Tokio Hotel – Encore
Label: Tokio Hotel / BEYOND / BELIEVE

Genre: Pop-Rock
Irgendwann in den letzten Jahren hat es den für Gamer:innen schon lange bekannten Terminus „Sidequest“ in die Jugendsprache und auf Social Media verschlagen. Nebentätigkeiten, mit denen man die Hauptstory ein bisschen vor sich herschiebt, den Spielcharakter stärker macht, Ausrüstung aufwertet oder sich einfach die Zeit vertreibt. In Meisterwerken wie „The Witcher 3“ sind sie mitunter sogar für den eigentlichen Plot relevant und haben Auswirkungen auf den weiteren Verlauf. Im echten Leben heißt das: Man poliert lieber seine Playlist auf, als endlich mit dem Haushalt anzufangen. Millennials haben noch „prokrastiniert“, die Gen Z macht spontane Sidequests, um dem Alltag zu entfliehen. Münzt man den Begriff auf Tokio Hotel um, muss man sie unweigerlich als Könige der Sidequests bezeichnen.
Vor zwanzig Jahren die polarisierendste Band Deutschlands, flüchteten Bill und Tom Kaulitz 2010 vor dem ganzen Rummel nach Los Angeles, gefühlt so weit weg von ihrer Heimat Magdeburg wie nur möglich, um sich von den Strapazen des ständigen Rampenlichts zu erholen. Und Hater gibt’s dort auch sehr viel weniger. Tom hat für Schlagzeilen mit seiner Hochzeit mit Heidi Klum gesorgt, Bill war auch immer irgendwie dabei. Mittlerweile sind die beiden aber präsenter denn je: Da wäre die Netflix-Serie „Kaulitz & Kaulitz“, die zum Streaminghit wurde und inzwischen in der dritten Staffel läuft, der wöchentliche Spotify-Podcast „Kaulitz Hills – Senf aus Hollywood“, Bills Autobiografie-Bestseller „Career Suicide“ und im Dezember die Moderation von „Wetten, dass..?“ live im ZDF. Die Klatsch- und Tratschseiten werden bedient, Werbedeals angenommen. Und ja: Selbst die hartnäckigsten ihrer Spötter mussten einsehen, dass die Zwillinge verdammt unterhaltsam sind.
Aber die Musik rückte dabei irgendwie in den Hintergrund. Aus den unzähligen Sidequests wurde die Hauptstory und aus dem eigentlichen Brotberuf – dem Popstar-Dasein – plötzlich nur noch so ein kleines Anhängsel im Kaulitz’schen Kosmos. Natürlich besteht Tokio Hotel auch aus Georg Listing und Gustav Schäfer, aber wie schon seit Beginn der Band bleiben der Bassist und der Schlagzeuger im Hintergrund. Das ändert sich auch nicht unbedingt auf dem neuen Album „Encore“, dem ersten seit 2022 und insgesamt siebten der Band. Wie schon am Vorgänger „2001“ bleibt man in den pop-rockigen Gefilden, vermeidet es aber fast durchgehend, auch nur einen kleinen Funken von Spannung, Dynamik oder gar Kreativität zu zeigen. Diese Platte macht klar, was ohnehin jede:r wusste: Tokio Hotel machen das mit der Musik halt nur noch, weil sie’s können, nicht weil sie’s müssen oder gar irgendetwas Besonderes von sich zeigen oder preisgeben wollen. Dafür haben sie andere Formate etabliert. Warum sollte man sich „Encore“ dann eigentlich anhören?
Das ist eine Frage, die man auch nach mehreren Hördurchgängen nicht eindeutig beantworten kann. Dieses Album hat zwar mit zwölf Songs und einer Dauer von 35 Minuten praktisch die optimale Länge, wird aber hinten raus schon zu einer ordentlichen Geduldsprobe. Weil man bald einmal genug von den immergleichen, weichgespülten, hundertmal schon gehörten und daher sehr generisch ausfallenden Melodien hat. „Encore“ klingt nach vielen Bands und Sängern, hauptsächlich aber nach einer der mühsamsten Gruppen überhaupt – nämlich Simple Plan – und lässt die Frage offen: Für was steht Tokio Hotel 2026 eigentlich?
