Lukas Oscar – Everything’s Built To Last

Label: Lukas Oscar

Genre: Experimenteller Pop

Wer auf James Blake, Frank Ocean oder Genesis Owusu steht, sollte Lukas Oscar auf dem Radar haben. Der Wiener Sänger, Songwriter und Produzent verbindet auf seinem zweiten Album „Everything’s Built To Last“ intime Songwriter-Momente mit elektronischen Experimenten, Verzerrungen und genreübergreifenden Beats. Vor allem aber ist es eine Platte über Unruhe, Selbstzweifel, Hingabe und den Versuch, mit den eigenen Gedanken Frieden zu schließen.

Lukas Oscar hat bereits mit seinem 2024 erschienenen Debütalbum „The Fun Never Ends!“ sowie den FM4-Lieblingen „Life Keeps Flashing“ und „Pretty Words“ auf sich aufmerksam gemacht. Der Entwicklungsschritt, den er nun mit „Everything’s Built To Last“ vollzieht, ist dennoch bemerkenswert. Das Album wirkt deutlich selbstbewusster und musikalisch ausgereifter, ohne dabei seine Verletzlichkeit aufzugeben.

Es ist eine Platte, die wahnsinnig persönlich ausfällt, ohne ein klassisches Coming-of-Age-Album zu sein. Lukas Oscar teilt seine innersten Gedanken, Zweifel und Beobachtungen – es geht um Unruhe, ums Grenzen setzen und darum, sich selbst zu lieben oder zumindest zu akzeptieren. Druck ist immer da, Erwartungen werden gestellt und drohen unerfüllt zu bleiben, und wer sich auf die Suche nach einer noch nicht erreichten Vollkommenheit begibt, ist gern mal lost.

Das Streben nach Zufriedenheit ist eines der menschlichsten Bedürfnisse überhaupt – kann aber auch Angst machen. Man kann entweder von vornherein kapitulieren oder versuchen, den eigenen inneren Schweinehund zu überwinden und sich das Leben zurückzuholen. Klingt leichter, als es ist, aber genau darum dreht sich dieses Album, wenn auch nicht ganz so dramatisch, wie es hier klingt.

Diese emotionale Achterbahnfahrt spiegelt sich auch im Sound wider. Das Album klingt nicht nach klassischem Songwriter-Pop, sondern nach einem bunten, mutigen Experiment. Die Produktion von Philipp Mülleder, Alex the Flipper, Danylo Dmyterko, Timon Grohs und Lukas selbst ist herrlich unberechenbar – Genres verschwimmen, Beats brechen auf, Songs gehen nahtlos ineinander über, fast so wie die Gedanken, die man nachts im Bett wälzt. Vibey, stellenweise herrlich verzerrt, vor allem aber extrem eigenständig.

Das Album dauert mit 29 Minuten relativ kurz, was angesichts der abgestimmten Vielfalt aber nicht stört. Das Eröffnungsstück „Insatiable Intro“ setzt auf prominente Akustikgitarre, Programmierung und verträumte Vocals und zeigt schon den Weg, den man in den folgenden neun Tracks bestreitet. Die Zeit ist eines der Leitmotive: Alles bewegt sich so schnell, dass man kaum mitkommt – im Songtext heißt es sogar „Nothing’s built to last“, ein spannender Widerspruch zum Albumtitel. Lukas gibt hier den Schlüssel zum Album: Er gesteht, seine Gefühle gerne in „süße kleine Rätsel“ zu verpacken. Das erklärt die spielerische, fast abstrakte Art, wie er über schwere Themen wie Angst und die Flucht vor der Nüchternheit singt.

© Philipp Gladsome

Besonders deutlich wird diese fast schmerzhafte Ehrlichkeit im Song „Cereals„. Wer da an ein gemütliches Frühstück denkt, liegt komplett falsch: Lukas singt davon, dass er niemanden braucht, der ihn liebt, sondern viel mehr jemanden sucht, der ihm so richtig das Herz bricht – und das im denkbar unpassendsten Moment. Er spielt gekonnt mit Worten und Extremen, wenn er sich die Haut in der Dusche verbrennen will, nur um dem Bild zu entkommen, das andere von ihm haben. Der Track ist entspannt aufgebaut, man bekommt von diesen wilden Bildern kaum was mit, wenn man nicht aktiv zuhört. Zum Schluss gibt’s noch eine anständige Falsett-Passage, die den Wahnsinn zusätzlich vertont. Gitarre und Bass bleiben im Zentrum und sind der Anker seines Schaffens – erinnert an Frank Ocean.

