Ebow – Typologie eines Lebens
Label: Garip Werkstätten

Genre: Deutschrap, R&B
Fünf Alben lang hat Ebow Identität, Herkunft und queere Selbstfindung meist getrennt voneinander behandelt – mal politischer Rap über Migration und Diskriminierung, mal die persönliche, queere Liebeserklärung wie auf ihrem letzten Album „FC Chaya“. Auf „Typologie eines Lebens“ führt sie beide Linien erstmals konsequent zusammen: Ein Album, das versucht, verschiedenste Facetten ihres Lebens gleichzeitig abzubilden, statt sich pro Platte auf eine Perspektive zu beschränken.
Die Idee für den Titel stammt aus Ebows Architekturstudium. Bei einer Studienreise nach Athen musste ihre Klasse eine Mappe über die „Typologie der Stadt“ erstellen – jede:r Studierende suchte sich dabei ein eigenes Detail aus, von Straßenschildern bis hin zu Pflanzen. Diese mehrperspektivische Herangehensweise überträgt sie jetzt auf ihre neue Platte. Wie ernst es ihr mit diesem gesamtheitlichen Konzept ist, zeigte sich auch im Vorfeld: Zum Album-Release lief in Berlin eine zweitägige Ausstellung, bei der jeder Song eine eigene Installation bzw. Zeichnung bekam.
15 Songs sind entstanden, erstmals ist Ebow selbst auch maßgeblich an der Produktion beteiligt, statt sich primär auf externe Beats zu verlassen. Was eine Eigenproduktion bedeutet, macht sie gleich im Opener „Wasser“ deutlich – einem Track, den man in dieser Form keinesfalls von der 36-jährigen Künstlerin erwartet hätte. Sie schlägt elektro-punkig auf, bringt peitschende Drums und nur spärlich Text mit: „Mein Leben ist kostbar wie Wasser / Dein Leben ist kostbar wie Wasser“. Man wird hineingeschmissen in das Album, völlig unvorbereitet knallt sie Hörer:innen diesen Beat um die Ohren – und trotzdem macht diese zunächst willkürlich erscheinende Stilentscheidung bei näherer Betrachtung sehr viel Sinn. Denn Ebows Kernthema ist – wie der Titel verrät – das Leben.

Direkt im Anschluss holt sie sich für „Neues Leben“ Joy Denalane an ihre Seite und lädt zu einem warmen R&B-Rap-Track, wie er schon „FC Chaya“ definierte. Sie malen sich zusammen eine bessere Welt aus, beten dafür, dass es allen gut geht, dass „jeder kriegt, was ihm zusteht“. Selbstverwirklichung ohne Starallüren stehen im Zentrum, gleichzeitig schildert Ebow ihre Ernüchterung im Musikbusiness, den Zwang zu Werbedeals auf Social Media sowie die zunehmende Kommerzialisierung der Szene. Aus diesem Frust heraus wächst der Wunsch nach einem Rückzug ins Private und dem Aufbau eines authentischen, „neuen Lebens“ fernab des Industrietrudels. Musikalisch fühlt man sich in der Midtempo-Nummer sehr schnell sehr wohl. Es ist einer der allgemeineren Songs, die sich nicht eindeutig in einen der sonst dominierenden Themenpole einordnen lassen.
Queere Liebe und Beziehungsthemen bilden einen dieser Blocks, der mit „Für Immer“ eingeleitet wird. Egal wo Ebow hinblickt, überall sieht sie ihren Crush: in der Bahn, in der Bar, im Block, im Club, zu Hause – jeden Tag wo anders. Aber wenn sie bis Sonntag bleibt, dann bedeutet das auch „für immer“. Ebow geht’s aber vor allem darum, dass all ihre Freund:innen Crushes haben, sich aber nicht getrauen, die begehrte Person anzusprechen. Auch hier regiert die entspannte Atmosphäre und wie so häufig, singt Ebow selbst die Hook, was nicht immer vollständig gelingt. Der Makellosigkeit ihres Raps in den Strophen steht so manchmal eine leicht unsaubere Intonierung in den Gesangsvocals gegenüber – kein Beinbruch, aber doch ein Kritikpunkt, vor allem, weil diese Hook die ein oder andere Wiederholung zu viel bekommt.
