Bilderbuch – Unendlich + 1
Label: Maschin Records

Genre: Indie, Art-Pop
In einer Welt voller Unkonstanten und des ständigen Wandels, die noch dazu mit grausam gleichbleibendem Slop zugemüllt und von Bots noch algorithmisch befeuert wird, tut ein klein wenig Beständigkeit gut. Bilderbuch ist wieder einmal die Rettung auf mehreren Ebenen, sei es musikalisch oder eben als Anker für unsere verrückte Zeit. Dabei ist die oberösterreichische Band selbst ein Synonym für stetes Genrespringen – was in ihrem Fall aber die Konstante darstellt. „Unendlich + 1“ haben sie ihr neues Album getauft, streng gezählt ihre achte Platte, offiziell die Neunte – laut Band fühlte sich die 2023 erschienene EP „Softpower“ ebenfalls wie eine eigene Ära an, wodurch sie sich in den Rang einer LP hinaufhievte.
Im Gegensatz zu sehr vielen ihrer bisherigen Werke handelt es sich bei diesem neuen Projekt um kein Konzeptalbum. Es ist vielmehr eine Platte, die eine bedingungslose Offenheit etabliert und sich vollkommen von – wenn es blöd läuft – sperrigen Strukturen und Gedanken eines ebensolchen Konzeptalbums löst. Dieses Album ist wirklich unendlich und noch eine Stufe mehr. Alteingesessene Fans werden „Unendlich + 1“ vermutlich schnell gut finden, kehrt man hier doch an einigen Stellen wieder zu einem relativ unverblümten Indie-Sound zurück. Andere, die auf ein neues „Maschin“, „Bungalow“ oder „OM“ gehofft haben, werden sich dagegen erst langsam herantasten müssen, um alle zehn Songs wirklich wertzuschätzen.

Dabei trägt jedes Lied unverkennbar die Note der Band. Die Gitarren verzerren sich in alle Richtungen, Maurice spielt mit Autotune und Vocoder, die Dynamiken, insbesondere die Synthesizer, wandeln zwischen purem Draufgängertum und unterstützender Melancholie. Bilderbuch klingt nie nicht nach Bilderbuch, trotzdem immer anders und beim nächsten Mal wahrscheinlich wieder neu. Normalerweise schaut man in einer Kritik zu einer aktuellen Platte nicht zu weit in die Zukunft, im Fall Bilderbuch muss an dieser Stelle eine Ausnahme erlaubt sein, ist „Unendlich + 1“ doch das letzte Album, an dem der bisherige Leadgitarrist Michael „Snacky Mike“ Krammer an jedem Song beteiligt ist. Der Gitarrist, seit 2008 dabei, verkündete im März seinen Ausstieg aus der Band, um sich voll und ganz seiner Familie und seinem zweiten Lebensmittelpunkt in Südamerika widmen zu können – diese zehn Songs sind also sein letztes großes Feuerwerk mit seinen ehemaligen Bandkollegen, auch wenn laut Maurice auf der nächsten Platte noch Spuren von ihm zu hören sein dürften. Neu ist die Situation für die Band nicht ganz: Schon „Softpower“ entstand mehr oder weniger komplett ohne Mike, der damals pausierte. Dass die großartige Uche Yara ihn als Live-Gitarristin ersetzt, verdient eigentlich mehr als einen Nebensatz, ist aber ein Thema für einen anderen Rahmen zu passender Zeit.
Über allem liegt die Gegenwart als Überforderung, wodurch „Unendlich + 1“ zur Vertonung kollektiver Hast, des Optimierungswahns und der Suche nach Licht in finsteren Zeiten wird. Der Opener trägt daher nicht umsonst den Titel „Finstere Erleuchtung“. Dieser Song fängt mit seinen schrillen Gitarren und Synths den Zeitgeist treffend ein, besticht aber vor allem durch seine unnachgiebige Dynamik. Hört man diesen Track, wird man unweigerlich an The Strokes erinnert: Prominente Riffs, Zuspitzung und Entspannung, nur um immer wieder den Turbo zu zünden und gegen Ende eine echte Eskalation zu provozieren. Strukturell ist dieses Lied eines der spannendsten des gesamten Albums, angefangen von den Synths, die sich zu Beginn voll entfalten, über die unterstützenden Gitarren für Maurice in den Strophen und den relativ straighten Pre-Refrain mit schönem Drive bis hin zum enorm verzerrten Hauptteil. Die Percussion in der zweiten Strophe, die dem Songteil als einzige Konstante dient, ist schlussendlich der Einpeitscher für die grandiose Progression zur finalen Eskapade. Maurice sucht inhaltlich einen Hoffnungsschimmer und Liebe, dreht sich aber in einem scheinbar nie endenwollenden Kreis aus Konsum und Betäubung. Seine Falsett-Passagen könnten dafür passender nicht ausfallen. „Finstere Erleuchtung“ ist ein Eröffnungsmonster, das sich Fans der Strokes (insbesondere für das letzte Album) gewünscht hätten und von Bilderbuch geschenkt bekommen. Einer der besten Songs des Jahres und auch gleichzeitig Indikator dafür, dass die Band auf „Unendlich +1“ wohl relativ wenig Kompromisse eingehen will.
