Label: Four Music / Sony

Genre: Rock, Pop
Der rot-schwarze Dresscode hat ausgedient, ab jetzt wird weiß getragen: Bibiza wechselt auf seinem neuen Album „Rocknrollst★r“ nicht nur die Klamottenfarbe, sondern auch die Klangstruktur. Herausgekommen ist die nächste sehr gute Platte des derzeit wohl angesagtesten heimischen Künstlers.
Früher ging die Donau noch über – jetzt, mitten in der nächsten krassen Hitzewelle, hat sich Bibiza noch ein Schiff klarmachen können und kurzerhand zu einem Bootskonzert entlang des Donaukanals eingeladen. Ein paar Stunden vor dem offiziellen Release seines neuesten Werks „Rocknrollst★r“ hat er eine DIY-Promophase damit gipfeln lassen. Sonst gibt’s spontan neue Songteaser auf Insta und TikTok oder freche Plakate mit ★en –letzte Woche dann doch noch eines der außergewöhnlichsten Konzerte der vergangenen Jahre.

Natürlich – Musik auf Flüssen zu präsentieren ist nicht Bibizas Idee. Die Sex Pistols gaben der Queen zu ihrem 25-jährigen Thronjubiläum schon ein Konzert auf der Themse und spielten lautstark „God Save The Queen“. So aneckend ist Bibiza nicht unterwegs – wenn auch die Rock-Attitüde dieses Mal deutlich in den Vordergrund gestellt wird. Bibiza ist spätestens seit „Wiener Schickeria“ aus dem Jahr 2023 zum wohl bekanntesten Gen-Z Strizzi Österreichs geworden. Er huldigte der Hauptstadt mit viel Schmäh und Charme, ein bisschen Grant und herausragender Musik. Ursprünglich aus dem HipHop kommend, verstand er es, seine Gedanken und Texte auch fern von klassischen Beats zu transportieren und so zum Gesicht der neuen österreichischen Pop-Generation zu werden, die in die großen Fußstapfen von Bilderbuch und Wanda treten soll.
Bibizas Liebe zum Hedonismus ist allgegenwärtig, die Eskapade muss stattfinden – nicht aus Zwang, sondern weil es teilweise gar nicht anders geht. Alkohol, Drogen, Partys, Sex, der Kater danach: Thematisch weiß man eigentlich sehr schnell, woran man bei Bibiza ist. Bis es ihm selbst zu bunt wurde und er auf seinem letzten Album „Bis einer weint“ doch auch die ein oder andere – treffende – Gesellschafts- und Politkritik parat hatte. Wär ja sonst auch ein bisschen zu eintönig geworden.
Jetzt, bei „Rocknrollst★r“ ist schon wieder alles ein bisschen anders geworden. Der Bibiza darf schon noch bleiben, aber der Franz soll auch noch mehr gezeigt werden. Die Verknüpfung von Bühnenperson und realem Charakter soll vollzogen werden. Wer jetzt wann genau wo in den 13 neuen Songs spricht, kann man nicht immer so leicht beantworten. Definitiv als Franz tritt er in „Frank“ auf, der ersten Vorabsingle des Albums, just beim Amadeus Award dem Publikum vorgestellt. Dauert keine zwei Minuten, vereint aber so ziemlich die Kernthemen der Platte: Rock als Stilmittel, Franz als Thema, der aber eben in unterschiedlichen Orten der Welt immer ein wenig anders auftreten kann. Frank, François, Francisco, Franco, Francis, Franziskus, Frantsuzskiy, Francesco – egal, Hauptsache: Let’s Rock! Dauert insgesamt eine Spur zu kurz, vor allem, da Bibiza den Track nicht als Opener wählt.
Dafür dient ihm der titelgebende Song „Rocknrollst★r“: „Die Drogen, der Sex und die Frauen sowieso / Baba schau‘ mich an ich bin ein Rock’n’Roll-Star“, singt er da und er macht sich das Leben einfach, indem er macht, was er will. Die Rock-Gitarre ist hier dabei, allerdings ist der gesamte Song doch verhältnismäßig zurückhaltend – eher so Katern am Morgen danach als Aufbruch zur Party.
Bibiza ist aber immer schon ein Musiker, der sehr direkt in seinen Texten auftritt und schon in der Vergangenheit zeigte, dass er auch andere, etwas düstere Perspektiven aufziehen lassen kann.
Oder er gesteht sich ein, dass mancher Einfall im Nachhinein doch vielleicht eher ziemlich dumm war, wie er in „Schnapsidee“ unverfroren zugibt. „Franz, das war eine Schnapsidee“ heißt es da gleich zu Beginn, während man ihm zuhören kann, wie er seine „Leber paniert, die Lunge asphaltiert, mit Mädels jongliert“, besoffen Auto fährt und einen Unfall baut, Drogen schmeißt und schlussendlich verzweifelt „am Küchentisch verendet, mit der Puffn an der Stirn“. Da ist schon ordentlich was los in den Strophen – im Refrain hingegen wird’s fast schon zu zärtlich und zu simpel, wenn er sich „selber vierfach im Spiegel sieht“ und völlig „delulu“ ist. Zweifellos ein dynamischer Track, aber auch einer, der der üblichen Raffinesse Bibizas nicht ganz gerecht wird.
