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Kelela – new avatar

Label: Warp Records

Genre: Alternative R&B

Viele Bezeichnungen treffen auf Kelela zu: visionär, genresprengend, musikalischer Freigeist. All diesen Begriffen wird sie auch auf ihrem neuen Album „new avatar“ gerecht. 

Seit ihrem Durchbruch mit „Cut 4 Me“ und den Alben „Take Me Apart“ und „Raven“ hat sie R&B immer wieder neu gedacht, elektronische Musik mit Clubkultur verbunden und gezeigt, wie viel Raum zwischen Soul, Pop und Experiment liegen kann. Mit „new avatar“ erweitert sie ihr Klangbild und verwebt ihren charakteristischen Alternative R&B mit verzerrten Gitarrenklängen, die sie immer wieder in Richtung Shoegaze führen. Dieses Album ist eine abwechslungsreiche Reise in die kreative Welt einer Musikerin, die keinerlei Grenzen kennt: Grunge, Trip-Hop, Indie-Rock werden mit futuristischen R&B-Strukturen in Einklang gebracht. Kelela kehrt damit auch zu ihren musikalischen Anfängen zurück, als sie in ihren Studentenjahren in Washington in unterschiedlichen Prog-Metal-Bands spielte.

Kelela widmet sich hier aber nicht nur einem musikalischen Stilwechsel, sondern ordnet die Platte einem bestimmten Lebensgefühl unter. Das Album beschäftigt sich damit, wie es sich anfühlt, in einer immer komplexeren, manchmal überfordernden Gegenwart zu existieren und zu überleben. Es geht um Entfremdung, Beziehungen und Verbindungen, Unsicherheiten – aber auch um die Schönheit, die man in diesen chaotischen Zeiten immer noch finden kann. Im Zusammenspiel mit ihrem unverwechselbaren Sound entsteht ein enorm atmosphärisches Album, das an manchen Stellen melancholisch und düster, an anderen wieder etwas euphorischer ausfällt – jedenfalls immer einen speziellen Drang vorweist. 

Gleich die ersten Songs machen das schon deutlich: Der Opener „Idea 1“ zählt zu den besten Tracks des Jahres, nicht zuletzt aufgrund des wunderbaren Kontrasts zwischen ruhigen Strophen und verzerrtem Refrain. Akustische Gitarren stehen Drones gegenüber, Kelelas warmer Gesang den brutalen Gitarren. Inhaltlich widmet sie sich dem Überleben als schwarze Frau und betont, dass der Track keine Antworten gibt, sondern sich einfach weigert, wegzusehen. Nach diesem Track möchte man weder wegsehen noch weghören. Denn gleich mit „Point Blank“ legt sie nach – ein dynamischer Track, der sich Geschlechterdynamiken widmet und dessen elektronischer Aufbau das Zeug dazu hat, ikonisch zu werden. Sehr metallisch im Instrumental, aber betörend in den Vocals.

Diese Stimmung transportiert sie auch im Rock-Song „going down“, wo sie das Tempo noch einmal reduziert und vor allem rund um den Hauptteil einen sehr einnehmenden und trotzdem auch wütenden Charakter zeigt, der in einem 90er-angelehnten R&B-Refrain gipfelt, der die Schwere des Themas widerspiegelt: Sie stellt ihren Partner zur Rede, diese Beziehung wird auf kurz oder lang wohl scheitern. Richtig gespenstisch wird es auf „Outta Time“, einem elektronischeren Lied – obwohl die Lead-Gitarre dank Picking eine helle Komponente einstreuen kann. Zusammen mit A.K. Paul singt sie davon, dass ihnen die Zeit ausgeht und zum ersten Mal entwickeln sich ganz kleine Längen, die auch im folgenden „Against Me“ zu spüren sind. Dieser Song erinnert ein bisschen an Nilüfer Yanya, hat also durchaus etwas Funkelndes, Hypnotisches, Grungiges – verpasst aber den finalen Ausbruch und die 2:40 Minuten fühlen sich tatsächlich länger an, als sie eigentlich sein sollten.

Dafür geht sie gekonnt und nahtlos in „crystalize“ über und thematisiert Sehnsucht und das große Loch, in das man nach einer Trennung fällt. Hier bündelt sich die emotionale Stärke des Albums zu einer der besten Soundfusionen. Dabei greift die Formel von „new avatar“ zur Gänze: In der Reduktion liegt die Stärke, laute oder barocke Strukturen werden vermieden, was sie im anschließenden „retaliation lullaby“ noch einmal unterstreicht. Eine Gitarrenballade, die von sanften Vocals getragen und von einem Gewittersound flankiert wird.

Durch ein stringentes Indie-Rock-Riff weckt sie uns in „linknb“ wieder auf, bevor es in „Don’t piss me off“ zum ersten Mal so richtig auf die Tanzfläche geht. Antreibender UK Garage, dazu noch ein paar interessante metallische Zischklänge zum Ausschmücken. Mit zwei Features wird schließlich das Albumende eingeleitet. Zunächst schaut Fousheé auf „New Life Forms“ vorbei und lässt einen himmlisch-leichten R&B-Song entstehen, dessen Beat aber trotzdem genug nach vorne schiebt und sich treffend für Fousheés Rap-R&B-Part eignet. Ein bildhafter Song, in dem man sich förmlich an der Küste oder am Meer sehen kann. 

Im Anschluss folgt mit „The Bridge“ das letzte große Highlight. PinkPantheress, seit Jahren großer Fan von Kelela, führt uns wenig überraschend in den Club und es darf ein wenig enger getanzt werden: Hier verschmelzen Körper, Herzen schlagen im Takt. Mit „If we meet again“ endet das Album wieder minimalistisch und überraschend unversöhnlich: „You don’t try hard enough / Even when it’s easy and obvious / You don’t rock hard enough / You’re playing in my face, that’s why I’m giving up“. 

„new avatar“ ist eine packende Weiterentwicklung von Kelelas bisheriger musikalischer Identität. Die unterschiedlichen musikalischen Ideen stehen sich nicht im Weg, sondern nehmen sich den nötigen Platz und entfalten sich dadurch zu einem Album, das zunächst einen ordentlichen Rausch, später dann eine gediegene Entspannung vermittelt. Ein wunderbares Album einer Künstlerin, die den Titel des musikalischen Freigeists zurechtträgt.

Starke 8/10

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