Anda Morts – Hektomatik

Label: Phat Penguin Records

Genre: Deutschpunk/Garagerock

Wirklich müde werden die Jungs von Anda Morts nicht. Was vor ein paar Jahren noch als Solo-Projekt gestartet wurde, hat sich mittlerweile zu einem echten Band-Projekt entwickelt, das regelmäßig neue Musik veröffentlicht und gefühlt ständig durch die Städte des deutschsprachigen Raums zieht. Mit „Hektomatik“ gibt es nur ein Jahr nach dem Debütalbum „Ans“ schon den ersten musikalischen Nachschlag. Zehn Songs, produziert von Element of Crime-Frontman Sven Regener höchstpersönlich, die die Band eine Spur direkter und roher zeigen, als es noch der Vorgänger tat. 

Der Titel der Platte geht auf ein anderes legendäres österreichisches Trio zurück: STS hat in „Irgendwann bleib i dann dort“ die Gesellschaft mit „In unsrer Hektomatik-Welt / Draht si alles nur um Macht und Geld“ beschrieben und Anda Morts haben beschlossen, dass sich dieser Begriff auch nach 43 Jahren noch als Beschreibung des Zeitgeists eignet. Dass die Band politisch schreibt, ist von Anfang an klar gewesen. Bei „Ans“ wurden Faschos noch direkt beim Namen genannt, Incels und Crypto-Bros regelrecht abgewatscht und große Solidarität mit Arbeiter:innen gefeiert. Auf „Hektomatik“ bleibt der Grundton politisch, wechselt aber ein wenig die Haltung: Die Wut gilt den Vermietern, wohl stellvertretend für die Immobilienmogule, die ein Leben in größeren Städten fast unerschwinglich machen. Oder den Typen, die ihre Hände nicht bei sich lassen können und im vermeintlich sicheren, weil unüberschaubaren Gedränge einer Massenmenge zu Grapschern werden. Oder aber einer Gesellschaft, in der Frauen erst nach dem Tod ihres Mannes Zeit für sich finden und die Care-Arbeit endlich ablegen können. Zusammengefasst: Diese zehn Songs schaffen den Spagat aus individuellen Schicksalen und gesamtgesellschaftlichen Problemen, die so nachvollziehbar sind, weil sie so gut wie jede:r von uns kennt. 

© kampfumsparadies

Inhaltlich bewegt man sich also klar im Punk, das Soundbild fällt passend dazu aus: Im Gegensatz zum Erstlingswerk wurde die Platte live eingespielt, Anda muss nicht mehr selbst zwischen Schlagzeug, Gitarre, Bass und Gesang wechseln, sondern kann sich auf seine Mitstreiter verlassen. Vor allem die Drums pushen die Platte zu einer neuen Rohheit, die von den charakteristischen Drei-Akkord-Riffs flankiert wird. Man wandelt in den 23 Minuten zwischen Garagerock und echten Punk-Hadern, die manchmal gar kurz und knapp ausfallen, an anderer Stelle dafür genau die richtige Dosis an Drang und Eskalation versprühen. 

Der Opener „Wie es sein soll“ gibt sich noch aufrichtig klassisch-rockig und zeichnet eine typische Lostness nach, die man irgendwann einmal in zwischenmenschlichen Beziehungen erlebt: Man sitzt vor der Haustür, raucht Schachtel um Schachtel, hat sich aber eigentlich nicht mehr viel zu sagen. Eine unangenehme Situation, die von der Band mit ordentlich Tempo und Wucht weggefegt wird. In „Keine Antwort“ gibt es mit „Ja und ob ich wirklich wach bin weiß ich frühestens am Klo / Weil Träume manchmal scheisse aussehen doch sie stinken selten so“ die ikonischsten Lines der Platte. Kommt zu Beginn überraschend, eventuell auch unangenehm, aber ist unterm Strich schon eine ziemlich amüsante Angelegenheit und in einen herrlich mitsingbaren Refrain eingebettet. Dazu kommt noch ein kleines Gitarrensolo und die Erkenntnis, dass ungefragte Erklärungen – vor allem auf Dinge, die man ohnehin weiß – absolut entbehrlich sind. 

