Piss – you made me / skin on linen
Label: Sub Pop Records

Genre: Noise-Rock, Post-Hardcore
„This is not a song, it’s self-harm“. Musik war schon immer eines der besten Mittel, um sich Dinge von der Seele zu reden, mal ernster, mal mit gewiefter Ironie. Wenn Taylor Zantingh, Frontfrau der kanadischen Noise-Rock-Band PISS, aber gleich im ersten richtigen Song des Debütalbums erklärt, dass es sich hier nicht um ein Lied, sondern um Selbstverletzung handelt, dann muss man ihr das glauben. Sie schreit, mitten im Lärm verzerrter und schwerer Gitarren. Die Zeile ist keine Koketterie, sondern Offenbarung und Warnung zugleich: „you made me / skin on linen“ ist keine Platte, die man nebenbei laufen lassen kann, vielmehr dürften manche schon vor dem Ende abschalten. Diese halbe Stunde ist ein einziger, kaum auszuhaltender Ausnahmezustand – eigentlich ziemlich schlechte Vorzeichen für ein Musikalbum.
Aber: Das ist gewollt. PISS und insbesondere Taylor Zantingh versuchen erst gar nicht, irgendeine Harmonie, einen Wohlfühlfaktor zu etablieren – sie verschwenden dafür nicht einmal einen Gedanken – sondern gehen dorthin, wo niemand gerne hingeht, aber viel zu viele zwangsläufig landen: In das Trauma, den Schmerz, die Verzweiflung. Taylor selbst hat schon in ihrer Kindheit sexualisierte Gewalt erfahren müssen und macht diese Erfahrungen auf „you made me / skin on linen“ zum Gegenstand einer schonungslos persönlichen Auseinandersetzung: „I don’t know if writing about violence is helping me / Am I helping you? / I keep trying to make my pain / Mean something“, heißt es in „i wanted to be a singer“. Das Album handelt sowohl vom Erlebten selbst als auch von den immer noch vorhandenen Nachwirkungen: von Scham, von der Entfremdung vom eigenen Körper und vom Versuch, die traumatischen Erlebnisse überhaupt in Worte zu fassen.
Dafür wählt die Band einen eigenen Weg. Neben schnellen und kurzen Songs werden immer wieder gesprochene Interludes mit Ausschnitten aus Reden und Interviews (radikal)feministischer Denkerinnen in das Album und den Fluss integriert. Andrea Dworkin, Toni Morrison, Manon Garcia und Vikki Reynolds sind zu hören und essentieller Bestandteil des Konzepts. Gesprochene Zwischenstücke drohen bei Musikalben gerne unterzugehen – hier sind sie ein wesentlicher Teil, der nicht überhört werden darf. Man kann PISS dafür kritisieren, andere Stimmen für die Botschaften zu wählen und so wichtige Aussagen praktisch outzusourcen – das würde aber zu kurz greifen. Sexualisierte Gewalt ist ein strukturelles Problem, das gerade durch die Einbindung dieser Denkerinnen unterstrichen wird. Die 15 Tracks ergeben eine halbe Stunde aufrichtiger Wut, getragen von Taylors herausragender Gesangsperformance.
Dabei beginnt die Platte noch zahm und unschuldig. „kai and friends“ lässt ein paar Kinder über atmosphärischen, wenn auch schon leicht bedrohlichen Klangteppichen von ihren Traumberufen schwärmen – Sportler, Katzenhotelbesitzer, Astronaut, Künstler. Bis der letzte „I want to be“-Satz abreißt und von einem Riff vertrieben wird. „i wanted to be a singer“ startet laut und mit einem Wechselspiel aus gesprochenen Passagen von Taylor und instrumentaler Explosion. „I spent my life trying to turn my pain into something beautiful … I learned some people only listen when you’re screaming / but I wanted to be a singer“ – die Art und Weise, wie Taylor von einer ruhigen Sprechstimme in immer hektisch werdende Verdichtungen und Ausbrüche wechselt, ist der Leitstil dieses Albums und fühlt sich zu keiner Zeit gekünstelt an. Man merkt ihr an, dass sie jede Silbe so meint und nicht anders kann, als das über Jahre Angestaute in dieser Form herauszulassen. Keine Rücksicht auf Verluste, jede und vor allem jeder soll spüren, was sie mit sich tragen muss. Die Riffs und vielen Details, die das Instrumental auszeichnen, gehen neben Taylor fast unter, sind aber ein wesentlicher Faktor für die besondere Schwere des Songs. Wie sie das Abend für Abend live durchsteht, bleibt allerdings ein Rätsel.
Der Beginn der Platte tut weh, nicht wegen der Musik, auch nicht wegen des Geschreis, sondern weil die Emotionen und die Ohnmacht, die ein solches Trauma bei Betroffenen sexualisierter Gewalt hinterlassen, greifbar werden. Dieses Gefühl zieht sich durch das gesamte Album und wird an einigen Stellen nur noch intensiver. Man hätte „i wanted to be a singer“ auch anders aufbauen können, weniger mit der Tür ins Haus fallen, hätte dann aber nicht denselben Effekt erzielt: Die Kinderstimmen im Opener stehen zunächst für eine Unbeschwertheit, die binnen Sekunden von einem brutalen Riff zerschlagen wird. Im Wissen um Taylors eigene Geschichte bekommt dieser Übergang eine zusätzliche, beklemmende Bedeutung.
