Nyla Tiara Love – Doch Nicht
Label: Kohlwein Records

Genre: Electro-Pop
Man kann sich noch so sicher sein – manchmal klappt’s halt doch nicht. Das hat auch Nyla Tiara Love schmerzhaft erfahren müssen und gleich zum Anlass genommen, ihr Debütalbum „Unendlich Wir“ mit dem Nachfolgewerk „Doch Nicht“ zu revidieren. Aus dem Verliebtsein wurde echter Herzschmerz, den sie auf 14 Tracks aufarbeitet, um sich am Ende doch wieder stärker zu fühlen. Auch wenn man es zwischenzeitlich gar nicht so recht glauben mag, hat die Platte ein Happy End.
Von diesem glücklichen Ende ist man am Anfang noch weit entfernt, die erste Albumhälfte ist noch von Melancholie und Kummer getragen. Anstatt sich voll und ganz auf klassische Balladen zu fokussieren, wählt Nyla Tiara meistens einen geschickten Mittelweg: Die Songs dürfen breitere Gesangspassagen beinhalten oder auch einmal auf einem reduzierteren Instrumental landen – grundsätzlich baut sie ihre Lieder aber mit Vielseitigkeit auf: Der Opener „Fotoblau“ zeigt diese Charakteristik gleich zum Start, ein ruhiger, gespenstischer Beginn mit einer E-Gitarre, die nach dem ersten Refrain von einem mächtigen, bewusst dreckigen Drop vertrieben wird. Die Gitarre kehrt zum Schluss wieder zurück, bekommt noch ein paar Glitches als Unterstützung und schon ist die Fahrtrichtung für den Rest der Platte festgesetzt. Vokal kann Nyla ihre Verzweiflung gut transportieren, Stimmverzerrer als Stilmittel und ein kleiner Spoken-Part, der den Song ausfaden lässt. Es ist nicht die komplette Eskapade zum Beginn, aber ein sehr solider Start.

Generell reiht sich Nyla mit ihrem Sound in die Kategorie Cloud-Pop ein, sprich: hybride Electropop-Arrangements, die mal mit Sprechgesang, mal mit viel Verzerrung oder auch mit beschwingter Klarheit vorgetragen werden. „Stich“ ist dafür ein Paradebeispiel, ein ansteckender Track, der den Schmerz in eine Hook packt: Nyla steht vor seiner Tür und wird wortwörtlich im Stich gelassen, das Wort wiederholt sich so lange, bis es wehtut. Durch das verspielte Klavierthema und den antreibenden Beat bekommt man von der Tragik gar nicht so viel mit, eher fühlt man sich an eine beruhigende Drehorgel vor dem Schlafengehen erinnert. Erst gegen Ende, wenn Daft-Punk-ige Verzerrer kurz das Motiv unterbrechen, wird man aus der angenehmen Atmosphäre kurz herausgerissen. Das ist auch ein Track, den Nyla in ihrer stärksten Stimmlage singt – schöne Mittellage, mitreißend und locker, man merkt keinerlei Anstrengung.
Davon ist man im anschließenden „deine welt, meine welt“ leider doch weiter entfernt. Es ist das größte Experiment des Albums, ein roh aufgenommener A-cappella-Song über eineinhalb Minuten, der Nylas endgültigen Entschluss zu gehen unterstreicht. Sie lässt sich zwar noch die Hintertür offen und vergisst absichtlich was in der Wohnung des Ex, hat ihre Entscheidung aber gefällt, weil „Es geht nur um dich, deine Welt ist zu klein für Zweisamkeit“. Die Idee, diese Art Abschiedsbrief ohne Instrumental und quasi wie eine Sprachnachricht zu vertonen, ist an sich gut, nur wagt sich Nyla vor allem im zweiten Teil zu sehr in stimmliche Gebiete, die ihr an diesem Tag nicht lagen. Nuancen, die aber den Unterschied machen. Den mutigen Entschluss sollen kleine Unsicherheiten aber nicht schmälern.
Dafür kehrt mit den Songs „Stille“ und „Ja“ wieder mehr Dynamik ein: Verzerrung und Reduktion wechseln sich ab, in „Stille“ gibt’s zudem einen Rap-Part und einen ordentlichen stimmlichen Ausbruch in der Hook. Der Sound passt damit zum Inhalt, denn in beiden Songs rechnet sie mit ihrem Ex ab. „Ja“ hat ein aufwendiges und interessantes Instrumental dabei, vor allem ab der Hälfte des Songs lässt man der Kreativität freien Lauf und steigert sich immer weiter in Distortion- und Glitch-Strukturen. Im Albumkontext funktioniert das Lied auch deutlich besser als als alleinstehende Vorabsingle. In „Ich wollte dir sagen“ erlebt Nyla einen kleinen Setback und überlegt, sich doch noch mal beim Ex zu melden und zu gestehen, dass sie ihn doch noch ziemlich gern hat. Nur um ihr Vorhaben immer wieder abzubrechen und schlussendlich vermutlich doch diverse Blockier-Funktionen zu bedienen – aus Selbstschutz. Der Track ist eine gelungene Pop-Ballade, keineswegs theatralisch oder auf großen Koloraturen aufgebaut, sondern klar und angenehm durchgesungen.
Der titelgebende Track „Doch Nicht“ startet gemütlich, schiebt aber mit der Dauer immer weiter nach vorne. Die Hook ist hochgradig ansteckend, zärtlich gesungen und trotzdem mit einer guten Portion Drang ausgestattet. Der Kontrast aus klarem – also purem – Gesang und den eingestreuten Vocoder-Phasen kommt gut, das ruhige Klavier bietet einen angenehmen Anker. Nach dem kurzen „Und beides war ehrlich“, einer Art Interlude mit ziemlich futuristischer Atmosphäre, startet „3x“ die zweite Albumhälfte, die den inhaltlichen Schwerpunkt langsam weg von der Trennung hin zur Aufarbeitung und Selbstreparierung legt.
„3x“ stellt ein Erwachen Nylas dar: „wenn ich ehrlich bin“ setzt sie immer wieder an, um sich einzugestehen, welche Dinge sie lange verdrängt hat. Dass er inzwischen bei einer anderen liegt, ist dabei nur die bitterste Erkenntnis. Dieses Lied ist eines der Highlights der Platte – wobei dieser Mittelteil im Allgemeinen äußerst gelungen ausfällt – und wird von starken Produktionsentscheidungen definiert: Ein hüpfender Synthi als Klangteppich, über den man unterschiedliche elektronische Mittel legt und den Beat schön anpeitschen lässt. Die Melodiegestaltung in den Vocals ist nicht nur vielseitig, sondern ausgesprochen gut umgesetzt. Kleinigkeiten wie kurze hohe Silben zum Ende einer Zeile bringen gewünschte Würze hinein. Schließlich fällt sehr oft „fucked up“ als Zusammenfassung dieser gescheiterten Beziehung, das sie auch gleich in das folgende „54321“ mitnimmt.

