiden Seiten in einer bemerkenswerten Balance, ohne dass sich das Album dabei großartig zerfasert anfühlt.
Wobei: Ganz ablassen von einer gewissen Selbstkritik kann Sofie hier auch nicht, was schon der Blick auf das Cover verrät: Im ständigen Zwist mit sich selbst, wird man unvermeidbar an einem gewissen Punkt selbst sein größter Gegner. Einen Umgang damit zu finden, ist Sofies Bestreben auf der Platte. Die Ästhetik des Artworks macht das anschaulich: Links wird ihr am Boden liegend ein Stiefel ins Gesicht gedrückt, rechts folgt die Auflösung – Sofie hat sich den Schuh selbst über die Hand gezogen und in ihrem Gesicht platziert.

Am deutlichsten macht sie diesen inneren Zwist mit sich selbst und die Erwartungen an sie in „Cavalier“: „Yeah I’ll do the opposite of what you want me to / has it paid off yet or am I shooting myself in the foot / out the door and one in the grave“. Sofie zeigt sich getrieben von Zukunftsängsten und der Frage, ob das ständige Zögern und Taktieren sie am Ende gelähmt zurücklässt. Typisch für Royer wimmelt es im Text nur so vor popkulturellen Querverweisen. Von Referenzen auf das britische Model und Dichter Sonny Hall über die Schauspielerin Ivy Wolk bis hin zur tragischen Figur Lux Lisbon aus Sofia Coppolas „The Virgin Suicides“: So beschreibt sie Gefühle von jugendlicher Entgrenzung, Zerstörungswut und Entfremdung. „I was so young when I behaved 25 / but now it appears I’ve grown into a child“. Besonders cool auch, wie sie tatsächlich ihre Tonlage ändert, wenn sie doppeldeutig „Change my tune at the drop of a hat“ singt.
Umgekehrt zählt sie zu jenen Personen, die raus müssen, damit man ihr Talent auch wirklich zu schätzen weiß. Wie schon bei den vorherigen Alben, veröffentlichte sie bei Stones Throw Records – wo sie auch schon arbeitete – und lud sich mit Matt Cohn (SZA, Charli XCX), Jorgen Odegard (Sabrina Carpenter, BLACKPINK) und Eli Hirsch (Suki Waterhouse) renommierte Produzenten ein. Dazu auch noch Markus Windisch, der nicht zuletzt zusammen mit Bibiza die gesamte deutschsprachige Szene auf den Kopf stellt. Sofie Royer scheint außerhalb der österreichischen Landesgrenzen schon früher großen Stellenwert genossen zu haben, hier dreht sich der Wind langsam aber sicher – unter anderem kuratierte sie dieses Jahr zusammen mit Wolfgang Lehmann das Wiener Popfest – und spätestens mit der neuen Platte sollten alle Pop-Liebhaber:innen hierzulande ihren Namen kennen. Chansons und Art-Pop sind wieder dabei – aber noch dichter und raffinierter ausgearbeitet.
Es kommt nur selten vor, dass ein Album von vorne bis hinten in erster Linie einfach nur Spaß macht. Das mag als Kritikpunkt oberflächlich, womöglich sogar unpassend klingen, ist aber ein nicht zu unterschätzendes Kriterium. Selbst wenn Sofie sich existenziellen Fragen widmet, wird ihr Soundbild nicht ernst oder düster, sondern bleibt antreibend, hell und vielschichtig. Man kann mit „before/after“ eine gute Zeit haben, selbst wenn man nicht auf die Texte hört – was allerdings einen ordentlichen Fehler darstellen würde, weil Sofie Royers Lyrics mit enorm scharfen Bleistift geschrieben werden.

„Leave on the light, so I’m not too afraid / Leave on the light, so I can find my way / Can’t keep hiding no more, behind my iPhone location / You wanna get out of here tonight / I’ll never make it out of here alive“ – der Opener „Leave On The Light“ bringt relativ schnell ihren Konflikt zum Ausdruck: Sehnsucht nach Orientierung im Chaos des digitalen Zeitalters, hinter der sich aber vor allem die Angst verbirgt, mit sich selbst allein zu sein. Musikalisch setzt sie das mit pompöser Bravour um, ein dynamischer Popsong, der sich entwickeln darf und nie Tempo verliert. Dennoch baut Sofie auch Streicher-Unterstützung zur Gitarre, dem Klavier und den Drums ein, die ihrer Aufgabe als Bindeglied und Fundament eines sehr breiten Sounds treffend nachkommen.
