Ramzey – Die ewigen Jagdgründe
Label: Funkloch

Genre: Deutsch-Rap
Ramzey wandelt auf seinem Debütalbum auf den Spuren seines guten Freunds OG Keemo und überzeugt mit stringentem Storytelling.
Konzeptalben im Deutschrap sind ein rares Phänomen, erfreuen sich aber bei einer bestimmten Zielgruppe einer enorm hohen Beliebtheit. OG Keemo ist sicherlich das Aushängeschild, seine Alben „Geist“ und vor allem „Mann beißt Hund“ darf man schon als moderne Klassiker bezeichnen. Ramzey tritt jetzt in diese Fußstapfen und beweist mit „Die ewigen Jagdgründe“, dass er zu den talentiertesten und vielseitigsten deutschen Rappern zählt.
Der Vergleich mit Keemo kommt nicht von ungefähr. Die Wege der beiden Künstler kreuzten sich früh: Seit 2023 tritt Ramzey als Support für OG Keemo auf, war unter anderem in dessen Video zu „Fieber“ zu sehen und holte Keemo für „Rammbock“ auf sein eigenes Tape „Cobalt“. Keemos kongenialer Partner Funkvater Frank nahm Ramzey zudem als erstes Signing auf seinem Label Funkloch auf. Damit gibt es auch auf Produzentenseite eine deutliche Parallele: Was Funkvater Frank für Keemo ist, ist Yaze für Ramzey – ein Produzent auf Augenhöhe, der mit dem Rapper an den Sounds tüftelt und so für die optimalen Bedingungen der Erzählungen sorgt.
Ramzeys Sound lebte in den Anfängen vor allem von schier grenzenloser Energie und dem Willen zur maximalen Eskalation – im Laufe der Zeit öffnete er sich aber vermehrt in Richtung Melancholie und Verletzlichkeit. Das konnte man schon auf „Cobalt“ hören, baute sich auf seinem 2025 erschienenen Tape „Jiggos weinen nicht“ aber noch einmal deutlicher aus. Man bekam also immer mehr Einblick in das Seelenleben des jungen Rappers. Mit „Die ewigen Jagdgründe“ wird dieser eingeschlagene Weg nicht nur fortgesetzt, sondern auch noch einmal deutlich vertieft.
Ein Konzeptalbum aus zwölf Songs mit drei Skits, die eine zusammenhängende Geschichte erzählen. Ramzey bewältigt diesen aufregenden Trip vollkommen allein, in 40 Minuten gibt es kein einziges Feature – außer sich selbst. Denn das Album erzählt hauptsächlich von seinem jüngeren Ich, von den Erlebnissen der Kindheit und Jugend, aber auch von einigen Episoden aus dem Erwachsenenleben. Als primäres Setting wählt Ramzey dafür den Wald, der eine gewisse Entspannung bietet, sich aber auch gleichzeitig als Gefahr entpuppen kann, wenn es im Gebüsch raschelt.

Ästhetik spielt für Ramzey generell eine große Rolle. Nahezu jeder Rollout hatte bisher eine eigene Charakteristik, die sich sowohl klanglich als auch visuell durchzog. „Cobalt“ fiel mit einem konsequent in Blau gehaltenen Stil auf, mit seiner letzten EP „Weltfrieden“ etablierte er schließlich das Militärthema, das er jetzt auf „Die ewigen Jagdgründe“ in Videos, Artwork und Merch fortführt. Pfadfinder, Truppen, Gemeinschaft, Überlebenskampf: All diese Dinge begegnen einem öfter, wenn man sich mit dem Album beschäftigt. Die Skits werden auf einem Taperecorder abgespielt, was einen zusätzlichen Retrofaktor bedeutet.
Inhaltlich legt er mit dem Intro „Boden“ das Fundament für das in drei Teile gegliederte Album. Ramzey wandert durch den Wald, wird von einem sehr atmosphärischen Instrumental begleitet: Flöten und Bläser über Field-Recordings von Vogelgezwitscher und Gehgeräuschen, ehe der verspielte Beat einsetzt und Ramzey seine Struggles näherbringt. Er wankt zwischen Disziplin und Faulheit sowie dem Wunsch nach Erfolg, äußert aber auch seine Angst vor dem Scheitern und fragt sich schließlich: „Hab‘ ich mich verirrt oder mein’n Pfad gesucht?“. Diese Frage wird Ramzey noch einige Zeit beschäftigen. Es wird hier sehr rasch deutlich, dass der Wald nicht bloß Kulisse ist, vielmehr versteht ihn Ramzey als Rückzugsort. Hier begegnet er auch einem kleinen Jungen namens Stephan, der sich offenbar vor etwas versteckt. Stephan ist Ramzeys bürgerlicher Name, es ist also sein jüngeres Ich, dem er da gegenübersteht. Wovor sich der Kleine versteckt, deutet das Intro erst mit der allerletzten Zeile an: Es sei die „Truppe“, sagt er – und die zieht in den folgenden Songs durch den Wald.
