Beabadoobee – Pylon

Label: Dirty Hit/Interscope

Genre: Indie-Rock

Noch erwachsener, aber auch deutlich wütender – so präsentiert sich Beabadoobee auf ihrem vierten Album „Pylon“.

Auf „This Is How Tomorrow Moves“ hatte Bea vor zwei Jahren endgültig den Sprung in die Erwachsenenwelt vollzogen, war introspektiv geworden, hatte mit Rick Rubin ihr bisher reifstes, aber auch klarstes und musikalisch glattestes Album abgeliefert. „Pylon“ zeigt jetzt, dass das Erwachsenwerden kein einmaliger Sprung ist, sondern ein mitunter ziemlich frustrierendes Ringen darstellt: Weil man in Mittzwanzigern eigentlich erwartet, längst alle Antworten auf die wichtigen Lebensfragen zu haben.

Das ist natürlich großer Quatsch, weil – so einfach spielt das Leben nicht. Bea scheint sich damit auch abgefunden zu haben und sucht nach Ankern, die ihr in unsicheren Zeiten Halt geben. Zwei Jahre lang blieb es relativ still um neue Musik – Bea war auch ständig auf Tour – ehe sie im März 2026 in einem Dazed-Interview erste Einblicke gab: Das neue Album sei zwar weiterhin traurig, aber mit einer entscheidenden Verschiebung – es geht ihr diesmal darum, jede Emotion tatsächlich zuzulassen, statt sie zu verdrängen. In einem späteren Pressestatement wurde sie noch direkter: Viele der neuen Songs sind Dinge, die sie sich schon lange von der Seele schreiben wollte, aber nie direkt aussprechen konnte. 

So entstanden zwischen Tourstopps und Hotelzimmern 14 neue Songs, die das bringen, was Beabadoobee ursprünglich groß machte bzw. wo zu ihrem Karrierebeginn die Hoffnungen der Indie-Rock-Szene ruhten: Dreckiger, an 90er-Grunge und Radio-Rock angelehnter Gitarrensound. Dieses Klangbild gehört seit Tag eins zu Beas Portfolio und zieht sich in unterschiedlichen Formen durch ihre bisherigen Alben – ohne bisher durchgängig bedient worden zu sein. „Pylon“ kommt dem Vorhaben jetzt schon deutlich näher. 

Rick Rubin wurde wieder verlassen, Bea setzte auf ihr eigenes Können und holte sich noch namhafte Produzenten an ihre Seite: Neben ihren Langzeitkollaborateuren Jason Vance Harris, Luca Caruso waren zudem noch George Daniel und Matty Healy (von The 1975), Gianluca Buccellati (der für seine Arbeit an Arlo Parks’ erstem Album „Collapsed in Sunbeams“ den Mercury Prize gewann) sowie Shane Moran (Sänger von Title Fight) am Album beteiligt. Der Schritt weg von Rubin bedeutet zwar nicht zwangsläufig mehr Dreck oder rockige Anleihen, dennoch hört man der Platte deutlich an, dass man in eine andere Richtung ziehen möchte. 

Dazu kommen noch prominente Gastauftritte: Hayley Williams von Paramore auf „Nothing To Prove“ und Turnstile-Sänger Brendan Yates, der auf „Powerlines“ eine Strophe zum Besten gibt. Etwas dezenter im Hintergrund schlägt Deftones-Sänger Chino Moreno mit seinen Backing-Vocals im Closer „Satellite“ auf, während Pinegrove-Frontmann Evan Stephens Hall nicht nur bei „Spark“ mitschrieb, sondern den Song auch mitproduzierte – ein besonders persönlicher Bezug, hat sich Bea doch nachweislich sogar ein Pinegrove-Tattoo am Nacken stechen lassen. Dass sie Hall, der seit Jahren praktisch untergetaucht ist, zu einer Zusammenarbeit überreden konnte, ist einer der größten Verdienste von Bea. 

