Rebecca Black – Age of the Exhibitionist

Label: Rebecca Black

Genre: Electro-Pop / Dance-Pop

Sexuelle Direktheit, aggressiver Dance-Pop und die bewusste Entscheidung, sich komplett zu entblößen – Rebecca Black macht schon mit dem Titel „Age of the Exhibitionist“ klar, worum es geht. Ihr zweites Album nach „Let Her Burn“ (2023) und der starken EP „Salvation“ aus dem letzten Jahr setzt ihre eindrucksvolle Entwicklung weiter fort.

Diejenigen, die Rebecca Black nach ihrer Debütsingle „Friday“ im Jahr 2011 noch eine erfolgreiche Karriere als Popstar bescheinigten, können sich im Hier und Jetzt für ihre visionären Fähigkeiten oder ihren ausgesprochen ausgeprägten Optimismus selbst auf die Schulter klopfen. Denn die mittlerweile 29-Jährige hat sich vom massiven Flop ihres ersten Songs nicht unterkriegen lassen – einen der ersten großen Shitstorms samt zahlreicher Memes hat sie längst überstanden und sogar Kraft daraus geschöpft. „Friday“, so grausam das Lied auch war, ist mittlerweile zu einem Kultsong geworden, der Rebecca im Vorfeld des Releases des neuen Albums gar noch eine Platin-Schallplatte in den USA einbrachte: Über eine Million Mal verkaufte sich der Track, dessen Video weiterhin zu jenen mit den meisten Dislikes auf YouTube zählt.

Sich von diesem Karrierestart zu erholen, ist schon eine Kunst für sich allein. Weiterhin an sich selbst zu glauben und den Traum der großen Bühnen nicht abzuschreiben, die noch größere. Man mag zu Rebecca Black und ihrer Musik stehen, wie man will – aber ihr Werdegang in den letzten 15 Jahren muss auch dem größten Hater Respekt abverlangen. Denn die Sängerin ist sich treu geblieben und hat sich im Laufe der Jahre zunehmend geöffnet: Zunächst mit einem Coming-out, wenig später mit ihrer Musik, die tanzbarer und persönlicher wurde.

Letztes Jahr ging ihre EP „Salvation“ dank des bedingungslosen Hyperpops mit einem starken Gespür für Dynamiken schon extrem hart. Jetzt will sie diesen Weg auf „Age of the Exhibitionist“ weitergehen und eine noch härtere, kompromisslosere und schnellere Seite von sich zeigen. Es sei eine Platte „von queeren Menschen für queere Menschen“, was sich im Soundbild als aggressiver Dance-Pop oder Hyperpop-Banger übersetzen lässt. Lyrisch kann es natürlich ordentlich zur Sache gehen, Rebecca spricht oft sehr unverblümt über Sex und Zärtlichkeiten. Es geht um Lust, um Begierde und das offene Zurschaustellen dessen, was sonst verborgen bleibt – ganz im Sinne des Albumtitels.

Rebecca startet in die Platte mit „Anaheim Star“, einem lauten Track mit sehr viel Energie und einigen Cheer-Einlagen, die Gwen Stefani auf „Hollaback Girl“ nicht besser hätte bringen können. Überhaupt erinnert der Beat in den Strophen an den Erfolgssong der No Doubt-Sängerin, doch Rebecca bricht das Lied melodiös zur Hook auf, was einen feinen Befreiungseffekt auslöst, der leider nur zu kurz anhält, ehe eine schnell gesprochene zweite Strophe einsetzt. Der Opener setzt zwar den Standard, was die thematische Richtung angeht, kann musikalisch aber nicht vollends überzeugen – dafür ist das Lied zu repetitiv und zu wenig raffiniert.

Das ändert sich schlagartig mit „Hot Wet Delirious“, einer der Vorabsingles und eines der großen Highlights der Platte. Erinnert an manchen Stellen zwar an eine noch dichtere Version von Rina Sawayamas „XS“, bringt aber trotzdem sehr viel Eigenständigkeit von Rebecca mit. Die Dynamiken stimmen hier zu jeder Sekunde, man kann sich diesem Song nicht verwehren, sondern wird dankend auf die Tanzfläche stürmen und sich in den Beats verlieren. Gleich stark schlägt auf „Age of the Exhibitionist“ zudem noch „Miss Delicious“ ein, ein bodenloser Hyperpop-Brecher, der sich perfekt in das zeitgenössische Schaffen von Künstlerinnen wie Adéla oder Slayyyter eingliedert. Eine Hymne auf das Selbstbewusstsein und gleichzeitig ein nie enden wollender Hedonismus, dem man sich gerne anschließt.

