Miley – Bass Persuades
Label: Atlantic Records

Genre: Pop/Rock/Electro
Manchmal braucht Trauer einen Beat. Eine Woche nach dem Tod ihrer Patentante Dolly Parton kündigte Miley ihr neues Album an – diesmal ohne ihren Nachnamen Cyrus. Es soll ein neues Kapitel beginnen. „Bass Persuades“ erschien schließlich am 18. September, als erstes Werk unter ihrem reinen Künstlernamen und gleichzeitig als erstes Album beim neuen Label Atlantic Records.
Es war nicht unbedingt damit zu rechnen, dass Miley schon ein Jahr nach ihrem letzten Album „Something Beautiful“ nachlegen würde. Das Vorgängeralbum überzeugte durch musikalische Vielfalt, Mut und Entschlossenheit. Sie verstand es so gut wie noch nie in ihrer mittlerweile zwei Jahrzehnte umfassenden Karriere, verschiedene Pop-Genres mit Rock-Variationen und Electronic-Sounds zu kombinieren. Die Zeiten von Hannah Montana sind schon längst vorbei, allerallerallerspätestens mit dem Release von „Something Beautiful“ sollte das dem letzten Skeptiker bewusst geworden sein.
Damit begann eine neue Zeitrechnung im musikalischen Schaffen der 33-Jährigen: Sie machte klar, dass Charterfolge von einzelnen Songs zwar sicherlich noch gern mitgenommen werden, aber nicht mehr unbedingt forciert werden. „Flowers“ bleibt weiterhin ihr Überhit, einen Nachfolger findet man weder auf „Something Beautiful“ noch auf ihrem neuen, zehnten Album „Bass Persuades“.
Musikalisch kann Miley eigentlich nur noch mit einem reinen Rap-Album überraschen – abgesehen vom bloßen Sprechgesang hat sie sich praktisch in jedem großen englischsprachigen Genre schon des Öfteren ausprobiert. „Bass Persuades“ tendiert schon titelbedingt wieder mehr zur Tanzfläche und kann – wenn man so will – wie eine entfernte Fortsetzung ihrer dunkleren „PM“-Seite von „Endless Summer Vacation“ betrachtet werden. Es soll schon in den Club gehen, dazwischen wird aber gerne eine Ballade eingestreut. Es sei eine Platte, deren Titel „ein volles Herz, Herzschmerz und alles, was dazwischen liegt“ umfasse.
Zunächst aber geht sie es ausgelassen an: Der titelgebende Song agiert auch als Opener und bringt düstere Dance-Pop-Stimmung mit. Die Kids wollen nicht mehr tanzen, die Angst vor gestreckten Drogen geht um, das Smartphone dient als MTV-Ersatz und Outfits werden nur noch für das perfekte Foto gekauft und nicht mehr zum Tanzen getragen. Da steckt schon eine ordentliche Portion Gesellschaftskritik drin, die Miley aber mit „Let’s surrender to the night / put our bodies close together“ versöhnlich schließt. Mit so einem Lied, das sich klar auf den Spuren von Depeche Mode über Madonna bis hin zu Lady Gaga und Britney Spears begibt, hat Miley jedenfalls sehr viel Neugierde geweckt: Würde sie diesen Ansatz auf dem Album weiterverfolgen und mehr von diesen Sprechgesang-Strophen bringen, die ihr recht gut stehen?
Die Antwort darauf fällt eindeutig aus: Nein, „Bass Persuades“ ist kein Partyalbum und auch keine tiefergehende Analyse von gesellschaftlichen Phänomenen. Nur vereinzelt wagt sie noch einmal einen echten Ausflug in den Club, etwa im dröhnenden „Different Religion“, das sie zusammen mit der Post-Punk-Band Model/Actriz bestreitet. Verzerrungen, metallische Klänge, bisschen synkopisch und daher gewöhnungsbedürftig, schlussendlich aber schon eine gelungene Zusammenarbeit. Der Kontrast zwischen Miley und Cole Haden kommt schön durch, die befreienden Elemente des Refrains füllen ihren Zweck nach den stressigen Strukturen der Strophe sehr treffend.
