My Ugly Clementine – Apply Autonomy
Label: My Ugly Clementine

Genre: Grunge, Indie-Rock
Irgendwann reißt die Hutschnur und das soll dann auch gehört werden: My Ugly Clementine schlagen auf ihrem neuen Album „Apply Autonomy“ so düster und hart wie noch nie auf. Die österreichische Supergroup wählt Grunge als Leitstilmittel, um sich der angestauten Wut zu entledigen. Bei den bisherigen zwei Alben konnte man sich auf mindestens drei sehr leichte und eingängige Tracks von Mira Lu Kovacs, Sophie Lindinger und Nastasja Ronck verlassen – „Apply Autonomy“ verzichtet bewusst auf diese Lockerheit, behält aber dennoch einprägsame Refrains bei.
Der Grunge steht ihnen jedenfalls richtig gut. Schwere Riffs, die immer wieder mit schnellen Passagen kontrastiert werden, funktionieren hervorragend – allein die Entwicklung des Openers „Don’t Mess With Me“ ist dafür ein starkes Beispiel. Der Song beginnt reduziert und dunkel, nur Gitarre und Gesang, ein paar Powerchords, ehe ab der zweiten Strophe ein treibendes Schlagzeug einsetzt. Im Schlussteil zieht dann fast die gesamte dunkle Wolkendecke weg, ein paar warme Strahlen scheinen durch – die Stimmung kippt komplett, geschickt aufgebaut, bevor ein breiter Refrain daran erinnert, dass es trotz allem noch immer My Ugly Clementine sind.
Das merkt man auch an den Themen: Freundschaft, Beziehungen und – wie gewohnt – stark feministische Inhalte. Die Band selbst hat sich zuletzt in einem Interview mit der Presse darüber beklagt, zu sehr auf das Feminismus-Thema reduziert zu werden, und hat damit durchaus einen Punkt. Am deutlichsten wird das auf „The Pretender“, wo sie über Männer singen, die sich zwar mit feministischer Literatur gebildet und Therapie gemacht haben, aber nichts davon wirklich verinnerlicht haben und Frauen weiterhin wie gehabt behandeln. Der Song versprüht vor allem in den Strophen, dank des Gitarrenthemas und der Call-and-Response-Passagen in den Vocals, große Anziehungskraft und Dringlichkeit – nur der Refrain fällt zu flach aus. Da hätte man sich mehr Nachdruck gewünscht, eine echte stimmliche oder instrumentale Eskalation, um dem Text mehr Gewicht zu verleihen.
„Head In The Air“ behandelt Ähnliches: eine toxische Machtdynamik und die Befreiung daraus – eine Person hält sich überlegen („my highest score was your minimum“), verkauft ihre Aufmerksamkeit als Wohltätigkeit und verlangt Gegenleistung, während das Gegenüber das Spiel durchschaut und sich mit Trotz wehrt („you call it charity / I call it fuckery“). Hier wird’s wieder grungiger, mit einem schönen dynamischen Spiel aus Drang- und Entspannungspassagen.
Gerade am Albumbeginn erinnert „Apply Autonomy“ immer wieder an Haim. Vergleiche sind zwar immer heikel und sollten eigentlich vermieden werden, aber bei einem Stück wie „This Is Nice“ drängt sich die Assoziation förmlich auf: rockige Komposition, kleine Soli, Gesangsharmonien, dazu das Thema – sich auf ein neues Abenteuer einlassen, die Angst vor neuem Herzschmerz gegen die Sehnsucht nach Nähe und Heilung abwägen. Sehr Haim, guter Song.
Ähnliches gilt für „Confidence“, das man auch auf „Women In Music Pt. III“ verorten könnte. Der Track beschreibt den Versuch, die eigene Schüchternheit durch vorgespieltes Selbstbewusstsein zu überwinden („Fake it till you make it“), um endlich aus sich herauszukommen. Mitreißend, groovig, einer der poppigsten Momente der Platte und ein guter Ausgleich zwischen den härteren Nummern.
