KiiiKiiii – WhyKiiiKiii

Label: Starship Entertainment

Genre: K-Pop, Hyperpop, Dance-Pop

Sie kamen aus dem Nichts und zählen nach gerade einmal eineinhalb Jahren schon zu den spannendsten Girlgroups der Branche: KiiiKiii, die fünfköpfige Gruppe unter Starship Entertainment, hat die K-Pop-Welt rasch erobert und mit „WhyKiiiKiii“ einen echten Frontrunner für die EP des Jahres veröffentlicht.

Seit ihrem überraschenden Debüt Anfang 2025 haben KiiiKiii eine bemerkenswerte Konstanz an den Tag gelegt: „I Do Me“ oder „BTG“ waren interessante erste Tracks, eher noch im Alt-Pop angesiedelt, die auch schnell Siege bei koreanischen Musikshows feierten. Die Gruppe traf einen Nerv und Starships Plan, eine zweite Formation neben IVE zu etablieren, schien zu funktionieren. Das erste richtige Comeback „Delulu Pack“ hatte mit „404 (New Era)“ einen Titeltrack, der sich schon Mitte Januar 2026 in Position für den besten K-Pop-Song des Jahres brachte. Die Gruppe wurde experimentierfreudiger, man öffnete sich zunehmend mehr den bouncenden Electro-Sounds, House und einer Botschaft, die auch ein Scheitern auf dem Weg zum Erzielen der Träume zulässt. Diese Entwicklung lässt man jetzt vorläufig in den sechs neuen Tracks von „WhyKiiiKiii“ gipfeln.

© Starship Entertainment

Das Konzept dafür ist relativ einfach erklärt: Eine EP für den Sommer, KiiiKiii nehmen uns auf eine Reise mit. Klickt man auf die Website der Band, landet man praktisch bei einer Reiseagentur – „WhyKiiiKiii“ wird als Pauschalreise auf eine Inselgruppe mit sechs Zeitperioden und Themen präsentiert. Die fünf Member erscheinen als Reiseguides in retro-inspirierten Visuals, es gibt alte Handyreklamen, Illustrationen und Referenzen zu Teenager-Filmen und Magazinen. Man kann sogar seinen Namen und das Reisedatum bzw. den Ort (wie zum Beispiel „Rock Bottom“ als Startdestination) eingeben und bekommt anschließend einen digitalen Boarding Pass ausgestellt. Und im Duty-Free-Shop könnte man auch noch „shoppen“. Man kann Reise-Rezensionen dalassen, die dazugehörigen Partner („KiiiKiii“, „Leesol“, „Jiyu Seo“, „Sui Inc“, „Kya“ und „Haum“) hören nicht nur auf die Namen der Member, sondern haben auch individuelle Logos bekommen. Da steckt schon sehr viel Liebe zum Detail drinnen – unter dem Motto „One Day, Six Summers“.

Der Sommer ist und bleibt eine der wichtigsten Phasen im K-Pop-Jahr. Die Comebacks fallen leichter und luftiger aus, die Ästhetik wird bunt und verspielt, die Hooks noch eingängiger. 2026 hat sich bis Anfang August eigentlich noch kein dominanter Sommerhit etabliert, auch wenn STAYC mit „2 L0ve“, fromis_9 mit „Vitamin Me“ oder natürlich auch Rescene mit ihrem Kara-Cover „Pretty Girl“ schon sehr gute Songs präsentierten. KiiiKiiis Beiträge von „WhyKiiiKiii“ stehen im Grunde genommen im direkten Kontrast zu den genannten Sommertracks, haben aber allesamt für sich das Zeug dazu, sowohl Charts und Playlists als auch Jahresbestenlisten zu erobern. Kein braver K-Pop-Sommer-Pop, sondern ausgelassene, oft unerwartete Strukturen dominieren.

Allein schon die Pre-Single „Candy Pink Magic Hole Flip Phone (나 어떡해)“: Ein Track wie eine Explosion, ein einziger Hyperpop-Genuss, geschrieben von Südkoreas Pop-Mastermind Effie, der an manchen Stellen an Charli XCX’ „How I’m Feeling Now“ erinnert. Bedingungsloser Drang nach vorne, keine Rücksicht auf Verluste, es darf schräg klingen, es soll wirbeln und vor allem keine Sekunde langweilig werden. Die Y2K-Nostalgie zeigt sich in Sound und Video und der Titel allein ist schon ein Ereignis. Inhaltlich dreht sich alles um einen wilden Sommerabend in einer fremden Stadt – irgendwo zwischen Sonnenbrand, Glitter, Party und der Panik, nur noch 1% Akku zu haben. Das war damals schon bitter und ist es natürlich auch heute noch. So schlagen sie gekonnt den Bogen zwischen Y2K und Gegenwart. „Candy Pink Magic Hole Flip Phone (나 어떡해)“ ist aber vor allem deshalb ein Brett, weil KiiiKiii und die Produzent:innen nicht auf Zwang versuchen, einen cuten oder anderen, für K-Pop typischen Ansatz über den Song zu stülpen, sondern die eigene Charakteristik ins Zentrum stellen.

