Oskar Haag – Lost Cause

Label: Lullaby Records / Sony

Genre: Indie-Pop/Rock

Zweite Alben sind für Bands und Musiker:innen immer tückisch – warum sollte das für Oskar Haag anders sein? Von den Medien wurde der mittlerweile 21-Jährige schon zu seinem Karrierebeginn vor fünf Jahren als neues Wunderkind auserkoren, ein Titel, dem der Wahlwiener mit dem Sieg des FM4 Amadeus Music Awards als bisher jüngster Preisträger – mit gerade einmal 17 Jahren – auch gerecht wurde. Aber Musiker:innen werden viel lieber an dem gemessen, was sie schaffen und nicht an Preisen, die auf dem Weg noch mitgenommen werden. 

Oskar Haags Debütalbum „Teenage Lullabies“ ließ sein Talent als Songschreiber schon durchblitzen. 13 Tracks für eine gute Dreiviertelstunde, in denen er sich zwischen zarter, akustischer Wärme und ausladenderen Synthie-Arrangements bewegte – geprägt von jugendlichem Fernweh, spätpubertärer Müdigkeit und den ersten großen Liebeskomplikationen. Der Opener „Leaving To Monaco Or Wherever The Fuck We Want To Go“ avancierte schnell zu einem der besten Indie-Tracks des Jahres, „Stargazing“ wurde zu einem der größten Hits seiner immer noch jungen Karriere. Vergleiche mit Harry Styles oder gar David Bowie waren keine Seltenheit, auch weil Haag sich schon damals bewusst über klassische Genderkonventionen hinwegsetzte. Nicht alle Kniffe saßen perfekt, aber insgesamt war es ein bemerkenswert reifes, vielseitiges Debüt für einen 17-Jährigen, das zu Recht Vorfreude auf alles Kommende weckte.

© Michelle Rassnitzer

Seitdem ist sehr viel Wasser die Drau und auch die Donau hinuntergeflossen und Haag hat sein Klangbild weiter geöffnet. Mit seiner letzten EP „Field Of Love“ trat er zwar immer noch reduziert auf, ließ aber schon deutlich mehr Selbstvertrauen durchblicken. Nicht, dass es „Teenage Lullabies“ daran gemangelt hätte, aber die stimmliche Präsenz wurde spürbar kräftiger. Fünf Tracks über die Liebe in ihren unterschiedlichsten Facetten, diesmal wieder komplett allein zu Hause geschrieben, aufgenommen und produziert. Diese neue Stärke bringt Haag jetzt auf „Lost Cause“ mit – nur trifft es diesmal auf deutlich schwereres, persönlicheres Material.

Man will fast schon von „natürlich“ sprechen: Natürlich dreht sich das Album um die Liebe in all ihren Ausprägungen. Natürlich geht es ums Erwachsenwerden, natürlich auch ein bisschen spitzbübisch, aber auch immer wieder mit großen Klangteppichen und Streicher-Arrangements. Oskar Haag hält sich auf diesem Album nicht zurück, es ist die Bestätigung eines schon vor einigen Jahren attestierten Talents – also ziemlich genau das Gegenteil des Albumtitels. 

„Lost Cause“, eine verlorene Sache, bezieht sich in Oskars Fall auf eine Erfahrung mit einem ehemaligen Lehrer an seinem Gymnasium, der ihm zu verstehen gab, dass nie etwas aus ihm werden würde. Über die Sinnhaftigkeit solcher Aussagen muss man keine großen Worte mehr verlieren, stattdessen kann man sich an Haags Umsetzung seiner Lostness erfreuen. Der titelgebende Track ist nichts weniger als herausragend, enorm klug komponiert und aufgebaut. Statt seinen Lehrer einfach nur anzuklagen, dreht Haag den Spieß raffiniert um: Wie kann jemand so etwas zu einem Kind sagen – ausgerechnet jemand, der offenbar selbst nie den Mut hatte, seinen eigenen Träumen zu folgen. Bemerkenswert ist der explizite Verzicht auf Schuldzuweisung; stattdessen entlarvt er den vermeintlichen Antagonisten selbst als verletztes, „gebrochenes Kind“.

