Miley Cyrus – Something Beautiful
Label: Columbia

Genre: Pop-Rock, Art-Pop
Miley Cyrus musste sich die Anerkennung als ernstzunehmende Album-Künstlerin lange erarbeiten. Die letzten beiden Alben, „Plastic Hearts“ und „Endless Summer Vacation“, zeigten bereits vielversprechende Ansätze – der Rock von „Plastic Hearts“ war teilweise sehr fein, auch die unbeschwerten Stimmungen von „Endless Summer Vacation“ blitzten immer wieder positiv durch. Ein wirklich durchgängig gutes, aufregendes Album blieb die 32-Jährige bislang aber schuldig.
Das ändert sich jetzt mit ihrem neuen, neunten Studiowerk „Something Beautiful“. Miley, dieses musikalische Chamäleon, das schon so viele unterschiedliche Stilrichtungen in ihrer langen Karriere durchschritten hat, findet hier eine gelungene Balance aus klassisch-verspielten Pop-Momenten und progressiver, künstlerischer Freiheit.
Die Leadsingle „End of the World“ konnte anfangs nicht vollends überzeugen – gerade der prominente Oh-Chor weckte die Befürchtung, dass Miley doch wieder einen soften, wenig interessanten Weg einschlägt. Im Albumkontext funktioniert der Song aber deutlich besser. Denn „Something Beautiful“ ist vieles – nur nicht uninspiriert oder langweilig. Es liegt nahe, dass „Endless Summer Vacation“ letztlich deshalb so radiofreundlich klang, damit Miley ihr Label zufriedenstellen und sich jetzt mehr musikalischen Freiraum verschaffen konnte.
Die Platte ist sehr sphärisch, zelebriert den Giorgio-Moroder-Synthesizer ausgiebig, fühlt sich also im 80er-Glam sehr wohl, geht aber noch einen Schritt weiter und wagt sich an artpopartige Experimente. Miley erschafft eine Klangwelt, die anfangs ungewöhnlich wirken mag, deren Mut aber deutlich spürbar und sehr persönlich ausfällt. Ein Konzeptalbum, eine Art Pop-Oper.
Begleitet wird die Platte von einem Film, der am 6. Juni beim Tribeca Film Festival zu sehen sein wird – ähnlich wie es einst „The Wall“ von Pink Floyd tat, eine der Inspirationsquellen zu „Something Beautiful“. Es soll ein visuelles Projekt sein, das Fans dafür entschädigt, weiterhin auf eine Tour von Miley verzichten zu müssen. Ihre Stimme sei zu angegriffen, um einer langen Reise mit unzähligen Konzerten standzuhalten – operieren möchte sie sich nicht lassen, da sie sonst ihre Charakteristik verlieren würde. Nachvollziehbar.
Das Album ist sicherlich kein einfaches Hörvergnügen für eingefleischte Fans des ehemaligen Kinderstars. Es fordert Aufmerksamkeit – und vielleicht ein bisschen Geduld. Einige Stücke entfalten sich erst beim zweiten oder dritten Hören, gerade in der zweiten Hälfte kommen die progressiven Ideen so richtig zur Geltung.
Thematisch geht es um Liebe, um die Heilung von Traumata, um den Glauben an die schönen Dinge im Leben – selbst wenn man sich gerade an sehr dunklen seelischen Orten befindet. Dementsprechend geht es auch um Verzerrung und Zerstörung.
Die Platte umfasst 13 Tracks, dauert 52 Minuten und startet mit dem relativ langen „Prelude“ als Intro: ein Opener mit Drang und elektronischen Instrumenten, mit einer düsteren Stimmung, die durch Mileys gesprochenen Vortrag noch verstärkt wird. Es geht um Entfremdung, Sehnsucht nach Verbundenheit und das Paradoxe daran, dass Schönheit oder Sinn erst dann ganz greifbar werden, wenn sie mit jemandem geteilt werden können – eines der Leitmotive des Albums.
Nahtlos geht es über in den titelgebenden Track, der als sehr leichte R&B-Ballade beginnt, etwas Soul mitbringt und sich generell funkelnd zeigt – bis der Refrain kommt und damit die musikalische Zäsur eintritt: Die lockeren Töne der Bläser weichen experimentellen Sequenzen, es kommt zu einer Explosion, die in psychedelischen Melodien gipfelt. Die Verzerrung übernimmt, und trotz der krassen Gegensätze, die dieses Lied definieren, lässt sich jede Sekunde davon genießen. Die Aufregung und die apokalyptischen Tonbilder des Refrains funktionieren genauso stark wie die ruhigen, gediegenen Muster der Strophe. Der Song ist eine bitter-schöne Ode an die zerstörerische Seite der Liebe – voll körperlicher Bildsprache, Sehnsucht und der Bereitschaft, sich vollständig aufzugeben, nur um ganz zu fühlen. Ein Themenblock, der noch öfter begegnen wird.
Dann kommt das bereits angesprochene „End of the World“ – im Albumkontext funktioniert dieser leichte Disco-Pop besser als als alleinstehender Song. Die Apokalypse kann schön sein, und weil’s ohnehin egal ist, kann man sich auch ganz dem Eskapismus hingeben – lieber eine Party mit Freunden schmeißen, als sich Sorgen zu machen. Nachvollziehbar, warum man diesen Track als Leadsingle wählte, da steckt viel Radiofreundliches drin. Das schmälert aber nicht die Tatsache, dass der Song stimmig und interessant aufgebaut ist.
