Desolat – Obsolet

Label: Dackelton Records

Genre: Post-Punk, Grunge, Punk

Der Verdacht liegt nahe, dass sich Desolat gar nicht so ernst nehmen: Wenn man ein Album, an dem man mehrere Monate gearbeitet hat, „Obsolet“ nennt, dann ist das in erster Linie eine Ansage an sich selbst. Dahinter steckt aber mehr als Selbstironie. Die Gelsenkirchener Band findet sich auf ihrer zweiten Platte einfach mit den Umständen der Welt ab, nicht als großes Drama, sondern als Dauerzustand: in der U-Bahn, die nach kaltem Metall riecht, in der Lethargie des Scrollens, sogar im Zuspätkommen zur eigenen Beerdigung.

Desolat sind ein Quintett aus dem Ruhrgebiet, das auf Deutsch zwischen Grunge, Post-Punk und Punk pendelt. Das Debüt „Ückendorfication“ erzählte 2024 über Skits eine zusammenhängende Geschichte, „Obsolet“ kommt dagegen mit zehn Songs ohne Zwischenspiele aus. Mitgeschrieben haben diesmal alle fünf, darunter Gitarristin Lilly, die einen Song selbst singt und immer wieder als Gesangspartnerin in Erscheinung tritt. Aufgenommen wurde komplett live, produziert hat Gregor Halsmayr alias Fazo in Wien.

Im Opener „Asphalt“ schlägt man direkt hart auf und etabliert eine grungige Stimmung, die in einem ordentlich anziehenden Refrain ihren Höhepunkt findet. Dem Ruhrpott wird ja gerne eine graue Landschaft nachgesagt, die von Desolat kaum geleugnet wird: „Zerdrück mich zwischen den Fassaden / Stahlbeton Koloss“ – ein Flehen an die eigene Stadt, noch tiefer hineingezogen zu werden. Als Eröffnungsstück funktioniert der Track ausgesprochen gut, die Band schafft einen gelungenen Spagat aus verhältnismäßig ruhiger Strophe und euphorischem Hauptteil.

„Obsolet“ ist generell ein kleiner Genre-Mix, hat seine besten Phasen aber dann, wenn sich die Band in Richtung Punk bewegt. „Bin ich f****d?“ zieht nur nach vorne, sehr straighte Riffs, kommt frech („Mama, Papa, hört ihr das? / Ihr habt verkackt“) und dynamisch. Sänger Markus setzt auf Stimmverzerrer in der Strophe und der Bridge, während der Hauptteil klar und auch mit der ein oder anderen kleinen Phrasierung bestritten wird. Viel Hoffnung steckt nicht im Song, eher wird alles in Frage gestellt, man schaut gar den „Träumen aus dem Abfluss“ hinterher. Resignation ist ein Schlüsselthema von „Obsolet“ und wird auch gleich zum Albumstart verankert – aber immerhin ist man sich sicher: „Menschsein ist ne Show / Und der Star bin ich“.

Nach dieser Eskapade ändert sich das Soundbild, es wird schwerer, post-punkiger. „Tiefes Blau“ wird dramatischer, hat vor allem in den Vocals seine großen Stärken, insbesondere wenn Lilly Markus im Refrain unterstützt. Es ist ein Track, der eine gewisse Sehnsucht nach dem Untergang deutlich macht, der aber vor allem dadurch auffällt, dass man sich ohnmächtig, zumindest aber lost fühlt: „Lass mich los und halt mich fest“. Dennoch schöpft man hier nicht das volle Potential aus, eher macht man es sich in der relativ einfach gehaltenen Melodie zu gemütlich. Mit ein bisschen mehr Abwechslung hätte man noch mehr Drang erzeugen können.

Das wird ausgerechnet im Titeltrack noch deutlicher: Desolat starten mit einem wuchtigen Riff, das sich gekonnt durch die Strophe wuselt und von einem gelungenen Wechselspiel zwischen Markus und Lilly in den Vocals Unterstützung bekommt. Die Drums peitschen schön an und auch wenn man die Power in den Refrain mitziehen möchte, fällt der „Wir sind obsolet / und wir können es sehen / wie wir zu Grunde gehen“-Part deutlich ab. In der Simplizität liegt oft die Stärke, hier nimmt man sich durch den gewählten Melodiebogen den Antrieb. Die kleinen Growls fühlen sich zudem auch nicht ganz treffsicher an, dafür kann das Gitarrensolo wieder einiges wettmachen. Unterm Strich einige spannende Ideen, die aber durch die Wiederholungen des Refrains den Glanz verlieren. Schade, weil man textlich sonst ein sehr interessantes Bild zeichnet: „Wenn wir brennen, brennt niemand allein.“ Konserven kauft man „nur für den Fall“, die bunte Reklame sieht keiner mehr an – man stellt sich auf den Weltuntergang ohne Pathos ein.

