Adéla – Prima

Label: Capital Records/Universal

Genre: Pop

Adélas Debüt-Album wird zum Pastiche-Feuerwerk des 2000er-Pops und hat doch die ein oder andere gute Nummer zu bieten. 

Um ein Haar würde es diese Review gar nicht geben. Dann nämlich, wenn sich Adéla vor ein paar Jahren im Rahmen der Survival-Show „Dream Academy“ einen Platz bei Katseye gesichert hätte. Bekanntlich kam es anders, mit 19 Jahren zählte sie damals schon zu den „älteren“ Kandidatinnen und nach der ersten Mission (gleichzusetzen mit der ersten Ausscheidungsrunde) war die Sache schon erledigt: Man sah in ihr viel größeres Potential als Solo-Künstlerin, als ein Girlgroup-Mitglied. Es gibt ja nicht wenige Stimmen, die Adéla immer noch gratulieren, weil sie dadurch dem gerade umgreifenden „Pinky Up“-„Internet Girl“-„Hootie Frutti“-Brainrot entkommen ist. Ist natürlich massiver Quatsch, weil Katseyes Karriere gar nicht kometenhafter hätte verlaufen können, aber um einen völlig unnötigen Zwist zwischen Künstler:innen herbeizuschreiben, ist jedes Mittel recht. Dabei ist Adéla weiterhin Best Friends mit den Katseye-Mitgliedern Megan und Lara, aber das nur am Rande.

Adéla selbst beschrieb die Zeit als Trainee als „schlimmstes Jahr ihres Lebens“ – Ausbildung und Freundschaften hin oder her. Wirklich viel lernen musste die gebürtige Slowakin bei „Dream Academy“ ohnehin nicht mehr: Als klassisch ausgebildete Ballerina, unter anderem am Wiener Staatsballett und der English National Ballet School in London, brachte sie längst die Disziplin mit, die man ihrem Konzept – oder eben nicht – bei Katseye zugetraut hätte. Nach ihrem Aus zog sie nach Los Angeles, veröffentlichte 2024 unabhängig ihre Debütsingle „Homewrecked“ und unterschrieb 2025 bei Capitol Records, ehe im August desselben Jahres ihre EP „The Provocateur“ erschien.

Ganz zeitgenössisch widmete sie sich dort dem Dance- und Electropop und wurde dem Titel der EP auch ästhetisch gerecht – Adélas Konzept hätte wirklich nur sehr schwer in eine Girlgroup-Struktur gepasst. „SexOnTheBeat“ und „DeathByDevotion“ wurden zu ihren Prestigenummern, die Fanbase wurde weiter ausgebaut und nachdem sie Demi Lovato mit auf Tour nahm, zeigten auch bei ihrer Karriere die Zeiger steil nach oben. Spätestens mit ihrer Ende Juli 2026 veröffentlichten Single „Ain’t in LA“ hat Adéla im Mainstream Fuß gefasst: Der Song ging viral und als erste slowakische Sängerin schaffte sie es in die Billboard Hot 100.

Dass es so weit kommt, hat sie sich schon als kleines Kind gewünscht, als sie noch allein vor dem Bildschirm saß und sich mit US-amerikanischen Shows und Interviews ihrer Lieblingskünstlerinnen selbst englisch beibrachte, wie sie auch in der Leadsingle und dem Opener des Albums „KGB“ erklärt: „Staring at a TV screen till I got bloody eyes / Just a little European girl, was plotting on my rise / Eighteen, immigrated (Yeah), a star in the making (Yeah) / No, I’m not being cocky, I just worked my whole life.“ 

Der Songtitel selbst ist dabei bewusst provokant gewählt: Adéla nutzt den sowjetischen Geheimdienst als Metapher für ihre eigene, jahrelange verdeckte Vorbereitung auf den Pop-Durchbruch – wie eine Spionin, die im Stillen plante, bevor sie zuschlägt. Bei der Veröffentlichung stellte sie allerdings klar, dass weder Song noch Video die Organisation selbst verherrlichen sollen, sondern eine Anspielung auf ihre slowakische Kindheit unter sowjetischem Einfluss darstellen – inklusive eines expliziten Bekenntnisses, die russische Regierung nicht zu unterstützen und hinter der Ukraine zu stehen. Adéla rechnet mit aufgewecktem Electropop unverblümt mit den Erwartungen ab, die an weibliche Popstars gestellt werden – Aussehen und Image werden oft wichtiger genommen als das eigentliche Handwerk. Passend zum Rest des Albums positioniert sie sich damit gleich zu Beginn als jemand, die sich diesen Regeln nicht mehr unterordnen will. Ein spannender Opener für „Prima“, der Lust auf mehr macht – dessen Niveau im weiteren Verlauf aber nur noch selten erreicht wird.

