Marteria – Zum Glück in die Zukunft III

Label: MARMUSIC/BMG

Genre: Deutschrap

Jetzt ist es tatsächlich passiert: Marteria schließt seine „Zum Glück in die Zukunft“-Trilogie ab. Gut, ob von Anfang an eine Trilogie geplant war, sei dahingestellt, aber so ist das jetzt. Der erste Teil aus dem Jahr 2010 war für Marteria nicht nur der kommerzielle Durchbruch, sondern wurde für eine Generation auch so etwas wie der Sound des Sommers. Er war der krasse Gegenpol zu allem, was damals Rap in Deutschland dominierte, war weit davon entfernt, ein Gangster-Rapper zu sein und kam nicht einmal aus Berlin, der damaligen Hochburg der Szene. Sein Sound war anders als das Übliche, seine tiefe Stimme kam auf den teilweise verspielten, dann auch wieder sehr reduzierten Beats des Produzenten-Trios The Krauts sehr gut zur Geltung und seine Texte waren einerseits humorvoll, andererseits auch gewissermaßen düster. Mit Hits wie „Endboss“, „Verstrahlt“, „Marteria Girl“ oder „Sekundenschlaf“ konnte er sich einen Namen machen.

2014 erschien das nicht weniger erfolgreiche „Zum Glück in die Zukunft II“, wo sich Presse als auch Fans mit Lob überschlugen. Marteria konnte es noch einmal zeigen und kämpfte sich mit „Kids (2 Finger an den Kopf)“ bis in die Top 10 der Single-Charts vor. Zuvor stand er schon mit „Lila Wolken“ auf Platz eins und ging damit auch Diamant – über eine Million Verkäufe in Deutschland. Marteria veränderte sein Soundbild gegenüber dem ersten Teil kaum und bot einfach more of the same, wenn auch alles noch ein bisschen dichter daherkam.

Bekanntlich ist er aber nicht nur Marteria, sondern auch Marsimoto, ein dauerkiffendes Alter Ego, das er mit dem letzten Album „Keine Intelligenz“ 2024 begraben hat. Es hat sich ausgeraucht, dafür geht der Blick wieder zurück zu den Wurzeln. Und „Zum Glück in die Zukunft III“ fühlt sich an vielen Stellen tatsächlich ähnlich an wie seine Vorgänger. The Krauts haben wieder die Produktion übernommen, es wird darauf Acht gelegt, dass die Songs groß kommen und man im Zweifel lieber einen potenziellen Live-Moment mehr kreiert, als einmal einen Gang runterzuschalten.

Elf neue Tracks mit einer Dauer von 35 Minuten sind herausgekommen und ja – es wird insgesamt erwachsener. Marteria ist mittlerweile 43 Jahre alt, alles andere wäre auch überraschend. Im Vorfeld des Releases stand noch ein Elefant im Raum, den Marteria bei Aria Nejati jetzt endlich adressierte: Im März 2023 wurde er in North Carolina festgenommen, nachdem Anrainer die Polizei wegen lautstarker Auseinandersetzungen zwischen Marteria und seiner damaligen Partnerin informiert hatten. Die US-Behörden warfen dem Rapper vor, seine Lebensgefährtin gewürgt zu haben. Das Verfahren wurde jedoch rasch wieder eingestellt, zu einer Anklage kam es nie. Warum er sich so lange nicht geäußert hat? Marteria betonte, dass seine damalige Partnerin keine Person des öffentlichen Lebens gewesen sei und ihn ausdrücklich darum gebeten habe, die Sache privat zu halten. Durch viel Reflexion und Therapie sei er bereit, das Geschehene nun auch öffentlich zu verarbeiten.

Verarbeitung ist das Schlüsselwort, das man dem Album geben kann. Marteria verarbeitet hier ganz klar sein bisheriges Leben und macht es auf unterschiedliche Art und Weise. Im ersten Track „9 Leben (Eins übrig)“ gibt er einen Abriss seines bisherigen Lebens und erklärt, wie oft er beinahe schon gestorben wäre. Vom fast Ertrinken als Kind über den schweren Autounfall, der eine Dialyse notwendig machte, bis hin zu den drei Leben, die er durch die Liebe verloren hat. Ganz klar ein Storytelling-Song mit einer kurzen Hook und einem Ausblick auf sein zukünftiges Leben – FOMO mit 70, bis zur Einsicht, dass das ein Marathon ist und jetzt statt Party Paartherapie angesagt ist. Ein ordentlicher Track, der von den Lyrics lebt, ansonsten aber nicht weiter auffällt.