Durch die integrierten Interludes wird die Mikro-Ebene – also das Einzelschicksal von Taylor – auf eine gesellschaftliche Makro-Ebene gehoben: Andrea Dworkin, eine der bekanntesten und zugleich umstrittensten Vertreterinnen des Radikalfeminismus, kommt gleich zwei Mal zu Wort. Zunächst spricht sie über die Darstellung von Frauen und sexualisierter Gewalt in der Pornografie und schafft damit einen inhaltlichen Rahmen für den folgenden Song „time loop at hot slit“.
Hier geht es zwei Minuten bedingungslos nach vorne, Hardcore-Punk trifft auf Noise-Rock. Taylor verbindet noch einmal Spoken-Word-Strophen mit brutalen Schreien: „I was ten years old and learning blowjobs on a glue stick / Sometimes I still feel my mouth stuck shut“, was zeigt, wie früh die sexuelle Übergriffigkeit beginnt und wie lange sie noch nachwirkt. Der Refrain setzt auf eine Wiederholung der Phrase „Women don’t come“, die wie eine Anklage vorgetragen und in die Welt gebrüllt wird. Weibliche Lust und Selbstbestimmung bleiben in einer von männlichen Vorstellungen geprägten Sexualität auf der Strecke. Im anschließenden Interlude spricht Manon Garcia, französische Philosophin, die im vergangenen Jahr ein Buch zum Fall Gisèle Pelicot veröffentlichte, eindrucksvoll darüber, wie sie im Prozess Männern begegnet ist, die ihre Vergewaltigungen damit rechtfertigten, dass ihre eigenen Partnerinnen ihnen keinen Sex ermöglicht hätten. Dass diese Männer offenbar keinen grundlegenden Unterschied zwischen einvernehmlichem Sex und der Vergewaltigung einer bewusstlosen Frau erkennen wollten, bezeichnet Garcia als besonders erschreckend. Daraus leitet sie eine größere Frage ab: Was sagt das über männliche Sexualität aus? Wie lässt sich erklären, dass so viele Frauen Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt machen, während gleichzeitig kaum ein Mann in seinem persönlichen Umfeld einen Täter zu kennen scheint? Nach „Women don’t come“ kommt damit die andere Seite zur Sprache, gegen die Taylor anschreit.
Taylor begegnet Garcias Gedanken mit einem nicht einmal einminütigen Hardcore-Grind in Form von „a little girl’s horse craze betrays her“, in dem kein Stein auf dem anderen bleibt. „I wanted a way out of my body / To disguise the scent that drew them out“ – 42 Sekunden Verzweiflung und echter Ekel. Toni Morrison spricht im Anschluss über Vergebung und Selbstvergebung nach Gräueltaten, über Selbsthass und Scham. Genau darin liegt für sie die Tür zur Selbstvergebung. „there was a door“ greift den Gedanken auf und gießt ihn in dissonante Gitarren. Das Instrumental wird immer schwerer und verzerrter, während Taylor in fragmentierten Bildern von körperlicher Entfremdung, Selbstverletzung und dem verzweifelten Versuch erzählt, sich selbst wieder Sicherheit zu geben.
Das zweite Interlude von Andrea Dworkin thematisiert das Recht von Frauen, sich auch mit Gewalt gegen Angreifer zur Wehr zu setzen, wenn das Rechtssystem sie nicht schützt. PISS setzen es direkt vor „how can you act opposite to this emotion?“, einem der intensivsten Songs der Platte. Die Passage zu „I’ll never / Feel safe / In my body / Again“ ist brutal: bewusste Übersteuerung, wahnwitzige Verzerrung in den Gitarren, die mit Taylor direkt mitgehen und ihre Worte unterfüttern. Normalerweise würde man auf ein Wechselspiel zwischen Vocals und Riff wetten, hier gehen PISS den konträren Weg und verleihen der Aussage damit zusätzliches Gewicht. Ein Strudel aus „how can you act opposite to this emotion?“ lässt diesen Song verstörend ausklingen, nur um die letzten beiden Wiederholungen doch glasklar und ohne weiteres Instrumental zu bringen. Von hier führt der Weg direkt in „blocking a scene you can’t remember“, das Herzstück des Albums und einen der besten Songs des Jahres.