Aufgeweckter schlägt „Club 1990″ auf, leichte Afrobeats-Vibes treffen auf die souligen Stimmen von Ebow und Fayim. Der Song erzählt von einer intensiven Club-Bekanntschaft mit einer Frau, die zwischen verschiedenen Großstädten pendelt und sich nicht so richtig festlegen will. Dabei trifft das Verlangen Ebows nach echter emotionaler Nähe auf das ständige Risiko einer erneuten Enttäuschung. Ein sehr anziehender Song, der schlussendlich aber eine Spur zu eintönig ausfällt.
Richtig böse zeigt sich Ebow in „Butch im Tank (L.M.S)“, einer queeren Hymne mit einigen treffenden Punchlines und natürlich einer offensichtlichen Anspielung auf Kool Savas legendären Hit – nur macht Ebow „Lutsch mein Strap“ daraus. Der Track kam Anfang Juli heraus, also direkt nach dem Pride-Monat, was ob des selbstbestimmten Textes sehr gut passt. Zudem wechselt sie hier von aggressiver Attitüde zu einem verträumt-gesungenen Vortrag gegen Ende des Songs. In „Lauf der Dinge“ widmet sie sich der Dankbarkeit und bringt Melancholie herein. „Irgendwie kann ich nicht glücklich sein, irgendwas bedrückt mich heut“ – kein Treffen mit Freund:innen hilft, kein Geld der Welt hilft, ein gewisser Weltschmerz wird nicht überwunden. Trotz dieser inhaltlichen Schwere gesellt sich das Lied in die Reihe der leidenschaftlichen Tracks.
Dem gegenüber steht der Block über Identität und Herkunft. Ebow ist seit ihrem Karrierebeginn eine Meisterin des Erzählens und gerade wenn es darum geht, migrantische Perspektiven näher zu bringen, zusammen mit Apsilon in einer eigenen Liga unterwegs. Hier macht sie das unter anderem mit „Arbayt“ deutlich: Ebow startet den Track aus der Mikro-Perspektive und erzählt von ihrer Familie, ehe sie den Bogen auf die gesamte Gesellschaft mit Migrationserfahrung weiterspannt. Sie called Friedrich Merz out, wählt dafür einen kompromisslosen Ton und bringt die historische Ausbeutung der Gastarbeiter-Generation prägnant auf den Punkt: „Mal waren wir zu faul, hatten keinen Bock auf die Arbeit / Mal waren wir zu schlau, nahmen sie weg ihre Arbeit.“ Dass dieses Lied am Tag der Arbeit veröffentlicht wurde, ist eigentlich selbstverständlich.
Zum Abschluss wird das Stück noch einmal deutlich persönlicher: Im Outro von „Arbayt“ ist das Gedicht „Mein Name ist Ausländer“ von Semra Ertan zu hören. Sie war eine 1956 in Mersin geborene Lyrikerin, die im Alter von 15 Jahren zu ihren als Gastarbeiter:innen lebenden Eltern nach Deutschland kam und später über 350 Gedichte gegen Rassismus, Klassismus und Sexismus schrieb. 1982, kurz vor ihrem 25. Geburtstag, verbrannte sie sich in Hamburg öffentlich aus Protest gegen die wachsende Fremdenfeindlichkeit. Während ihr Name in Hamburg bis heute als Synonym für den anhaltenden Kampf gegen Rassismus steht, bringt Ebow diese Stimme durch das prominente Outro nun auch einem noch breiteren Publikum nahe. Gesprochen wird das Gedicht von mehreren Angehörigen Ertans und Ebows – darunter Ertans Schwester und Nichte sowie Ebows Mutter und Ebow selbst.