Haag verzichtet auf Abrechnung und übt sich in Selbstbehauptung durch Empathie. Klanglich muss man dieses Lied schon jetzt zu seinen generell besten zählen: Er zieht ein Drehorgel-Akkordeon-Thema durch, bei dem man förmlich sehen kann, wie sich die Kinder um ihn scharen. Ein Rattenfänger-Motiv, das den Lyrics Tiefe verleiht: „There’s been a robbery in my town / They took all the children and made them grow up“. Die Entwicklung des Lieds bei gleichzeitiger Etablierung dieses Themas als durchgängiger Anker im Zusammenspiel mit Schellenring und einem marschartigen Schlagzeug ist für sich schon bemerkenswert. Durch den vokalen Vortrag wird man aber schlicht umgehauen. Nicht, weil Haag besonders herausfordernde Koloraturen oder dergleichen zeigen möchte, sondern weil die Harmonien perfekt ausbalanciert sind, weil seine Stimme genau in der richtigen Range mit vollem Druck und Dynamik aufschlägt. „Lost Cause“ ist ein Song, dem man keinen einzigen Makel unterstellen kann – knapp fünf Minuten auf höchstem Niveau. 

Diese Songlänge ist keine Ausnahme, Haags Mut auf dieser Platte zeigt sich nicht nur im Klangbild, sondern auch am Umfang: 15 Songs und eine Albumdauer von 55 Minuten im Streaming-Zeitalter zu bringen, ist definitiv eine Ansage. Zumal man „Lost Cause“ dieses Volumen zu fast keinem Moment wirklich anmerkt. 

© Michelle Rassnitzer

Man kann sich im sehr Dylan-artigen Opener „Leaving Town Tonight“ leicht fallen lassen und in das erste große Motiv des Albums eintauchen: den Aufbruch. Haag zeichnet eine Person, die vom Strand träumte, ihn aber nie wirklich gesehen hat, vom Schnee schwärmte, ohne je richtig zu frieren – ein Bild verpasster, nur behaupteter Erfahrungen. Im Refrain wird er trotziger: Man kann ihn nennen, was man will, er zieht seinen Weg trotzdem unbeirrt durch. Musikalisch bleibt der Song bewusst reduziert – Gitarre und gut ist es. So wird der Entschluss zum Weggehen noch eine Spur entschlossener, weil er ohne großes Pathos daherkommt. Highlight bleibt sicherlich die Intonation der zweiten Strophe, hier wird man unweigerlich an Dylan erinnert. 

Dieses Fluchtmotiv setzt sich in „Wind“ fort, diesmal mit deutlich mehr Sehnsucht nach echter Freiheit: Oskar sieht einen Fluss und will darin schwimmen. Er sieht eine Wiese und möchte sich hineinlegen. Naturbilder sind auf „Lost Cause“ häufig zu finden und dienen ihm hier als Gegenentwurf zu einer Umgebung, die er als „I’m surrounded by these hearts made out of stone“ beschreibt. Schlussendlich will er nur noch eine letzte Nacht mit dieser einen Person verbringen. Willkommen und Abschied im Jahr 2026, einmal noch unbeschwert sein, bevor es weitergeht. Wie schon im Opener bleibt man hier enorm zart und zurückhaltend, die Gitarre und die Stimme machen die Arbeit, ein paar kleine Akzentuierungen im Hintergrund bringen den Tiefgang. 

Beide Songs spannen auch einen Bogen zu „Leaving To Monaco Or Wherever The Fuck We Want To Go“ seines Debüts – der Fluchtimpuls ist kein neues Thema bei Haag, sondern ein wiederkehrendes Muster, das sich auf „Lost Cause“ nur noch einmal verdichtet und mit mehr biografischem Gewicht aufgeladen wird.  

Deutlich verletzlicher wird’s im großen Liebes-Cluster des Albums, wo Haag unterschiedliche Grade der Selbstaufgabe durchspielt. „Face“ beschreibt intensive körperliche und emotionale Nähe als Suchtverhalten: „I feel your body all the way / There’s nothing left for me to say.“ Der Wunsch, den anderen niemals mehr loszulassen, durchzieht den ganzen Song. Natürlich sind solche Lyrics an der Grenze zum Kitsch, durch die aufrichtige Vortragsweise erstickt Haag diese Gefahr aber im Keim. Eine schöne, vor allem auch antreibende Ballade, die das Klavier ins Zentrum stellt, dessen Schlagzeug aber dafür sorgt, dass man hier sehr aufgeweckt unterwegs ist.