Es ist nur schwer zu beschreiben, wie dieses Lied aufgebaut ist und welche Wucht es verkörpert. Taylor erzählt in drastischen Bildern von einer Erinnerung, die sich nicht wirklich zu einer zusammenhängenden Geschichte fügen lässt, aber trotzdem keine Fragen offen lässt. Sie beginnt über sanften Gitarren, erzählt ruhig, startet aber immer wieder von vorne – wie am Filmset unterbricht sie sich selbst mit „cut“. Mit jedem Neustart soll die Szene besser gelingen, doch jeder Take reißt die Wunde nur wieder auf. Wie Taylor sich in diese Szenen hineinversetzt, wie man ihrer Stimme anmerkt, wie sehr die Worte bzw. die Erinnerung sie belasten, wie sie zu zittern beginnt und sich in Rage schreit, hat man in dieser Form selten gehört. „I sunk into the dark and woke with different limbs / Teeth stitched to the back of my lips / And fingers sewn in the wrong places“ – das Erlebte hat sich in ihr festgesetzt, während der Täter scheinbar unbeschwert weiterlebt. Besonders bitter wird es, wenn sie davon erzählt, wie spätere Beziehungen versucht haben, diese Spuren zu beseitigen: „Everyone after you has tried to amputate / But all I do is bleed“. An dieser Stelle kommt Taylor zum ersten Höhepunkt und kann sich in weiterer Folge nur noch schwer beherrschen und einbremsen. „Does your wife know that you sewed your hands on my back?“ Hörer:innen schnürt dieses permanente Crescendo zwischenzeitlich den Atem ab, die Beklemmung ist real und man wird unweigerlich in die detaillierte Szenerie eingesogen.
Im Anschluss bringt „self-blame with thorn necklace and hummingbird“ einen neuen Aspekt ins Album: Taylor verlässt die konkrete Ebene persönlicher Erinnerungen und beschäftigt sich mit tradierten Bildern von Weiblichkeit. Sie reiht Kunstfiguren und Darstellungen von Frauen aneinander (inklusive Artemisia Gentileschis Enthauptungsszene) und bringt auf den Punkt: Frauen werden vom Blick anderer definiert, als Projektionsfläche für Begehren, Angst und Gewalt. Ein 49-sekündiges Grollen und Donnerwetter, das von Taylor mit „Look, you could have lived at any time / In any body / You could have chosen any dress to wear for him“ geschlossen wird. Egal, in welcher Zeit, in welchem Körper oder in welchem Kleid eine Frau gelebt hätte – die Verantwortung für die Gewalt lag nie bei ihr. Durch die kurze Dauer bleibt der Song allerdings eine Skizze, der Gedanke dahinter hätte mehr Raum verdient.
Das letzte Interlude kommt von Vikki Reynolds: In „vikki“ macht sie klar, dass Männer für ihre Taten verantwortlich sind, aber eben auch in einer Welt aufwachsen, in der Misogynie und Gewalt gegen Frauen alltäglich sind. Für sie reicht es deshalb nicht, einzelne Täter zur Verantwortung zu ziehen. Es geht hauptsächlich darum, die Verhältnisse zu verändern, um die Gewalt zu verhindern. Gerade mit Blick auf die hohen Femizidraten in Österreich – und leider auch in sehr vielen weiteren Ländern der Welt – kann man diese These nicht oft genug wiederholen. PISS nützen sie, um den Bogen zum Song „Rote Zora. ‚Resistance is Possible.‘ Emma, no. 6, June 1984, pp. 39-41.“ zu spannen. Der Text stammt aus einem Interview mit zwei Mitgliedern der als Terrororganisation eingestuften, radikalfeministischen Gruppe Rote Zora, das die Emma 1984 im Postfach fand und mit einem Distanzierungshinweis abdruckte. Mächtige Riffs treiben den Song an, während Taylor wieder vermehrt zu Spoken-Word greift. Durch Breaks entsteht eine schaudernde Dynamik, die am Ende in einer „Resistance is possible!“-Schrei-Orgie mündet: Widerstand ist nicht nur erlaubt, sondern notwendig, um der alltäglichen Angst etwas entgegenzusetzen.
Mit „i keep trying to change the ending“ endet die Platte mit dem längsten Stück: Die Band nimmt sich über sechseinhalb Minuten Zeit, um die eigene Zärtlichkeit wiederzufinden. Ein atmosphärisches Post-Rock-Gebilde, in dem sich Taylor von einer anderen Seite zeigt und den Wunsch nach Nähe äußert. Sie möchte auch anderen Menschen einen sicheren Ort geben. Die wiederkehrenden Bilder von Pferden, sanften Händen und dem Singen greifen Motive des Albums auf und stellen der Gewalt etwas entgegen. „I won’t bleed forever“ wird zu ihrem finalen Mantra, ganz sacht singt sie über die Hoffnung, dass der Schmerz nicht für immer ihr Leben bestimmen muss.
„you made me / skin on linen“ ist eines der besten Debüts und vor allem – angesichts der Themen, leider auch – eines der wichtigsten Alben der vergangenen Jahre. Selten hat man weibliche Wut so bestimmt, kräftig, herzzerreißend und aufrichtig gehört. Das Album tut weh, es überfordert, es regt aber auch zum Nachdenken an. Zu wünschen ist ihm vor allem Gehör bei jenen, an die sich Taylor und die zitierten Denkerinnen richten.
Starke 9/10