Mit „Vogelgesang“ ist die Jagd eröffnet. Ramzey zeigt sich auf einem sehr bösen, schrillen Beat als Getriebener, der mit Hunger, Zorn und Jagdinstinkt durch sein Revier zieht und dem es egal ist, ob die matschverschmierte Weste je wieder sauber wird. Durch die variantenreiche Delivery und den antreibenden Beat steigt der Hype-Faktor, gleichzeitig bekommt man Kendrick-Vibes. Ramzey betont, aus einfachen Verhältnissen zu kommen, und sich zu nehmen, was er will – bittet Gott aber fast im selben Augenblick, ihn von seinen Dämonen zu befreien. Hier ist man vom kleinen, unschuldigen Stephan aus dem Intro ziemlich weit entfernt, ein ordentlicher Banger, der mit unterschiedlichen Bildern der Wildnis spielt.
Yaze lässt nahtlos in „Sensenmann“ übergehen, wieder regiert ein sehr düsterer Beat: „Verteidigung ist gut, noch besser ist Attack“, heißt es, während die Hook fragt: „Wer hat Angst vorm Sensenmann?“. Ramzey inszeniert sich als kompromissloser Angreifer, der sich als „kleinen Systemsprenger“ bezeichnet und jedem im Weg mit dem Schlimmsten droht. In der Bridge steht dann die Frage, ob das noch Leben oder nur noch Überlebenskampf ist, und im Outro schwören Soldaten der „Truppe“ Treue bis ins Grab. Damit bekommt die „Truppe“ aus dem Intro ihre erste Stimme.
„Truppe“ (der Song) macht daraus schlussendlich einen Marsch durch den Wald, mit Kriegsvokabular und sogar einer Splinter-Cell-Anspielung. Ein Track, der den herrschenden Wahn enorm gut vertont, hier gibt es die gesamte stimmliche Range von Ramzey zu hören, es wird hoch und tief, dringlich und kräftig, mit satten Bläsern und Bässen. Die Truppe ist auf der Jagd, irgendwann war die Weste nicht mehr weiß und Ramzey wurde zum Bösewicht. Der Kleine aus dem Intro hat also gute Gründe, sich vor dieser Truppe zu verstecken.
Dieser aufregende Albumstart endet mit „Landkreis“, dem bis dahin deutlich entspanntesten Song der Platte. Ruhig, aber bestimmt, steckt Ramzey die Regeln ab: Wer Angst zeigt, überlebt keinen Tag, Respekt gibt es nur für harte Arbeit und wer keinen Job findet, soll sich einfach in einer Bank bedienen. Der harte Text steht im deutlichen Kontrast zum sehr elegischen Instrumental, der Wald, der im Intro noch Rückzugsort war, ist jetzt zum „Scary Place“ geworden, in dem es kein „Happy End“ gibt. Diese Dynamik aus harten Banger-Tracks und zumindest musikalisch entspannten Songs ist eine der Hauptcharakteristiken von „Die ewigen Jagdgründe“ und kommt in ähnlicher Form in den folgenden Teilen ebenfalls zum Tragen.
Nach der Härte des ersten Teils kommt die ersehnte Ruhe: Im Skit „Angler“ erreichen der erwachsene Ramzey und Stephan einen helleren Teil des Waldes und die Paranoia vor der „Truppe“ lässt langsam nach. An einem See treffen sie auf einen alten Mann, der angelt und auf fast nichts reagiert. Nur auf die Frage, wer er sei, antwortet er, Ramzey stelle die richtige Frage, nur eben der falschen Person. Man ahnt schon: Die Antwort liegt im Rapper selbst und man bekommt das Gefühl, dass sich das Album nun dreht.