Auf „Sailor and the Sea“ geht er noch einen Schritt weiter – wieder kommt dieser Cemballo-artige Synthesizer zum Einsatz, dieses Mal eben so, dass man sich wie auf hoher See fühlt. Wenn man möchte, kann man kleine Beatles-Parallelen entdecken, die bei Oskar Haag eigentlich nicht fehlen dürfen. Gleichzeitig schwingt im Text ein leichter Alkohol-Unterton mit und Haag gesteht offen, nicht der Beste zu sein, den man bekommen kann – trotzdem bittet er um eine letzte Chance, bevor die andere Person gehen und glücklich sein darf. Die Metapher von Segler und Meer bzw. Ast und Baum verstärkt das Bild einer selbstaufgebenden Hingabe – was man dem Lied aber kaum anhört, viel zu beschwingt segelt man mit Haag durch die Irrungen der Liebeswelt. 

Mit der Leadsingle „Surfsong“ setzte er der Sehnsucht noch die letzte Krone auf: Hier wünscht sich Haag, sich im Gegenüber förmlich aufzulösen, beschreibt sich selbst als Feigling, sollte er es nicht wenigstens versuchen. Vielleicht fleht er ein bisschen zu sehr um Liebe, aber man kann ihm vermutlich nicht böse sein: „I wanna be your one and only / I’ll be the apple to your eye / I wanna drown myself inside you / I’d be a coward not to try.“ Es ist ein toll arrangierter und progressiver Song mit großem Ohrwurm-Potential, was auch an den Claps liegen mag. Ein Song über unerwiderte Liebe, ohne Längen, dafür mit großer Leichtigkeit. So wünscht man sich das. 

Ein erster echter Riss zeigt sich in „Say What You Want“. Haag will es nochmal versuchen, sucht verzweifelt nach Gründen für den Weggang der anderen Person, fühlt sich zunehmend benutzt und fragt sich, ob überhaupt noch eine Verbindung besteht. Im Refrain wird kapituliert: Man soll einfach sagen, was man will – es wird ohnehin getan, ganz egal, wie ungleich die Machtverteilung geworden ist. Dieses Lied bringt die eindeutigsten Verzerrungen mit, startet zögerlich, explodiert zum Ende hin aber in schönem Indie-Rock, nur um am Ende wieder in melancholischer Reduktion zu verebben. 

Nach so viel offener Sehnsucht wird „Still Dressed in Gold“ deutlich introspektiver: eine emotionale Blockade und die Frage, wie man seine eigenen Gefühle zeigen kann. Haag scheint – wenn’s brenzlig wird – lieber den Weg der Sabotage zu wählen. So steht er da im goldenen Gewand und trotz äußerem Glanz, ist er isoliert, fast ein wenig verloren und schlussendlich auch einsam. Dieses Lied ist eine der klassischeren Balladen auf „Lost Cause“ und bildet insofern noch eine Ausnahme, weil man hier zum Ende der 4:42 Minuten ganz minimale Längen spüren kann. Auch wenn die Zuspitzung zu einem großen, emotionalen Finale nachvollziehbar ist und die Hereinnahme der Band und Streicher wunderbar organisch funktioniert, zieht sich der Weg dorthin ein wenig.

In dieser Albumphase regiert jedenfalls das Dramatische: „The Day“ setzt atmosphärisch ein, ein Klavier wird wieder in den Mittelpunkt gerückt, ehe wieder bindende Streicher die Stimmung weiter ausbauen. Hier kommt es zu einem seltenen Phänomen: Ein derart dichter und leicht düsterer Song transportiert eine hoffnungsvolle Botschaft. Statt Verzweiflung dominiert geduldiges Warten. Haag stellt sich einen zukünftigen Moment der Wiedervereinigung vor, bereit, die andere Person in jeder erdenklichen Form wieder aufzunehmen – als Liebhaber, Fremder oder Freund. In der Natur schafft er Sehnsuchtsorte: Ein Baum auf einem Hügel, ein Fluss, an dem man sich einst küsste, Gras, in dem man gemeinsam Ruhe finden könnte. „The Day“ wird zur direkten Antwort auf „Still Dressed in Gold“: Die Verletzlichkeit wird nicht verdrängt, sondern direkt angeboten. 