Für maximale Künstlichkeit wie im Opener „Changes“? Alles hier wirkt künstlich geformt, vom Text über diese akustische Gitarre und die Beats, die man einfach nicht mehr hören kann, weil sie 2011 schon aus der Zeit gefallen waren. Dazu noch Bill, der sich in die Höhen quält und einen Refrain singt, den man schon auswendig kann, bevor er zu Ende gesungen wurde – so bekannt sind diese Arrangements auf dieser Platte. Gleich in „Without You“ wird’s noch eine Spur wilder, Bill singt sich die Seele aus dem Leib, Herzschmerz am Anschlag und sein stimmlicher Umfang ebenfalls. Er rettet sich mit einer kleinen „I“-Phrasierung (englisch gesungen), um zwischen gepresster Kopfstimme wieder in die Bruststimme zu wechseln, ist insgesamt aber ziemlich verloren. Das gilt aber für die gesamte Band, die zwar ihre Instrumente in den Händen hält, aber nicht so richtig Lust aufs Musizieren hat. Es wird einfach stur runtergespielt und ja nicht zu sehr aus dem selbst gesteckten Rahmen ausgebrochen.
Man versucht es auf unterschiedliche Art: „Call me by your name“ wird zu einem Sehnsuchtssong, schlägt verträumt auf, hat sogar einen Hauch von Gitarrensolo dabei, streut „Uhs“ ein und plätschert schließlich nur vor sich hin. Das tut nicht weh, das hört man sich aber auch nicht mehr häufig an – weil man’s kennt. Mit einer kurzen Gitarrensequenz, die wohl an die Red Hot Chili Peppers erinnern soll, starten sie in „Lover’s Cove“, das abermals zu einer stimmlichen Achterbahnfahrt für Bill wird. Er war ja noch nie der allergrößte Sänger, aber es ist schon erstaunlich, dass man ihn regelmäßig in Gegenden schickt, die er kaum bewältigen kann. Das demonstriert man auch in „Shout 2 the universe“, wo man von Geschrei oder stimmlichem Druck so viel bekommt wie von einem Bäcker nach 16.00 Uhr – ein bisschen was ist noch da, aber das volle Programm spielt’s nicht.
Überhaupt wandelt das Album an kleinen Stellen bedenklich nahe am Schlager: Die Gitarren von „Memory Lane“ zu Beginn bringen Tokio Hotel – einen der Headliner des Frequency Festivals 2027 – kurzzeitig eher in Richtung ZDF-Fernsehgarten, ehe doch noch mehr gepoprockt werden darf (gut, so lange dauern diese Ausflüge nicht, aber sie könnten reichen, um ihnen zumindest für ein paar Takte eine Teilnahme an einer weiteren großen Fernsehshow zu sichern). „Wanderlust“ in der Mitte des Albums ist die Rettungsboje dieses von durchschaubaren Phrasen geprägten musikalischen Kalenderspruchs. Ein ruhiges Lied mit Mundharmonika-Unterstützung, einer zwar immer noch unnötigen Falsett-Passage, aber insgesamt ein Song, der mal was anderes macht, als einfach nur alles unter der immer gleichen Lautstärke und Akkordfolge begraben zu wollen. „Homesick“ probiert es auf die gleiche Weise, nur entscheidet man sich zur Songmitte doch wieder, alles in gewohnten Bahnen anzuzünden – also wieder so streng wie möglich zu „eskalieren“, sprich: nach etwaigen Notenblättern zu performen. Nur auf „Terminal 1“ wagt man tatsächlich was und baut ein Saxophon ein, das so unglaublich pathetisch und unpassend platziert wird, dass man immerhin zu einem kleinen Schmunzler verleitet wird.
Ein wenig Emo darf in „Dye My Hair“ vorkommen: Bill beschreibt eine toxische Beziehung, das Ganze klingt dabei enorm behäbig. Das ist die Form von Ballade, die viele Gefühle erzeugen soll, aber durch die Überproduktion und den eintönigen Gesang völlig ins Leere läuft. Seicht zeigt sich „California Nights“, dessen Lyrics daran erinnern, wie Texte klingen, wenn der ChatGPT-Freitarif zu Ende gegangen ist und man doch wieder selber denken muss und sich Zweckreime und Klischees bedient. Der Closer „Perfect Ending“ schließt sich noch geschwind an. Bills Aussage „Oh, I thought we had finally grown“ ist angesichts des musikalisch Dargebotenen fast zynisch.
„Encore“ ist ein Album, das als ultimative Sidequest agiert und dessen erfolgreiche Bewältigung trotzdem weder den Charakter stärkt, noch sonst anderweitigen, brauchbaren Loot abwirft. Tokio Hotel scheinen sich und ihre Musik nicht mehr sonderlich ernst zu nehmen – man macht halt, weil man es noch kann.
Starke 3/10