Hier kommt es zur Klangzäsur, jetzt ist der Club angesagt, man findet sich in einem dringlichen Jungle-Beat wieder, der Nyla aus ihrer Lethargie aufweckt und ihr klar macht, dass sie „noch da“ ist. Manche Zeilen lassen sich wie die Beschreibung einer Panikattacke lesen, was den Stress des Beats erklären würde. Ein guter musikalischer Kniff, um den inhaltlichen Fokus der Platte endgültig kippen zu lassen.
Im Anschluss richtet Nyla in „Noch Da?“ die Frage, die sie in „54321“ mit „Ich bin noch da“ beantwortet hat, noch mal an sich selbst: In der Hook ruft sie nach „Dani“, der Frau hinter dem Künstlernamen. Es ist der persönlichste Song des Albums, weil es nicht mehr um ihn geht, sondern darum, was noch von ihr übrig ist. Der Text und Gesang dürfen hier den nötigen Raum einnehmen, nur bei besonders wichtigen Passagen kommen Synth- und Beat-Akzente dazu. Diese Tracks funktionieren deutlich besser und organischer als noch einiges des Albumstarts. Mit „Such Mich Find Dich“ werden härtere Gitarren zum Refrain ausgepackt, während man in den Strophen leichtfüßig durchmarschiert. Das passt zum Paradox der Trennung, das in den Lyrics beschrieben wird: Nyla sucht sich selbst und findet immer nur ihn, weil die Grenzen zwischen beiden während der gemeinsamen Zeit verwischt sind.
„nicht mehr für zwei“ ist wieder ein Spoken-Word-Track, ein paar Synthesizer sind dabei, der Rest wird einfach vorgetragen. Der Abschied kommt hier ohne den großen Knall: Nyla nimmt nichts von dem zurück, was sie gefühlt hat, schaut jetzt aber nur mehr auf sich. Der Closer „11 Uhr“ ist dann kein großes Finale, sondern ein später Morgen, an dem die Rüstung fällt und Nyla sich fragt, ob sich so Frieden anfühlt. Ein atmosphärisch dichtes Ende.
Insgesamt ist „Doch Nicht“ ein Herzschmerz-Album mit klarem Bogen: Es beginnt zerrissen und endet bei sich selbst. Die erste Hälfte schwankt zwischen starken Momenten wie „Stich“ und Experimenten, die nicht ganz aufgehen, ab „Stille“ wird die Platte deutlich runder und mutiger. Nyla Tiara Love findet auf Albumlänge einen eigenen Weg zwischen Cloud-Pop und aufregenden Arrangements, auch wenn nicht jede Idee voll zum Tragen kommt.
Schwache 7/10