Mit „More to Lose“ kommt ein Lied, das sich der endgültigen Einordnung entzieht – der Eindruck ändert sich fast bei jedem Hördurchgang. Fest steht: Es ist eine gelungene Ballade, reduziert mit Streichern und Bläsern, schön gesungen, an manchen Stellen aber etwas zu sicher, also zu vorhersehbar arrangiert. Ein Song, den man irgendwie schon mal gehört hat – da sticht nicht unbedingt etwas Besonderes hervor. Der Text über die gescheiterte Beziehung ist gut vertont, aber insgesamt hätte man wohl etwas straffen können, gerade der letzte Teil fällt etwas zu theatralisch aus.
Nach dem ersten pulsierenden „Interlude“ geht es direkt mit „Easy Lover“ weiter. Brittany Howard spielt auf diesem Banger Gitarre, und es wird jazziger, poppiger, rockiger. Der Track stammt eigentlich aus der „Plastic Hearts“-Ära, landete aber damals nicht auf dem Album. Letztes Jahr wäre der Song fast auf Beyoncés „Cowboy Carter“ gelandet, hätte sie sich nicht für „Shotgun Rider“ entschieden – das spätere Duett mit Miley, „II Most Wanted“. So blieb das Lied bei Miley, und mit Brittany Howard bekam es endlich die gewünschte Finesse. Man verliert sich schnell in diesem Rhythmus und dem insgesamt recht aufwendigen Arrangement.
„Interlude 2“ leitet die zweite Albumhälfte ein. Miley mag das Spiel mit Gegensätzen ohnehin – man denke an die Tag/Nacht-, Hell/Dunkel-Seiten von „Endless Summer Vacation“. So konsequent wie hier hat sie diese Kontraste aber noch nie in Albumform präsentiert.
Mit „Golden Burning Sun“ geht es weiter: das erste Lied, das an die Fünf-Minuten-Grenze kratzt, gleichzeitig eine der versöhnlichsten und befreiendsten Kompositionen des Albums. Der Refrain bzw. die Passage ab der Pre-Hook ist so einnehmend, druckvoll und gleichzeitig leicht und ansteckend – kaum jemand singt so selbstbestimmt und selbstbewusst „Surrender!“. Fast mantraartig wiederholt sie dieses Wort – nicht im Sinne von Aufgeben, sondern als Einladung, sich auf die Liebe einzulassen, sich zu öffnen, fallenzulassen. Das fällt leicht, dank Stimme, Arrangement und Gefühl.
Dann noch einmal Brittany Howard – wobei ihre Rolle im Song „Walk Of Fame“ vordergründig gar nicht prominent auffällt. In Produktion und Arrangement aber schon: Dieses Lied ist der große Star des Albums, eine glitzernde, an New Order angelehnte Sechs-Minuten-Nummer, die nur den Weg nach vorne kennt. Auch spannend: Danielle Haim wirkte hier an der Gitarre mit. Es ist der zentrale Track auf „Something Beautiful“ – er bringt die Themen des Albums auf den Punkt: Ruhm, Entfremdung, Identität und Selbstinszenierung. Ruhm kann einen einsaugen, der Spalt zwischen Höhen und Abgrund ist in der oberflächlichen Welt der Stars und Sternchen äußerst schmal.
„Pretend You’re God“ hat plötzlich diesen björkesken „Army Of Me“-Basslauf – einmal mehr zeigt sich, woran sich Miley auf diesem Album orientiert, vielleicht auch unbeabsichtigt. Zunächst fällt alles etwas behäbiger aus, hat aber trotzdem eine spannende dynamische Entwicklung parat – und die Passage, in der Miley davon singt, verflucht zu sein, wird durch die mysteriöse Stimmung und Hall-Effekte treffend vertont.
Die letzten Nummern des Albums nehmen sich viel Zeit. „Every Girl You’ve Ever Loved“ dauert über fünf Minuten und bringt etwas Madonna-Vibes samt auffälligem Saxofon mit. Naomi Campbell ist hier mit an Bord, allerdings nur in einer gesprochenen Rolle. Der Track ist ziemlich ansteckend und funktioniert als 80er-Renaissance im Jahr 2025 ziemlich gut.
Apropos Renaissance: Der Track „Reborn“ hält uns auf der Tanzfläche, ein tranciger Beat wird zum Teppich, sehr atmosphärisch, wenn auch das Songwriting etwas zu repetitiv gerät. Die Produktion definiert hier aber das Geschehen – und die ist gelungen.
Der Closer „Give Me Love“ hat seine schönen Momente, fühlt sich auch nach Outro an, allerdings mit ein paar Längen, da das Songwriting insgesamt etwas zu simpel ausfällt. Ein kleiner Disney-Moment zum Schluss – vielleicht lässt sich das so zusammenfassen.
Insgesamt ist „Something Beautiful“ das beste Album von Miley Cyrus geworden. Es bietet die bisher vollständigste Vorstellung ihrer musikalischen Bandbreite – mutig, entschlossen, auch ein bisschen rücksichtslos. Durchgängig starke Produktion, fast ebenso gelungenes Songwriting mit vielseitigen Themen und abwechslungsreichen Sounds. Pop, Disco-Pop, Psychedelic Rock und Electronic treffen aufeinander. Die großen Hits mögen zwar fehlen – aber als Gesamtwerk ist diese Platte wirklich gelungen. Kein Album für die Charts (auch wenn’s erfolgreich sein wird), aber ein sehr spannendes in ihrer Diskografie.
Schwache 8/10