Apropos Slayyyter: Rebecca feiert gerne Party in einem „Waschesalon“ und wie Slayyyter gönnt sie sich ordentlich dröhnende Beats. Ein Waschsalon als Ort für einen queeren Club ist eigentlich eine ziemlich spannende Idee – mit diesem brutalen Sound noch dazu wird es dort auch nie langweilig werden. Man kann mit „Age of the Exhibitionist“ definitiv eine sehr gute Zeit haben. „Metamorphia“ funktioniert ähnlich, wenn auch die Aggression geringfügig kleiner ausfällt. Trotzdem sind es gerade diese energetischen Momente, die in völliger Euphorie und Lust gipfeln, die das Kernthema am deutlichsten abbilden können.

„Exhibitionism“ lässt ein wenig Spielraum, um wieder Luft zu schnappen, und bringt zunächst eine zarte Note mit, ehe im Refrain mehr Drang in den Vordergrund gestellt wird. Rebecca möchte gesehen werden und macht das glasklar: „I need you to see / Every part of me on display for you / Can you bear to let the truth be the fantasy? / Every part of me on display for you (Ooh) / You know what to do“. Man sollte lieber tun, was sie wünscht. Hier und im folgenden „Corsetry“ hört man den Einfluss, den Addison Rae auf die Pop-Welt ausübt: zwei verträumte Songs, die sich aber nach und nach zu richtigen Trips – in diesem Fall House-Tracks – verwandeln und daher Rebeccas eigene musikalische Vorstellungen deutlich machen.

Ein paar Ideen funktionieren dennoch nicht auf die gesamte Länge, was sehr schade ist: Der Trip-Hop-Ansatz von „Pistol“ überzeugt vor allem zu Beginn, die Instrumentierung zeigt sich vielschichtig und antreibend, nur zieht sich das Lied zu lange – auch wegen des anschließenden Songoutros „Backstage Baby Interlude“. So wird aus einem vermeintlichen Herzstück eine etwas zu behäbige Angelegenheit – wobei man deutlich sagen muss, dass das Lied bei Weitem keinen Totalausfall darstellt. Es sind nur die letzten Nuancen an Verknappung, die zum nächsten Feuerwerk gefehlt haben; womöglich hätte sie auch auf das über eineinhalbminütige „Backstage Baby Interlude“ verzichten können. Ähnliches gilt für „Visions Again“, wobei man sich hier mit einem wiederkehrenden Staccato-Part die meiste Arbeit zusammenschießt. Einer der Fälle, in denen das melodische Mitgehen der Vocals mit dem Beat nicht zum Ziel führt.

„Michael“ trifft im Anschluss wieder die richtigen Knöpfe: ein wundervoller Dance-Pop/House-Song mit verspielten Lyrics über eine Begegnung an einer Bar, dessen Titel auf Lady Gagas Verlobten Michael Polansky zurückgeht. Der Song mag weicher daherkommen als alle anderen Lieder des Albums, was ihn aber nicht zum deplatzierten Fehltritt macht – Rebecca kann die unterschiedlichen Zugänge nämlich prinzipiell gut verknüpfen.

Die Leadsingle „Speakerphone“ als Closer agiert als wummerndes Finale mit zwischenzeitlich sanften Vocals – fällt im Vergleich zu vielen anderen Liedern aber fast aus der Reihe. Unterm Strich hat Rebecca Black aber ein gutes Pop-Album gemacht, das eine gelungene Fortsetzung ihres eingeschlagenen Wegs darstellt. Einfälle sind zu Genüge da, manchmal treffen sie schon voll ins Schwarze, an anderen Stellen muss fürs nächste Mal noch nachgeschärft werden. Aber bis dahin kann man diese ausgelassene Party namens „Age of the Exhibitionist“ noch häufig feiern.

Starke 7/10

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