Denn in erster Linie ist dieses Debütalbum eine Pastiche-Offenbarung an 2000er- und 2010er-Pop. Adéla bedient sich in den Schubladen von Britney oder Ariana und vergisst dabei aber gerne auf ihre eigene Persönlichkeit. Hört man Tracks wie „I’m The Man“ oder „Marijuana“ (auf dem sie sich zu einem Vergleich mit Madonna hinreißen lässt), könnte man auf den Gedanken kommen, direkt danach Arianas „Thank U, Next“ aufzulegen. „Boys“ wandelt auf den Spuren von „I’m a Slave 4 U“, hat einen schönen Drive (und außerdem auch noch eine Unterhaltung mit Lara im Hintergrund) und zweifellos einen Reiz – trotzdem wird man dieses Lied, wenn man es einfach so hört, nicht als Adéla-Song erkennen, sondern eben mit Britney assoziieren. Die Produktion des Albums ist nicht das Problem, Dylan Brady, ein Teil des herausragenden Hyperpop-Duos 100 Gecs und Blake Slatkin haben Adéla nostalgische Beats und Instrumentals gebaut – die aber unterm Strich einfach zu sehr bestimmte Ären kopieren.

©  Iulia Matei

Man kann „Prima“ trotzdem easy hören, weil das handwerklich immer noch gut gemacht ist.„Fantasize“ baut eine völlig übertriebene Posaune ein und hat einen feinen, wenn auch nicht sehr überraschenden Melodiebogen dabei, den man im Kopf behält. „Hitachi“ gibt sich im Gegensatz zu vielem eher ruhiger und zeigt in Ansätzen, dass Adéla auch intime Klavierballaden könnte – nur ist das Ding halt auch gar gezwungen edgy, wenn sie im Refrain: „You used to wanna turn me on, wanna turn me on / Just like my Hitachi does“ singt (ja, es geht um ein Sextoy). 

Umgekehrt zeigt sie mit einem Text wie auf „Red Bottoms“, dass sie tiefergehende Texte schreiben und mit gekonnten Vergleichen garnieren kann. Es geht um die Angst vor emotionaler Abnutzung in einer unsicheren Beziehung, und Adéla nützt den Song für einen cleveren Louboutin-Vergleich – die roten Sohlen als Sinnbild dafür, wie viel man von sich selbst preisgeben kann, bevor der Glanz verblasst. Nur ist das Lied musikalisch betrachtet eine mittlere Einschlafhilfe, eine Midtempo-Nummer, die sich zwar aufbäumen möchte, aber keinerlei Ausbruch wagt. 

Vor allem die zweite Albumhälfte ist von durchschnittlichen Tracks mit Füller-Charakter geprägt. „Starving Artist“ ist kein übles Lied, versucht mit schneller gesprochenen Strophen auch eine Abwechslung zu bieten, ist aber einfach nicht sonderlich interessant – da helfen auch die Ariana-esken Schnörkel nichts und schon gar nicht dieses an „Hollaback Girl“ erinnernde Outro. „Therapy“ hätte ein Herzstück sein können, Adéla teilt hier wirklich sehr persönliche und tiefgehende Gedanken über ihre Kindheit, ihre Sorgen und Sehnsüchte bzw. ihre Zeit alleine in Los Angeles. Ihre Stimme wird massiv verzerrt, ansonsten gibt’s nur ein paar Klavierakkorde. Da hat man sehr viel Potential liegen lassen, weil man diese Geschichte unbedingt mit einem verzerrten Klangbild erzählen wollte, was die Botschaft wohl besser transportieren sollte – das Gegenteil ist der Fall.

Eines der Highlights der Platte ist hingegen „Nicole Kidman“, allein schon wegen des Soul-Samples. Der Track bringt die richtige Dosis Humor und popkulturelle Selbstreferenz mit – inklusive Moulin-Rouge-Anspielungen und der Zeile „Every single night / I pray that my tits are sittin‘ right“, die schon jetzt das Zeug dazu hat, als eines der ikonischsten Zitate des Albums hängenzubleiben. Klingt zwar auch alles ein wenig nach Ariana, aber hat auch seinen Charme.

Den Closer stellt „Ain’t In LA“ dar, der von Theron Thomas eröffnet wird und damit die gleiche Funktion wie schon 2013 erfüllt, als er für Miley Cyrus’ „We Can’t Stop“ einheizte. Ungefähr so klingt das Lied auch, wenn man auch noch ein bisschen Justin Bieber raushören kann: Man kann nachvollziehen, warum das Lied viral ging, der Refrain ist so seicht und trotzdem auch voll, dass man da mitgehen muss. Die Botschaft ist dagegen cool, man kann quasi von überall in der Welt aus seine Träume verfolgen. 

„Prima“ ist ein ambivalentes Album: Einerseits sind einige Lieder trotz offensichtlicher Soundvorbilder wirklich ordentlich geworden – andererseits hat Adéla sich hier nicht richtig zeigen können. Als Start in die Karriere ist das noch in Ordnung, beim nächsten Mal sollte aber mehr kommen. Sonst geht das in die Kategorie Tate McRae und Addison Rae.

6/10

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