Apsilon – Glanz Null

Label: Urban/Apsilon

Genre: Deutschrap

Apsilons „Glanz Null“ überzeugt mit herausragenden Texten, kann klanglich aber nicht ganz mithalten.

Apsilon zählt zweifellos zu den besten Lyrikern des Deutschraps und besticht durch eine herausragende Beobachtungsgabe. „Glanz Null“, sein zweites Album, ist nun schon ein paar Monate alt und behält auch in den Wochen nach dem Release seine Wucht. Dass auch dieses Werk mit starken Texten aufwartet, war zu erwarten.

Denn der Berliner ist nicht nur Rapper, sondern auch Aktivist. Er engagiert sich gegen Rassismus und Rechtsruck, geht auf Demos und veranstaltet Benefizkonzerte. Seine EPs „Gast“ und „32 Zähne“ waren von Wut und Gesellschaftskritik geprägt. Auf dem Debüt „Haut wie Pelz“ (2024) erzählte er dann die Geschichte seiner eigenen Familie, von den Großeltern, die in den Siebzigern als Gastarbeiter:innen aus der Türkei kamen, bis hin zu sich selbst. Die Wut blieb, trat aber hinter Erzählung und Verletzlichkeit zurück und machte das Album zu einem der beeindruckendsten Debüts des jüngeren Deutschraps. 

„Glanz Null“ führt dieselbe Linie fort und richtet seinen Blick noch weiter nach innen. Auf vierzehn Songs spielt Apsilon mit wiederkehrenden Bildern, beschäftigt sich mit Depression, familiärem Druck, Rassismus, politischer Ohnmacht und der Angst, nicht genug zu sein. Seine Musik war von Beginn an kaum dafür gemacht, auf Partys für Euphorie zu sorgen – vielmehr ist Apsilon derjenige, der daran erinnert, welche Herausforderungen Menschen mit Migrationserfahrung immer noch erleben und bewältigen müssen. Produziert hat erneut sein Bruder Arman Yolci sowie Bazzazian, der ebenfalls auf „Haut wie Pelz“ schon seine Hände im Spiel hatte, wie auch Bijan und Ralph Heidel. Der Sound bleibt charakteristisch im Minimalismus, die Instrumentals erzeugen die Stimmungsbilder, geben Apsilons Worten aber den Vortritt, die zu jeder Sekunde im Zentrum stehen und dort auch bleiben sollen. Als Gäste sind dieses Mal Berq, Summer Cem, Levin Liam und Ikkimel dabei – vor allem das Feature mit Mama Ikki hat für Überraschungen gesorgt. 

Der Opener „Weg hier raus“ beginnt quasi mitten im Beat, da wird nicht lange herumgefackelt, klingt so, als ob man bewusst an einem bestimmten Takt geschnitten hätte und die Hörer:innen mehr oder weniger ins kalte Wasser werfen wollte. Ein verzerrter Synthi darf die Arbeit machen, während Apsilon seine Lostness irgendwie loswerden oder zumindest benennen möchte. Die Geschehnisse der Welt sind überfordernd, die Grenze zwischen Eskapismus und Depression oftmals verschwindend gering. Einen Weg zu finden, damit klarzukommen, ist sein Ziel. Im folgenden „Kaputte Diamanten“ wird es melancholisch, Berq steuert einen sehr schwebenden Refrain bei, der dem Song eine eigene Note gibt und im Gegensatz zu Apsilons kraftvoller Stimme in der Strophe steht. Es ist ein schönes Lied, das sich mit dem fehlenden Glanz der Augen beschäftigt – Menschen funktionieren nach den von Apsilon beschriebenen Schicksalsschlägen nur noch, ohne wirklich einen Biss, vielleicht sogar Lebenslust zu haben. Dieses Bild des Glanzes und der Augen wird in weiterer Folge öfter aufgegriffen.

Zunächst kommt mit „Titan“ aber ein eher poppigeres Lied, bei dem Apsilon mehr ins Singen kommt. Leicht verzweifelt fragt er sich, wie er „ein ganzer Mensch wird“ und vermutet, dass er „nie groß genug“ für einen anderen Menschen werden kann. Dahinter steht die Angst vor dem Morgen und der Wunsch, so groß zu werden, dass von den Kriegen draußen nichts mehr auf das Gegenüber fällt – er will also seine Liebsten vor Unheil schützen. In der zweiten Strophe folgt im Grunde eine Gegenrede: Das Gegenüber lässt ihn auch als „Hälfte“ (und nicht nur als Titan) gelten. Liebe und Gesang haben auf dieser Platte definitiv Platz.

