Mavi Phoenix – Glim
Label: LLT Records

Genre: Hyperpop/Electro-Pop
Mavi Phoenix hat mit „Drama Cowboy“ nicht nur eines der besten Alben des vergangenen Jahres geliefert, sondern auch seinen Sound gefunden. Seine Platten klingen ja immer unterschiedlich und bilden gewissermaßen auch sein Seeleninneres ab, das eben manchmal beschwingter oder melancholischer, rockiger, raplastiger oder poppiger ausfallen darf. Bei „Drama Cowboy“ hatte man aber das Gefühl, dass Mavi sowohl im Leben als auch in seiner Musik endgültig angekommen ist: Eine bedingungslose Hyperpop-Liebeserklärung mit ein paar Abstechern in Richtung Indie und 2000er-Rock. Dieser eingeschlagene Weg wird jetzt auf „Glim“, dem fünften Album, fortgesetzt und noch einmal vertieft.
Dieses Mal hat Mavi die gesamte Produktion selbst übernommen und einfach gemacht, wonach ihm war. Dadurch bekommt man unter den zehn Tracks die härtesten und dringlichsten seiner bisherigen Karriere. Es ist ein Album über das Verliebtsein, eine halbstündige Euphorie, ein echter Gefühlsrausch, den er mit allen Elementen, die Hyperpop so großartig machen, vertont. „Glim“, ein von Mavi erfundenes Wort, passt ziemlich gut als Albumtitel – klingt niedlich und ernsthaft zugleich, weniger nach Pantscherl als nach echter Liebe. Und weil man sich im Hyperpop ja generell gern in einer gewissen Retro-Lore sehr wohlfühlt, nennt Mavi sein Album nicht nur „Glim“, sondern denkt sich gleich einen ganzen Konzern dazu aus. Der baut In-Ears (also Kopfhörer), die einzig und allein die Songs dieser Platte abspielen. Dazu gibt’s auch einen Benutzerhinweis in Form eines Skits: „Insert your earpieces, remember what it feels like to crush hard, crush fast and feel the world bend. Please enjoy ‚Glim‘ responsibly“.
Eine wichtige Anmerkung, denn dieses Mal wird es noch eine Spur brutaler. Allein der Opener „With You“ reißt die letzten Barrieren nieder, die nach „Drama Cowboy“ noch gestanden sind. Mavi zeigt sich von einer noch härteren Seite: Trügerisch romantischer Start im Instrumental mit einer feinen Melodie, die sich zwar durch den gesamten Song durchzieht, sehr schnell aber Gesellschaft von treibenden Bässen und dem einen oder anderen noch dezenten, wenig später aber vollkommen eskalierenden elektronischen Element bekommt. Der Aufbau des Songs ist daher gelungen, der ruhige Beginn entwickelt sich zunehmend zu einer Klangexplosion ohne Rücksicht auf Verluste. Die Stimmverzerrer laufen auf Hochtouren, die Drops sitzen und kleine Glitches und Details sorgen für die nötige Tiefe. Dieses Spiel aus Drang und Entspannung, aus Zuspitzung und Harmonie ist nur schwer zu toppen. So klingt es also, wenn Marlon verliebt ist – man kann sein Herz förmlich brennen sehen. Hyperpop-Fans werden sich, ohne lange nachzudenken, in dieses Lied fallen lassen und Mavis Liebesbekundung nächtelang feiern – alle anderen werden umgekehrt aber ein wenig Zeit brauchen, um diesen musikalischen Stress auch richtig schätzen zu können.
Deshalb eignet sich „Babyboy“ als bester Einstiegssong. Hier wird das Tempo reduziert und eine akustische Gitarre begrüßt mit ungewohnter Leichtigkeit. Die Stimmverzerrer sind zwar noch dabei, werden aber zwischendurch völlig abgedreht, wenn Mavi ins Rappen kommt. Je länger das Lied dauert, desto mehr fühlt man sich an die letzten Brockhampton-Produktionen erinnert – poppige Hook, Rap, sehr viel Liebe und ein rundum angenehmes Hörerlebnis. Mavi zeigt mit so einem Lied auch, dass er nicht zwangsläufig alles auf Anschlag produzieren muss, um seine Form des Pop zu transportieren.