„Pylon“ orientiert sich also stärker an ihrem zweiten Album „Beatopia“ als am doch sehr sonnigen, kalifornisch geprägten „This Is How Tomorrow Moves“. Der titelgebende Opener begrüßt mit deutlich zarter, gleichzeitig auch düsterer Atmosphäre, bevor die volle Band einsetzt. Bea sucht auf ihrer scheinbar endlosen Tour Trost in Bildschirmen und Dingen, die sie immer wieder sieht – etwa Straßenpylonen – während sie lange Zeit fern von zu Hause ist. Ein normales Leben, ein bisschen spontan mit Freunden abhängen, ist nicht mehr möglich – dadurch kommt schon im Eröffnungsstück eine große Portion Melancholie ins Spiel. Die Distortion setzt immer wieder ein und dann auch wieder abrupt aus, so als würde der Song ständig „den Empfang verlieren“, was thematisch schön zur gescheiterten Kommunikation im Text passt. 

Mit der Leadsingle „Sun Has Set“ rechnet sie mit einer falschen Freundschaft ab und zeigt ihre beste Form des Grunge-Rock, den man aber auch ein wenig als Emo-Pop-Hybrid bezeichnen könnte: direkte Riffs ohne große Umschweife, dazu noch gelungene Vocals von Bea selbst, die gesanglich stärker denn je auftritt. Das Lied ist mit nicht einmal zweieinhalb Minuten relativ kurz, dafür wird aber keine Sekunde verschwendet, sondern nur durchgezogen. Definitiv ein Highlight der Platte. „Estranged“ bringt den typischen Bea-Sound: Ansteckender Refrain, der sich mit den verzerrten Gitarren abwechselt und der einen sehr schnell bekommt. Sicherlich nicht der spannendste bzw. innovativste Song von ihr, aber eben einer, den man sich von ihr wünscht und gewissermaßen auch erwartet – damit man als Hörer:in auch noch einen „Pylon“ im Klangbild hat und weiß, was man bekommt. Hier verschiebt sich der Ton von Wut zu Enttäuschung und einer Art Verwirrung. 

Dass Bea ein großer Fan von The Cure ist, ist nicht neu. Dass sie aber auch in die Fußstapfen von Robert Smith und Co. treten will, schon eher. „Switchblade“ ist wohl ihr deutlichster Versuch im Post-Rock, fühlt sich insgesamt aber zu schleppend an, auch wenn Beas Gesangsharmonien noch relativ viel herausholen können. Thematisch geht’s ums Erwachsenwerden selbst – die Frage, ob man kämpft oder flieht, wenn das Leben einen herausfordert. Diese Überforderung wird von ihr mit dieser behäbigen Form vertont – spannender Ansatz, aber nicht ganz rund.

Mit „Write Me A Letter“ und „It’s Alright“ bleibt sie sich außerdem treu: Diese beiden Lieder fühlen sich durch die melodischen Strukturen von Beginn an sehr vertraut an, wechseln im Laufe ihrer Dauer aber doch recht deutlich die Stimmung – hier darf mehr Druck entstehen und Bea ihren Gefühlen freien Lauf lassen. Das passt auch zum Text, in dem sie erklärt, dass es ihr leichter fällt, Fehler zuzugeben, wenn sie einen Brief darüber schreibt. „It’s Alright“ ist unbeschwerter und einer der wenigen wirklich optimistischen Momente auf „Pylon“. Statt der gewohnten Enttäuschung beschreibt Bea hier, wie jemand ihre negativen Erwartungen an Beziehungen durchbricht – da gibt’s sogar eine sehnsüchtige Fluchtfantasie, gemeinsam irgendwohin zu fahren und etwas Neues zu erleben. Einfach Zeit miteinander zu „verschwenden“. Wenn „Perfect Pair“ oder „Glue Song“ noch niedlicher komponiert wurden, ist hier zwar mehr Drive drinnen, inhaltlich ist man aber gar nicht so weit entfernt. 

