Lisa – Press Play
Label: RCA / Lloud Co.

Genre: Pop Rap
Gut anderthalb Jahre nach dem Debütalbum „Alter Ego“ legt Lisa mit „Press Play“ eine EP nach. Sechs Songs, 16 Minuten Spielzeit, die Lisa „at her most personal“ zeigen sollen. Die EP soll ihren Werdegang und ihren Aufstieg zum globalen Superstar reflektieren und dabei ihre thailändischen Wurzeln würdigen. Klingt ambitioniert und spannend, entpuppt sich aber bei genauerem Hören als ziemlich klassischer Marketing-Sprech, ohne wirklich fundiertes Storytelling zu betreiben. Dabei stehen satte 31 Namen in den Credits, eine ganze Reihe davon allein bei „Cobra“ wegen der verwendeten Interpolation. Lisa selbst tritt bei jedem Track als Songwriterin in Erscheinung und erklärte bei Jimmy Fallon, dass die EP viele thailändische Elemente enthält und jeder Song eine eigene Figur hat: wie ein Film, bei dem man einfach auf Play drückt. Dazu gehört auch eine Hommage an Quentin Tarantino, dem sie gleich einen Song widmete.
Kuk Harrell, der schon mit Rihanna bei „Umbrella“ zusammengearbeitet hat, übernahm die Vocal-Produktion. Für die Beats sorgten unter anderem die (K-)Pop-Branchengrößen Dem Jointz, Johnny Goldstein, Dan Farber und Ojivolta. Herausgekommen ist ein für Lisa typischer Hybrid aus Rap und Pop, der natürlich auch von härteren Beats untermalt werden darf.
„SaWaDiKa“, der Opener und gleichzeitig auch die Leadsingle, untermauert diese Soundthese. Ein Track ganz im Stil von Slayyyter, sehr straight nach vorne ziehend, brutale Drops, kommt wahnsinnig böse im Instrumental, gleichzeitig aber in der Pre-Hook auch bouncend-locker. Lisa macht ihre Sache hier wie gewohnt, starke Drangphasen, ansteckender Rap, eingängige Hook und eben diese kleine verträumte Phase vor der Eskalation zum Hauptteil, wo sie auch singen darf. „Hello Sawadika“ (der Titel ist eine stilisierte Form des thailändischen „sawatdee ka“, also „Hallo“) kommt mit sehr viel Swag, allein schon wegen der „La la Lisa la diva / Sawadika there she go“-Passage. Nur bleibt hier viel zu viel Potential ungenützt: Anstatt in die Vollen zu gehen und beispielsweise eine komplette Strophe in Thai zu rappen, vertraut Lisa lieber wieder auf ihre Standard-Flex-Floskeln, die mit ein paar „Bitch“-Einschüben edgyer gestaltet werden sollen. Klar, „Doing donuts in a tuk tuk“ ist eine lustige Zeile – aber man hätte hier noch viel tiefer hineingehen können. Unterm Strich zwar schon ein Banger, aber eben nicht die ganz große Offenbarung.
Und besser wird es auf „Press Play“ auch nicht. „V12“ setzt auf dröhnende Beats, Stimmverzerrer, so richtig kann man die V12-Maschine aber nicht durchhören, auch wenn eben alles brummt und donnert. Supercars, ein paar Basketball-, Football- und Baseball-Referenzen, dazu ein Ego-Shooter als Vergleich – den Innovationspreis bekommt Lisa hierfür nicht. Einen gewissen Killer-Modus muss man ihr zugestehen, das ist ihr Modus Operandi seit Beginn von Blackpink – aber gerade auf der „persönlichsten“ EP sind Fahrten im Ferrari halt doch ziemlich eintönig. Zum Ende kommt plötzlich noch klarer Gesang statt Rap, der sich nicht sonderlich organisch in das Geflecht integriert. Insgesamt solide, aber kaum weiter in Erinnerung bleibend.
Mit „Cobra“ folgt der kürzeste und funktionalste Song der EP: Der Refrain besteht aus einzelnen Befehlen an die Tanzfläche: „Dance, floor, tempo, fast, slow, go.“ Die Strophen liefern Party-Standard: Mädelsabend, Vollgas, Mitternacht. Dazu ein „So what?“ an alle, die etwas auszusetzen haben. Lisa interpoliert hier Missy Elliotts und Timbalands „Pass That Dutch“ von 2003, weshalb beide auch in den Credits stehen. Insgesamt stehen 18 Namen in den Credits, dafür kommt erstaunlich wenig heraus: „Tequila mixed with soda / Got me movin’ like a cobra“… ob man dafür wirklich so viele Credits gebraucht hat?
Immerhin strahlt „Tarantino“ wieder mehr Anziehungskraft aus. Lisa spielt hier auf unterschiedliche Filme und Rollen aus dem Universum von Tarantino an und besetzt einfach sämtliche Rollen selbst: Sie ist Heldin, Boss und Stuntfrau zugleich. Mitten im Zitatefeuerwerk landet ein Stück Thailand („At the drive-thru, Thai funk, shakin’ out the trunk“), nur um am Ende anzudeuten, dass das alles nicht ewig hält. Das Lied startet mit einer stark verzerrten Gitarre und hat im Allgemeinen ein interessantes musikalisches Thema, das den Song auch trägt. Lisa schmiegt sich um diese Melodie, variiert zwischen Rap und Gesang und man kann ohne Weiteres zugeben, dass das hier unterm Strich schon ordentlich ist. Neben „SaWaDiKa“ das Highlight der EP.
Die letzten beiden Tracks „Cut U Off“ und „Sweat“ fallen hingegen wieder ab. „Cut U Off“ wird von der berühmten „Kill Bill“-Pfeifmelodie geprägt und schwenkt dann aber leider ziemlich schnell in den üblichen Sound. Es wird bounciger, gesanglich sogar melodischer, was dem Rache-Motiv nicht gerecht wird. „Sweat“ als Closer ist dann noch eine persönliche Yoga-Stunde mit Lisa: „Stretch it out / Don’t stress me out“. Rhythmisch aber dennoch behäbig, hier passiert praktisch nichts – keines der Elemente, weder Lisa noch der Beat, lehnt sich in irgendeiner Weise besonders ins Zeug oder aus dem Fenster.
Daher ist „Press Play“ eine EP geworden, die uns kaum Neues bietet. Wir kennen Lisa kein bisschen besser (was aufgrund der zahlreichen, schon erschienenen Dokus auch nicht notwendig ist), bekommen aber auch keine neue musikalische Seite von ihr zu hören. Der Kniff, ihre Wurzeln ins Zentrum zu stellen, stellt sich als irreführend heraus und zeigt im Grunde genommen nur, dass Lisa und ihr Team nicht so richtig wissen, wohin die Reise gehen soll. Mit „Press Play“ fällt man im Westen nicht auf und in Thailand vermutlich auch nicht. Da wäre mehr gegangen…
Starke 5/10