Natürlich gibt es solche auch, ein Lied wie „Was in dieser Welt“ zeigt sich zwischendurch ein bisschen zahmer, aber nicht weniger dringlich. Hier kommt mehr Funk zum Tragen, mit einem Schuss modernem R&B – feststeht, dass die hochgepitchte Stimme im Hauptteil wunderbar zum Inhalt passt: Maurice beteuert, es liege nicht an ihr, er sei überreizt („oversexed“, „overstimulated“). Eine Nacht fühlt sich wie eine Unendlichkeit an, passend zum Albumtitel, die Berührung ist virtuell geworden. Sie behauptet, es lasse sie kalt, lässt aber nicht los. Er will sie trotz aller Gefühlskälte nicht verlieren. Wie schon beim Opener lassen sich Bilderbuch Zeit, um ihren Sound und ihre Botschaft auch ordentlich zu transportieren: Knapp viereinhalb Minuten der Abwechslung, zwischen Daft-Punk-artigen Strophen und echten Rockriffs als deren Vertreiber. Durch die zusätzlichen, akzentuierten Backingvocals im Refrain, die man ob des generellen Soundgebildes fast überhören könnte, erzeugt man eine Form organischer Tiefe. Die besungene Kälte ist jedenfalls maximal eine Behauptung, hier sprüht es nur so von Sexyness.
Mit „Irgendwo“, der ersten Single des Albums, rückt der Krieg ins Bild. Drohnen leuchten am Himmel wie Sterne, gekämpft wird weit weg, aber nah genug, um das Private einzufärben. Dieser Track war zu Release mit seinem verzerrten, harten, vielleicht auch verstörenden Setting eine ordentliche Überraschung. Solange Maurice bei ihr ist, wird er nicht sterben. Der Song entstand an einem einzigen Tag auf Madeira, Text und Gesang sind First Takes. So wird „Irgendwo“ zu einem hymnenhaften Stück über die Liebe in Kriegszeiten. Die Welt bremst, das Herz schlägt in Beschleunigung. Der Titel funktioniert dabei in beide Richtungen, denn irgendwo herrscht Krieg, irgendwo brennt aber auch immer ein Licht, selbst wenn man es nicht sieht. Besonders stark kommt hier die Gitarre, die in der Tat immer wieder Maschinengewehre imitiert und sich zum Schluss doch heller gibt. Bilderbuch können Rock, das steht außer Frage, sie beherrschen aber auch die gezielte Überladung und Überforderung.
Ein großer Teil des Albums dreht sich um Schein, Optimierung und den Zwang zur Bringschuld. „Zahlen als Beweis“ erzählt von einem Gefühl, das nur noch zählt, was sich messen lässt, was man durchaus als Verweis auf Streaming- und Social-Media-Zahlen lesen darf. Dabei geht das eigentliche Gespür vollkommen verloren: Maurice fragt sich, was mit den beiden und dem Make-up in ihren Augen passiert, und bittet sie, heimzukommen und es noch einmal zu versuchen. Den Schmerz wollen sie wegfühlen (explizit: „Fuck the pain away“) und die Nacht durchtrinken. Am Ende wiederholt er nur noch, dass er ihr Instrument sei. Mit diesem Lied bekommt man zum ersten Mal eine längere Verschnaufpause vom sonst herrschenden Trubel, es ist einer der Songs, die sehr locker daherkommen, immer wieder spannende Phasen vorweisen, aber die letzte Prise des sonst fast durchgängigen Mutes vermissen lassen. Was „Zahlen als Beweis“ zu einem der radiofreundlicheren Tracks macht, aber nicht bedeutet, dass das Lied in irgendeiner Form schlecht wäre.
„Push Reality“ treibt die Optimierung auf die Spitze mit Retreats, Schönheits-OPs, Longevity, Passive Income und Ozempic. Shirin David bekommt ihr Fett weg (möglicherweise Pun intended): „Bauch, Beine und Lobotomie / Hallo Shirin, it is me / It’s me, dein Ozempic Dream / Du kannst nicht glauben was du siehst / Also push reality“. Shirin David stehe laut Maurice „stellvertretend“ für ein Frauenbild, in dem er eine Doppelmoral sieht. Insgesamt ist es eine typische Gesellschaftskritik von Bilderbuch und Maurice im Speziellen: Eine Gesellschaft, die auf KI und ständige Optimierung setzt, auf Oberflächlichkeiten beruht und am liebsten alles bekommen würde, ohne aktiv etwas dafür tun zu müssen. Dazu kommt ein sehr punktierter Bass, sehr tighte Drums und ihr charakteristischer Gitarrensound. Der Held ist hier aber sicherlich der Bass.