Deshalb klingt „WhyKiiiKiii“ nach 2000er-Pop, EDM und Hyperpop und zelebriert die Freundschaft und den Spaß, den man zusammen im Sommer erleben kann, wenn man die Seele baumeln und die Sorgen mal hinter sich lässt. Mit „Ever2Late!“ starten wir in den Tag, ein bouncender Beat begrüßt uns an Bord in Richtung „WhyKiiiKiii“ und die Gruppe zeigt sich enorm sanft, bringt mit den luftigen Vocals ein gelungenes Gegenstück zum treibenden Rhythmus. Stichwort Tempo: KiiiKiii singen über einen sommerlichen Morgen mit halbgeöffneten Fenstern und die Erkenntnis, dass es niemals zu spät ist, im eigenen Tempo zu leben.

„Hey Hi“ wird im Anschluss verspielter, ohne dass Turbulenzen im Flugzeug auftreten. Ein House-Track mit schnellen Gesangspassagen und viel Lebensfreude: aufwachen, Haare schütteln, Tee trinken, sich einfach gut fühlen – „I just wanna feel alive“ oder ulkige Lines wie „I’m making pasta like I’m out in Italy / Ich bin Butter, die schmilzt“ bringen Charme, den sie im Post-Chorus mit Liebesbekundungen auf Chinesisch und Französisch noch einmal vertiefen. Man kann hier nur gute Laune haben.

Der Titeltrack „Pop Off Pop Off“ könnte direkt aus der Feder von Ke$ha stammen, alles hier erinnert an den Sound, den man Ende der 00er- bzw. Anfang der 10er-Jahre gemacht hat. Was aber kaum stört, mittlerweile ist wieder mehr Raum für ein Revival dieser Soundkonzepte. Bedeutet konkret: Fast verhaltener Beginn in den Vocals, Steigerung zur Hook mit einer Menge Auto-Tune, dazu noch prominente Synthesizer und ein bisschen Chaos im Post-Chorus, was zu Live-Eskalationen führen kann. KiiiKiii singen über schmelzendes Eis, Flip-Flops, Sandburgen, Digicams, vergessenen Sonnenschutz, Tanlines in einem musikalischen Umfeld, das man in der K-Pop-Welt derzeit nicht geboten bekommt – zumindest nicht in dieser Dichte und trotz aller Gen-2-Referenzen, die langsam aber sicher punktuell von der Branche gesetzt werden.

Im anschließenden „Sweet Sour“ wartet man jede Sekunde darauf, dass Dr. Dre oder Snoop Dogg zu einer Rapstrophe ansetzen, weil die nächste Reisestation direkt an die Westküste und zu G-Funk führt. Ein Synthesizer wie aus Compton 1991, wieder hochenergetisch und trotzdem auch komplex. KiiiKiii wechseln in der zweiten Hälfte von „Sweet Sour“ zu „Deep Talk“, was den Stimmungswechsel perfekt abbildet. Textlich dreht sich alles um diese verwirrende Phase zwischen Schwärmerei und echten Gefühlen – das „Herz als Rätsel, das sich jede Sekunde verändert“. Aber ganz so ernst scheint man den Sommerflirt nicht zu meinen – Leesols „K, triple I, K, triple I, oh“ ist jedenfalls ein Highlight für sich.

Es wird Nacht, nach der Eskapade von „Candy Pink Magic Hole Flip Phone (나 어떡해)“ geht aber mit „Blue Hour“ wieder schnell die Sonne auf. Hier darf man den Tag in einem angenehmen Trap-Drill-Beat Revue passieren lassen, KiiiKiii schwelgen schon jetzt in Erinnerungen und wollen den Moment eigentlich nicht so richtig loslassen: Die blaue Stunde kurz vor Sonnenaufgang als Motiv ist ein wunderschönes Bild für diese Schwelle zwischen Nacht und Tag, zwischen dem Ende einer Sommernacht und dem Beginn von etwas Neuem. Leider endet der Trip nach 15 Minuten.

Trotzdem ist „WhyKiiiKiii“ eine makellose EP. KiiiKiii scheinen ihren Stil endgültig gefunden zu haben und glücklicherweise lässt man den Membern eine Menge Freiheiten, um sich in den erdachten Konzepten auszutoben. Man hätte es nicht für möglich gehalten, aber KiiiKiii könnten mit diesem Projekt tatsächlich „Heavy Serenade“ von NMIXX in den Schatten stellen und sich den Titel für die beste (K-)Pop-EP des Jahres unter den Nagel reißen. Zumindest vorerst. Apropos NMIXX: KiiiKiii sind auf dem besten Weg, einen ähnlich eigenwilligen und mutigen Pfad einzuschlagen – und von dieser Sorte K-Pop kann es gar nicht genug geben.

10/10

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