Mit „Glanz“ wird die Platte ein bisschen experimentierfreudiger, was die Beats und die Struktur angeht. Verzerrte Vocals, stockende Instrumentals und dennoch eine sehr lockere, angenehme Stimmung. Dabei rappt Apsilon über seine Jugend und erinnert sich an ein breites Lächeln wie das von Ronaldinho und an Augen, die im weißen Ballack-Trikot glänzen – damals mit der Überzeugung, nie groß zu werden. Heute lacht er anders und weiß nicht, ob man es sieht. Dazwischen liegen Panini-Sticker, Sommerferien am Strand in der Heimat und eine Gewalt, die schon den Schulweg prägt. Aus glänzenden Augen werden glänzende Ketten und er sehnt sich danach, wieder etwas „Echtes“ zu erleben. Seine eigenen Augen hätten den Glanz verloren, seitdem eine Person an seiner Seite weg ist. Man könnte deshalb glauben, dass die Hook des Songs nicht zu den Strophen passt, zumindest wenn man sie als Liebeskummer versteht. Vielmehr bereitet Apsilon hier schon das Kernthema und vermutlich auch die Perspektive der Betroffenen im nächsten Track vor.

Den stärksten Moment hat das Album mit „Sommermärchen“, das fast an die emotionale Schlagkraft von „Baba“ aus seinem Debütalbum heranreicht. Apsilon erzählt vom 4. April 2006, seinem neunten Geburtstag: Die WM in Deutschland steht bevor, auf dem Schulhof wird schon um Panini-Sticker gerauft und er wünscht sich das weiße Ballack-Trikot. Am Abend meldet der Fernsehsprecher allerdings einen weiteren „Dönermord“. Gemeint ist Mehmet Kubaşık, der an eben diesem Tag in seinem Kiosk in der Dortmunder Nordstadt erschossen wurde, der achte Mord des rechtsterroristischen NSU. Die Ermittler suchten die Täter im Umfeld des Opfers, vermuteten Drogengeschäfte und Mafiakontakte und verdächtigten sogar die Familie selbst.

Im zweiten Teil springt der Song ins Jahr 2025: Nach einem Auftritt läuft Apsilon eine Frau entgegen und sagt, seine Lieder gäben ihr Halt. Gemeint ist Gamze Kubaşık, die damals ihren Vater verlor und bis heute für Aufklärung und Gedenken kämpft. Die Szene ist allerdings halb fiktiv, wie Apsilon im Spiegel-Interview erzählt. Bei einer Veranstaltung der Opferinitiative in Hanau spielte er einige Songs, sie hielt eine Rede, ein Gespräch gab es dort nicht. Das fertige Stück schickte er ihr später, sie antwortete, er habe ihr viel gegeben. Seitdem stehen die beiden im Austausch. Gerade dieses Zusammenspiel aus Erinnerung und Gedankenspiel macht „Sommermärchen“ so wirkungsvoll. Hier regiert die Reduktion, das pure Storytelling ist der Star, auch wenn zum Schluss im Instrumental mehr Akzente gesetzt werden, die die Botschaft noch eine Spur verstärken. Es ist ein emotionales Meisterwerk und einer der besten Songs des Jahres.

Nach diesem thematisch schweren Lied kommt mit „Rennen“ und dem Feature mit Summer Cem ein bisschen mehr Dynamik auf – zumindest die Vortragsweise ist deutlich schneller. Der Beat hingegen behält seine unterstützende Wirkung, gleichzeitig folgt eine der ersten kleinen Abrechnungen Apsilons, in diesem Fall gegen die Musikindustrie, der er Heuchelei vorwirft – konkret: Er selbst wird von einem Festival ausgeladen, weil er sich zu Palästina äußert, während stattdessen Indie-Rapper gebucht werden, die sich als Feministen geben. Summer Cem macht aus dem Rennen in seiner Strophe einen Staffellauf. Er rennt, damit seine Mutter nicht mehr hustlen muss, erzählt vom Weg aus dem Plattenbau zu Porsche und Villa, ohne die Getriebenheit loszuwerden, denn am Ende jagen beide Sonnenstrahlen bis zum Tod.

Der einzige Song auf „Glanz Null“, der das Prädikat „klassischer Banger“ verdient, ist „Keiner von euch“: Hier geht es ausnahmslos nach vorne, der Beat peitscht an, Apsilon rappt sich den Frust von der Seele und führt seine Abrechnung aus „Rennen“ fort. Dieses Mal mit explizitem Namedropping, vom deutschen Vizekanzler über Cem Özdemir und Markus Lanz bis zu Anne Will. Der Song hat einen Zug, wie ihn sonst kaum ein Stück der Platte besitzt und ist für das gesamte Klangbild essentiell. Ein aggressiver Abgrenzungstrack – Apsilon betont in der Hook, dass er keiner von den genannten Personen ist. 