Weil, er hat einen eigenen Sound. Live merkt man das allerspätestens, wenn er mit seiner Band zusammen sämtliche Bühnen der Welt abreißen lässt. „Rocknrollst★r“ setzt zwar vordergründig mehr auf Gitarrensound, bleibt dem klassischen Bibiza-Vibe aber noch treu: Poparrangements, ein bisschen Funk, Disco – quasi alles, wozu man sich gut bewegen kann. Es ist das erste Album, das Bibiza auch mit seiner Liveband gemacht hat, man hat in Ungarn, Spanien und Norwegen binnen eines Monats aufgenommen. Eine Distanzierung von Wien auch im Sinne des Produktionsorts, die Ära der „Mozartkugeln“ ist laut Bibiza vorerst vorbei. Es soll ein Album sein, das Spaß macht in einer Welt, die derzeit von negativen Nachrichten dauerbeschallt wird.

Aber so ganz ohne Heimat geht es nicht – im Gegenteil: Bibiza feiert ein ordentliches Gelage im „Hotel Imperial“. Ein völlig überzeichneter Track über ein Leben im Luxus, wo „Cash“ kommen und gehen darf, wo er fragt: „Schwarz-weiße Schachbrettfliesen / Dürft ich dich übers Schachbrett biegen?“. Kommt natürlich im ersten Moment überraschend und völlig übertrieben, passt aber zur Stimmung des Songs. Klavier, Synthis, fetter Bass, Streicher, Gitarrenakzente – schon dekadent, aber nicht einschüchternd und definitiv sexuell aufgeladen. „Ich brauch dich nur für eine Nacht. Komm, gib mir alles, was du hast“, singt er später in „Du schaust gut aus!“, wobei man mehr von einem Säuseln sprechen muss. Bibiza scheint hier auch mit der Kehrseite dieses Ruhms zu ringen, er hat „Wut im Bauch“, weil er im Rampenlicht steht und braucht Zweisamkeit, um sich nicht allein zu fühlen. Ob seiner Vortragsweise könnte man vermuten, dass er nicht mehr ganz nüchtern durch die Straßen zieht. Das Rockstarleben bringt Möglichkeiten – Bibiza muss sich dennoch immer wieder eingestehen, dass er zwar gern Nähe hätte, aber sie nur oberflächlich zulassen kann.
Völlig anders, aber in seiner Verletzlichkeit verwandt fällt „Oh ah Eh“ aus, sehr verträumt und bezirzend dank des Instrumentals. Dieses Lied geht schnell ins Ohr, ist eine Zäsur zum restlichen Album, klappt dennoch. „Bitte vergiss mich nicht, lass mich doch nicht allein“ klingt ungewohnt offen für einen Künstler, der sich auf dem Album sonst gerne als unantastbarer Rockstar inszeniert. Bibiza kommt mehr ins Rappen, vermeidet aber keine melodischen Parts. Die Backing-Vocals von Nnoa und das Gitarrensolo runden ein feines Hörerlebnis ab.

Bei all dem Erfolg abzuheben, ist kein großes Wunder. „Meine Manie“ liefert uns einen interessanten Einblick in sein Innenleben. „Meine Manie macht (uh), meine Manie macht Geld / Ich fahr‘ mit meiner Manie um die Welt“ – ein einfaches Wortspiel und noch dazu ein übler Ohrwurm. Enzo Gaiers Gitarre verzerrt herrlich, die „Uhs“ im Hintergrund bringen Tiefe und allgemein zieht Bibiza hier mehr nach vorne. Zumal er auch mehr Ecken und Kanten zeigt: „Ich brauch Hit, Instrumentals, Produzenten und werde reich / Vielleicht geb‘ ich euch mal einen von mir ab, vielleicht klingt ihr da nicht alle gleich“. Das klingt nach Größenwahn – oder zumindest nach einer gehörigen Portion Rockstar-Ego. Den vermeintlichen Kokainkonsum relativiert Bibiza aber sofort wieder mit einem „Spaß, ey Spaß, it’s all about the balance, baby“. Spannend auch: Gerade die Zeilen der Strophen erinnern an Falcos Intonation in seinen Strophen des „Kommissars“. „Meine Manie“ zählt sicherlich zu den eingängigsten Songs des Albums.
Das Jet-Set-Leben bekommt mit „Sterne“ seinen großen Auftritt: Airport Lounge, Austrian Airlines, Vodka-Wellness und eine Show, die noch gespielt werden muss. Bibiza zeichnet hier das Bild eines Lebens zwischen Luxus und Chaos – der Erfolg bringt ihn zwar zu den „Rock’n’Roll-Sternen“, aber das Handy explodiert und die Beziehung bleibt auf der Strecke. Diese Ambivalenz macht den Song interessant: Er feiert den Höhenflug, hat aber gleichzeitig Angst vor dem Absturz. „Ich hoff‘, dass ich nicht sterbe“ als kleines Gebet, das ihn das „Live fast, die young“-Schicksal verschont. Dieser Song kommt deutlich atmosphärischer daher, Bibiza bleibt stimmlich sehr reduziert.