Als kurze, unbeschwerte Verschnaufpause dient „Lover and His Lass“ – der kürzeste Song des Albums, sogar noch kürzer als das rein instrumentale „Interlude“. Haag vertont das schwebende Gefühl eines Kusses und die Gewissheit, dadurch nie mehr allein zu sein. Nach all dem Drama kann das Leben auch einfach sein und in unkompliziertem Verliebtsein einen vorläufigen Höhepunkt finden. 

Den emotionalen Höhepunkt des gesamten Clusters bildet „Der Kuss“, das Herzstück des Albums. Eine Ballade, die sich vor keinem anderen Song verstecken muss, eine Hommage an Gustav Klimts berühmtes Gemälde, das Haag selbst lange für überbewertet hielt –  bis er es eines Tages mit Freund:innen im Belvedere im Original sah. So derart davon beeindruckt, soll ihm die Melodie sofort in den Kopf geschossen sein, er nuschelte sie direkt ins Handy, brach den Museumsbesuch ab und ging nach Hause, um den Song fertig zu schreiben. Im Lied geht’s um den Wunsch nach ebendieser Zärtlichkeit, die das Gemälde einfängt – dazu das Bild, gemeinsam golden übermalt zu werden, und ein wiederkehrendes „verletzlich“ als Mantra des ganzen Songs. Gedreht wurde das Musikvideo dazu passend direkt im Belvedere.

Wie außergewöhnlich dieser Song ankommt, zeigte sich zuletzt bei einer Listening Session, die Chris Martin von Coldplay im Rahmen seiner Konzerte für einige österreichische Musiker:innen ausrichtete. Jede:r Anwesende bekam eigentlich nur eine Minute, um digital einen Track vorzustellen – „Der Kuss“ begeisterte Martin aber derart, dass Haag als Einziger die Gelegenheit bekam, den Song anschließend zur Gänze live am Piano vorzutragen. Nachvollziehbar, hier greifen alle Räder ineinander. Das Piano und die Streicher, die Melancholie und Hoffnung, die Vielseitigkeit in den Vocals. Haag strapaziert seine Stimme selten mit Experimenten in den Höhen – muss er auch nicht, weil er mit seiner Range umzugehen weiß. Vier emotionale Minuten, die ein echtes Erlebnis darstellen und einen Höhepunkt gegen Ende des Albums bilden.

Andere Perspektiven bringen „Parents“ und „I Wish Change Was Real“. „Parents“ ist musikalisch überraschend zurückhaltend – zumindest anfangs. Nur eine akustische Gitarre trägt den Song, bevor sich sattere E-Gitarren dazugesellen und schließlich ein Gitarrensolo auch noch vorkommen darf. Inhaltlich bricht der Song bewusst mit der sonstigen Fiktion des Albums: die Stimme eines Kindes zu Beginn und am Ende, Haags eigene Suche nach elterlichem Stolz – ein Song über Erwartungsdruck und Generationentrauma. „I Wish Change Was Real“ ist der stilistische Ausreißer und der einzige explizit politische Song des Albums. Ein Marionettenspieler, an dessen Fäden ein unschwer als Trump zu erkennender „oranger Mann“ emporsteigt, dazu Bildsprache, die auf aktuelle geopolitische Konflikte anspielt. Haag wirft den Mächtigen vor, falsche Hoffnung zu verbreiten, während sie selbst vom Leid der Bevölkerung profitieren. Hier kommt die Wut durch und wird mit gespenstischen Vibrationen ausgedrückt. 

Den Schlusspunkt setzt „Drop Out“, der direkt mit dem Titeltrack verknüpft ist. Auch auf diesem Lied verarbeitet Haag dieselbe Lehrer-Erfahrung – allerdings deutlich zynischer. Der bewusst simple Refrain feiert Schulabbruch und Rausch als Ausbruch, das gesamte Arrangement ist pop-punkig und bringt daher noch einmal eine neue Seite zum Vorschein.

Wie schon nach dem Debütalbum muss man nach „Lost Cause“ beeindruckt sein. Was sich vor drei Jahren noch in Ansätzen zeigte, wird auf dem Nachfolgealbum konsequent vertieft und mit neuer Reife im Songwriting und musikalischem Ideenreichtum umgesetzt. Diese Platte hat keinen wirklich schwachen Moment, zum Großteil eine stringente Erzählstruktur und immer wieder eine Überraschung parat. Erwachsenwerden ist schwer, zweite Alben mutieren gerne zu großen Herausforderungen – in Oskar Haags Fall wurden sie mit Bravour gelöst.

Schwache 9/10

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