Inhaltlich muss man bei „Glim“ nicht lange interpretieren: Es ist ein Liebesalbum, dessen Texte gerne im Pulk der antreibenden Beats und Melodien untergehen. Das ist nicht unbedingt problematisch, weil man vor allem von der Musik getragen wird. Trotzdem gibt’s spannende Kniffe, die in Sachen Vocals eingebaut werden: In „Dopamine“ werden Teile der Hook einfach rückwärts abgespielt, was man aufgrund der hochgepitchten Stimme über den galoppierenden Jungle-Beat nicht bemerkt, sofern man nicht aktiv auf die Lyrics blickt.
„Dopamine“ ist allgemein der vorläufige Höhepunkt eines wilden Albummittelteils, der mit „Airtight“ eingeleitet wird. Ab diesem Song ändert sich das Soundbild noch einmal und man wird unweigerlich auf die Tanzfläche geworfen. „Airtight“ wird von nach vorne peitschenden Rhythmen dominiert, wird am Ende im Instrumental schriller und verzerrter, baut aber auf ziemlich breite, teilweise auch klare Melodiebögen in den Vocals, die fast gegensätzlich zum Beat stehen und sich häufig wiederholen. Dadurch fehlt der letzte Punch, außerdem schleichen sich kleine Längen ein. Mit „Loving Can Do“ treibt Mavi seinen Autotune- und Vocoder-Einsatz auf die Spitze und begibt sich auch erstmals in Richtung Jungle. Die unterschiedlichen Dynamiken in Strophe und Hook funktionieren, nur fallen die Vocals an einigen Stellen übertrieben aus – ein wenig Zurückhaltung in den Verzerrungen hätte den angestrebten Effekt vermutlich verstärkt. So wird man fast erschlagen. Dafür bekommt man bei „Dopamine“, was der Titel verspricht: Ein echter Jungle-Abriss, jetzt wird nicht mehr nach hinten geblickt. Mavis Stimme schwebt hochgepitcht – wie bei vielen Songs – über dem Instrumental, während die Percussion und ein schriller und gleichzeitig auch breiter Synthesizer den Rest erledigen. Es gibt in dieser Phase kaum Verschnaufpausen, Mavi treibt einen vor sich her und hält nichts zurück.
Das kann eine Reizüberflutung zur Folge haben, die in „J’adore“ gipfelt, auch wenn das Lied zumindest vokal ein paar Passagen einbaut, in denen man kurz zur Ruhe kommt. Trotzdem sitzt nicht jedes Break oder jede Tempo-Änderung, vielmehr wäre eine Verknappung wünschenswert gewesen, weil der Track sich durch das repetitive Grundkonstrukt rasch zu ziehen beginnt. Mavi experimentiert auf „Glim“ wie noch nie. Auch wenn man diesen Mut anerkennen muss, meint er es manchmal einfach zu gut und findet noch nicht durchgängig die richtige Balance zwischen all den elektronischen Komponenten.
Dafür fallen die beiden Tracks mit Swelle sehr angenehm aus: „A Fairy Bitch Like U“ wandelt auf den Spuren von Porter Robinson und den 100 gecs und zeigt, dass man auch im Hyperpop richtig gute Feature-Tracks machen kann: Swelles langgezogene Intonationen im Stil von Caroline Polachek kontrastrieren Mavis Rap wunderbar. Selbiges gilt für „Boy Next Door“, den man neben „Babyboy“ und dem Closer „A Kiss Wants A Prom“ am ehesten noch als klassischen Electro-Pop-Song bezeichnen darf (sofern man den schrillen Synthi gegen Ende ausblendet). Der Schlusssong fällt mit gelungen-absurden Vergleichen im Text auf und überträgt diese Verspieltheit auch in die Musik. Als Schlusswort folgt noch ein zweiter Benutzerhinweis: „Please be advised that physical dissociation and an expanded consciousness are intended effects“ – wer sich jetzt nicht gut fühlt, soll sich bitte gleich an Arzt oder Apotheker wenden.
Beides braucht man nach dieser halben Stunde nicht, dafür ist die Platte zu mitreißend und gut gemacht. Auch wenn es einem zwischendurch zu viel wird, zeigt „Glim“ Mavi Phoenix in seiner kreativen Hochphase: Er geht noch bedingungsloser in sein Schaffen, verliert sich hie und da aber auch in seinen Ideen. Als Nachfolger des insgesamt runderen „Drama Cowboy“ ist „Glim“ in dieser Form nur konsequent.
Starke 7/10