Mit „Cowboy Mouth“ schlägt das Album direkt im Anschluss den Haken zur reinen Theaterbühne und zitiert im Vorbeigehen wahnwitzig die Popkultur der späten 2000er. Die fiktive und vermutlich auch selbsterfundene Figur Angel Jane zieht als abgehalfterter Popstar über die Ränge, zitiert im Refrain völlig unverblümt Pitbulls und Ne-Yos Megahit „Give Me Everything“ („Grab somebody sexy and tell them hey!“) – nur dass ihr niemand mehr zuhört. Die Crowd auf dem Sunset Boulevard kann damit nicht begeistert werden, ihre Gesten greifen ins Leere: „Audience of one she’s explicitly addressed / Iridescent and afraid that she may have overstayed“. Ein verträumt-schwebendes Stück Kammerpop, hüpfende Akkorde, pianolastig, Bass mit viel Swag und dennoch auch mit der ein oder anderen ordentlichen Gitarren-Verzerrung am Ende. Der Titel selbst – eine Verneigung vor Sam Shepards und Patti Smiths gleichnamigem Theaterstück von 1971 über ein toxisches, sich selbst zerfleischendes Künstlerduo – macht klar, wo Sofie auf „before/after“ überall hinblicken möchte.
In die gleiche Kerbe der schleifenden Zeitwahrnehmung schlägt auch das fabelhafte „Sesquicentennial“. Ein Wortungetüm für ein 150-jähriges Jubiläum, das Royer in Texas auf einem Stoßstangen-Sticker auffiel und gleich verwendet werden musste. Sie nützt es, um daraus eine schimmernde Pop-Metapher zu bauen: das Gefühl, in einem endlosen Zyklus gefangen zu sein, in dem sich dieselben Muster endlos wiederholen, ohne dass man weiß, ob sich daran je etwas ändern wird. Täglich grüßt das Murmeltier. Musikalisch bleibt der Song dabei angenehm leichtfüßig, tänzelnd und wahnsinnig anziehend. Funkig und glitzernd gleitet man mit ihr durch diese nie enden wollende Spirale, was den eigentlich resignativen Gedanken dahinter clever kontrastiert. Hier fühlen sich definitiv auch die größten Pop-Pessimisten pudelwohl – wobei man ein paar Anläufe braucht, um das „Sesquicentennial“ auch problemlos mitsingen zu können.
Im Gegensatz zu „Young-Girl Forever“ verzichtet „before/after“ gänzlich auf französischsprachige Songs – trotzdem gibt es aber hin und wieder einen kleinen Einwurf. Mit einem kräftigen „Moteur!“ beginnt sie ihren Track „Actress“, die letzte Vorabsingle der Platte, die im Hintergrund immer wieder weitere französische Ausdrücke beinhaltet. Sofie treibt ihr Spiel mit den verschiedenen Identitäten auf die Spitze und setzt sich messerscharf sowohl mit ihrer eigenen Rolle auf der Bühne als auch im Beziehungsleben auseinander: „When the dust settles on your heart, I’d like to audition for the leading part / When the smoke clears, I’ll be here, just give me the callback I’m ready to read, I’ll do your favorite scene, win all the awards“. Ein Track, der von prominenten Synthesizern gezeichnet ist und damit die (Italo-)Disco-Tür weit öffnet.
Der einzige deutschsprachige Song folgt mit „Auto“, der schon vor circa einem Jahr veröffentlicht wurde. Hier dürften Bibiza-Fans relativ schnell bemerken, dass Markus Windisch am Track mitarbeitete – die Gitarre, die Backing-Chöre, die breiten Synthis…das könnte man auch beim Franz so zu hören bekommen. Was natürlich keinen Nachteil darstellt, weil diese pure Dynamik in einem schönen Gegensatz zu Sofies tiefliegendem, schnellerem Gesang steht. Ein Track über das Automobil als Sehnsuchtsort der Flucht, aber genauso über das Autonome, das Automatische – das Funktionieren im Leerlauf, in dem die Welt draußen am Fenster vorbeirauschen darf. Ein eskapistisches Lied mit nostalgischer Note, Erinnerungen an eine vergangene Liebe, erzählt als Roadtrip-Fantasie mit sehr lokalem Kolorit: Baden in der Donau, ein Gewitter auf der Höhenstraße, gemeinsames Mitsingen zu Die Ärzte. Der Vergleich von Falco und Isabella als österreichisches Referenzpaar setzt dem Ganzen die Krone auf.
Gleich im Anschluss folgt mit „C’est la d“ die nächste treffsichere Bestandsaufnahme des eigenen Geisteszustands. Der Titel – französischer Slang für das Gefühl, komplett am Boden zu sein – gibt die Marschrichtung vor: „I’m not going insane, I swear I’m doing better everyday / I spent five years on that couch, and I’m not ever going back again.“ Sofie verarbeitet fünf Jahre Therapie-Couch mit einem Schulterzucken und flüchtet sich lieber in die Kunst, weil es das Einzige ist, was sie wirklich beherrscht: „Cause this is the only thing I’m good at“. Sofie erwähnt hier nebenbei den Procol-Harum-Klassiker „A Whiter Shade of Pale“ mit einer eigenen Variante von „skipping the fandango“. Der halb-französische Titel lässt sich wie eine Verballhornung von „c’est la vie“ lesen, passend zur selbstironischen Inszenierung als frivoles, Bikini-liebendes „Showgirl“, das lieber Handstand-Räder übers Parkett schlägt, als sich selbst zu ernst zu nehmen. Das Lied erinnert an manchen Stellen und der Gesangsintonation immer wieder an Courtney Love bzw. Hole, vor allem in den Strophen.
