Slayyyter – Wor$t Girl In America
Label: Records Label/Columbia

Genre: Electroclash
Heute wird’s absolut hedonistisch: Slayyyter nimmt uns auf ihrem dritten Album „Worst Girl in America“ mit auf den wildesten Partytrip des Jahres. Welche Stationen dabei durchlebt werden, ob sie auch mal ein Bremspedal kennt und wie sich der Morgen danach anfühlt, zeigt sich im Verlauf einer Platte, die kaum einen Moment der Ruhe kennt.
Slayyyter ist Ende der 2010er auf der Poplandschaft aufgeschlagen und hat sich seitdem zu einem Underground-Liebling gemausert. Ihr selbstbetiteltes Debüt-Mixtape zeigte bereits ihre Vorstellungskraft in Sachen Hyper- und Elektropop, das Debütalbum „Troubled Paradise“ von 2021 verschrieb sich zur Gänze dem Hyperpop, konnte die Erwartungen aber nur bedingt erfüllen. 2023 erschien mit „Starfucker“ ein zugänglicheres Album, das immer wieder in den 80er-Jahren Zuflucht suchte und den ein oder anderen Monster-Bop parat hatte – beispielsweise „Miss Belladonna“, das es in die Top 100 Songs des Jahres 2023 schaffte.
Slayyyter baute sich kontinuierlich eine Fanbase auf, wartet aber noch auf den ganz großen Durchbruch im Mainstream. In einer Popwelt, deren Normen Charli XCX mit „Brat“ 2024 verschoben hat, scheint „WOR$T GIRL IN AMERICA“ zunächst wie der logische nächste Schritt. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob für diesen Sound inzwischen bereits ein gewisses Sättigungsgefühl eingetreten ist und sich das Publikum nach anderen Impulsen sehnt. Musikalisch betrachtet gibt es daran jedenfalls wenig Zweifel: Diese Platte ist eine gottlose Bangerscheibe.

Slayyyter nutzt „WOR$T GIRL IN AMERICA“, um einerseits einen augenzwinkernden Blick auf ihre eigene Person zu werfen, gleichzeitig aber auch einige Klischees des amerikanischen Lebens zu manifestieren. Es ist eine hedonistische Platte, die ständig dröhnende Synthesizer auffährt, wilde Bässe und Drops zelebriert, die ein oder andere sehr böse Gitarre einbaut und schlussendlich nur ein Ziel kennt: vollkommen eskapistisch durch das Nachtleben zu taumeln. Es ist ein maximalistisches Album, bei dem alles bis zur Spitze getrieben wird. EDM trifft auf Rock und Hyperpop, und zwar in einer Dichte, wie sie nur selten geboten wird. Dabei zeichnet Slayyyter eine wilde Partynacht nach, die verschiedene Stadien durchläuft.
Los geht es mit „Dance…“, bei dem die ersten Bässe noch von innerhalb des Clubs zu hören scheinen, während draußen vor dem Eingang gewartet wird. Spätestens mit dem ersten Drop steht man mitten auf der Tanzfläche. Auch eine unerwünschte Begegnung kann die Stimmung nicht trüben: „I kinda hate you, but it doesn’t matter / Let me dance“, heißt es im Refrain. Der Opener ist herausragend gut, entwickelt bereits einen enormen Drang, enthält aber noch nicht die volle Breitseite an Eskalation. Dafür wartet eine unglaublich gelungene Schlusssequenz auf, in der Slayyyters Stimme gediegen und hoch über den Instrumenten schwebt und stellenweise an Caroline Polachek erinnert. Der Song lässt zunächst Raum, um sich zu orientieren und herauszufinden, was diese Nacht noch bereithält.
Viel Zeit bleibt dafür allerdings nicht, denn „BEAT UP CHANEL$“ dreht sofort auf. Der Track ist ein einziges Abenteuer und pendelt zwischen Chaos, Sex, Frauen und Drogen. „I want sex, money, bitches, and the stickiest weed“ wiederholt Slayyyter mehrfach, während die Musik selbst auf Wiederholungen verzichtet. Ein zunächst sehr böser Start entwickelt sich dank immer breiter werdender Synthesizer und eines antreibenden Beats zu einem befreienden Konstrukt, aus dem man nicht mehr herauswill. Zum Schluss dröhnen die Synthesizer noch eine Spur mehr als zuvor – ein gutes Beispiel dafür, wie bedingungslos Slayyyter auf dieser Platte agiert.
Die Nacht ist noch jung, aber bereits ordentlich in Fahrt. „Cannibalism“ bringt wenig später mehr Gitarren ins Spiel, hat einen brutalen Groove und eine rohe Energie, die den Sound des Albums definiert. Es ist der nächste Banger, in dem Slayyyter beschreibt, wie die Liebe sie auffrisst und überfordert. Zwischen sexuellem Hunger und emotionaler Überforderung bleibt am Ende nur das Flehen um ein göttliches Zeichen.
Auch „Old Technology“ macht keinen Hehl aus dem Wunsch nach weiterer Eskalation. „What do you want from me? / I’m having fun tonight / I’m doing drugs tonight“ wird zum Mantra, das sie immer wieder in einem kurzen Moment der Stille wiederholt, ehe die dröhnenden Instrumente einsetzen und die Botschaft musikalisch untermauern. Diese Electro-Clash-Tracks gehen so hart, dass selbst im gediegensten Umfeld nach einem solchen Song ein Adrenalinstoß kaum ausbleiben dürfte.