Mit „Schenk mir ein Intro“ wird er ein wenig wilder. Der Beat deutet immer wieder eine böse Wendung an, die dann bei der ersten Wiederholung der ersten Hook endlich kommt. Da ist mehr Wumms dahinter und in der zweiten Strophe eine schöne eingebaute Gitarre zu hören. Marteria selbst rappt ziemlich dynamisch – wieder über Zukunft und Vergangenheit.

Der größte Unterschied zwischen „Zum Glück in die Zukunft III“ und den beiden Vorgängeralben ist sicherlich das Fehlen der großen Banger, die bei den anderen Alben immer wieder da waren. Die sucht man auf diesem Album fast vergebens. Es fehlen die Momente, nach denen man sich vielleicht ein bisschen hinsehnt und bei denen man sich denkt: Ja, da geht es jetzt richtig rund.

Am ehesten kommt man bei „Problemarten“ und „Sad Holiday“ noch in eine solche Richtung. Da gibt es viel vom typischen Marteria, von Spannung und Dynamik. Irgendwie geht es bei ihm ja generell um Urlaub: Als bekennender Weltreisender ist das einfach Teil seiner Identität und man hat immer ein gewisses Bild vor sich. Bei „Problemarten“ widmet er sich abermals der Verarbeitung und Aufarbeitung, von früheren Drogen-Eskapaden über die Andeutung des Vorfalls in den USA bis hin zur Erkenntnis, dass er eben sehr viele Probleme hatte.

„Sad Holiday“ ist der beste Track des Albums und auch der einzige, der auf einem der beiden früheren Alben Platz gefunden hätte. Es geht um zerbrochene Liebe, die dann trotzdem noch einmal kurz aufflackern soll, auch wenn man weiß, dass daraus nichts mehr wird. Musikalisch kommt das mit gesungener Hook und den Rapstrophen sehr gut, wirklich das größte Highlight der Platte. Der Track „Meins“ ist außerdem interessant: Hier kommt Marten so richtig ins Rappen, probiert gewisse Dinge aus, bekommt einen schönen Flow und arbeitet nicht alles monoton in einem immer ähnlichen Schema ab.

Was dieses Album so richtig mit den anderen beiden verbindet, ist Lewis – also sein Sohn, dem Marteria bei „Zum Glück in die Zukunft I & II“ schon Tracks gewidmet hat und der jetzt, als Volljähriger, mit seinem Vater zusammen den Track „Platz für uns beide“ bestreitet. Das ist ein sehr schöner Moment, auch die beiden harmonieren ziemlich gut. Klar, Louis ist noch nicht so erprobt, aber das funktioniert schon sehr gut. Besonders schön sind die beiden Perspektiven von Vater und Sohn, Sohn und Vater, mit ein paar lustigen Momenten, in denen Lewis erzählt, dass er kein Poster von seinem Vater an der Decke hängen hat, sondern eines von Ufo361. Ein schönes Gespräch zwischen den beiden.

Ansonsten ist dieses Album nicht sonderlich berauschend. „Mariah Carey“ ist ein ziemlich chaotischer Song, vom orientalischen Beat über die zum Schluss dargebotenen wirklich wilden Koloraturen, die offenbar Mariah Careys Falsettgesang darstellen sollen, bis hin zu sehr bitteren Lines, die teilweise cringe ausfallen – allen voran „Ja ich bin ne Queen / so wie Freddy“ oder „Ist mir eigentlich Banani / so wie Bruno“.

Sonst dominieren Tracks, die fast schon Füllercharakter haben und durchschnittlich ausfallen. Einmal greift Marteria mit „Captain Europa“ daneben. Der Song setzt sich mit Europas aktuellen Herausforderungen auseinander und versucht, diese mit den für ihn typischen Stilmitteln und Humor zu kommentieren. Dabei spricht er auch die von ihm wahrgenommene Doppelmoral an, wenn militärisch aufgerüstet wird, gleichzeitig aber kein Platz für Geflüchtete gefunden wird oder Menschen auf der Flucht ertrinken. Einzelne Zeilen wie „Keine Liebe für einen Held, der nie ein Patriot war“ hinterlassen dabei einen für diesen Kontext irritierenden Eindruck.

Insgesamt ist „Zum Glück in die Zukunft III“ eine Zusammenstellung von Tracks, die man gut hören kann, die sich aber vor allem dadurch auszeichnen, dass sie selten einen Höhepunkt bieten. Deshalb bleibt ein Großteil der Lieder nicht besonders lange in Erinnerung. Für Fans der Reihe und von Marteria gibt es sicherlich einiges zu entdecken, wer von Rap vor allem die großen, mitreißenden Momente erwartet, dürfte hier weniger davon finden.

Schwache 6/10

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