Farin Urlaub – Ein Lächeln im Gesicht
Label: Mischgemüse Productions

Genre: Rock
Zwölf Jahre nach seiner letzten regulären Solo-Platte gibt es wieder neue Musik von Farin Urlaub: „Ein Lächeln im Gesicht“, das fünfte Album des Oberarztes, kommt mit 13 neuen Songs und einer Spielzeit von 45 Minuten. Ganz schön viel Material – es ist aber auch einiges an Zeit vergangen, seitdem er, noch zusammen mit dem Farin Urlaub Racing Team, „Faszination Weltraum“ veröffentlichte.
Dass er noch einmal ein Soloalbum nachlegen würde, war keineswegs selbstverständlich – zuletzt war er vor allem wieder mit den Ärzten beschäftigt, deren ungebrochene Popularität sich auch an der bereits weitgehend ausverkauften Tour für 2027 ablesen lässt. Seine eigene Musik hatte er dagegen lange ruhen lassen: Das Solo begann 2001 mit „Endlich Urlaub!“, gefolgt 2005 von „Am Ende der Sonne“ inklusive des ulkigen Überhits „Dusche“. Seitdem nutzt Farin seine Soloprojekte immer wieder als Gegenpol zum Sound der Ärzte, um musikalisch und inhaltlich freier agieren zu können, als es im Bandkontext möglich wäre. Das zeigt sich auch auf „Ein Lächeln im Gesicht“: Gitarren bleiben zentral, trotzdem legt er sein Soundbild breiter und großflächiger an, ergänzt es um Bläser und Synthesizer, während er sich thematisch relativ klassisch gibt. Politisch, albern, ironisch und doch treffsicher, was den Zeitgeist angeht. Zum ersten Mal seit 2005 ist Farin auch wirklich alleine unterwegs, „Ein Lächeln im Gesicht“ kommt ohne Racing Team aus.
Triebfeder für die 13 neuen Lieder war wieder einmal die große Leidenschaft des 62-Jährigen: das Reisen. Die aufgeschriebenen Ideen hat Farin dann kurzerhand selbst eingespielt und sich dementsprechend auch von niemandem dreinreden lassen – was zur Folge hat, dass das Album den ein oder anderen, für ihn untypischen Abstecher in andere Musikrichtungen wagt: Ska, Neue Deutsche Welle, Cumbia, Salsa, Rock, natürlich auch Punk und gar ein Instrumentalstück, das Italo-Western-tauglich wäre (der Closer „Per Un Pugno Di Olive“).
Drei Singles gingen dem Album voraus: „Happy 2bD“, wobei der Titel ironisch für „Happy to be Deutsch“ steht. Es ist der politischste Song der gesamten Platte, ein klassischer Farin-Urlaub-Track voller Gesellschaftskritik mit ordentlich Humor, obwohl man eigentlich weinen könnte. „Es geht aufwärts / Und im Deutschland-Trend die AfD bei 88 Prozent“ ist dabei eine ziemlich direkte Zeile. Brücken stürzen ein, Häuser fallen zusammen, Züge stehen, aber „Bratwurst, Bockbier, Beckenbauer, Benz“ sind dann die Dinge, die ihn stolz machen, Deutscher zu sein – eine schön ironische deutsche Variante von „Faith, Family, Football“. Wer einen aggressiven Punksong als Untermalung des Textes erwartet, liegt weit daneben – dieses Lied ist ein NDW-Rock-Hybrid, den man so nicht unbedingt erwarten durfte, der aber trotzdem schön antreibt.
Als zweite Single fungierte „999“, die das Genrefenster weiter öffnet und aus ordentlichen Cumbia- und Salsa-Einflüssen gebildet wird. Da gibt’s keine tiefen E-Gitarren, Powerchords oder dergleichen Riffs, sondern Mariachi-Bläser, Salsa-Gitarren und typische Percussion mit den unterschiedlichsten Elementen und einer lockeren Stimmung. „Nein, nein, nein“ ist Farins Antwort, wenn er gefragt wird, ob er sich da was Ernsteres vorstellen könnte: „Du darfst dich nie in mich verlieben, denn ich hab ein Herz aus Stein / Du kannst mich immer wieder fragen, die Antwort ist jedes Mal NEIN.“ Kann man nichts machen.
Ein bisschen schunkeln lässt sich in „Sie“, wobei man vermutlich mit dem Text noch mehr Spaß hat: Farin bringt gedanklich Jeanne d’Arc an die Supermarktkasse, weil er „Vierzehnachtundzwanzig“ zu bezahlen hat und denkt dann gleich an die Schlacht von Jargeau. Die war zwar erst ein Jahr später, aber was soll’s? Definitiv ein Lied, das in dieser Form nur Farin Urlaub schreiben kann – dieses Vermischen von Humor und Historie mit alltäglichen Situationen und das noch unter einen Hut zu bekommen, ist einfach sein Alleinstellungsmerkmal und ihm auch in diesem Karrierestadium noch nicht abhanden gekommen.