Dem nicht genug, setzt sie mit „Heval“ noch einen drauf und bringt den eindringlichsten und historisch schwersten Moment des gesamten Albums – ein Song, der die jahrzehntelange Traumatisierung, Verfolgung und den Widerstand der kurdischen sowie alevitischen Gemeinschaft aufgreift. Sie verwebt das persönliche Trauma ihrer eigenen Familiengeschichte mit zentralen historischen Wegmarken, vom Massaker in Dersim bis zu jüngeren Ereignissen wie dem Genozid an den Ezid:innen in Şingal. Dass sie dabei auch den Schutz und die Straflosigkeit von Tätern in Deutschland anprangert, öffnet eine weitere Ebene und verleiht dem Track zusätzliche politische Schärfe. Musikalisch und emotional getragen wird das Stück durch die eindringliche Hook von Savo auf Sorani sowie Ebows zentrale Erkenntnis: „Sie nahmen uns die Sprache, doch konnten uns nie die Stimme nehmen.“
Bei all den emotionalen Themen wiegt das Lied „Novoline“ noch eine Spur schwerer. Ebow thematisiert hier die Spielsucht ihres Vaters und deren verheerende Auswirkungen auf das Familienleben. Sie erzählt zunächst aus der Perspektive des Spielautomaten, der sich als verführerischer Freund an ihren Vater anbiedert und bedingungslose Unterstützung verspricht. Das Storytelling wird vom ersten Takt an immer dichter, bis sie in der dritten Strophe den kompletten Sog einer Spielnacht in Echtzeit simuliert: von der ersten Euphorie über Zukunftsfantasien bis hin zum bitteren Absturz. Im Outro ergreifen schließlich die Betroffenen selbst das Wort: Ebow und ihre Mutter. Die verführerischen Zeilen des Automaten aus der Hook werden fast identisch aufgegriffen, nun aber von den Menschen gesprochen, die wirklich an den Vater geglaubt haben. Untermalt wird das von einem tief beeindruckenden Cello-R&B-Arrangement, das gemeinsam mit dem Berliner Cellisten Jakob Seel entstand – ergänzt durch den Berliner queeren Chor D-Dur Dykes, dessen warme Stimmen einen bewussten Kontrast zum bitteren Inhalt setzen.
Ebenfalls in Zusammenarbeit mit Seel entstand „Bete für mich“, auf dem JuJu Rogers mit einer englischsprachigen Hook zu hören ist. Die Nummer klingt zunächst etwas gewöhnungsbedürftig und erinnert stellenweise an die Kollaboration zwischen OG Keemo, Jorja Smith und dem WDR Funkhausorchester. Für einen vergleichbaren Effekt fehlt es dem Track letztlich an letzter Konsequenz, obwohl Ebow tief blicken lässt und selbst verletzliche Themen wie Panikattacken auf der Bühne anspricht.
„Independent (Cleo)“ und „Flex“ fungieren als klassische Flex-Tracks und lockern das Album an den richtigen Stellen auf – scharfe Punchlines, technisches Spitten, spürbare Freude am Rap, man wird Ebow ab jetzt wohl tatsächlich Cleopatra nennen müssen. Auf „Facts“ schaut zudem Kitana vorbei und beweist, dass sie nach ihren Erfolgen in den Acapella-Battles nichts von ihrem Hunger im Studioumfeld eingebüßt hat – eine absolut stimmige Zusammenarbeit zweier der stärksten MCs der deutschsprachigen Szene.
Der Closer „Sonne & Mond“ lässt „Typologie eines Lebens“ schließlich versöhnlich ausklingen und zeigt Ebow noch einmal gewohnt selbstbewusst über einem entspannten Laidback-Beat. Auf ihrem sechsten Album hat sie wieder einmal gezeigt, dass sie zu den Besten ihres Fachs gehört und vor allem dann überzeugen kann, wenn sie persönliche Schicksale mit gesellschaftlichen Themen verknüpft.
Schwache 8/10