Es ist aber einfach ein sehr anstrengendes Leben als Popstar, vor allem wenn man eigentlich alles kann, aber deshalb nirgends so richtig verortet werden kann: „Oh I’m too pop for the art world, too indie darling for the mainstream / but if you give me just one shot, I will sell out the jazz club“. Zu poppig fürs Kunstpublikum, zu nischig fürs Mainstream-Publikum – aber mit nur einer Chance würde sie den Jazzclub zum metaphorischen Brennen bringen. Auf „Sold out the jazz club“ gibt’s wirklich einen ehrlichen Einblick in den ständigen Überlebenskampf zwischen unsicheren Arbeitsstrukturen („The longer I keep this up the less I can afford dinner“), ewiger Aufopferung für die Bühne und der Erkenntnis, dass Ablehnung zum Dauerzustand geworden ist („The word no means nothing to me, at this point it’s homeostasis“). Dabei möchte sie doch nur geliebt werden und gibt mit überspitzen Formulierungen zu, hinter dem DJ-Pult mehr verdient zu haben: „All I ever wanted was your undying love and attention / And if I don’t have that you better call suicide prevention…Can’t believe I used to make more money behind the DJ booth“.
„Opium“ fällt zurück in den eskapistisch-romantischen Pol des Albums, allerdings mit einer gefährlicheren Note als etwa „Auto“: Liebe wird hier explizit als Rauschmittel verhandelt – ein zufälliger Fund, der einen nicht mehr loslässt, obwohl man weiß, dass er einen verbrennen kann. Besonders raffiniert ist der Perspektivwechsel in der zweiten Hälfte, wo dieselbe Geschichte plötzlich aus der Beobachterperspektive erzählt wird – verbunden mit der beiläufigen Frage, ob sich ein Mensch einfach durch einen nächsten ersetzen lässt. Damit greift der Song ein Motiv auf, das schon bei „Cowboy Mouth“ gesetzt wurde: das Gefühl, letztlich austauschbar zu sein. Dieser Kniff passt perfekt zum übergeordneten Albumthema der Dualität, dem You vs. You-Thema. Zudem klingen diese zweieinhalb Minuten nach einem klassischen Strokes-Song, mit einem charakteristischen, simplen Gitarrenriff, einer Zuspitzung zum Refrain, der in völliger vokaler Erlösung gipfelt. Eines der allergrößten Highlights von „before/after“.
„Nights In White Jackets“ spielt bewusst mit dem Bild der psychiatrischen Zwangsjacke („white jackets“) und einer Welt, die sich auf den Kopf stellt. Sofie bringt hier einen Walzer bzw. einen Track zum Schunkeln, dessen Aufbau gut zum Text passt, bei dem unklar bleibt, ob die Bedrohung real oder eingebildet ist. Auch wenn das Lied eine Zäsur im Klangbild darstellt und nicht richtig zum Rest der Platte passt, lässt sich die Umsetzung in dieser Form nachvollziehen.
In „Best in Show“ gibt’s wunderbare Vocals und Walzer-Referenzen, verpatzte Ballett-Auditions („principal dancer in my corps de ballet“), die Einsicht, nie mehr Mozart spielen zu können („That’ll never get to play first chair again, no I’ll never get to play Mozart again“) und die Angst, als gescheiterte Debütantin abgestempelt zu werden. Der Song kippt plötzlich in eine Politsatire – inklusive Luigi Mangione – in der Sofie zynisch anbietet, als Werbegesicht und Poster-Girl herzuhalten: „If it sells more records I’ll detonate.“ Herausragend.
Der Closer „Keep On Keeping On“ ist dagegen deutlich direkter: „Am I ever gonna get a real hit or should I just get ready to quit“. Die Erschöpfung, ständig weitermachen zu müssen, obwohl niemand versteht, wie viel man selbst investiert hat, und die Wut darüber, dass diese Investition am Ende einfach ignoriert wird, könnte im Pulk treibender, poppiger Takte untergehen – zeigt aber gleichzeitig auch nur das Talent von Sofie Royer. Trotzdem ist der Hauptteil hier der vergleichsweise bravste des ganzen Albums – auch wenn man sich ein wenig an Charli XCX erinnert fühlt.
Sofie Royer war immer schon kreativ und wortgewaltig, hat aber auf „before/after“ einen neuen persönlichen Höhepunkt erreicht. Diese Platte ist ein halbstündiger Genuss, der sich auch von minimalen Schwächen in zwei Nummern („Nights In White Jackets“ und „Keep On Keeping On“) nicht trüben lässt. Pop wie er sein soll: Unnachgiebig, klug und vielseitig.
Schwache 9/10