Die stärkste Passage liegt in der Albummitte, mit „You Won“ und „Science Fiction“. „You Won“ erinnert an die Cranberries – nicht das höchste Tempo, dafür eine herausragende Atmosphäre. Hier greift alles ineinander: eingängiger Refrain („Is It What You Want“), treffende Gitarren, vielseitige Vocals. Inhaltlich geht’s um das Resümee nach einer gescheiterten Beziehung, bei der der Ex-Partner die Partnerschaft wie einen Machtkampf geführt hat – gewonnen, aber die gemeinsame Zukunft dabei zerstört. „Science Fiction“ führt diesen atmosphärischen Teil fort: zarte Gitarre, Gesangsharmonien, die einen an die Hand nehmen. Es geht um Entfremdung und innere Zerrissenheit – die eigene Realität fühlt sich surreal an, während man in einer Beziehung feststeckt, die einem als Freiheit verkauft wird, sich aber wie eine Illusion anfühlt. Die Progression ist hier noch eindrucksvoller: Ein mächtiges Riff unterbricht die sanfte Klanglandschaft, ein wiederkehrendes Mantra („Call me out / Call me in / Oh I’m stuck in between“) verstärkt das Gefühl des Dazwischen-Steckens. Diese beiden Nummern sind klar die Highlights des Albums.
Der Rest bleibt auf gutem, aber nicht perfektem Niveau. „No Rescue“ dient ihnen als Befreiungsschlag gegen veraltete Machtstrukturen und Bevormundung. Sie fordern kompromisslose Autonomie („demand autonomy“), erteilen faulem Verhandeln eine Absage („fuck your promise and your fake labels“) und weigern sich strikt, das Machtgefüge noch einmal zu retten („no rescue“). Aber wie schon bei „The Pretender“ kommt die Wut nicht richtig durch, das ist immer noch sehr höflich vorgetragen. Da wird einfach nicht auf den Tisch gehauen, sondern quasi vorher noch mal an der Tür geklopft, um zu fragen, ob man jetzt auch mal das Anliegen vortragen dürfte. Das ist sehr schade, weil das Stück wieder einen tollen Aufbau hat, ein sehr cooles Riff und sich zum Ende hin auch einem kleinen Chaos hingibt.
Eine der wenigen Nummern, die auch aufs letzte Album „The Good Life“ gepasst hätten ist „If You Know You Know“ – eher poppig, plätschert ein bisschen dahin. Es geht darum, einer vergangenen Beziehung zwar entwachsen zu sein, die Erinnerung an den Ex aber trotzdem noch unerwünscht im eigenen Kopf zu erleben. Diesen Raum will man sich wieder zurückholen.
„Unlawfully Wedded“ zelebriert die tiefe, lebenslange Romantik platonischer Freundschaft und hinterfragt das staatliche System, das nur traditionelle Liebes- oder Familienbeziehungen rechtlich anerkennt – ein wichtiges Thema, das mich musikalisch aber nur selten abholt. Der Pre-Chorus gefällt mir gut, der Chorus dagegen ist mir zu behäbig. Bitter, weil das für die Band ein echter Schlüsseltrack zu sein scheint, der mich trotzdem nicht ganz überzeugt.

Der Closer, gleichzeitig der titelgebende Track, beginnt in völliger Erschöpfung. Man fühlt sich einsam, findet nachts keinen Schlaf, sehnt sich nach Wärme und Halt. „Give me cover, give me comfort / Give me love of some sort“ wird wiederholt und klingt zunehmend verzweifelter, bis aus dieser Sehnsucht nach jemand anderem langsam der Wunsch entsteht, die eigene Autonomie zurückzuerobern. Die Krone wird abgesetzt, der Thron zurückerobert, aus den Ziegeln schließlich eine Festung gebaut („I’ll take back my throne“). Fast fünf Minuten nehmen sie sich dafür Zeit, und vor allem im letzten Drittel wird’s richtig spannend. So soll das sein – obwohl selbst hier die letzte Eskalation vermieden wird, wo mehr Nachdruck noch wirkungsvoller gewesen wäre.
Insgesamt bleibt „Apply Autonomy“ ein rundes, stimmiges Album. Die Highlights in der Albummitte, „You Won“ und „Science Fiction“, zeigen, wozu die Band fähig ist, wenn Atmosphäre, Songwriting und Produktion perfekt zusammenspielen. Gleichzeitig bleibt Potenzial liegen: Gerade bei den wütenderen, politischeren Songs wie „The Pretender“ oder „No Rescue“ hätte es mehr Mut zur echten Eskalation gebraucht – die Themen sind konsequent und wichtig, die musikalische Umsetzung bleibt an diesen Stellen aber zu zurückhaltend, um der Wut im Text auch klanglich gerecht zu werden. Trotzdem ein Album, das man gerne hört – auch wenn noch mehr drin gewesen wäre.
7/10