„Wahrscheinlich war es der Lippenstift“ wendet die Frage nach der Echtheit nach innen. Sie schaut Maurice lachend ins Gesicht, hinter den Augen ist sie aber weit weg, worauf er nur eine Erklärung findet: wahrscheinlich war es der Lippenstift. Wieder zweifeln beide, wieder halten sie trotzdem aneinander fest. Maurice fragt sich, ob er selbst überhaupt echt ist, und bezweifelt es: Sein Blut sieht er nicht, dass es eisig ist, merkt er nicht. Er schlittert immer weiter von sich selbst fort. Die Absage an Hotel und Lobby im englischen Mittelteil („No hotel no lobby / Just show me where the love is“) passt dazu: Er will keine Kulisse, er will wissen, wohin es geht. Musikalisch ist dieser Song neben dem Opener schlicht makellos. Dank des dynamischen Spiels, des facettenreichen Vortrags von Maurice und vor allem der langen, sehr treffenden Instrumental-Passagen kann man Energie tanken und sie im nächsten Moment wieder ausgelassen loswerden.
Als letzte Vorabsingle erschien noch „Baby Junkie“, die zeigt, was am Ende der Rechnung steht, wenn Geld da ist und Lebenssinn mehr oder weniger fehlt. Die Gitarren setzen schöne Akzente und halten sich im Hintergrund von Maurice. Das kommt sehr angenehm daher, durchaus auch verträumt und trotzdem dynamisch: Es ist der am leichtesten zugängliche Track der Platte. Außerdem gibt es mit „Aber Geld genug / Weil dich dein Papa so lieben tut“ und „jetzt schaust du aus wie ein Scheißhaus“ die wohl zwei prägendsten Zeilen der Platte. Man kann alles Geld der Welt haben und trotzdem nichts besitzen – mehr noch, man kann dem Horror ausgesetzt sein. Der Versuch, der Wirklichkeit auszuweichen, zieht sich also auch als Motiv durch die Platte: Konsum und Tabletten in „Finstere Erleuchtung“, durchzechte Nächte in „Zahlen als Beweis“, Retreats und Ozempic in „Push Reality“ und am Ende der Körper, der in „Baby Junkie“ die Rechnung bekommt.
Schlussendlich stellt sich Maurice häufig die Frage, wie nah zwei Menschen einander überhaupt kommen. „Ist es denn ein Wunder“ stellt sie schon im Titel und wiederholt sie zu Beginn des Lieds immer wieder. Weil die Gefühle gefroren sind, ist das Gegenüber nah und doch weit weg: Maurice betrachtet sie wie durch ein Teleskop. Sein eigenes Herz ist dagegen schon geschmolzen und fließt über sie. Könnte bei anderen Bands sehr kitschig ausfallen, bei Bilderbuch hingegen wird eine solche Passage als Anlass genommen, um einen der rhythmisch ansteckendsten Refrains einzuleiten. Hier wird wieder auf Englisch geswitcht und Maurice gibt uns seine Definition eines One Night Stands: „Wake up naked in your bed / I don’t know what made me do that / Feels so good, I can’t control“.
Zuvor rücken die beiden in „Unterwasser“ enger zusammen, gerettet sind sie dadurch aber noch lange nicht. „Die Panik in mir ist die Panik in dir“, Gefühle liegen wie zerbrochenes Glas vor ihm. Die einzige Antwort lautet, unter Wasser zu bleiben. Das ganze Lied fühlt sich in der Tat auch nach einem Ausflug im U-Boot an, sehr atmosphärisch schwebt man vor sich hin und wird am Ende mit einem wundervoll harmonischen, verhältnismäßig dezenten Gitarrensolo belohnt, fast so, als würde das Boot nach langer Mission auftauchen und endlich wieder alles über dem Meereshorizont sehen dürfen.
Als Closer bringt „Mehr als fair“ dann doch noch einen Abschied und das in Form einer beinahe schunkelnden Ballade. Breite Klangteppiche als Fundament, dazu ein untypisch roher Maurice, der stimmlich an seine Grenzen geht und dadurch eine besondere Art der Verletzlichkeit transportiert. Im Wechselspiel mit seinem Falsett kommt hier sein vokaler Umfang sehr gut zur Geltung. Instrumental zeigt man sich reduziert, 8-bit-Verstrahlsound, äußerst angenehm. Inhaltlich kann man sich nur schwer entscheiden, ob der Abschied leicht oder schwer fällt: „Baby, es ist so, so leicht / So leicht, but fuck, it’s not, oh no…Baby, niemals wirst du wirklich alles sehen / Das ist mehr als fair.“
„Unendlich + 1“ mag zwar kein Konzeptalbum sein, hat aber doch sehr viele wiederkehrende Themen und vor allem eine musikalische Handschrift, die überfordernd ausfallen, aber auch wahnsinnig belohnend sein kann, wenn man sich fallen lässt. Bilderbuch haben hier eines ihrer besten Alben nach über 20 Jahren Karriere geliefert, das das genaue Gegenteil zum beschriebenen Zeitgeist darstellt: Eine Konstante des guten Sounds in verrückten Zeiten. Dass bei „Zahlen als Beweis“ ein wenig Mut fehlt, ändert daran nichts. Dass „Baby Junkie“ nach gut zwei Minuten schon vorbei ist, ebenso wenig.
Schwache 9/10