Mit „Sommer“ bekommt man sofort die Bestätigung dafür. Hier wird es persönlicher als je zuvor, die warmen Klänge dominieren, man kann sich im verspielten Instrumental fallen lassen und hört Ramzey außerdem als Sänger, was in diesem Setting überraschend gut funktioniert. Er gibt sich hier eindeutig seiner Erinnerung hin, fragt in der Hook mit einer gewissen Sehnsucht, wie lange es dauert, bis die Sonne wieder scheint. Ramzey hatte zwar keine einfache Kindheit, scheint sich aber trotzdem gerne daran zu erinnern: Zahnlücke, Silberschmuck, eine Mutter, die ihm Cornrows flicht und doch kaum Zeit hat, weil sie zwei Jobs stemmt. Dazu noch ein Bruder, der ihn vom Hort holt, ein Hochbett und trotzdem schon ein harter Realitätscheck in Form von Wohngeld und formellen Briefen – Dinge, die ein Kind nicht unbedingt mitbekommen muss. Ihm dient dieses Aufwachsen aber als Ansporn, „die Familie irgendwann hier rauszuholen“. Trotzdem hält diese Zärtlichkeit nur ein paar Minuten, schon im folgenden „Genick“ wird wieder ordentlich eskaliert.

Einer der aggressivsten Tracks der Platte, an dem man auch merkt, dass Ramzey und Yaze im Fahrwasser von Keemo und Funkvater Frank schwimmen. Das bedeutet nicht, dass sie das Erfolgsduo kopieren, sich aber in ähnlichen Kunstformen versuchen. Die Aggression steht Ramzey jedenfalls sehr gut, „Genick“ mutiert wortwörtlich zum Kopfnicker und man will sich sein Mantra „Beschütz dein Genick“ lieber zu Herzen nehmen. Zudem gibt’s hier gleich eine direkte Antwort auf „Sommer“: Tief im Wald denkt Ramzey ans Zimmer mit drei Mann und das Bunk-Bed zurück, die Kindheit lässt ihn also auch hier nicht los. Die Armut ist geblieben, nur gehört er jetzt zu einer Truppe, in der keiner aus der Reihe tanzen darf, damit man das gemeinsame Ziel erreicht: eine Million auf dem Konto. „Wächter“ bleibt dieser brutalen Soundlandschaft treu und zeigt dann, wohin diese Jagd führt. „Zieh, ziel, schieß, renn“ heißt es in der Hook. Ramzey erklärt, dass er in der Therapie sitzt und sich wie Tony Soprano fühlt – nur um nach der Einheit wie Tony Montana rauszugehen. Härte und Verletzlichkeit passen nicht nur zusammen, sondern in Ramzeys Fall sogar in eine einzige Zeile.
Mit dem Skit „Stephan“ kippt das Album endgültig. Der Kleine wird im Wald immer unruhiger, klammert sich an die Hand des Erwachsenen, findet aber ein verlassenes Truppenlager und spielt mit den Waffen, als wären es Spielzeuge. Auf die Frage, warum er dann vor der Truppe davonrennt, sagt er: Er renne nicht vor der Truppe weg, sondern vor Zuhause.
Diese Offenbarung mündet im Song „Monster“, der gleich die Erklärung liefert und zum emotionalen Höhepunkt von „Die ewigen Jagdgründe“ wird. Mit knapp sechs Minuten der längste Track des Albums, ist das Lied in zwei Teile geteilt und ein autobiografischer Seelenstriptease der höchsten Güte. Der erste Teil erzählt von Ramzeys Vater, der nie nüchtern ist und aggressiv wird, der das erarbeitete Geld der Mutter an eine andere gibt und seine Familie so in die Schulden treibt. Sein Verhalten lässt Ramzeys großen Bruder die Messer des Haushalts verstecken. Dazu zeichnet Ramzey klare Alltagsbilder: Klassenfahrten, für die ein Antrag nötig ist, weil das Geld nicht reicht. Die Mutter, die putzen geht, um über die Runden zu kommen und „der deutsche Staat“, der sie in eine Schublade steckt. Ramzey, der Schuldgefühle in sich trägt und den Tag herbeisehnt, an dem er Zeitungen austragen kann, um keine finanzielle Belastung mehr darzustellen. Am Ende sitzt der Vater im Gefängnis – Ramzey ist „nicht geschockt“, der Zorn bleibt aber und im Outro heißt es: „Ein weiteres Kind ist lost“. Der Song wird von einem enorm entspannten Instrumental getragen, das einmal mehr im starken Gegensatz zum thematisch schweren Text steht.