Leider zeigt er diese Seite im weiteren Verlauf nicht mehr. Ohne „Keiner von euch“ bliebe das Energielevel der Platte von vorne bis hinten nahezu gleich. Dass die reduzierten Beats den Texten Raum geben, ist nachvollziehbar, auf Dauer tut sich Apsilon damit aber keinen Gefallen. Höchstens „Ghibli Freestyle“ mit Levin Liam kann in Ansätzen eine ähnliche Energie erzeugen, vor allem gibt’s hier sogar Punchlines von Apsilon. Levin macht das, was er sonst auch immer macht – also sehr verträumt und locker rappen. Kommt insgesamt gut. 

Ansonsten driftet das Album hinten raus gerne in den hybriden Deutschpop-Rap ab. „Ufo“ ist dafür das seichteste Beispiel, immer noch mit gutem, persönlichem Text, aber mit einer zu sanft gesungenen Hook – da plätschert die Platte vor sich hin. „Berg“ könnte man in dieselbe Kategorie packen, überzeugt aber als Klavierballade mit Emotionen und einer zarten Progression – einfach ein sehr schönes und ebenfalls wieder mitreißendes Lied über einerseits bewusst gewählte Freiheit, andererseits auch über eine gewisse Einsamkeit, die damit einhergeht. Ikkimels Beitrag auf „Souvenir“ ist neben ihrem Auftritt im ZDF-Morgenmagazin sicherlich der größte WTF-Moment ihres musikalischen Jahres. Die Party-Mama hat sich für einen Moment verabschiedet und schlägt mit einem sehr intimen Vortrag auf: Eine verletzliche Strophe, stramm durchgerappt – da würden sich sehr viele neue Möglichkeiten abseits ihres etablierten „Fotzen“-Raps auftun. Ein schönes Feature, das einmal mehr vom fast herzzerreißenden Text über Schicksalsschläge geprägt ist.

„Mann im Schloss“ ist die politischste Nummer der Platte. Apsilon richtet sich an einen Mächtigen, dessen Flagge ein Geldschein ist und der an Kriegen verdient. Er drückt anderen ein Gewehr in die Hand, damit sie für den Frieden schießen, die Bomben werfen die Betroffenen dann gegenseitig aufeinander. Dieselbe Figur diktiert Träume und Bedürfnisse, sie verlangt, dass man sich krank arbeitet. Am meisten schmerzt die Angst, ein Kind in diese Welt zu setzen: Apsilon fürchtet, dass der Mann ihm den Glanz aus den Augen stiehlt und es vor lauter Rauch den blauen Himmel nicht mehr sieht. Die Hook liefert das Bild dazu: Das Schloss ist aus Sand, irgendwann holt es die Brandung ein. Die dramatischen Klavierakkorde reichen aus, um das Lied mit der nötigen Stimmung zu untermalen.

Die Welt ist spätestens an diesem Albumzeitpunkt am Ende: Die Börse crasht, die Viertel stehen leer, Könige werden zu Leichen. Übrig sind nur zwei Menschen im Bunker und aus dieser Endzeit wird in „Letzter Mensch“ ein Liebeslied. Textlich ist das stark, als Stück bleibt der Song aber eher unauffällig und ist neben „Ufo“ der durchschaubarste Track. 

Zum Schluss geht es dorthin zurück, wo der Glanz begann: In „Null“, einem Song, dessen Instrumental zwischenzeitlich stark an „All The Stars“ von Kendrick Lamar und SZA erinnert, zählt Apsilon Dinge auf, die ihm seinen Glanz raubten. Krieg und Depressionen im Umfeld oder die nie verarbeiteten Traumata der Mutter. Auch der Erfolg mit Designer-Jeans und Grill Royal bringt ihn nicht zurück. Gefunden hat er ihn nur bei einer Geburtstagsfeier um Mitternacht des 4. April 2026, unter Menschen, für die er sich nicht verwandeln muss. Das Datum schließt den Bogen zu „Sommermärchen“. Am Ende heißt es „Alles auf null“, draußen wird es hell, die Null ist hier Ende und Anfang zugleich.

Apsilons lyrische Strahlkraft steht außer Frage. Im direkten Vergleich hat das Debüt „Haut wie Pelz“ die Nase vorn. „Glanz Null“ ist textlich vermutlich das Beste, was im Deutschrap gerade zu hören ist. Als Gesamtwerk fehlt dem Album aber die Energie, die solche Texte verdient hätten.

Schwache 8/10

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