„Unterwegs“, dieses an Daft Punk angelehnte Brett, bringt Bibizas neue Rock-Ästhetik perfekt auf den Punkt. Er will einfach nur seine Ruhe haben: tausend Anrufe in Abwesenheit, das Handy am liebsten in den Bach werfen und ab in den nächsten Flieger. Es geht weniger ums Reisen selbst als um die Flucht vor der ständigen Erreichbarkeit – endlich niemandem mehr antworten müssen und „high up in the sky“ sein. Gerade der Aufbau ist dabei eine kleine Masterclass: Die verzerrten Vocals, die prominente Bassline unter dem Refrain und das später einsetzende Gitarrenriff ziehen den Song immer weiter nach oben. Dazu dieser typisch smooth vorgetragene Bibiza-Flow und die wunderbare Zeile „Red doch mit die Fische“. Einziger Wermutstropfen: Nach gerade einmal zwei Minuten und acht Sekunden ist der Höhenflug schon wieder vorbei.
„Call My Manager!“ geht anschließend noch einen Schritt weiter. Schon die eingangs eingestreute Atemübung gibt einen kurzen Moment zum Durchatmen, bevor Bibiza über fast vier Minuten einen unglaublichen Groove entfesselt. Der Song zeigt wohl am deutlichsten, wie gut diese neue Ästhetik funktioniert: Funkige Elemente treffen auf treibende Gitarren, das Instrumental entwickelt sich ständig weiter und die Gitarre wird endgültig zum Hauptdarsteller. Selten klang Bibiza gleichzeitig so dringlich und so verspielt. Lyrisch perfektioniert er seine überzeichnete Rockstar-Figur: Pilates und Yoga, Cola Zero und Massage-Termine – während die ständig klingelnden Nachrichten natürlich direkt an den Manager (die „Bagage“) weitergeleitet werden. Zwischen absurdem Humor, Größenfantasie und bewusst übertriebener Attitüde zeigt sich hier wohl am besten, wie Bibiza seine eigene Kunstfigur feiert und gleichzeitig wieder entlarvt. Bibiza und Franz – es darf verschwommen werden.
Der Closer „Für immer oder nicht“ bringt noch mehr Rhythmus rein und lässt Bibiza schließlich zugeben: So geil ist das Rockstarleben eigentlich gar nicht, wenn man sich eigentlich nach was anderem sehnt. „Fragen über Fragen, doch eines kann ich dir sagen, dass, wenn / Alles zerbricht und nichts mehr sicher ist / Eines bleibt gewiss / Ja, eines bleibt stets gewiss / Wir beide für immer oder nicht?“. Damit bleibt er dem Motto seiner sehr hinterfragenden Closer-Songs treu, sowohl „Regen“ auf „Wiener Schickeria“ als auch „Gute Nacht“ auf „Bis einer weint“ erfüllten eine ähnliche Funktion.
Einzig eine Sache kann Bibiza nicht ganz einlösen. In „Meine Manie“ singt er selbstbewusst: „Ich kann nicht rangehen an mein scheiß Telefon, wenn ich so geniale Texte schreib’“. Nur funktionieren dann solche Phrasen wie in „Wenn du am Boden bist“ kaum: „Weil, wenn du nüchtern wirst, ist alles wie zuvor / Heute gehen wir als Sieger heim und schießen kein Eigentor, baby…Der Rubel rollt, der Ball ist rund / Die Erde bebt, die Nacht ist jung“ – da merkt man manchmal doch, dass das Album vielleicht ein bisschen zu schnell entstanden ist. Der Sound des Songs ist antreibend und wird live Laune machen – lyrisch aber der mit Abstand flachste Track von „Rocknrollst★r“.
Ansonsten macht das Album Spaß und erfüllt das, was Bibiza damit erreichen wollte. Es ist zwar der schwächste Teil des Trios aus „Wiener Schickeria“, „Bis einer weint“ und „Rocknrollst★r“, aber bei weitem kein schlechtes Album. Vor allem im Vergleich zu seinen Vorgängern fehlt Bibiza jene lyrische Tiefe und Konsequenz, die ihn zuvor zu einem der spannendsten österreichischen Songwriter gemacht hat. Gleichzeitig zeigt sich, dass Bibiza seine neue Rock-Attitüde mit Leichtigkeit verkörpern kann. Selbst wenn ihm mal alles zu viel wird und er beim Ober noch ein „Soda Zitron“ für die Brandbekämpfung ordert (ebenfalls ein Albumhighlight), kann er seine spitzbübische Art nicht leugnen. Ja, das Album ist in Teilen noch überzeichneter als alles zuvor – aber es klingt halt einfach gut.
Schwache 8/10
Früher Sängerknabe, heute zwischen Fußball, Football und viel Musik. Im Herzen immer Punker.