Dass Anda Morts nicht nur stumpfen Klischee-Punk bedienen, wird vor allem durch einen Song wie „Endlich Zeit“ unterstrichen: Oma bleibt nach Opas Tod nicht trauernd daheim, sondern geht Karten spielen, tanzen und findet einen neuen Freund – sie genießt ihr Leben fernab von ständiger Pflege und Care-Arbeit. Zum Ende gibt’s auch noch eine feine ironische Klinge, als sie am Friedhof auf eine Frau trifft, deren Mann noch nicht verstarb: „Gabi hat’s eilig und ist unterwegs zum Bus / Oma darf schon Garteln während sie noch kochen muss“. Anda Morts vertonen kleine Episoden in kurzen Songs, die sich dennoch geschlossen anfühlen. Auf „Der Fluss ist schwarz“ beschäftigt man sich vermehrt mit dem Tod, lässt sich das Leben dadurch aber nicht vermiesen. Punkbands leben hauptsächlich durch ihre Energie und davon haben Anda Morts gerade zum Albumstart eine Menge.

Zur Mitte hingegen wird es ein wenig ruhiger, aber nicht weniger schwungvoll: „Halbes Jahr“ hat zwar nicht mehr den Punch der ersten Songs, dafür aber einen traumhaften Text über eine junge Liebe, die die erste räumliche Trennung aushalten muss: Sie geht nach Wien, er nach Krems zum Bundesheer, weil er – wie könnte es auch anders sein – die Fristen für den Zivildienst vercheckt hat. „Scheiss Vermieter“ drückt mehr auf die Tube, dauert auch nur 81 Sekunden und ist in seiner Aussage glasklar. Wer erbt, hat’s fein, alle anderen müssen schauen, wie sie weiterkommen. Trotz der Kürze hätte man den Song sogar noch weiter verknappen und die letzten zwei Riff-Wiederholungen streichen können.

Musikalisch passiert auf „Finger weg“ nichts Außergewöhnliches, dafür können Anda Morts wieder mit den Lyrics überzeugen: „Ja ich weiß nicht alle Männer / Doch in jedem Fall ein Mann“ – anschließend gibt’s noch ein paar Ratschläge (mit Betonung auf Schläge) wie man mit übergriffigen Typen bei Konzerten umgehen soll („Wenn ihr sowas seht, dann reagiert sofort / Dem Täter aufs Maul und für immer Hausverbot“). Anda trägt mit seiner Stimme diese Wut.

Einzig „13 Tage (Eigentlich ein Lovesong)“ will sich nicht so richtig einordnen lassen. Anda liegt nach einer Lungen-Operation für 13 Tage im Krankenhaus und scheint nur vom täglichen Besuch seiner Freundin noch bei Trost zu bleiben. Das Lied steht im Albumkontext verloren im Raum, obwohl man instrumental vor allem gegen Schluss schön nach vorne zieht. 

© Nick Limberger

Der beste Track von „Hektomatik“ findet sich fast ganz hinten: „Die selben Wege“ setzt auf einen kurzen Gruppenchorus, feine Dynamiken, die von jedem Instrument zu unterschiedlichen Zeitpunkten definiert werden dürfen und daher dafür sorgen, dass das Lied sich insgesamt am voluminösten anfühlt. Ein Trennungssong, der sich wohl mit dem Opener zusammenschließen lässt. 

Eine Sache fällt dann doch auf: Anda ist immer wieder heiß oder kalt – das wird in ein paar Tracks erwähnt. Im Closer „Es ist laut“ friert er sogar im Sommer, was angesichts der letzten Jahre fast unvorstellbar erscheint. Inhaltlich geht es hier ums Durchhalten, getragen von Rock-Gitarren: „Was ich nicht habe kann mir niemand nehmen“. Dann ist das zweite Album auch schon wieder zu Ende. 

Die kurze Dauer von 23 Minuten mag am Anfang sogar mehr abschrecken, als sie es am Ende tut. Anda Morts machen genau so viel, wie sie müssen: Nicht zu viel und schon gar nicht zu wenig. Einem echten Highlight in Form von „Die selben Wege“ stehen ansonst sehr solide Tracks gegenüber, die vor allem live sehr gut funktionieren werden. Aber auch alle, die zu Hause gerne eskalieren und am Monatsersten den Vermieter verdammen, werden mit diesen Riffs ihre Freude haben. 

Starke 7/10 

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