Der Opener „Dein Leben“ kommt ebenfalls sehr charakteristisch, wenn man vom akzentuierten Synthesizer absieht. Sonst viel Wortwitz, ein paar Riffs und Farins Refrain-Wunsch: „Lass mich dein Leben ruinieren“. Auch wenn man gegen Ende mit einem kleinen Break noch eine gewisse Spannung aufbaut, weiß man schon nach wenigen Sekunden, wie dieses Lied strukturiert ist. Kein Fehler, aber doch ein kleiner Makel.
Ohnehin fühlt man sich bei „Sonnenschein im Februar“ dann gleich viel besser. Von diesen warmen, leichtfüßigen Songs hat Farin auch bei den Ärzten schon unzählige geschrieben und sie bleiben auch 2026 gleich anziehend wie in den 80er-Jahren. Die Akustikgitarre ist der Star und kann ein Entspannungslevel etablieren, sodass man auch völlig einverstanden damit ist, wenn Farin locker-lässig daran erinnert: „Wir sterben alle irgendwann.“
So richtig aggressiv zeigt er sich nur sehr selten, am deutlichsten in der kurzen Punk-Nummer „So sehr“, die trotz einer Dauer von nicht einmal zwei Minuten trotzdem kleine Längen aufweist. Vielleicht, weil er einfach zu oft „du nervst so sehr“ singt und man das dann unterbewusst auf das Lied überträgt. Trotzdem bleibt er dem nach vorne peitschenden Rock mit „Alpha Centauri“ treu: Hier kommt mehr Melodie ins Spiel und Farin fasst noch einmal den Zustand der Welt zusammen: „Dieses Schiff wird ohnehin am Ende unser Grab“.
Wer allgemeine Probleme mit klassischer Musik und insbesondere dem Klavier hat, wird „Irgendwas von Bach“ ins Herz schließen. Von Anspielungen auf posttraumatische Belastungsstörungen über die Suche nach dem Notausgang bis zu drastischen Gewaltfantasien (Klavier verbrennen, Hände amputieren) und einem bewusst geschmacklosen Jeffrey-Dahmer-Vergleich, ist so ziemlich alles mit dabei. Der Refrain kontert mit dem vorwurfsvollen Wunsch des Gegenübers, man solle wenigstens so tun, als würde einem die Musik gefallen. Klassischer Farin-Humor: bewusst over the top, mit dem Klischee des „Kulturbanausen“ spielend, ohne dass man das ernst nehmen soll.
Hinten raus experimentiert er weiter: „Kein Pardon“ wird zu einer sechseinhalbminütigen Nummer, die sich trotz eines guten Textes ziemlich soft anfühlt. Farin zeichnet ein zynisches Bild einer gnadenlosen Gesellschaft, die ständige Kritik übt und auf Häme und Mobbing setzt: Die Welt ist zwar schön, die Menschen sind aber grundlegend böse. Untypisch braves Instrumental, das dennoch einen Charme versprüht, sich aber zu lange zieht. „Himmel“ startet mit pastoralen Chören, geht dann aber schnell in Richtung Rock mit der Kernbotschaft: „Du kommst sowieso nicht in den Himmel.“
Wenn ein Lied schon „Totalschaden“ heißt, dann weiß man eigentlich schon, was man erwarten kann. Dieses Lied nimmt sich natürlich in keiner Weise selbst ernst, was nicht zuletzt durch die Synthi-Beats deutlich wird und schlussendlich im „Manchmal denk‘ ich gar nicht an Sex mit Dir“-Uh-Uh-Refrain gipfelt. Dreieinhalb Minuten, die unterm Strich deutlich unangenehmer ausfallen, als man es sich vorgestellt hätte. Gut, dass es mit „Es könnte sein“ noch einen letzten härteren Track gibt, dessen freundlicher „Es könnte ja sein / dass schon morgen die Welt untergeht“-Hauptteil schön kontrastreich zu den Strophen steht.
„Ein Lächeln im Gesicht“ bringt genau das, was man sich von einem Farin Urlaub-Album wünscht: Mitreißende Melodien, bissigen Humor mit scharfem Blick auf die Gesellschaft und einige interessante musikalische Ausflüge. Es sitzt zwar lange nicht alles, dennoch kann man aus jedem Lied mindestens eine Passage mitnehmen, die über mehrere Stunden im Ohr bleiben wird.
Schwache 7/10