Zur Mitte dreht sich die Stimmung in einen von sanften Gitarren definierten zweiten Teil. Ramzey hält hier eine Ode an seinen Onkel, der immer für ihn da war, der sich um ihn und seine eigenen Kinder kümmerte – tragischerweise an einer unbekannten Diagnose stirbt. Ramzey nimmt ihn sich als Vorbild, möchte sein Leben ähnlich gestalten und sein Herz „von neu“ bauen, um wieder „lächeln zu lernen“. Besonders interessant ist der Schlussteil, auf dem Ramzey wie ein Wiegenlied sehr aufbauende, mutmachende Lines singt: „Hab kein’n Schiss vor der Dunkelheit / Weil du findest Licht, nur durch ihn verzeiht“. Das kann man als Beruhigung für sein jüngeres Ich interpretieren. Jedenfalls stellt der Song den Mann, der Angst machte, neben den Mann, der Halt gab. Es ist der Kern des Albums.
Danach folgt mit „Sonntag“ der dunkelste Moment. Das Lied handelt von Depression, von Drogen als Betäubung, von schlaflosen Nächten und Suizidgedanken. Ramzey fragt sich, ob ihn jemand suchen würde, wenn er geht, und beantwortet es selbst mit einem „Ich glaube nicht“. Die Schlüsselzeile steht ganz am Ende: „Scheiße, ich hab’ Heimweh, aber weiß nicht mehr, wo Zuhause ist“ – eine Spätfolge von „Monster“. Dieser Track kommt enorm entspannt daher, was seine Aussagen fast ein bisschen untergehen lässt – hört man aber auf Ramzeys Worte, wird man von den wuchtigen Beschreibungen emotional betroffen.
Einmal gibt es noch einen ordentlichen Eskalations-Track: „Zentrum“ ist durch die repetitive Hook schon ziemlich Keemo-coded, bringt aber trotzdem eine wichtige klangliche Abwechslung. Heulender Beat, Ramzey mit sehr tiefer Stimme und richtig gefährlicher Attitüde: Wer die andere Wange hinhält, hat verloren, Güte bringt nichts, stattdessen heißt es: „Sei was Gefährliches“. Nach dem Absturz in „Sonntag“ dient ihm „Zentrum“ als Rüstung, die er sich über seine Verletzlichkeit anzieht. Wie schon in „Vogelgesang“ und „Truppe“ bringt Ramzey hier noch einmal das Bild der Weste mit, die er sich anzieht, bevor er nach draußen geht.
Im letzten Skit „Flüsse“ fasst er den Zwiespalt in wenigen Zeilen zusammen: Der Wald ist sein Atem und sein Blut, er könne ihn verlassen oder nicht, zum Jagen sei er aber verdammt – auf ewig.
Zum Abschluss löst „Krone“ den Konzeptrahmen auf und erzählt Ramzeys Weg ganz real: 2021 stellt ihm ein Bekannter Funkvater Frank vor, 2022 sitzt er mit Keemo in Berlin, 2023 geht er mit auf Fieber-Tour, fünf Jahre später sieht er darin Gottes Antwort: „Wir sind bei Funkloch gelandet.“ Dazwischen die Einsamkeit trotz Award („wem zeig’ ich das?“) und die Frage, ob der Wald ein echter Ort ist oder eine Metapher bleibt. Das ist der letzte große Gedanke des Albums: Aus dem Jungen im Wald ist ein Rapper geworden, der Erfolg hat, aber trotzdem fragt, wann er frei ist – und damit eher die Bestätigung seiner Erkenntnis aus „Flüsse“ liefert, dass er zum Jagen verdammt bleibt. Gleichzeitig ist das Lied eine aufrichtige Danksagung an Familie, Freunde und seine Fans und daher ein passender Schluss für ein Album, das von großer Emotionalität getragen wird.
„Die ewigen Jagdgründe“ ist ein enorm beeindruckendes Werk geworden, das sowohl echte Banger als auch tiefgründige Traumatabewältigungs-Tracks beinhaltet. Ramzey und Yaze haben eines der besten Deutschrap-Alben des Jahres geliefert – hervorragende Beats, enorm starkes Storytelling.
Starke 8/10