Das Album hat aber auch eine zerbrechliche Seite. In „Onions“ kippt die Stimmung von der Rebellion hin zur totalen Hingabe. Lukas lässt sich komplett auf das Gegenüber ein, sucht nach Führung und neuen Erfahrungen, weil sein eigenes Urteilsvermögen gerade Urlaub macht – dieses Verlangen, dass jemand anderes die Kontrolle übernimmt. Passt perfekt zur Suche nach einem Schimmer von Zufriedenheit, auch wenn man dafür die Kontrolle abgeben muss. Dazu wählt er einen elektronischeren Zugang, ohne sich der kompletten Distortion hinzugeben, sondern baut auch helle Sequenzen ein, die letztlich wieder vom antreibenden Beat vom Hof gejagt werden.

Der Track geht direkt in „Garlic“ über, einen sehr kurzen Track, der als Intro für das folgende „Lightheaded“ fungiert. Wo in „Garlic“ massive Verzerrung herrscht, wird „Lightheaded“ zu einem Track, den man 1:1 von James Blake erwarten könnte. Ein wahnsinnig atmosphärischer Song, der seinem Titel gerecht wird, bei dem die Produktion minimal ausfällt, dafür aber das Maximum transportiert. Verträumt und benommen, nur der Synthesizer als permanentes Licht in diesem Durcheinander, das zum Ende mit einem ansteckenden Beat aufpoliert wird. Ein einziger Genuss, der immer wieder eine unerwartete Wendung vorweist und trotzdem nie das große Ganze aus dem Blick verliert. Dieser Track könnte am Jahresende sehr weit oben stehen.

Mit „Amazin“ wird die Sache deutlich freundlicher – erinnert stark an Genesis Owusu. Lukas singt davon, dass man manche Dinge im Leben nicht löschen kann, und dass genau dieser „Shit“ gefeiert werden sollte. Er beschreibt den ewigen Kampf zwischen Verstand und Herz, das sich wie ein Labyrinth anfühlt. Das Schöne an dem Song ist die Energie, die er ausstrahlt – dieses Verlangen nach jemandem, der von all dem Chaos nicht abgeschreckt ist. Sicherlich einer der zugänglichsten Songs des Albums.

Im anschließenden „Take A Minute“ schaut Milune vorbei, wieder mit starken James-Blake-Vibes. Ein Track, der die dunklen, toxischen Seiten einer Beziehung ins Zentrum stellt – das Gefühl, jemanden bedingungslos zu lieben, der eigentlich gerade völlig am Ende ist. Es entsteht ein wundervolles Wechselspiel zwischen Lukas und Milune, samt kleinem Break zum Ende, bevor noch einmal Fahrt aufgenommen wird.

„Lowkey Life“ ist ebenfalls ein Feature-Track, zusammen mit Harry Dean Lewis und Joe Traxler. Kommt fröhlich daher und ist – auch wegen der Gäste – anders aufgebaut. Der verträumte Synthteppich bleibt Grundlage, die Vocals fallen aber anders aus: mal schneller, mal verschmierter, aber nie langweilig oder unpassend. Auch die Rap-Passage funktioniert einwandfrei.

Ohne Übergang geht es weiter zu „All Mine“, einem Track, der wächst, je öfter man ihn hört, mit vielen unterschiedlichen Zugängen und Dynamiken. Der Moment, in dem sich der Künstler der Gegenwart bewusst wird, aber gleichzeitig in die Zukunft schielt.

Den Schlusspunkt setzt „What’s Next“. Hier kommt alles zusammen: der kalte Schweiß beim Aufwachen, die Selbstsabotage, die nackte Angst vor der Ungewissheit. Lukas singt davon, wie er Dinge zerstört, die ihm eigentlich wichtig sind, nur um sich in der vertrauten Qual sicher zu fühlen. Doch genau dann, wenn man denkt, das Album ende in dieser Dunkelheit, kommt der finale Ausbruch – trotzige Zuversicht, dass am Ende alles gut wird. Der Track hat eine wundervolle Wärme und lebensbejahende Stimmung, gipfelt in einer euphorischen instrumentalen Explosion mit Verzerrung und peitschenden Drums.

Lukas Oscar lässt seine Widersprüche nicht einfach verschwinden, sondern macht sie zum musikalischen Prinzip. Zwischen Kontrollverlust und Selbstermächtigung, Intimität und Verzerrung entsteht so ein Album, das trotz seiner Kürze erstaunlich viel erzählt.

„Everything’s Built To Last“ ist ein wirklich beeindruckendes Album geworden. Die musikalischen Ideen sind durch die Bank interessant und vortrefflich umgesetzt, die inhaltlichen Schwerpunkte stark gesetzt. Eigentlich fällt nur das Intro qualitativ ein ganz klein wenig ab, was aber nicht weiter dramatisch ist, weil es als Richtungsweiser gut fungiert. Diese Platte ist ein Ausrufezeichen und macht sehr viel Lust darauf, die weitere Karriere von Lukas Oscar zu verfolgen.

Solide 8/10

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