Mit „Wie ich zerbrech’“ folgt die Ballade des Albums, auf der Lilly das Mikrofon übernimmt. Sie gleitet durch den atmosphärischen Song mit Leichtigkeit und steht damit gegensätzlich zu den schweren Riffs. Gesanglich ist die Ballade einwandfrei und emotional aufgeladen, der Text bleibt hingegen bei bekannten Bildern des Kummers („Der Kummer frisst mich auf“, „Ich krepiere“). Man kann hier kleine Längen nicht leugnen, kann sie aber gleichzeitig auch durch Lillys Performance abschütteln.

„Kirschblüten“ fällt im Anschluss wieder in die punkigere Kategorie: Ein helles Stück, erzählt in der dritten Person von einer Frau, die mit dem Wind treibt: „Alles, was sie sucht, war immer da.“ So zuversichtlich zeigen sich Desolat sonst kaum. Es fällt sehr leicht, sich in diesem Stück zu verlieren, hier greifen die Stärken der Band wunderbar ineinander: Gesangsharmonien, spannender Refrain, schönes Tempo und richtige Balance aus Wumms und Melancholie. Das ist die Art von Song, die ihnen am besten steht. „Will dein Glück nicht sehen“ ist das Gegenstück dazu, eine Diagnose des Neids im Scroll-Zeitalter („Living my best life, doch glauben kann ich es dir nicht“), mit einem Schuss Ruhrgebiet, wenn Stauder in den Sänger fließt. Markus macht im Refrain aber klar, dass er viel mehr an Empfindsamkeit und Verletzlichkeit interessiert ist. Desolat wählen dafür einen poppunkigen Ansatz, durchaus an die Ärzte erinnernd und mit einem der eingängigsten Refrains des Albums ausgestattet.

Inhaltlich könnte „Verpass nicht den Anschluss III“ eine Erklärung für „Bin ich f****d?“ darstellen: Der Song erzählt davon, wie jemand schon bei der Geburt zu spät kommt, ein fürchterlicher Schüler ist und immer auf der Suche nach Normalität bleibt. Stattdessen findet er Neurodiversität, versucht es mit Selbstmedikation nach Matrix-Art („Pille rot, Pille blau“) und kommt zum Schluss, dass „die Simulation ist wie sie ist“. Die Pointe aus dem Einstieg schließt den Track: Zu spät kommt er auch zur eigenen Beerdigung. Das Soundbild wird hier wieder härter und bleibt bis zum Albumende ähnlich.

Desolat sind eine talentierte Band und können große Songs schreiben: Bei „Winona“ möchte man zusammen mit Markus den Refrain mitgrölen und kann den Live-Abriss schon zu Hause sehen: „Winona sagt: Es wird schon gehen … Courtney Love schreit irgendwas, was ich nicht versteh’“. Zwischen diesen popkulturellen Anspielungen liegt dann auch noch die vielleicht beste Zeile des Albums: „Überwunden heißt nicht frei / Neu anfangen heißt alleine sein.“ Ein echter Banger. Der Closer „Gehen“ schließt im Vagen und wird mit knapp vier Minuten zum großen Finale von „Obsolet“: zwei Menschen gehen auseinander, weil sie sich zu ähnlich sind, während um sie herum ohnehin alles untergeht. Der allgemeinste Text beendet eine Platte, die sonst von ihren Details lebt. Musikalisch will man hier noch eine Spur härter werden und in Richtung Metal schielen, diesmal mit Ausflügen ins Screaming – ein deutlicher Kontrast zum eher dahinplätschernden Refrain.

„Obsolet“ hat sehr viele gute Momente, macht aber auch deutlich, dass Desolat sich noch nicht so richtig einig sind, in welche Richtung sie sich bewegen möchten. Die unterschiedlichen Genres und Ideen sind nicht das Problem – das kann man auch in Zukunft so machen – sofern man an der Umsetzung tüftelt. Manche Hooks können nicht mit den Strophen mithalten und drohen daneben zu verebben. Eine letzte Zuspitzung, die aus einer soliden Platte eine zwingende machen würde, wäre noch wünschenswert gewesen – auch weil die Texte zwischen treffenden Bildern und Allgemeinplätzen wechseln. Als Bild vom Dauerzustand Untergang überzeugt sie trotzdem. Mit „Asphalt“, „Bin ich f****d?“, „Kirschblüten“ und „Winona“ hat die Band echte Kracher geliefert. Live sind Desolat übrigens am 13. November im Lucia in Wien zu sehen.

Schwache 7/10

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