Dafür kehrt die Panik und Überforderung mit „In Motion“ wieder zurück und im Gegensatz zu „Switchblade“ funktioniert die Entwicklung des Songs besser: Beginnt zögerlich, vertont aber die Grübeleien und den Fluchtimpuls mit einem schönen instrumentalen Ausbruch besser. Bea hat betont, dass „Pylon“ kein Konzeptalbum darstellt, was man auf Grund der schnell wechselnden Stimmungsbilder auch wahrnimmt. „Memories“ umarmt wieder mit warmen Klängen, die sich problemlos zu ihren anderen Krachern vergangener Tage gesellen können. Bea kann Jangle-Pop einfach sehr gut, hier ist man The Cure schon deutlich näher, als sie es vermutlich angelegt hat. 

Ein Feature mit Hayley Williams löst in der Regel schon beim bloßen Blick auf die Tracklist enorme Vorfreude aus – leider wird „Nothing To Prove“ aber zu einer sehr sicheren Angelegenheit. Zweifellos ein verspieltes Lied, dem man die Handschrift von Hayley auch anmerkt und dessen Stärken eindeutig in der Dynamik zwischen Strophe und Refrain liegen. So gut der Kontrast auch funktioniert, so einfallslos zeigt sich der Hauptteil: Eine wiederkehrende „Lalala“-Sequenz, die zwar den Spaß der beiden Musikerinnen zeigen kann, gleichzeitig aber auch wahnsinnig austauschbar und fast uninteressant geschrieben wurde. 

„Radio“ bringt lyrisch eine bewusste Reduktion ins Spiel – deutlich kürzer und schlichter als der Rest des Albums, beschreibt sich Bea als ausgebrannt, überfordert, mit dem Bedürfnis, sich einfach Luft zu verschaffen. Wie schon auf „Write Me A Letter“ wählt sie auch hier eine indirekte Kommunikationsform: Die eigentliche Botschaft soll über ein Lied im Radio ankommen, nicht durch ein Gespräch. Musikalisch könnte man auch hier dem Refrain einen zu eintönigen Charakter unterstellen, wird aber sehr schnell von Beas warmen und nach vorne ziehenden Pop-Rock-Facetten gefangen genommen.

Wenn „Nothing To Prove“ noch klar im Zeichen von Hayley Williams stand, ist „Powerlines“ eindeutig ein Lied, dem man den Einfluss von Brendan Yates anhört – könnte in der Form als einer der ruhigen Turnstile-Tracks auch auf einem zugehörigen Album zu finden sein. Die Idee hinter dem Lied ist spannend, Bea und Brendan simulieren ein Telefongespräch zwischen zwei durch Touring getrennten Menschen, die durch die Stromleitungen Verbindung trotz Distanz halten können. Wirklich vom Fleck kommt der Song aber nicht – es sind just die beiden Feature-Songs, die einen nicht richtig überzeugen wollen. 

Das Albumende wird mit den sehr ruhigen, teilweise verträumten Songs „Spark“ und „Despite That“ eingeleitet. „Spark“ kann man fast als Ballade bezeichnen, „Despite That“ als melancholisches Verzerrungsmonster, das sich aber mit einer Dauer von nur eineinhalb Minuten recht zahm gibt. 

Im großen Finale „Satellite“ darf man Beas bis dato mutigsten Gesangsvortrag hören. Hier geht sie an ihre Grenzen, versteckt sich nicht sondern wagt den völligen Ausbruch. Sie singt von Ängsten und Doomscrolling und zeigt, dass sie im Songwriting einen satten Schritt nach vorne gemacht hat. Chino Morenos Backing-Vocals drohen hier fast unterzugehen, so sehr geht Bea aus sich heraus. Die Verzweiflung kann man ihr jedenfalls klar anhören – ein großartiges Highlight als Closer. 

„Pylon“ ist sowohl Rückbesinnung als auch Weiterentwicklung der ursprünglichen Form von Beabadoobee und kommt dem Album, das man sich von Anfang an wünschte, am nächsten. Bea legt sich auf einen grundsätzlich rockigeren Sound fest, schmückt ihr Klangbild aber mit einigen interessanten, manchmal aber noch zu durchschaubaren Ideen aus. Dennoch ein sehr unterhaltsames und insgesamt auch kohärentes Hörvergnügen. 

Schwache 8/10 

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