Dazu gesellt sich noch „Innocent Ways“, das relativ am Ende der Platte zu finden ist. Auch hier wählt Miley einen direkteren Zugang und lässt sowohl mehr Tempo als auch Energie frei. Auf einem pulsierenden Teppich reflektiert Miley über Ruhm und ihre Beziehung zu ihrer jüngeren Schwester: „Eight nights in a row she’s been in a crisis / She looks just like me when she cries“. Der Refrain bringt den Wunsch zum Ausdruck, das Unschuldige an ihr zu bewahren, während gleichzeitig die Erkenntnis mitschwingt, dass Reife mit dem Alter kommt: „I tried to save all of her innocent ways / Grace comes with age, but don’t tell her / Fall out from the fame, claim my mother’s maiden name.“ An einigen Stellen ist also wirklich ordentlich was los.
Sonst regiert gern die Ballade in unterschiedlichen Formen. Im besten Fall klingt sie so wie „Snow“, also aufgeweckter, mit akzentuierten Synthesizer-Sprenkeln und doch auch breiten Melodiebögen zum Hauptteil, die sich gegen Ende hin immer weiter entwickeln dürfen. Das ist sicherlich ein Lied, das seine volle Durchschlagskraft erst nach einigen Hördurchgängen entfaltet, vermutlich auch, weil es praktisch am Ende der Tracklist liegt und droht, unterzugehen. Dass man Intimes auch mit elektronischen Beats kombinieren kann, demonstriert Miley dafür in „Aftermath“: Die Beziehung ging in die Brüche und als Rezept gegen etwaigen Liebeskummer wird einfach ausgelassen getanzt. Mehr Songs von dieser Sorte hätten „Bass Persuades“ gutgetan.
Denn vieles klingt einfach viel zu vertraut: „Let’s Get Married“ ist der Standard-Miley-Song, den man nahezu auf jedem Album seit „Plastic Hearts“ finden kann. Kein allzu hohes Tempo, leicht verträumte Stimmung, schnulziger Liebestext. Gibt’s von ihr schon in zigfacher Ausführung, fühlt sich daher nicht mehr ganz so frisch an – auch wenn man ihre Vocals schon noch mal lobend erwähnen darf. Auch in „Orbit“ überzeugt sie mit ihrer Stimme, dafür wird sie von der Komposition gebremst: Im Pre-Chorus steckt so viel Wärme und Tiefe, dass man regelrecht eingesaugt wird und es sich gerne länger gemütlich machen würde, nur um dann wenig später von einem sehr enttäuschenden und zahmen Refrain praktisch gar nichts zu bekommen. Am Ende bleibt deshalb doch unerwartet viel Frust übrig.
Wer auf Simon & Garfunkel und insbesondere „Sound of Silence“ oder gar auf ABBA steht, wird an „Redlights“ seine Freude haben – dieses Lied setzt auf dieselben Kniffe der Altmeister:innen, hat noch eine mediterrane Gitarre dabei und schleppt sich so vor sich hin. Nur „Neon Signs“, das Feature mit Andrew Wyatt von Miike Snow, zieht sich noch mehr. Nach dem ersten Refrain hat man alles gehört, was man hören muss (außer man möchte Miley und Andrew noch ausgiebig hauchen und stöhnen hören, dann wird’s hinten raus noch „spannender“). Musikalisch betrachtet ein viel zu sicheres, nettes Duett, das man so auch von allen x-beliebigen Country-Pop-Künstler:innen bekommen kann. Da ist nicht viel Individualität zu finden. Warum Miley zudem noch einen ziemlich uninspirierten Remixx (sic!) von „Bass Persuades“ als Closer draufpacken musste, wird wohl eines der größeren Rätsel bleiben.
„Bass Persuades“ versucht einiges, trifft aber nicht vieles. Wo „Something Beautiful“ mit Mut und Bedingungslosigkeit überzeugte, versteckt sich der Nachfolger zu sehr hinter einem losen Konzept und einer spürbaren Durchschaubarkeit eines Großteils der Songs. Ein neues Kapitel hat Miley – ohne Cyrus – mit dem Album zwar aufgeschlagen – musikalisch fühlt es sich aber eher wie ein Zwischenstand an. Man kann’s gut hören, es ist solide gemacht – nicht mehr und nicht weniger.
6/10