Deshalb ist es nur logisch, dass kurze Zeit später mit „Crank“ auch das Herzstück des Albums folgt. Der anzüglichste und lauteste Track vermischt Techno- mit Industrial-Strukturen und enthält gleichzeitig einige der brutalsten Lines der Platte. Alles hier ist völlig chaotisch: Es wird geschrien, überdreht und jede Grenze ausgetestet – kurz: der komplette Drogenrausch. Ein Banger vor dem Herrn.
Um danach wieder ein wenig durchzuschnaufen, legt Slayyyter es auf „Gas Station“ etwas gemütlicher an. Weniger bewegen muss man sich deshalb noch lange nicht. Verträumte und verzerrte Synthesizer treffen auf einen ordentlichen Drop in der Hook. Gleichzeitig nutzt Slayyyter die Gelegenheit, eine verloren gegangene Liebe zu adressieren und gleich den Grund mitzuliefern, warum daraus nichts geworden ist: „Don’t think you ever really liked me / You love dating and I love to party“.
Doch die Partynacht geht weiter. Auf „YES GODDD“ wird es wieder brutaler. Der bedrohliche Track lässt bereits erahnen, wie sehr es brodelt, bevor die Musik in eine richtig böse Eskalation kippt. Dub-Elemente, ein Sprechgesang-Part, schwere Bässe und E-Gitarren treffen auf ständig wechselnde Beats. Zwischendrin fühlt man sich beinahe wie bei einem Daft-Punk-Konzert. Trotzdem wirkt nichts willkürlich zusammengewürfelt: Die unterschiedlichen Elemente harmonieren erstaunlich gut miteinander.
In dieser Phase will sich Slayyyter nur noch verlieren – in den Melodien, auf der Tanzfläche, in einer anderen Person. „Unknown Loverz“ zeigt das ganze Ausmaß einer toxischen Anziehung, kommt dabei aber enorm lieblich daher und ist einer der geradlinigsten Electropop-Songs der Platte. Die Tankstelle kehrt als Motiv zurück, diesmal jedoch als nostalgischer Sehnsuchtsort: „I call you from a payphone at the old gas station / He’s rolling cigarettes up and I’m rolling off his molly / My friends all fucking hate him, but when has that ever stopped me?“ Im Vortrag schimmert dabei beinahe etwas Lana Del Rey’sches durch.
Ähnliches gilt für „Old Flings“: Wieder vermischt sich verträumter Gesang ungeniert mit den Synthesizern, die immer wieder ineinander verschmelzen. Hier lassen sich deutliche Erinnerungen an ältere Charli-XCX-Songs ausmachen. Mit „I’M ACTUALLY KINDA FAMOUS“ wacht Slayyyter wieder aus ihrem Trance-Zustand auf. Zu Beginn sind noch Club-Hintergrundgeräusche zu hören, spätestens zur Hook geht es mit dem Drop wieder los. Sprechgesang und die bewusst überhebliche Attitüde gehören dabei zum Konzept. Musikalisch ist dies allerdings der erste Moment des Albums, der sich repetitiv anfühlt und etwas zieht – obwohl der Track mit zweieinhalb Minuten eigentlich recht kurz ausfällt.
„St. Loser“ wird dafür wieder brutaler im Soundbild: ein völlig bedingungsloser Song mit großen Vocals und einem permanenten Pulsieren schwerer Bässe und maximalem EDM. Inhaltlich geht es um die obsessive und einseitige Fixierung auf eine Person, die einen völlig ignoriert.
Dieses Thema führt „WHAT IS IT LIKE, TO BE LIKED“ fort, wenn Slayyyter immer wieder „I need your attention“ beklagt und im Outro schließlich einen Zusammenbruch erlebt: „Ah, fuck all the parties / I’m still nobody“. Der Gefühlswechsel ist spannend, weil Slayyyter bis zu diesem Zeitpunkt vor allem selbstbewusst aufgetreten ist. Musikalisch ist der Track solide, aber weniger einfallsreich als die restlichen Songs.
Nachdem noch schnell das Gebet des Heiligen Franziskus rezitiert und daran erinnert wurde, dass man sich um andere kümmern soll, endet das Album mit „BRITTANY MURPHY“ und absoluter Hyperpop-Perfektion. Der Song ist vordergründig ein Tribut an die 2009 tragisch verstorbene Schauspielerin, dient Slayyyter aber vor allem als Projektionsfläche für ihre eigenen dunkelsten Momente. Es geht um das Gefühl des Stillstands, um Selbstzweifel und die Frage, ob überhaupt noch weitergemacht werden kann. Im Song bittet sie um Vergebung für ihre „schmutzigen Gewohnheiten“ und lässt beinahe testamentarisch Revue passieren, wie sie in Erinnerung bleiben möchte: als „Funny Girl“, als „Incredible“, aber auch mit der ehrlichen Erkenntnis, dass „anstrengend“ wohl eigentlich das passendere Wort wäre.
Slayyyter zieht Parallelen zwischen ihrem Leben und dem von Murphy und betet noch einmal: „Father, please forgive me for all my actions“. Und dann fragt sie schließlich noch den Türsteher, wo ihre Jacke ist. Es ist also Zeit, nach Hause zu gehen.
„Worst Girl in America“ ist ein Album, das einfach nur aufregend ist. Slayyyter kennt keine Gnade, ballert alles um die Ohren, agiert dabei aber nicht planlos, sondern mit einem fantastischen Gespür für Melodien, Drangperioden und Befreiungen. Das Album ist definitiv ihr bisher bestes – und auch eines der besten des Jahres. Ein herausragendes Abbild einer wilden Partynacht, ein hedonistisches Gelage der Extraklasse.
Schwache 9/10